Z. Zeitschrift Marxistische Erneuerung Nr. 81, März 2010 - http://zeitschrift-marxistische-erneuerung.de/topic/17.ausgabe-81-maerz-2010.html

Anmerkungen zu Renate Wahsners Verriß von Hans Heinz Holz' Weltentwurf und Reflexion

Über Kultur der Kritik und den Mangel daran

Thomas Metscher

I.[1]

Marxisten, hat es den Anschein, tun sich schwer mit Kritik. Zwar ist Kritik eine Grundkategorie ihrer Weltbetrachtung, doch mangelt es dem Marxismus, wohin man blickt, an einer Kultur der Kritik.[2] Diese gab es nicht im sog. realen Sozialismus, es gibt sie im heutigen Marxismus nicht (oder höchstens in solitären Ansätzen: die wenigen löblichen Ausnahmen bestätigen eine traurige Regel), ja die Kritik hatte es schon schwer in jener Theorie, die ihren Namen als ihr Wappenzeichen führte – die kritische: Adorno zu kritisieren kam bekanntlich einer Majestätsbeleidigung gleich. Dabei gehört zur Kultur der Kritik, diese nicht als Notstand, sondern als Normalfall zu behandeln, sie nicht allein auf Andere, sondern auf sich selbst zu beziehen, und das nicht als rhetorische Floskel, sondern in der Permanenz täglicher theoretischer Arbeit. „Wissen gewonnen durch Zweifel“: Brechts methodologisches Grundaxiom (im Leben des Galilei formuliert) bezieht sich nicht nur auf die Gestalten herrschender Ideologie, sondern zugleich auch und untrennbar davon auf die Vorgehensweise emanzipatorischen Denken – insbesondere aber auf den ‚neuen Materialismus’, wie ihn dessen Gründergestalten verstanden und theoretisch entwarfen.

Zur Kultur der Kritik gehört nicht zuletzt die Art und Form des Umgangs mit Positionen, die man für defizitär oder falsch hält – gerade auch innerhalb eines innermarxistischen Disputs. Die Kritik Anderer, will sie mehr sein als leere Polemik, unterliegt bestimmten Normen: des Ethos, der wissenschaftlichen Integrität, der Sorgfaltspflicht, der Information der Adressaten usf. Es handelt sich um Grundbedingungen kritischer Kultur, ja der Wahrheitsfähigkeit der Kritik selbst. Sie schließen Schärfe und Polemik nicht aus, doch müssen Schärfe und Polemik begründet sein. Was sie ausschließen, ist der apodiktischen Gestus: Rechthaberei, das Von-oben-herab-Sprechen, die angemaßte Wahrheitsattitüde.

Zur Kultur der Kritik gehört die Kunst der kritischen Argumentation: die Fähigkeit, den kritisierten Gegenstand argumentativ zu erläutern, ihn ‚auf den Begriff’ zu bringen; seine Intention und sein Profil zu erfassen, dem Leser und der Leserin zu erklären, worum es geht – die Explikation seines Kernarguments. Es genügt nicht, ihn nach Schwächen abzusuchen, sondern auch nach seinen Stärken ist zu fragen. Sie sind zu benennen und in Rechnung zu stellen, wenn es denn Stärken gibt. Auch wenn es keine gibt (was bei ‚starken’ Kontrahenten selten der Fall ist), ist dies zu benennen und auszuweisen.

Von jeder Kritik einzufordern ist Dialogizität: ein dialogisches Moment als Bedingung auch des wissenschaftlichen Disputs. Dies schließt den Respekt vor der wissenschaftlichen Leistung des Anderen auch dort ein, wo man ihn des Irrtums überführt. Ja das Herausarbeiten der produktiven Seite einer kritisierten Position ist Teil jeder Kritik, die sich als dialektisch versteht; ist es doch deren Aufgabe, Widerspruchsstrukturen zu erkennen und freizulegen. In jedem Fall sollte eine Haltung gefordert sein, die es ermöglicht, daß die Antagonisten im theoretischen Gespräch bleiben können. Das schließt leidenschaftliches Ringen um Wahrheit nicht aus, ja gestattet durchaus den polemischen Ton und die rhetorische Pointe. Vorausgesetzt, daß der Blick auf die gemeinsame Sache nicht verloren geht, und das ist zunächst und als erstes: die Förderung der theoretischen Vernunft. Die gemeinsame Sache kann mehr als dieses sein – so die ‚Veränderung der Welt’ im Sinne der Feuerbach-Thesen –, dieses aber ist sie zuallererst.

II.

Wenn solche Anforderungen – verstanden als Normen einer kritischen Kultur – auch nur in den Grundzügen einsichtig sind und geteilt werden können, so muß ohne jede Polemik gesagt werden, daß sich keine Spur davon in Wahsners Text finden läßt. Dieser ist eine vom Umfang her groß angelegte Kritik von Holz’ 2005 erschienenem Buch Weltentwurf und Reflexion. Versuch einer Grundlegung der Dialektik. Daß dem so ist – und der Aufsatz handelt von der ersten bis zur letzten Zeile davon – erfährt der Leser allein aus einer Fußnote. Nichts erfährt er über die Intention des Verfassers, den Charakter des Buchs, mögliche Vorarbeiten dazu (von denen es zahlreiche und höchst unterschiedliche gibt: das Buch ist nach Bekundung seines Verfassers eine philosophische „Lebensarbeit“), seine Anlage, sein Profil, seine Kernargumentation. Was „Versuch einer Grundlegung der Dialektik“ hier überhaupt bedeutet, bleibt so unerläutert wie die im Haupttitel verwendeten Begriffe. Was heißt bei Holz ‚Weltentwurf’, was ‚Reflexion’? Hier wird nichts erklärt, erläutert, dargestellt, auf charakterisierende Zitate wird ebenso verzichtet wie auf jeden Ansatz eines Referats des Gedankengangs (verwunderlich bei dem Umfang, der der Verfasserin zur Verfügung steht: mit 20 Druckseiten der längste Text in dieser Ausgabe von Z. und damit sicher das Maximum des in dieser Zeitschrift Möglichen). Was mit Blick auf Text und Autor gegeben wird, sind allein bibliographische Verweise (Textnachweise in der Regel ohne Zitat, obwohl andere Autoren ausführlich zitiert zu Worte kommen) im Sinne von Belegen für Behauptungssätze der Verfasserin. Vorausgesetzt wird offensichtlich, daß die Leserinnen und Leser von Z., zumindest ein erklecklicher Teil, Holz’ Werk (ein Opus, das immerhin seine gut 600 Seiten beträgt) besitzt, gelesen, studiert und verstanden haben. Wenn das so ist, kann man der Zeitschrift zu einer so exzellenten Leserschaft nur seine bewundernde Gratulation aussprechen. Wenn das nicht so ist, fragt man sich, ob die Zeitschrift gut beraten war, den Text in der vorliegenden Form überhaupt zu bringen. Erschwert wird seine Lektüre zudem durch stilistische Idiosynkrasien: so die Vorliebe der Verfasserin für ‚Man’-Konstruktionen wie für ein mysteriöses Passivum mit neutralem Es (statt ‚Holz sagt, behauptet etc.’ heißt es bei ihr: ‚man sagt, behauptet etc.’‚ es wird gesagt, behauptet etc.’; auch die Variante ‚manche denken etc.’ findet sich) – den Verfasser des inkriminierten Werks beim Namen zu nennen, gar anzureden, kommt ihr offenkundig nicht in den Sinn. Dies liegt, so scheint es, unterhalb des philosophischen Diskurses, den die Autorin pflegt. Am Rande und nicht ohne Polemik sei angemerkt, daß dies nicht nur das Verständnis ihres Texts erschwert (was kaum in ihrem Interesse sein kann) – es ist schlicht und einfach schlechtes Deutsch (im Englischen, dem Gott der Sprachen sei’s gedankt, sind solche Konstruktionen undenkbar). Wenn von Dialogizität der Kritik die Rede war – hier ist sie nicht einmal der Form nach intendiert.

So sehr es an Informationen über den kritisierten Text mangelt, was Wahsners Essay (ist er das?, will er ein Rezensionsessay sein?) in extenso enthält, sind apodiktische Urteile über seinen Wert bzw., wie man besser sagen sollte, seinen Unwert. Der Text ist voll von solchen Urteilen, oft auch mit moralisierendem Unterton – Nachweise im Einzelnen erübrigen sich. Da wird von „unlauteren Voraussetzungen“ gesprochen, „unzulässigem Verfahren“, dem „Verfehlen“ der epistemologischen Verfaßtheit der Einzelwissenschaften, vom ‚schlichtweg Falschen’ des Holz’schen Denkens, seiner „monistischen Abbildtheorie“, dem Nichterkennen der Bedeutung des Arbeitsbegriffs – ein „Fazit“ wird gegeben, das kein Fazit ist (weil hier nichts argumentativ begründet abgeleitet wird), sondern ein einziger Verriß. Er mündet in dem Satz: „Wem die Begründung eines materialistischen Systems kein Problem ist, wer eine ‚natürliche Welteinstellung zugrundelegt’, der sollte nicht Philosophie betreiben“ (156). Damit ist, in syntaktischer Verklausulierung, wie sie die Autorin pflegt, natürlich Holz gemeint. Zu Deutsch heißt das: dieser sollte keine Philosophie betreiben. Gesprochen im Hinblick auf eine ‚Lebensarbeit’ wäre es, wenn es denn gilt, das Verdikt über ein philosophisch verpfuschtes Leben. Holz’ „Entscheidung für den Materialismus“, heißt es in gleicher Schärfe am gleichen Ort, ist eine Entscheidung „per Vorurteil. Welchen Wert hat das?“ (ebd.). Die Frage ist rhetorisch gemeint – es hat keinen Wert.

Dies ist fraglos harter Tobak – und wer so spricht, muß gute Gründe und noch bessere Begründungen haben, nicht zuletzt angesichts eines publizistischen Gesamtwerks, das an schierem Umfang und in der behandelten Thematik wenig Vergleichbares hat in der gegenwärtigen philosophischen Literatur. Diese Kritik aber – und dies ist ihr Skandalon (nicht die Schärfe des Urteils ist es!) – ist bar jeder Begründung im Einzelnen und im Ganzen. Man zeige mir, daß nur an einem einzigen der Punkte, die Holz zum Vorwurf gemacht werden, eine argumentative Darlegung erfolgt, geschweige denn, daß ein Argument mit genauem Blick auf Holz’ Text entwickelt wird. Lediglich Textverweise in Fußnoten werden gegeben, wie gesagt – dies ersetzt jede Argumentation. Ein solches Verfahren aber kann bestenfalls als Ausgangspunkt für eine philosophische Disputation dienen – im Sinne eines ‚Beweises’ (von welcher Stärke auch immer) für die Richtigkeit oder Unrichtigkeit einer Behauptung ist es ohne Wert. Damit aber schadet Wahsner ihrem eigenen Anliegen; denn selbstredend ist nicht auszuschließen, daß ihre kritischen Einwände (oder einige von ihnen) richtig sind oder Richtiges enthalten. Das aber bleibt völlig im Dunkeln. Der Leser wird sich selbst überlassen. Er kann, wenn er es möchte, Wahsners Fußnoten folgend bei Holz nachlesen. Er mag sich dann, wenn er es kann, ein Urteil bilden. Wahsners Urteil wird er, so wie es gefällt wird, guten Gewissens nicht übernehmen können.

III.

So wenig argumentativ Wahsner mit Blick auf den Text verfährt, so verfährt sie doch nach einer bestimmten, recht schlicht gestrickten Machart. So entwickelt sie in einem ausführlichen ersten Abschnitt (er umfaßt mehr als ein Drittel des gesamten Texts) eine Art theoretische Matrix, die als Norm für die Beurteilung des Holz’schen Werks dient. Sie wird unter den Titel „Ontologie und Gnoseologie. Die Aufhebung von Empirismus und Rationalismus“ gestellt und entwirft das Konzept – wie ich es nenne – eines aufgeklärten Kantianismus; ‚aufgeklärt’, weil von der Absicht bestimmt, die Grundimpulse des Kantschen Denkens auf das Niveau von Hegel, Marx und die modernen Naturwissenschaften zu bringen (dies geht aus dem hier veröffentlichten Text nicht in dieser Deutlichkeit hervor, es ist aber anderen Publikationen Renate Wahsners zu entnehmen). In dem vorliegenden Text ist es vor allem Kant (dieser sehr ausführlich; von ihm stammt auch das im Titel gegebene Zitat), auf den sich Wahsner bezieht, dann aber auch Natorp, Holzhey, Cassirer – die Schule des klassischen Kantianismus in Deutschland –, eigene Werke, dann auch Hegel und Marx. Holz kommt in diesem Teil nur ganz sporadisch vor, im restlichen dann wird er kontinuierlich nach Strich und Faden abgewatscht (um es ganz unvornehm, plebejisch-bayrisch auszudrücken). Es ist aber so in der Tat: alles, was Wahsner tut, ist, den Holz’schen Text Punkt für Punkt an der von ihr aufgestellten Norm zu messen – und eben, mit unterschiedlichem Gewicht, zu wiegen und zu leicht zu finden.

Gegen dieses Verfahren ist Einspruch zu erheben. Was hier gemacht wird, ist, daß eine bestimmte philosophische Position zur absoluten Wahrheitsnorm erhoben und einer anderen, die dieser strukturell widerspricht, in einem simplen, nicht einmal mehr analytischen (geschweige denn dialektischen) Verfahren entgegengestellt wird – ohne daß auch nur im Ansatz der Versuch gemacht wird, sich auf das argumentative Muster der so dequalifizierten Position einzulassen. Das Ergebnis eines solchen Verfahrens ist vorprogrammiert. Leicht wird man so in jedem einzelnen überprüften Punkt vermeintliche Defizite entdecken. Wahsner ist ganz offen dabei. Sie sagt genau, was sie tut. So erklärt sie in eben jener Fußnote, die den Leser über ihre Absichten aufklärt, daß sie den Holz’ Buch „zugrundegelegten Standpunkt“ „näher betrachten“ wolle als einen, der die „Notwendigkeit“ des Ergebnisses des Kantschen Denkens „und folglich die Grundlage der nachfolgenden philosophischen Systeme nicht erkennt bzw. akzeptiert“ (138). Das ist deutlich genug. Das philosophische Todesurteil ist damit freilich auch schon ausgesprochen. Was folgt, ist kein Gerichtsverfahren mehr, sondern nur noch seine Vollstreckung.

Um jedem Mißverständnis vorzubeugen: Ich wende mich hier nicht gegen die Wahsnersche Grundposition. Diese in ihrer philosophischen Bedeutung, in Stärken und Schwächen einzuschätzen, ist hier nicht der Ort. Ich halte sie, soviel sei gesagt (unabhängig von dieser, wie ich meine, mißglückten Kritik), für einen der interessantesten und produktivsten Ausprägungen gegenwärtigen philosophischen Denkens – gerade weil sie Kant und Marx in einer an den Naturwissenschaften ausgerichteten Weise in Beziehung bringt, die nicht nur dem traditionellen Kantianismus, auch dem Marxismus, so scheint mir, neue Perspektiven eröffnet. Gleichwohl enthält ihre Position (wie ich noch zeigen werde) an entscheidenden Punkten Ungelöstes: Widersprüche, Leerstellen, offene Probleme. Zur absoluten Wahrheitsnorm taugt sie nicht – und es sei hinzugefügt: keine singuläre philosophische Position taugt dazu. Mit gleicher Vehemenz würde ich gegen Holz argumentieren, wenn dieser seine Position – einen statt auf Kant auf Leibniz und Hegel fußenden Marxismus – zur absoluten Norm der Beurteilung einer anderen, auch der Wahsner’schen nehmen würde. ‚Absolute Norm’ heißt, daß eine bestimmte Position ohne selbstkritische Reflexion (was Bewußtsein eigener Grenzen einschließt) und sachliche Differenzierung als Maßstab der Beurteilung anderer genommen wird. Dem Dogmatismus eines solchen Vorgehens entspricht die apodiktische Attitüde im Umgang mit anders Denkenden.

Bei Wahsners Holzkritik handelt es sich um keine Kritik, die den Namen verdient, sondern einen polemischen Text. Auch dieser kann seine Berechtigung, ja sachliche Notwendigkeit haben, wenn die Polemik begründet wird – etwa als Antwort auf einen übermächtigen, unterwerfenden Gegner, als Angriff auf institutionalisiertes Bewußtsein, als Reaktion auf einen Affront, aus vielen Gründen mehr. Polemik, mit anderen Worten, braucht einen Kontext. Dieser muß klar und deutlich erkennbar, ggf. im polemischen Text selbst artikuliert sein. In Wahsners Fall bleibt jedoch die Polemik leer, weil sie nicht begründet, ein Kontext nicht sichtbar wird. Vielleicht bezieht sie sich auf einen Subtext, den sie nicht nennt, versteht sie ihren Text als Antwort darauf – Holz’ programmatischer Anti-Kantianismus ist bekannt und von diesem oft in erfrischender Offenheit formuliert. Wahsner aber erklärt nichts, und Vermutungen sind nicht genug. Was nicht gesagt wird, zählt auch nicht. So bleibt nichts übrig als die Frontstellung gegen eine mißliebige philosophische Position, ein apodiktischer Gestus, der die Autorin philosophisch beschädigt – der verbissene Dogmatismus eines Angriffs, dessen Erkenntniswert gleich null ist.

IV.

Abschließend soll, im Ansatz zumindest, gezeigt werden, daß das normative Konzept, das Wahsner aufbaut und zur Grundlage ihrer Beurteilung macht, selbst von internen Problemen nicht frei ist. Es enthält Schwächen, die dem Anspruch einer absoluten Norm des Urteils, den es stellt, eklatant widerstreiten.

Ich halte mich dabei nicht mit Nebensächlichkeiten auf, ich nehme einen neuralgischen Punkt der von Wahsner entwickelten Position zum Ausgangspunkt.

So schreibt sie: „Kants Konzept ist nur richtig zu verstehen, wenn man begreift, daß es auf dem neuzeitlichen Denkprinzip beruht, daß es den neuzeitlichen Umbruch auf den (philosophischen) Begriff gebracht hat. Dieser Umbruch impliziert, das das Ding, das Element oder der Gegenstand nicht als bestimmt vorgegeben genommen, sondern als durch die Bewegung, durch den Vorgang oder das Verhalten, durch die Methode erzeugt wird.“ (141f.). Überprüfen wir diese Aussage – den in ihr enthaltenen gedanklichen Komplex.[3] Als erstes ist festzustellen, daß er semantisch uneindeutig ist. Seine Reichweite ist keineswegs klar. Bezieht er sich auf wissenschaftliches Denken/Erkennen, bezieht er sich auf Denken/Erkennen überhaupt, bezieht er sich darüber hinaus auf alltagspraktisches Verhalten (so gegenständliche Tätigkeit, Arbeit)? Die Termini ‚Bewegung’, ‚Vorgang’, ‚Verhalten’ legen einen umfassenden Sinn nahe. Sie bleiben weitgehend unerläutert; lediglich Verhalten wird in einer Fußnote als „objektivierte Form der Methode“ gefaßt (142). Ich vermute, daß sich die Aussage, zumindest in der Implikation, auf alle drei Ebenen bezieht. Gesetzt, dies ist der Fall, so kann sich Wahsner sicher nicht auf Marx berufen. Bei diesem heißt es zum Prozeß der Arbeit:[4] in ihm tritt der Mensch als „Naturmacht“ dem „Naturstoff“ gegenüber, setzt die seiner Leiblichkeit angehörigen Naturkräfte in Bewegung, „um sich den Naturstoff in einer für sein eignes Leben brauchbaren Form anzueignen“. Er verändert damit „die Natur außer ihm“. Er schafft aus dem Naturstoff einen neuen Gegenstand (MEW 23, 192). Dabei handelt es sich in der Tat um eine von einem Subjekt ausgeführte methodische Bewegung, in deren Verlauf ein Gegenstand erzeugt wird, doch liegt dieser Erzeugung ein Naturgegenstand (‚Naturstoff’) voraus. Dieser wird im Vollzug der Bewegung verändert – der Naturstoff wird in einen Gebrauchswert transformiert. Gegeben ist hier also ein zweistufiger Gegenstandsbegriff: Naturstoff (Gegenstand 1) und Gebrauchswert (Gegenstand 2). Dabei ist der Naturstoff in seinem Ansichsein vorgegeben und erkennbar – sonst könnte er gar nicht zum Gegenstand der Arbeit, durch Arbeit verändert werden. Das aber ist etwas ganz anderes als der von Wahsner repräsentierte unspezifische Gegenstandsbegriff.

Doch auch auf den Vorgang wissenschaftlichen Denkens bezogen, ist Wahsners Theorem, daß der Gegenstand durch die Methode erzeugt wird, in der Bedeutung ambivalent und in der beanspruchten allgemeingültigen Form nicht haltbar. Über die Naturwissenschaften möchte ich als Nichtnaturwissenschaftler gar nicht reden (ich hätte freilich eine ganze Reihe von Fragen dazu).[5] Für die Wissenschaft, die ich vertrete, die Literaturwissenschaft, ist es schlicht unsinnig. So sind, wenn ich Shakespeares Dramen oder Goethes Faust interpretiere (wissenschaftlich untersuche), die genannten Texte nach fachlicher Übereinkunft die Gegenstände meiner Untersuchung. Zu sagen, daß diese Gegenstände durch die Methode meiner Untersuchung erst ‚erzeugt’ werden, hätte in der Fachwelt zu recht einen bestenfalls kabarettistischen Effekt. Die Gegenstände meiner Untersuchung sind vielmehr als kulturell konstituierte vorgegeben: Sie sind als Kunstwerke Erzeugnisse auktorealer Arbeit, liegen in der Regel in der Form bestimmter Editionen, theatralischer Aufführungen usw. vor. In einem Punkt freilich hat Wahsner recht, und wenn sie sich darauf beschränkte, wäre ihr beizupflichten: Die Methode hat eine enorme Bedeutung bei wissenschaftlicher Wahrheitsfindung. Eine bestimmte Methode präformiert die zu gewinnende Erkenntnis, sie macht eine bestimmte Erkenntnis eines Gegenstands möglich, schließt andere aus. „Die Frage grenzt die Antwort schon ein“ (Wahsner, 144). Einer formalen Methode werden nur oder vorrangig formale Charakteristika eines Texts in den Blick treten, ein Textganzes ist allein durch eine synthetische Methode erschließbar. Wissenschaftliche Erkenntnis ist methodenabhängig, was aber nicht heißt, die Methode erzeuge ihren Gegenstand. Es ist sicher auch möglich, von einer spezifischen Fragestellung als dem spezifischen Gegenstand einer Untersuchung zu sprechen. Sie ist aber immer auf ein Zugrundeliegendes bezogen: einen Text, ein Werk, das ihr als gegenständliches Substrat (= Gegenstand 1) voraus liegt, das in einer besonderen Perspektive erkannt werden soll. Methode (‚methodos’) ist der Weg, den man in einen Gegenstandsbereich hineinlegt. Sie ist Mittel seiner Erkenntnis, nicht seiner Erzeugung. Das läßt sich mutatis mutandis auch auf andere Wissenschaften übertragen. Alle Wissenschaften etwa, die auf die Auslegung von Quellen angewiesen sind, haben es mit kulturell konstituierten Objekten der Erkenntnis zu tun. Sie bedürfen der Methode, um die Quellen richtig auszulegen, zu einem gesicherten Wissen zu gelangen. Auch hier wäre es sinnlos, von Erzeugen zu sprechen. Ein geschichtliches Ereignis oder Geschehen, das durch solche Auslegung erschlossen werden soll, wird nicht durch sie erst hervorgebracht. Es existiert als Tatsache (oder Komplex von Tatsachen) auch außerhalb des erschließenden Bewußtseins. Desgleichen wird schwerlich gesagt werden können, daß die Methode der Kritik der politischen Ökonomie deren ‚Gegenstand’ erzeuge. Dieser ist als ein bestimmtes Ensemble gesellschaftlicher Verhältnisse sehr wohl handfest vorgegeben und schert sich in seiner Praxis nur dann um die Methoden seiner Erkenntnis, wenn diese beginnen, den ihm eingeborenen praktischen Interessen hinderlich zu sein. Wahsner verweist im Zusammenhang ihrer gnoseologisch-methodologischen Überlegungen mehrfach auf Marx’ Satz, daß der Gebrauchswert als Gebrauchswert jenseits des Betrachtungskreises der politischen Ökonomie liege.[6] Dies bestätigt aber nur die von mir hier vorgetragene Überlegung: Der Methode der Kritik der politischen Ökonomie ist der Gebrauchswert als Gebrauchswert in der Tat nicht zugänglich, kann er nicht zugänglich sein, dafür bedarf es weiterer und anderer Methoden. So ist auch der ästhetische Wert (den ich als Modus des Gebrauchswerts verstehe) der Kritik der politischen Ökonomie unzugänglich. Diese vermag zwar das Kunstwerk als Ware zu erfassen, nicht aber das Kunstwerk in seiner spezifisch ästhetischen Qualität. Dazu bedarf es einer Wissenschaft der Ästhetik, auch im Marxismus. Dennoch werden Tauschwert und Gebrauchswert nicht von der jeweiligen Methode ‚erzeugt’. Es handelt sich um Bestimmungen der Sache selbst im Sinne des Marxworts, daß es gelte, die ‚Logik der Sache’ an die Stelle der ‚Sache der Logik’ zu setzen.

Wahsners Kantianismus ist an diesem Punkte defizitär. Kants Gegenstandsbegriff ist, auch wenn man ihn nicht teilt, klar und deutlich auszumachen: die Gegenstände unserer Erkenntnis sind, als phänomenale Gegenstände, durch unsere kognitiven Apparat bedingt und in einem bestimmten Sinn erzeugt, als noumenale sind sie unserer Erkenntnis nicht zugänglich. Zwar meine ich, daß das Konzept der Feuerbach-Thesen im Begriff gegenständlicher Tätigkeit das Kantsche Konzept subjektiver Welterzeugung zugleich unterläuft und aufhebt (seinen positiven Sinn integriert) – doch braucht man diese Ansicht nicht zu vertreten. In jedem Fall haben wir es mit klaren Sachverhalten zu tun, zu denen man sich auch klar verhalten kann. Wahsners Gegenstandsbegriff oszilliert. Er wird eher assoziativ als streng begrifflich entwickelt. In jedem Fall: um als absolute Norm der Beurteilung Anderer gelten zu können, bedarf er noch einer gründlichen Überarbeitung.

Weitere kritische Hinweise sind zu machen, die hier freilich nur äußerst abgekürzt behandelt werden können.

1. Die in dem Zitat gegebene Konstruktion des „neuzeitlichen Denkprinzips“ als eines solchen, das den Gegenstand nicht als „bestimmt vorgegeben“, sondern als durch die „Methode erzeugt“ betrachtet und in Kant seinen herausragenden philosophischen Repräsentanten hat, ist, in der Ausschließlichkeit, in der sie formuliert wird, in ihrer Gültigkeit zu bestreiten. Zu fragen ist, ob überhaupt von einem neuzeitlichen Denkprinzip die Rede sein kann. Neben dem von Wahsner benannten ‚subjektorientierten’ Prinzip gibt es ein zweites ‚objektorientiertes’, das die Natur als schöpferische Bewegung (natura naturans) zur ersten oder einzigen Substanz erklärt (ausgedrückt in der Formel deus sive natura sive substantia), in Spinoza und im Denken Goethes seine höchste geistige Ausprägung erfährt, in dessen Zusammenhang auch Bruno und die Tradition der ‚Aristotelischen Linken’ (Ernst Bloch) gehören. Auch Leibniz, für Holz neben Marx und Hegel die erste Quelle des eigenen Denkens, ist nicht mit der subjektphilosophischen Linie kompatibel, die Wahsner zur prototypischen Form neuzeitlichen Denkens erhebt. Noch ist es der ‚alte’ Materialismus, der in Feuerbach seinen entwickeltsten Vertreter hat. Ja, die Marxsche Grundkonzeption, wie in den Feuerbach-Thesen entworfen, kann gerade als Synthesis verschiedener Denktypen verstanden werden, die insgesamt – also in einer pluralen Form – die Gestalt neuzeitlichen Denkens bestimmen.

2. Zu relativieren ist deshalb auch Wahsners apodiktische Aussage, „Natur gibt es nur als Gegenpol zu Mensch (genommen als Gattung). Daher kann Natur nicht das Ganze sein, die Arbeit nicht ein spezifischer Fall der Naturdialektik“ (146; auch 143). Für Spinoza und Goethe etwa ist der Mensch sehr wohl ein Teil der Natur: Attribut der einen Natursubstanz (Goethes ‚herrlich leuchtende Natur’),[7] alle menschliche Tätigkeit, auch die Arbeit bewegt sich innerhalb der Natur und, wenn sie gelingen soll, innerhalb ihrer Gesetze. Auch diese Tradition geht in Marx’ und Engels’ ‚neuen Materialismus’ ein. Auf Marx’ Auffassung, daß in der Arbeit der Mensch als „Naturmacht“ dem „Naturstoff“ gegenübertritt, wies ich schon hin. Sie bewegt sich ganz und gar auf der Linie des Engelsschen Denkens, der in der Dialektik der Natur mit programmatischer Deutlichkeit schreibt, daß wir „keineswegs die Natur beherrschen, wie ein Eroberer ein fremdes Volk beherrscht, wie jemand, der außer der Natur steht – sondern daß wir mit Fleisch und Blut und Hirn ihr angehören und mitten in ihr stehn, und daß unsre ganze Herrschaft über sie darin besteht, im Vorzug vor allen andren Geschöpfen ihre Gesetze erkennen und richtig anwenden zu können“ (MEW 20, 453).

3. Dieser Auffassung zufolge sind die Gesetze der Natur, wie dann auch die Gesetze der Geschichte, prinzipiell erkennbar, und zwar in ihrem An-sich-Sein erkennbar. D.h. sie sind erkennbar, wie sie ‚an sich selbst’, also auch außerhalb unseres Bewußtseins verfaßt sind. Wahsner vertritt hier eine andere Position, nämlich eine traditionell-kantianische. Die „Weltbetrachtung“, schreibt sie, „kann niemals die Ansichbeschaffenheit der Welt wiedergeben (…). Eine Identität von Objektivität und Ansich-sein der Welt ist nicht möglich“ (144). Auch hier handelt es sich um ein Problem, das keineswegs als philosophisch endgültig ‚gelöst’ angesehen werden kann, auch nicht vom Standpunkt materialistisch-dialektischen Denkens. Es gibt, so von den Neurowissenschaften her, starke Argumente, die die Erkennbarkeit der Welt in ihrem An-sich-Sein leugnen.[8] Es gibt nach wie vor starke Argumente dafür, daß die Welt, zumindest signifikante Teile von ihr, sehr wohl in ihrer objektiven Verfaßtheit zu begreifen ist, was nur heißen kann: wie sie ohne den Menschen und menschliches Erkennen ‚an sich selbst’ ist.[9] Als axiomatisch dürfte gelten (das Gegenteil ergäbe einen Sinn nur als Stück absurden Theaters), daß das von uns Produzierte – so die Welt der Gebrauchswerte – auch von uns erkannt werden kann; frei nach Vicos Satz über Geschichte: daß wir das, was wir machen auch erkennen können. Und dem Evolutionsbiologen sei die Frage gestellt, ob nicht das von Darwin entdeckte Gesetz evolutionärer Entwicklung auch dann noch gelten würde, wenn es keine Menschen, kein Bewußtsein dieses Gesetzes, kein menschliches Bewußtsein überhaupt mehr gäbe. Gelten die Fallgesetze, gilt Einsteins Lehre von der Lichtgeschwindigkeit als absolutes Maß, sein Konzept vom Raumzeitkontinuum (um hier nur signifikante Beispiele zu geben) auch unabhängig von ihrer Formulierung, d.h. das mit diesen Begriffen Bezeichnete unabhängig von der Existenz menschlichen Bewußtseins? Ich frage – die Physiker bitte ich um Antwort darauf. Denn wenn dies so ist, dann ist in der Tat etwas über das An-sich-Sein der physischen Welt ausgesagt – zumindest ein Stück jener Wirklichkeit hätten wir erkannt, die wir Natur nennen, und zwar in ihrem subjektunabhängigen Sein. In einem (zugegeben populärwissenschaftlichen) Werk über moderne Naturwissenschaften lese ich zu Einstein, dieser habe „klipp und klar gezeigt, daß genau das doch möglich ist, was Kant verweigert hat und Popper fortschreibt, nämlich ‚Betrachtungen über die Welt als Ganzes’ anzustellen“.[10] Es ist dies eine Meinung dazu. Klar aber ist, daß es sich hier um ein Problem handelt, das nicht leichtfertig in der einen oder anderen Richtung entschieden werden kann.

Die Hinweise mögen genügen. Was sie bezwecken sollen, ist zu zeigen, daß hier äußerste argumentative Vorsicht am Platze ist, wir bewegen uns an diesem Ort auf dünnem Eis. Wahsners apodiktische Attitüde verdeckt dieses Problem. Wiederum bleibt unerläutert, was mit den gebrauchten Begriffen genau gemeint ist: Bezieht sich „Ansichbeschaffenheit der Welt“ auf das Seiende im ganzen in traditionell metaphysischer Bedeutung, auf den ‚Gesamtzusammenhang’, wie ihn etwa Engels faßte oder allein auf Teilbereiche des Seins: Natur, Geschichte, die von uns produzierte Welt von Gegenständen, den Arbeitsprozeß, das im alltäglichen Umgang zuhandene ‚Zeug’ (im Sinn des frühen Heidegger)? Es ist durchaus vorstellbar, daß die Frage nach der Ansichbeschaffenheit der Welt gänzlich anders ausfällt, je nachdem, auf welchen Wirklichkeitsbereich wir sie beziehen. Von einem solchen Problembewußtsein aber findet sich bei Wahsner keine Spur. Sie dekretiert ihre Auffassung dazu als unbestreitbare Norm, die dann ohne weitere Differenzierung zur Beurteilung anderer Auffassungen dient.

Wie immer hier im Einzelnen entschieden werden mag: Sicher ist, daß das von Wahsner vorgestellte Konzept selbst erklärungs- und erweiterungsbedürftig ist. Die apodiktische Attitüde steht ihm schlecht zu Gesicht. Es ist gerade die Schärfe der Kritik, die angemaßte Sicherheit ihres Gestus, die hier der Kritik zum Verhängnis wird. Niemand verläßt ungestraft die Normen der kritischen Kultur: Es möge dies die Regel sein.

[1] Renate Wahsner, „Die Materie der Erkenntnis kann nicht gedichtet werden“. Zu den Bedingungen einer materialistischen Spekulation bzw. Dialektik und zur Unmöglichkeit einer monistischen Abbildtheorie. Z. Zeitschrift marxistische Erneuerung. Nr. 77 (März 2009), 138-157. Der Text behandelt Hans Heinz Holz’ Buch Weltentwurf und Reflexion. Versuch einer Grundlegung der Dialektik. Stuttgart 2005.

[2] Dazu Thomas Metscher, Plädoyer für eine Kultur des innermarxistischen Disputs. Junge Welt vom 6. August 2009.

[3] Er wird im Wortlaut in anderen Schriften Wahsner wiederholt (so in R. W., Verdirbt die Naturwissenschaft den Begriff des Geistes?, Max-Planck-Institut für Wissenschaftsgeschichte. Reprint 358, 2008, 3; ersch. Hegel-Jahrbuch 2010), kann also sicher als für Wahsner Denken zentral gelten.

[4] Dazu des Näheren: Thomas Metscher, Logos und Wirklichkeit. Beiträge zu einer Theorie des gesellschaftlichen Bewußtseins. Erscheint Frühjahr 2010, Verlag Peter Lang, Frankfurt a.M.

[5] Die Neurowisssenschaften z.B. behandeln das Gehirn, nach allem, was ich lese, sehr rabiat als realen – gelegentlich als einzig realen (materiellen) Gegenstand. Die Sicherheit, mit der sie die Probleme der Metaphysik (so die Willensfreiheit) zu lösen beanspruchen, wäre sonst gar nicht erklärbar.

[6] So R.W., Naturwissenschaft, Bielefeld 2002, 16.

[7] Vgl. Alfred Schmidt, Goethes herrlich leuchtende Natur. Philosophische Studie zur deutschen Spätaufklärung. München 1984.

[8] Zuletzt Thomas Metzinger, Der Ego Tunnel. Eine neue Philosophie des Selbst: Von der Hirnforschung zur Bewußseinsethik. Berlin 2009.

[9] Zu diesem Problem vgl. Th. Metscher, Logos und Wirklichkeit, a.a.O.

[10] Ernst Peter Fischer, Die andere Bildung. Was man von den Naturwissenschaften wissen sollte. Berlin 2005, 4. Aufl., 136.

Dieser Artikel ist erschienen in Z. Nr. 81, März 2010