Z. Zeitschrift Marxistische Erneuerung Nr. 81, März 2010 - http://zeitschrift-marxistische-erneuerung.de/topic/17.ausgabe-81-maerz-2010.html

Der Weltbankier in der Krise

Historische Erfahrungen des Ringens um das Finanzzentrum

Heiner Karuscheit

Vorbemerkung: Der Einsatz der Regierung Obama für die US-amerikanischen Finanzinstitute hat nicht allein mit der Sorge vor einem Kollaps des Bankensystems zu tun. Die gigantische Höhe der bereit gestellten Beträge resultiert aus dem Bestreben, mit dem Bankensystem die Stellung des Dollars als Weltwährung und mit der Wall Street als weltweitem Zentrum des Finanzkapitals einen Pfeiler der US-Hegemonie zu sichern.

Vor 80 Jahren stand Großbritannien vor derselben Herausforderung. Seit dem 19. Jahrhundert die globale Vormacht und das unangefochtene Finanzzentrum des Kapitals, musste es in der Wirtschaftskrise von 1929 mit der Führungsrolle der Londoner City auch die Reste seiner Weltmachtstellung verteidigen, und zwar gegen die USA, die auf dem Sprung standen, es zu verdrängen. Unter diesen Umständen war die Krise nicht einfach ein ökonomisches Ereignis, sondern auch ein Feld, auf dem mit den Instrumenten der Wirtschafts- und Finanzpolitik ein erbitterter Kampf um Hegemonie ausgetragen wurde.

Es lohnt daher, die damaligen Ereignisse nachzuvollziehen, um die heutige Politik Washingtons angesichts der Wirtschafts- und Finanzkrise besser zu verstehen.

1. Die britische Finanzmacht in den 30er Jahren

Industriell war Großbritannien am Ende des 19. Jahrhunderts von Deutschland und vor allem den USA überholt worden, die Teilnahme am 1.Weltkrieg hatte es geschwächt, und militärisch hatte es den USA im Washingtoner Abkommen von 1922 die Gleichberechtigung zur See zugestehen müssen. Aber noch beruhte das Weltzahlungssystem auf dem Pfund Sterling.[1] Die Mehrzahl aller staatlichen Anleihen lief über London, die Kreditwürdigkeit der Staaten wurde hier bewertet, und in Konkurrenz mit Frankreich versuchte man, sich die Zentralbanken der kleineren europäischen Staaten unterzuordnen, um den britischen Einfluss in Europa zu stärken.[2]

Die Golddeckung der britischen Währung sicherte das Vertrauen der Finanzwelt und sorgte für stabile Wechselkurse. Im Krieg hatte London den Goldstandard vorübergehend aufgeben müssen, aber Anfang 1925 kehrte man offiziell dorthin zurück, und zwar zur Vorkriegsparität. Man wusste, dass das Pfund bei diesem Kurs zu 10 Prozent überbewertet war und die Exporte sich zu Lasten der Industrie verteuerten, nahm dies aber zugunsten der Stellung als Weltbankier in Kauf – ein untrüglicher Hinweis darauf, dass nicht das Industrie-, sondern das Finanzkapital die Politik bestimmte.

1928, am Vorabend der Krise, wurden 77 Prozent der weltweiten Devisenreserven in Pfund Sterling gehalten, London verfügte jedoch nur über 7 Prozent der weltweiten Goldreserven. Für die USA lauten die Vergleichszahlen 21 Prozent der Devisenreserven (in US-Dollar) und 37 Prozent der Goldreserven.[3] Der große Vorsprung bei den vom Ausland gehaltenen Devisenreserven spiegelte den Vorrang der City vor der Wallstreet wider – und die umgekehrte Relation bei den Goldreserven die Verwundbarkeit des Finanzplatzes an der Themse.

Zwischen Navy und City

Der Ausbruch der Weltwirtschaftskrise 1929 machte die Achillesferse Londons offenbar. Je länger die Krise dauerte, desto mehr Devisenbesitzer tauschten ihre Pfundguthaben in Gold um und setzten die britische Währung unter Druck. Gleichzeitig stiegen durch die zunehmende Arbeitslosigkeit die staatlichen Ausgaben und ließen die Bank von England befürchten, dass das wachsende Haushaltsdefizit das Vertrauen des Auslands in die Sicherheit des Pfunds gefährden würde. Von ihr zu einem ausgeglichenen Staatshaushalt aufgefordert, kündigte die Regierung im Sommer 1931 an, neben der Arbeitslosenunterstützung auch die Gehälter der Staatsangestellten zu kürzen, darin eingeschlossen das Militär. Daraufhin brach in der Marine eine Meuterei aus, die zu einem Run auf die Goldreserven des Schatzamtes führte und die Bourgeoisie in helle Aufregung versetzte. „Wenn die Royal Navy draufginge, wie lange würde sich die andere Hauptstütze des Liberalismus aus dem 19. Jahrhundert halten – der Goldstandard, dirigiert von der Londoner City?“[4]

Vor die Wahl zwischen City und Navy gestellt, entschied Westminster sich in panischer Angst vor einem Um-Sich-Greifen der sozialen Unruhe gegen die City. Am 21. September 1931 wurde der Goldstandard für zunächst sechs Monate ausgesetzt, woraus letztlich ein endgültiger Abschied wurde. Das Pfund Sterling wertete um etwa ein Drittel ab, und von einem Tauschwert von 4,86 Dollar (auf dem Boden der Golddeckung) fiel es bis Ende 1931 auf nur noch 3,25 Dollar. Die Exportmöglichkeiten verbesserten sich, die Arbeitslosigkeit ging zurück, und die Regierung erhielt durch die Entwertung der Staatsschulden neue Haushaltsspielräume.

Trotz der aufgehobenen Goldumtauschpflicht blieb das Pfund weiter die führende Handelswährung; noch bis Ausbruch des 2.Weltkriegs wurde über die Hälfte des internationalen Warenhandels in Pfund Sterling abgerechnet.[5] Aber da schwankende Wechselkurse langfristig das Vertrauen des Auslands in das Pfund untergruben und London eine Rückkehr zur gewünschten Kursstabilität alleine nicht bewältigen konnte, suchte man in Frankreich und den USA nach Unterstützung.

In Vorgesprächen mit Paris und Washington zur internationalen Wirtschaftskonferenz vom Juni bis Juli 1933 in London schlug die britische Regierung u.a. vor, einen internationalen Fonds für Kredite an Zentralbanken einzurichten. Offizielles Ziel war, im gemeinsamen Interesse zwecks Förderung des Welthandels die Wechselkurse zu stabilisieren. Faktisch war jedoch klar, dass eine solche Vereinbarung vor allem die Londoner City als gegebenen Finanzsouverän stabilisieren würde.

Teilung der Welt in Währungsblöcke

Während die Verhandlungen darüber noch liefen, attackierte der kurz zuvor gewählte US-Präsident Franklin D. Roosevelt die Konferenz am 3. Juli in der Öffentlichkeit. „Die alten Fetischgestalten sogenannter Weltbankiers werden jetzt durch Bemühungen ersetzt, die nationalen Währungen mit dem Ziel einer beständigen Erhaltung der Kaufkraft zu lenken“. Die USA würden sich an einer Stabilisierung der Wechselkurse nicht beteiligen. Mit den „alten Fetischgestalten sogenannter Weltbankiers“ war unverkennbar die Londoner City gemeint, und mit den jetzigen „Bemühungen zur Lenkung der nationalen Währungen“ die laufende Tagung. „Die Botschaft schlug wie eine Bombe ein (...) Sie brachte das Ende der internationalen Wirtschaftskonferenz“.[6]

Als Reaktion darauf vereinbarte Großbritannien noch am Ort des Geschehens mit den Ländern des britischen Empire, einen „Sterling-Block“ zu bilden, der nach außen durch Zölle abgeschottet war und nur im Innern den freien Handel praktizierte; damit hatte man zuvor vergeblich gedroht, um Washington unter Druck zu setzen.

Daneben existierte bis 1936 ein „Goldblock“ aus Ländern, deren Währung nach wie vor mit Gold hinterlegt war – neben Frankreich einige kleinere Länder wie Belgien, Holland und die Schweiz, aber auch Italien.

Einen weiteren Block bildeten die „Sperrwährungsländer“ Deutschland und einige südosteuropäische Staaten, die eine staatlich kontrollierte Devisenbewirtschaftung betrieben. Ursprünglich als Reaktion auf die Krise eingeführt, setzte der im Januar 1933 in Berlin an die Macht gelangte Nationalsozialismus die Abkehr vom Weltmarkt mit dem Ziel fort, durch die Eroberung von „Lebensraum“ im Osten ein autarkes germanisches Großreich zu errichten.

Die Unterwerfung Londons

Am wenigsten gebunden blieb Washington. Es konnte auf die eigene Wirtschaftskraft, die Stärke des Dollars und seine immensen Goldreserven vertrauen, um London zu entmachten und selber zum Bankier der Welt zu werden. Der 2. Weltkrieg verschaffte die Gelegenheit dazu, denn um die überlebensnotwendige US-Hilfe zu bekommen, musste Großbritannien in der Atlantik-Charta vom August 1941 die Rückkehr zum freien Welthandel zusagen, der zunehmend in Dollar abgewickelt wurde.

Auf der Konferenz von Bretton Woods 1944 unternahm Keynes als britischer Delegierter noch einen Versuch, die Kapitulation abzuwenden, indem er einen nach ihm benannten Plan vorlegte, der vorsah, zur Abwicklung des internationalen Zahlungsverkehrs eine neue Kunstwährung, den Bancor, einzuführen und eine ebenfalls neu einzurichtende „Internationale Clearing Union“ zu schaffen. Neben Kreditnehmerländern sollten auch die Gläubigerländer für die von ihnen begebenen Kredite Zinsen bezahlen – sog. Positivzinsen, um sie zu veranlassen, ihre Leistungsbilanzüberschüsse abzubauen. So sollten dauerhafte Zahlungsungleichgewichte zwischen den Ländern verhindert werden.

Der Plan sah auf dem Papier überzeugend aus. Aber welchen Grund sollten die USA als kraftstrotzende Siegermacht haben, auf die Institutionalisierung ihrer Vormachtstellung zu verzichten? Hatten sie nicht elf Jahre zuvor durch die Sabotage der internationalen Wirtschaftskonferenz einen sehr ähnlichen britischen Vorschlag zur Schaffung einer „übernationalen“ Institution zur Regulierung der Devisenflüsse und Wechselkurse zu Fall gebracht? Und jetzt sollten sie die Neuauflage dieses Plans akzeptieren, ja sogar noch freiwillig Strafzahlungen für ihre positive Leistungsbilanz leisten?

Ob Keynes mit seinem Vorschlag lediglich aus intellektueller Überzeugung agierte, obwohl er wusste, dass er mit fliegenden Fahnen untergehen würde, oder ob er ernsthaft an die Möglichkeit eines Erfolgs glaubte, ist nicht überliefert. Überliefert ist hingegen ein Kommentar des US-amerikanischen Delegationsleiters: „Wir haben nicht den Krieg gewonnen, um uns einer Horde Bankiers zu unterwerfen!“ Der Satz knüpft unverkennbar an die abfälligen Bemerkungen Roosevelts über „die alten Fetischgestalten sogenannter Weltbankiers“ anlässlich der Absage der Weltwirtschaftskonferenz von 1933 an. Das einzige Ergebnis des aussichtslosen Unterfangens bestand demzufolge darin, dass Großbritannien eine Legitimation hatte, das Abkommen von Bretton Woods zwar für den Rest der Welt zu begrüßen, aber zugleich zu erklären, dass das britische Pfund an dem Regime freier Wechselkurse nicht teilnehmen würde.

Auch dieser letzte Widerstand war bald gebrochen. Um einer drohenden Lebensmittelkrise zu begegnen und einen Milliardenkredit für seine am Boden liegende Wirtschaft zu erhalten, musste London erneut in Washington vorsprechen und sich im anglo-amerikanischen Finanzabkommen vom 6. Dezember 1945 verpflichten, die Vereinbarungen von Bretton Woods ohne Wenn und Aber anzuerkennen.[7]

Finanziell ausgeblutet und ohne Recht auf eine eigene Währungspolitik, war damit das Ende als Weltbankier besiegelt. Der Finanzplatz an der Themse wurde auf Dauer zur europäischen Dependance der Wallstreet, und mit dem Geldkapital ordnete sich nach einigem Widerstreben auch die britische Politik den USA unter. Die Verflechtungen des beiderseitigen Finanzkapitals tragen bis heute dazu bei, dass die atlantische Gegenküste Großbritannien politisch näher liegt als Kontinentaleuropa.

2. Die Hegemonialpolitik Roosevelts

Spiegelverkehrt zum britischen Niedergang sah der Aufstieg der Vereinigten Staaten aus. Sie waren schon vor dem 1.Weltkrieg zur größten Volkswirtschaft der Welt geworden. Im Durchschnitt sowohl industriell als auch agrarisch produktiver als die konkurrierenden Nationalkapitale, bildeten sie bald mit über einem Drittel der globalen Industrieproduktion das Kraftzentrum der Weltwirtschaft. Außerdem „waren die Amerikaner, die den Krieg als Schuldner begonnen hatten“, durch dessen mehrjährigen Verlauf „zum international größten Kreditgeber geworden.“[8] Aber noch war London die Zentrale des internationalen Finanzkapitals.

Anders als sein Vorgänger Hoover nutzte der US-Präsident F. D. Roosevelt mit der Krise von 1929 die Chance, dies zu ändern. Seine erste Botschaft bei Regierungsantritt im März 1933 forderte die „Wiederherstellung einer gesunden Wirtschaft in unserem eigenen Lande“, erst an zweiter Stelle rangierten die „internationalen Beziehungen“ – gemeint war die Regulierung der seit der Abkehr des britischen Pfund vom Goldstandard schwankenden Währungsrelationen.[9]

Dieses „America first“ bedeutete nicht, wie häufig zu lesen ist, den Rückzug aus der Weltwirtschaft, ungeachtet dessen, dass die USA sich diesen wegen der Größe ihres Binnenmarkts eher als andere leisten konnten. Roosevelt war kein Isolationist, sondern verfolgte nach innen wie nach außen hegemoniale Ziele. Nach innen diente ihm dazu der „New Deal“ – seinem Wesen nach kein Wirtschaftsprogramm, wie Nur-Ökonomen regelmäßig meinen, sondern ein politisches Programm, d.h. ein gesellschaftliches Hegemonialprogramm, das mit den Mitteln der Wirtschafts- und Sozialpolitik einen neuen „contrat social“ zwischen Bourgeoisie, Farmertum und Arbeiterschaft herstellte, der die Gesellschaft stabilisierte und es der politischen Führung erlaubte, das Land in den neuerlichen Weltkrieg zu führen.[10] Ebenso zielstrebig verfolgte der US-Präsident seine Vorherrschaftspläne nach außen, und dazu gehörte, den Dollar zur dominierenden Weltwährung zu machen.

Kontrolle über das Finanzkapital

Am Tag seines Amtsantritts, am 4. März 1933, ließ Roosevelt alle Banken schließen, um sie acht Tage später unter staatlicher Kuratel wieder zu öffnen. Während der Schließungszeit erging am 9. März eine Verordnung, die den privaten Besitz von Gold und Silber verbot, alles vorhandene Edelmetall gegen Entschädigung beschlagnahmte und die Ausfuhr untersagte. Angesichts der eigenen gewaltigen Edelmetallreserven bestand für die damit verbundene Aufgabe des Goldstandards eigentlich kein zwingender Anlass, aber durch seine Maßnahmen verschaffte Roosevelt sich die Kontrolle über das Bankkapital und war in der Lage, den Dollarwert politisch zu steuern, um so seinen internationalen Zielen näher zu kommen.

Nachdem er die von seinem Vorgänger Hoover vereinbarte Weltwirtschaftskonferenz im Juli hatte platzen gelassen, ordnete er am 8. September 1933 an, den Goldpreis von 20,67 Dollar pro Unze Gold auf 29,82 Dollar zu erhöhen. Am 1. Februar 1934 ließ er ihn noch einmal auf jetzt 35 Dollar hochsetzen; das blieb die Relation, die zehn Jahre später im Abkommen von Bretton Woods fixiert wurde und als goldener Maßstab der Werte bis 1971 weltweite Gültigkeit besaß.

Immer mit Blick auf das Pfund[11] drückte der US-Präsident den Wert des Dollars durch diese und andere währungspolitische Maßnahmen so lange nach unten, bis in etwa die alte Relation zwischen beiden Währungen wieder hergestellt war. Damit wurde der Wettbewerbsvorteil im internationalen Warenhandel, den Großbritannien sich durch die Abwertung verschafft hatte, zunichte gemacht, so dass London gegenüber den USA nichts gewonnen hatte und ihm nur übrig blieb, als weiter hinter den Zollmauern des Empire verschanzt zu bleiben.

Für die Staatsfinanzen hatte die Heraufsetzung des Goldpreises die wohltuende Wirkung, dass die korrespondierende Abwertung des Dollars die Staatsschuld minderte. Und da das im März 1933 beschlagnahmte Gold ein Jahr später ca. 1,7 mal so viel wert war wie zum Zeitpunkt der Einsammlung, finanzierten die früheren Edelmetallbesitzer mit ihrem Gold bis zu einem gewissen Punkt den New Deal mit. Alles in allem praktizierte die Roosevelt-Regierung so auf dem Boden immenser Goldreserven und wirtschaftlicher Stärke eine gelungene Währungsmanipulation.

Die Dollarhegemonie

Das erste „positive“ internationale Engagement Washingtons war Ende 1936 das sog. „Tripartite-Abkommen“ mit Frankreich und Großbritannien. Zu diesem Zeitpunkt hatte gerade der spanische Bürgerkrieg begonnen, und Deutschland hatte das bis dahin entmilitarisierte Rheinland besetzt und den Vierjahresplan beschlossen, der das Land binnen vier Jahren kriegsbereit machen sollte. Großbritannien und Frankreich sahen sich genötigt aufzurüsten und waren auf US-Hilfe angewiesen. In dem Abkommen bekundeten die Beteiligten die gemeinsame Absicht, ihre Währungen in dem aktuell gegebenen Verhältnis zueinander zu stabilisieren. Beim Abschluss des Abkommens betrug der Preis des Pfunds rein zufällig 4,86 Dollar – das war auf den Cent genau die alte Währungsrelation vor Abschaffung der Golddeckung durch London.

Zuvor waren die Franzosen an die US-Administration herangetreten, weil sie den Goldstandard des Franc nicht halten konnten und erheblich abwerten mussten. Indem sie vorab das Einverständnis Washingtons mit der Abwertung einholten, vermieden sie US-amerikanische Gegenmaßnahmen und erkannten im Unterschied zu London 1931 die währungspolitische Führungsrolle Washingtons an.

Am Ende des Weltkriegs war Roosevelt am Ziel. Der Dollar war alleinige Weltwährung und die in Bretton Woods vereinbarten Einrichtungen wie der Internationale Währungsfonds und die Weltbank, beide mit Sitz in Washington, institutionalisierten durch ihre Stimmrechtsverteilung die Dominanz der USA über die anderen bürgerlichen Staaten.

Eine nur-ökonomische Fehlinterpretation

In der Literatur wird das Verhältnis der Roosevelt-Regierung zur Weltwirtschaft in den ersten Amtsjahren durchgängig mit mangelnder Erfahrung, Unwissenheit oder Gleichgültigkeit beschrieben. Der wohl bekannteste Historiker der Weltwirtschaftskrise von 1929, Charles P. Kindleberger, bemerkt dazu: „Die demokratische Regierung … kümmerte sich wenig um die Weltwirtschaft und wusste wenig darüber, es fehlte ihr die Sicherheit im Umgang mit anderen Nationen. (…) Weder Präsident Roosevelt noch sein Finanzminister Morgenthau verstanden so recht, was sie in der internationalen Währungspolitik unternahmen.“[12] Obwohl Kindleberger die maßgeblichen Fakten benennt wie z.B. die intensive Beeinflussung der Währungsrelation zwischen Dollar und Pfund durch den US-Präsidenten, hat er die politischen Triebkräfte und Zielsetzungen des Rooseveltschen Vorgehens nicht durchschaut.

Im Schlusskapitel seiner Darstellung der Depression verweist er zwar selber auf die „Instabilität eines Finanzsystems mit zwei Zentren bzw. einem Zentrum, das im Begriff ist, die Führung aufzugeben, und einem, das sich anschickt, sie anzutreten“.[13] Aber er bemerkt nicht, dass der vonstatten gehende „Führungswechsel“ keine rechnerische Folge wirtschaftlicher Prozesse war, sondern eine Frage der Machtpolitik. So wie die meisten heutigen „Keynesianer“ den New Deal als bloße Wirtschaftspolitik interpretieren, so geht auch Kindleberger nur-ökonomisch an sein Thema heran und kann deswegen den roten Faden der währungspolitischen Entwicklung in den 30er Jahren nicht aufzeigen.

Roosevelt war ein begnadeter politischer Kopf. Die Währungspolitik seiner Regierung entsprach keineswegs einem kopflosen Umherirren (auch wenn im Einzelfall sicher Irrtümer vorkamen), sondern folgte einem hegemonialen politischen Programm und war ein Instrument, um den Dollar zur Weltwährung zu machen. Der US-amerikanische Präsident trieb London damit vor sich her, bis der Krieg ihn in die Lage versetzte, die City endgültig zu unterwerfen und die finanzpolitische Vorherrschaft der Wallstreet zu etablieren.

3. Um die Finanzmacht heute

Seinerzeit blieb die von Roosevelt angestrebte „one world“ des Kapitals unter US-Führung unvollendet, weil das sozialistische Lager sich dem Zugriff Washingtons entzog. Erst der Zusammenbruch dieses Lagers 1989-91 ließ – mit Abstrichen – den einheitlichen kapitalistischen Weltmarkt entstehen. Allerdings befanden sich die Vereinigten Staaten zu diesem Zeitpunkt in einem Abstieg, der bis heute anhält.

Durch den Vietnam-Krieg finanziell ausgezehrt, mussten sie 1969/71 die Golddeckung des Dollars aufgeben. Dem Ende des Systems von Bretton Woods folgte in den kommenden Jahrzehnten die Deregulierung der Finanzmärkte. Beschleunigt seit den 90er Jahren des letzten Jahrhunderts, war die Liberalisierung des internationalen Finanzverkehrs verbunden mit einem Vormarsch des zinstragenden Kapitals, das sich, ausgehend von den USA, u.a. in Gestalt des „Shareholder-Value“ wachsende Bereiche des produktiven Kapitals direkt untergeordnet hat.

Die Entwicklung der industriellen Produktivkräfte des US-Kapitals ist in den letzten Jahrzehnten hinter der Konkurrenz aus Europa und Japan zurück geblieben. Seit 1976 ist die US-Handelsbilanz negativ, und selbst bei den Produkten der „Hightech-Industrie“ übersteigen seit Mitte der 90er Jahre die Importe die Exporte. Hinzu kommt ähnlich wie beim britischen Pfund in der Zwischenkriegszeit eine Überbewertung des Dollars, die seiner Leitwährungsfunktion geschuldet ist und dem Geldkapital der Wallstreet nutzt, aber dem industriellen Export schadet.

Der vergebliche Versuch der US-Administration, die sich abschwächende Hegemonie mit Hilfe des Irak-Kriegs durch die umfassende Kontrolle der Erdölversorung militärisch neu zu fundieren, war noch nicht vorbei, da drohte die 2007 einsetzende ökonomische Krise die eigene Herrschaftsposition von einer ganz anderen Seite her zu unterminieren.

Eine vierfache Krisengefahr

Die USA sahen sich unvermutet nicht nur einer realen Finanz- und Wirtschaftskrise gegenüber, sondern auch einer drohenden Währungs- sowie damit verbunden Hegemonialkrise. Würde nämlich das US-Bankensystem zusammenbrechen, wäre es um den Leitwährungsstatus des Dollars geschehen, und dieser ist wirtschaftlich höchst profitabel, aber auch herrschaftspolitisch unverzichtbar. Das macht die besondere Machtstellung des Finanzkapitals in den USA aus: abgesehen vom Militär stellt es die einzige verbliebene Stütze der globalen Hegemonialpolitik dar.

Den Bankensektor zu verstaatlichen und mit den spekulativen Papieren auch die faulen Banken zu liquidieren, würde insoweit über die Entmachtung des Finanzkapitals hinaus bedeuten, den Weltgeldstatus des Dollars zu opfern und letztlich die gesamte Hegemonialpolitik in Frage zu stellen. Ob und unter welchen Umständen ein US-amerikanischer Präsident zu einem solchen Schritt in der Lage ist, mag dahingestellt bleiben. Die Obama-Regierung ist es offenkundig nicht.

Als Folge der staatlichen Rettungsaktionen ist das im Übermaß vorhandene fiktive Kapital daher nur teilweise entwertet und ansonsten durch Staatsgarantien auf Kosten des Steuerzahlers konserviert worden. So wenig wie die Wallstreet von der Regierung Obama in die Schranken gewiesen wurde, so wenig hat die Krise ihre bereinigende Wirkung getan, weshalb das Entstehen einer neuen Finanzblase nur eine Frage der Zeit ist.

Das Damoklesschwert der Staatsverschuldung

Finanziell ist die Lage der USA sogar prekärer als seinerzeit die Großbritanniens, denn das Staatsdefizit ist um ein Vielfaches größer. Anders als für London 1931 existiert auch die Möglichkeit nicht mehr, durch den Abschied von der Golddeckung einen organisierten Rückzug vorzunehmen, denn diesen Schritt hat bereits die Regierung Nixon 1971 vollzogen und durch die Entwertung des Dollars die Staatsschuld verringert. Theoretisch könnte die US-Regierung den Dollar völlig aufgeben, um die horrenden Schulden los zu werden. Aber „ein solches Szenario samt Statusverlust“ würde ähnliche Folgen haben wie eine Verstaatlichung der Banken, es „ würde den Einfluss der USA in internationalen Institutionen weitgehend und nachhaltig verringern, was neben machtpolitischen auch wirtschaftspolitische Nachteile hat.“[14] Freiwillig wird die US-Administration einen solchen Schritt nicht tun.

Der entscheidende Unterschied zur Situation Großbritanniens in den 30er Jahren besteht darin, dass kein Herausforderer bereit steht, um die Wallstreet abzulösen. In der Europäischen Union wird zwar gerne von einer stärkeren Rolle des Euro gesprochen, aber es mangelt gänzlich an den machtpolitischen Voraussetzungen, um die mit einer Attacke auf den Dollar verbundenen Herausforderungen zu meistern. Auch China oder Russland geben zeitweise die Notwendigkeit einer neuen Weltwährung zu bedenken, sind aber machtpolitisch ebenso wenig in der Lage, dieses Ziel ernsthaft anzugehen. Und so lange es keine Macht unternehmen kann, sich an die Stelle der USA zu setzen, verliert der Dollar zwar an Boden, bleibt aber letzten Endes die Weltleitwährung.

Ein Gleichgewicht des Schreckens

Als Inhaber des Weltgelds muss Washington sich nicht in fremder Währung verschulden, sondern kann dies in eigener Währung tun – wenigstens so lange, wie das Ausland US-Staatspapiere kauft. Von dieser Seite her ist man also vor den Währungsmanipulationen durch andere Staaten geschützt und hat die Manipulationsmöglichkeiten alleine in der Hand.

Aber dafür schafft die ungebremst steigende Auslandsverschuldung andere Abhängigkeiten. Allein gegenüber China belaufen sich die Zahlungsverpflichtungen auf mittlerweile zwei Billionen Dollar. Wenn sie wollte, könnte die chinesische Regierung die US-Währung jederzeit zu Fall bringen, indem sie ihre Bonds auf den Markt wirft. Zum Glück für die Wallstreet sieht das Kräfteverhältnis zwischen Peking und Washington anders aus als seinerzeit das zwischen Washington und London, sonst wäre es um den Greenback bereits geschehen. Außerdem ist die Abhängigkeit wechselseitig, denn die chinesische Industrie braucht die USA als Absatzmarkt; außerdem würde ein Fall des Dollars auch den Wert der Pekinger Devisenreserven dahin schmelzen lassen. Insoweit befinden sich beide Länder finanziell in einem Gleichgewicht des Schreckens, dessen Bruch den beiderseitigen wirtschaftlichen Kollaps bedeuten würde. Nur – wie lange hält ein derart labiles Gleichgewicht?

Der US-amerikanischen Währung von heute fehlt nicht nur die Golddeckung, sondern auch der Rückhalt durch eine überlegene Produktivität des Industriekapitals. Was aber bleibt dann? Gedeckt wird sie durch die Macht der Gewohnheit, die Stärke des weltweiten Militärapparats und das Vertrauen darauf, dass Washington es sich nicht leisten kann, den Dollar fallen zu lassen, ohne seine Stellung als Weltvormacht zu gefährden. Im Unterschied zu Gold sind Gewohnheit, Angst und Vertrauen aber ein dünner Boden, und bekanntlich hört in Geldsachen die Gemütlichkeit bald auf.

Deshalb kann es sein, dass ein neuer Krisenschub die gegebene Weltwährungsordnung schneller als gedacht zusammenbrechen lässt. Das Ringen um Hegemonie, das gegenwärtig nur latent stattfindet, wird dann erst richtig einsetzen.

Literatur

Biermann, Werner: Die Herren der Welt, Köln 2000

Handwörterbuch der Wirtschaftswissenschaften = HdWW, Ausgabe 8 (1980)

Hobsbawm, Eric: Das Zeitalter der Extreme, München 2004

Karuscheit, Heiner: Von der Open-Door-Politik zum Rohstoffimperialismus; in: Aufsätze zur Diskussion (AzD) Nr. 76/2007, Gelsenkirchen

KfW-Research No. 31 vom Juni 2009, Zur Tragfähigkeit der US-Staatsverschuldung

Kindleberger, Charles P.: Die Weltwirtschaftskrise (Geschichte der Weltwirtschaft im 20. Jahrhundert, Band 4), München 1973

Officer, Lawrence H.: Gold Standard = Economic History Services Endyclopedia; http://eh.net/encyclopedia/article/officer.gold.standard; Stand 24.07.2009

[1] Hobsbawm, S. 132.

[2] Kindleberger, S. 53.

[3] Officer, Tabellen 7 und 8.

[4] Kindleberger S. 168 f.

[5] Handwörterbuch der Wirtschaftswissenschaften, S. 543.

[6] Kindleberger S. 231.

[7] Biermann, S. 117 f.

[8] Hobsbawm, S.129.

[9] Kindleberger S. 210.

[10] Dazu H. Karuscheit: Von der Open-Door-Politik zum Rohstoffimperialismus; in AzD 76.

[11] Kindleberger, S. 234f.

[12] Kindleberger, S. 240, 267.

[13] Kindleberger, S. 314.

[14] KfW Research No. 31, S. 6.

Dieser Artikel ist erschienen in Z. Nr. 81, März 2010