Z. Zeitschrift Marxistische Erneuerung Nr. 79, September 2009 - http://zeitschrift-marxistische-erneuerung.de/topic/38.ausgabe-79-september-2009.html

Von Glazer und Berlusconi

Wie Kapitalinteressen den Fußball beherrschen

Lion Salomon

In der Fußballsommerpause lassen sich immer wieder die gleichen Szenen beobachten. Die großen Vereine der Topligen in Europa machen sich auf und kaufen alles, was gegen einen Ball treten kann. In diesem Sommer treibt diese Praxis neue Blüten. Mit dem Amtsantritt Florentino Perez´ als Präsident von Real Madrid sind die Ablösesummen und Gehälter für Elitekicker in nochmals andere Dimensionen entrückt. Die 65 Millionen, die er bereit war für Kaka an Silvio Berlusconis AC Mailand zu überweisen, erscheinen bescheiden gegenüber den 94 Millionen, die ein Cristiano Ronaldo von Manchester United offenbar wert sein soll. Diese Summen sind nur ein weiterer Ausdruck dessen, was als gesellschaftlich anerkannt gilt. Der Glaube an das unbegrenzte Wachstum, stets nach der Prämisse höher, schneller, weiter und das Bestreben, die Konkurrenz nicht nur auf dem Platz sondern auf dem Markt auszuschalten, sind fest verankert in dieser Unterhaltungsindustrie. Diese Industrie geht auf in einer Dienstleistungsgesellschaft, die in ihrer Freizeit Zerstreuung und unreflektiertes Vergnügen sucht. Fußball spielt hierbei eine enorme Rolle. Er dient nicht nur als Zerstreuungsinstrument, sondern entwickelte sich in den vergangenen zwei Jahrzehnten zu einem Milliardengeschäft aus Marketing, Ticketing, Sponsoring, Werbung und Medien- bzw. Vermarktungsrechten.

Es gibt einige solcher Beispiele wie Perez, die auf privates Engagement von einigen Milliardenschweren Leuten zurückzuführen sind. Erste Vorboten der Finanzkrise lassen sich aber bereits erahnen. Bislang allerdings nur als Verluststatistik der Mäzene, Gönner oder Investoren, die im Fußball ihr Unwesen treiben. Diese verschiedenen Erscheinungsformen spielen eine große Rolle für die Entwicklung und den drohenden Niedergang der einzelnen Vereine.

Die Kommerzialisierung des Fußballs tritt hierbei zumeist in zwei Varianten auf. Vereine werden zum einen kapitalisiert, also zu richtigen Unterhaltungsunternehmen umstrukturiert, zum anderen lässt sich aber auch eine Feudalisierung erkennen, also die Übernahme von Vereinen durch reiche Einzelpersonen zu Zwecken des Prestiges und der Selbstinszenierung als Mäzen und Gönner. Beide Konstrukte stehen auf wackligen Beinen, da sie von der Finanzkraft derer abhängen, die ihr Geld geben. Damit treten das Verwertungsprinzip und Product Placement an die Stelle kultureller Partizipation und Artikulation. Sowohl bei der Kapitalisierung als auch bei der Feudalisierung geht es um die Komodifizierung des Fußballs. Während Verwertung als einziges Motiv kapitalistischer Investoren gilt, spielen bei der Feudalisierung jedoch noch andere Faktoren eine wichtige Rolle.

Beide Tendenzen lassen sich in fast allen europäischen Ländern erkennen. Wobei die Vereine, die in den letzten Jahren den internationalen Fußball maßgeblich geprägt haben, alle in der einen oder anderen Form von dieser Umstrukturierung betroffen waren. Manchester United, Liverpool FC, Chelsea London, Real Madrid, FC Barcelona, AC Mailand und noch viele andere haben sich entsprechend gewandelt. Es ist kaum möglich, einen der Vereine nur der Kapitalisierung oder der Feudalisierung zuzuschreiben. Vielmehr ist es eine Wechselwirkung beider Phänomene. Auch wenn sie nicht in einer Idealform auftauchen, so geben sie dennoch Auskunft über die strategische Ausrichtung der Vereine.

Die Kapitalisierung des Fußballs: Das Prinzip Glazer

Vereine wie Manchester United und Liverpool FC wurden zu Unterhaltungsunternehmen und zu international beliebten Marken. Beide wurden von amerikanischen Investoren aufgekauft. Sie dienen als eindrucksvolle Beispiele, in welcher Form Fußballvereine in den letzten Jahren einem Strukturwandel und damit auch einem Funktionswandel unterzogen wurden. Manchester United wird stets als Vorbild herangezogen, durch das zaudernden und zweifelnden Anhängern eine Übernahme durch einen „Big Player“ schmackhaft gemacht werden soll. Der Verein aus der Geburtsstadt des Industriekapitalismus ging bereits 1991 an die Börse. Seit dieser Zeit entwickelte sich Manchester zum profitabelsten Fußballkonzern der Welt. Das „Forbes Magazine“, das die Welt jährlich mit Reichstenlisten beglückt, führt Manchester United als reichsten und profitabelsten Verein der Welt. Auf einer Auflistung vom 8.4.2009, die auf der Homepage des Magazins einsehbar ist, erscheint Manchester mit einem Wert von 1,87 Milliarden US Dollar deutlich vor Real Madrid auf dem ersten Rang[1]. Ebenfalls auf der Liste erscheint eine Verschuldung des Gesamtkonzerns von 54 Prozent des Gesamtwerts. Der Fußballverein hat demnach über 900 Millionen US Dollar Schulden. Dieser Schuldenberg ist nicht einmal durch den Verkauf Cristiano Ronaldos zu kompensieren. Die Schuldendynamik englischer Vereine, insbesondere der beiden genannten, lassen sich zurückführen auf den Prozess der Übernahme der Vereine durch Investoren. Diese agieren streng nach rational scheinenden kapitalistischen Kriterien. Die Belastung des Stammkonzerns sollte demnach so gering gehalten werden wie möglich. Der neu erworbene Konzern dient der Ausbreitung und besseren Platzierung am Markt. Durch den Erwerb eines der größten und erfolgreichsten Vereine des europäischen Fußballs und die Etablierung eines „Global Brand“ lassen sich hohe Gewinne einstreichen. Der Grundstock der Schulden entstand aber faktisch zeitgleich mit der Zwangsentschädigung der letzten Kleinaktionäre des Fußballkonzerns. Diese wurde möglich, nachdem Malcom Glazer, ein 1928 geborener großer amerikanischer Sportunternehmer, 98 Prozent der Aktien erworben hatte und den Verein von der Börse nahm. Das aufgewendete Kapital – also der Kredit – wurde auf den Verein umgeschuldet. Der Verein hat also das Geld, das nötig war um alle Aktien zu kaufen und um in den Besitz der Familie Glazer zu gelangen, faktisch selbst bezahlt.

Dieses Verfahren ist auf der Insel jedoch nicht selten. Auf die gleiche Weise eigneten sich die ebenfalls aus den USA stammenden Unternehmer George Gillett und Tom Hicks den Liverpool FC an. Vor allem der Royal Bank of Scotland ist es zu verdanken, dass der erfolgreichste Club der englischen Fußballgeschichte nun das private Eigentum zweier Unternehmer ist. Der Liverpool FC ist nun in der bedauernswerten Situation, einer jener Banken Geld zu schulden, die im Verlauf der Finanzkrise unzählige Milliarden Pfund, Dollar und Euro verbrannt haben.

Obwohl die Kommerzialisierung von Fußballvereinen schon seit gut zwanzig Jahren besteht, stellt diese Entwicklung dennoch einen tiefen Einschnitt in die Bedeutung der Klubs dar. Die Vereine werden vollends zu Trägern von Profitinteressen. Ziel eines solchen Funktionswandels ist die Etablierung der Vereine als globale Marke mit Wiedererkennungswert auf der ganzen Welt. Neue Märkte werden erschlossen. Insbesondere der Ostasiatische Markt gilt als Eldorado für Vermarktungsrechte und Lizenzen. Das Anwachsen der Gehälter und der Ablösesummen ist eingebettet in eine Konzernstrategie, die talentierte Kicker wie David Beckham und Co. zu Werbeikonen macht. Der Profit dieser Art von Investoren geht vor allem aus dem Handel mit Fernsehrechten, Vermarktungsrechten und Marketing hervor. Es ist kaum zu ermitteln, welche Anhänger für die Vereine Manchester United und Liverpool FC wichtiger sind. Diejenigen, die jede Woche ins Stadion gehen, jene, die in Asien eine stetig wachsende Fangemeinde bilden oder solche, die in großen Büros sitzen und statt Gas oder Kohle Banknoten zum heizen benutzen.

Eines der Antrittsgeschenke Malcom Glazers war es, neben der Schuldenlast auch AIG als Sponsor mit in den Nordwesten Englands zu bringen. Nach dem Absprung der Vodafone Gruppe als Hauptsponsor wurde der mittlerweile vom amerikanischen Steuerzahler künstlich am Leben gehaltene Versicherungsriese auf die Vorderseite der Trikots gedruckt. Aufgrund der Entwicklungen der letzten Monate hat AIG allerdings davon Abstand genommen, den bis 2011 laufenden Vertrag zu verlängern. Aon ist der Name des neusten Coups der Glazer-Dynastie. Aon ist wie AIG ein Versicherungsunternehmen, das in Chicago beheimatet ist und Manchester United ab 2011 kräftig unter die Arme greifen wird. 25 Millionen Pfund sollen es sein. So viel ist die Brust des englischen Meisters dem auf Risikomanagement spezialisierten Konzern wert[2]. Es ist davon auszugehen, dass dieser Vertrag für längere Zeit der letzte seiner Art gewesen sein wird. Wenn es auf das Überleben der großen Konzerne ankommt, kann kaum jemand erwarten, dass diese das Wohl eines Fußballvereins berücksichtigen. Wieso sollten sie auch, schließlich sind diese Vereine nichts anderes mehr als Teile riesiger Holdings, die mit Sport genauso ihr Geld verdienen wollen wie mit Lebensmitteln, Arzneien oder Waffen. Diese Kapitalisierung von Kulturinstitutionen – nichts anderes sind Fußballvereine – wurde jahrelang bejubelt, gefordert und als notwendig beschrieben, um im internationalen Wettbewerb bestehen zu können.

Ein anschauliches Beispiel wie schnell es um die blanke Existenz gehen kann ist West Ham United. 1895 im Osten Londons gegründet, zählt West Ham United zu den bedeutsamsten Fußballvereinen der britischen Insel. Am 21. November 2006 kaufte Bjorgolfur Gudmundsson den Verein. Die 85 Millionen Pfund, die dafür aufgebracht werden mussten, scheinen wenig gegenüber den Summen, die für Manchester, Liverpool oder Chelsea London den Besitzer wechselten. Gudmundsson war Vorsitzender und Hauptaktionär der isländischen Landsbanki. Vor der Finanzkrise war diese Bank die größte Islands und verdiente ihr Geld mit Finanzgeschäften aller Art. Seit der Finanzkrise hängt die Bank am Tropf. Der isländische Staat hat sie verstaatlicht. Als logische Konsequenz wurde Gudmundsson verklagt und von einem isländischen Gericht dazu verurteilt, der Straumur Bank – seinem größten Gläubiger – 100 Millionen Pfund zu zahlen. Die Straumur Bank ist selbst auch nicht verschont geblieben von der globalen Jagd nach der Rendite. Sie wurde ebenfalls verstaatlicht und umstrukturiert. Dieses Staatsunternehmen gründete mit anderen Gläubigern Gudmundssons die CB Holding. An diesem Punkt kommt die Werkself aus Ost-London wieder ins Spiel. Weil Gudmundsson nicht in der Lage, war die 100 Millionen Pfund aufzubringen, ging der Verein in den Besitz der CB Holding über[3]. Nachfolger Gudmundssons als Vorstandsvorsitzender und mächtigster Mann im Klub wurde Andrew Bernhardt. Bernhardt ist Manager bei der Straumur Bank, mit dem Schwerpunkt Schuldenberatung[4]. Der isländische Staat, der wegen drohender Zahlungsunfähigkeit einige Male in die Presse kam, stellt jetzt den Chef eines Vereins in einem anderen Land. Fraglich ist, ob dieses Szenario bereits vor der Verstaatlichung der Banken bekannt und geplant war. Fraglich scheint auch, ob es die isländische Bevölkerung sehr beglücken wird, wenn ihre Steuergelder zum Kauf neuer Spieler verwendet werden.

In den zurückliegenden Monaten, in denen die Eigentumsverhältnisse West Hams ein ungelöstes Rätsel waren, gab es berechtigte Zweifel, ob der Verein überhaupt am Leben bleiben kann. Nun, so der neue Vorstandsvorsitzende, will der Klub in neue Spieler investieren und das vorhandene spielerische Potential ausschöpfen. Dies wird auf der Homepage des Vereins verkündet[5]. Es scheint so, als hätten diejenigen, deren verantwortungsloses Gezocke fast dem Verein den Stecker gezogen hätte, nichts aus den Problemen der Vergangenheit gelernt. Dieser Trend lässt sich auch bei all den anderen Klubs erahnen. Längst wird spekuliert, wer beim finanziell angeschlagenen Rekordmeister Liverpool FC in die Bresche springen wird. Vielleicht ein indischer Milliardär oder doch ein arabisches Konsortium. Wenn die Klubs nicht mehr rentabel sind oder sich ihre Besitzer eingestanden haben, dass Fußball nicht geeignet ist, in einigen Monaten Milliardengewinne zu erwirtschaften, werden die Vereine an den nächsten höchstbietenden verscherbelt. Das Fußballgeschäft ist ein Phänomen internationaler Blasenbildung, das zugrunde geht, wenn die Blase platzt.

Die Feudalisierung des Fußballs: Das Prinzip Berlusconi

Die Kapitalisierung von Vereinen ist eine Form des Struktur- und Funktionswandels des europäischen Fußballs. Während sie über die englische Premier League auch auf andere Ligen ausstrahlt und sich auch in Deutschland Befürworter dieser Entwicklung finden lassen, ist die Feudalisierung eine Facette des Fußballkommerzes, die in fast allen Ländern zu finden ist. Dieses Phänomen lässt sich weniger an den institutionellen Rollen der jeweiligen Protagonisten festmachen, als an ihrer Selbstdarstellung und Rolle die ihnen zukommt. Es können Präsidenten, Hauptaktionäre oder schlicht Privatmenschen sein. Hierin besteht ein Hauptunterschied zu der weiter oben beschriebenen Kapitalisierung, die eng an den kapitalistischen Eigentumsbegriff geknüpft ist. Teilweise definieren sich Mäzene gerade gegen Investoren, die am schnellen Geld Gefallen haben. Es sei ein Engagement aus Leidenschaft, aus Verbundenheit zur Region oder aus Dankbarkeit den Menschen gegenüber. Die Herren belohnen also den Pöbel mit neuen Spielen.

Der neueste Stern an diesem Firmament ist ein alt bekannter. Florentino Perez, der vor wenigen Wochen seine zweite Amtszeit bei Real Madrid antrat. Er ging bislang in die Geschichte des Vereins ein als Sanierer, Erneuerer und schließlich als Big Spender. Während seiner ersten Präsidentschaft kaufte er Größen wie Zinedine Zidane, Luis Figo und David Beckham. Diese Einkäufe hatten mehrere Beweggründe. Zum einen wollte er sich ein sportliches Denkmal setzen und sich bei den Anhängern beliebt machen. Zum anderen beförderte vor allem der Beckham-Transfer Real Madrid in neue Vermarktungsdimensionen. Dieser eröffnete Perez den Weg nach Asien, da Beckham seit der WM 2002 in Japan und Südkorea der beliebteste europäische Sportler war.

Real Madrid ist kein börsennotiertes Unternehmen. Es ist ein Fußballverein. Demzufolge kann man diesen Klub weder einem Privatmann noch einem Hauptaktionär einfach abkaufen. Um Präsident des spanischen Rekordmeisters zu werden, muss man von den Mitgliedern gewählt werden. Nun kann sich zwar jeder zur Wahl aufstellen lassen, aber eine gleiche, freie Wahl scheint es dennoch nicht zu sein. Vielmehr gibt es einige Parallelen zu amerikanischen Präsidentschaftswahlen. Der Kandidat muss zum einen alle Kosten des Wahlkampfes tragen und zum anderen Bürgschaften nachweisen und seine Solvenz belegen. Florentino Perez ist ohne Gegenkandidat zum Präsidenten gewählt worden, weil sich kein zweiter finden ließ, der bereit war, 54,7 Millionen Euro als Sicherheit anzugeben[6]. Darüber hinaus ist es Tradition, dass während des Wahlkampfes irrsinnige Summen zur Verfügung gestellt werden, um neue Spieler zu kaufen. Kaka und Cristiano Ronaldo reihen sich als neueste Geschenke an die Fans ein in eine endlose Liste eingelöster Wahlversprechen. Perez wird nicht einmal gezwungen in die eigene Tasche zu greifen, um all diese perfekt rasierten Schwiegermütterträume unter Vertrag zu nehmen. Diese Unsummen amortisieren sich durch Werbeverträge, die jeder Beschreibung spotten. Eine der Haupteinnahmequellen des Vereins ist die Vermarktung von Spielern. Ob für Videospiele, Sportartikelhersteller oder Rasierer spielt keine Rolle. Der Klub sichert sich mit der Unterschrift der Spieler das Recht der vollständigen Vermarktung seiner Angestellten. Auch hier zeigt sich, dass der Ablösewahn gänzlich das Resultat spekulativer Investitionen ist. Mit dem Gesicht eines Fußballers soll in jeder Lebenslage Geld verdient werden. Gerade dies macht ihn so interessant für Werbeagenten, Kampagnen und Produktpräsentationen, die wahrlich nichts mit Fußball zu tun haben. Sobald das Werbeinteresse wegbricht, wird Real Madrid in existenzbedrohende Zahlungsschwierigkeiten kommen.

Dass diese Ablösesummen zu einer Zeit kommen, in der gerade die strukturschwachen Regionen Spaniens unter der Wirtschaftskrise leiden, ist bemerkenswert. Für Brot scheint es in Kastilien nicht immer zu reichen, aber die Spiele dürfen nicht vergessen werden. Ob dies von Perez kalkuliert war sei dahingestellt, die Wirkungen sind dennoch nicht von der Hand zu weisen. Es ist Zerstreuung, und Real Madrid ist ein willkommenes Instrument. Je stärker die sogenannte Realwirtschaft unter den Folgen der Finanzjongleure leidet, desto besser muss die Unterhaltungsindustrie laufen.

Perez ist allerdings nicht der einzige Zirkusdirektor in der Manege. Ein Feudalherr, der es wie kein anderer versteht, Politik zu Unterhaltung verkommen zu lassen, ist Silvio Berlusconi. Untrennbar verklebt mit dem AC Mailand sitzt er wie die Spinne im Netz. Der Patron eines der größten und beliebtesten Vereine Italiens geriert sich nur zu gerne als Schutzheiliger. Der selbsternannte „Jesus Christus der Politik“ [7] wurde 1986 Präsident des Vereins. Seither ist der Verein Teil des von ihm 1961 aus der Taufe gehobenen Unternehmens Fininvest. Diese hält 100 Prozent der Anteile[8]. Fininvest ist ein Familienunternehmen, das nicht direkt von Silvio Berlusconi kontrolliert wird. Seine Tochter Marina Berlusconi ist Vorstandsvorsitzende und verfügt somit nominell über die Anteile des Fußballklubs. Weder Fininvest noch der AC Mailand werden von Silvio Berlusconi persönlich geführt. Dies geht auf ein Gesetz zurück, das 2004 vom italienischen Parlament verabschiedet wurde. Das Gesetz bestimmt, dass ein Regierungsmitglied nicht Vorsitzender eines Unternehmens sein kann; gleichwohl steht es den Ministern und dem Ministerpräsidenten jedoch frei, Unternehmen zu besitzen[9]. In Zahlen ist kaum zu erfassen, was der AC Mailand Silvio Berlusconi bedeutet. Der Verein wird zur Projektionsfläche seiner Politik. Wenn Berlusconi erfolgreich ist, ist auch der AC Mailand erfolgreich. Diese Faustregel lässt sich zwar nicht bei jedem Spiel erkennen, aber der Aufstieg des Mailänder Nobelklubs ist eng verbunden mit der Medienmacht und der politischen Macht der Familie Berlusconi. Der AC ist wie Real Madrid ein Instrument der Zerstreuung. So wie Berlusconi es versteht, Wirtschaftskrisen mit Sexskandalen zu überdecken, so versteht er es auch, sich als Macher zu profilieren. Nichts ist dazu im Fußball-verrückten Italien so gut geeignet wie ein Verein, der Erfolg hat. Immer wieder werden Spielertransfers zur Chefsache erklärt. Es werden Treueschwüre an jene geleistet, die dem Verein durch besondere Leistungen verbunden sind. So wird das Bild einer großen Familie erzeugt, das das Fußballmagazin „11 Freunde“ so beschreibt: „Vor 20 Jahren wurde Silvio Berlusconis AC Mailand zum ersten bösen Superklub. Heute sieht das ganz anders aus. Milan ist eine kuschelige Großfamilie, in der auch betagte Profis ihr Auskommen haben, wenn sie über die richtigen Beziehungen verfügen.“ [10] Der Vater dieser Familie ist Silvio Berlusconi.

Weder bei Real Madrid noch beim AC Mailand geht es vorrangig um die Maximierung des Profits. Sicherlich spielen Bilanzen und Umsätze eine gewisse Rolle, aber wenn nötig werden diese ignoriert oder durch unüberschaubare Geldströme ausgeglichen. Zu allererst sind solche Vereine Bühnen, auf denen die Güte und Nächstenliebe derer gezeigt werden, die sie beherrschen. Sie dienen der Legitimation der handelnden Akteure. Das politische Handeln eines Perez, der seine politische Karriere 1973 als Generaldirektor der spanischen Vereinigung für das Straßenwesen während der Franco-Ära begann, oder eines Berlusconi, wird durch die Entwicklung des Fußballs verschönert, geschwärzt und aufpoliert. Die Grenzen scheinen zu verwischen und kaum ist noch Politik, Fußball, Unterhaltung und Kapitalismus zu unterscheiden. Da erscheint es auch nicht mehr verwunderlich, dass wütende AC Mailand Anhänger gegen den Verkauf Kakas an Real Madrid protestierten und einen Aufruf starteten, bei der Europawahl Kaka zu wählen[11].

Die Feudalisierung von Vereinen dient allerdings nicht notwendigerweise der Verbesserung der gesellschaftlichen Reputation. Andere Beispiele zeigen auch, dass es einfach ein Hobby sein kann. Die eine Form setzt regionale Verbundenheit voraus. Perez ist aus Madrid, Berlusconi ist aus Mailand. Würde Silvio Berlusconi anstelle des AC Mailands den Hamburger SV besitzen, hätte es nur geringe Auswirkungen auf die italienische Öffentlichkeit. Weder die Kapitalisierung noch andere Formen der Feudalisierung benötigen diese regionale Rückkopplung.

Das wohl berühmteste Beispiel hierfür ist Roman Abramowitsch. Der ehemalige Gouverneur Tschukotkas, der östlichsten Provinz Russlands, ist ein Fußballfan. Das reichte um einen Klub zu kaufen. Es wird immer wieder kolportiert, dass der FC Chelsea London von ihm eher aus einem Zufall heraus gekauft wurde. 2003 standen einige Vereine der englischen Premier League zum Verkauf. Manchester United war ihm allerdings zu teuer. Bereits hier zeigt sich, wie willkürlich über die Zukunft von Vereinen entschieden wurde und noch immer wird. Am 1. Juli 2003 kaufte er den Verein aus dem Londoner Nobelviertel Chelsea für 210 Millionen Euro[12]. Eine recht bescheidene Summe, verglichen mit seinem damaligen Kontostand. Noch im Jahre 2008 führte das „Forbes Magazine“ ihn an fünfzehnter Stelle auf der Liste der reichsten Männer der Welt[13]. Auf 23,5 Milliarden US Dollar wurde sein damaliges Vermögen geschätzt. Also genug, um 760 Millionen Euro in neue Spieler und Gehälter zu investieren. Seit der Verein von Abramowitsch aufgekauft wurde, hat sich sein Wert mehr als verdreifacht: 800 Millionen US Dollar. Dem steht allerdings eine ebenso hohe Verschuldung gegenüber. Der Schlachtruf der Chelsea-Anhänger „We are fucking loaded“, was soviel besagt wie “wir sind steinreich“, kann angesichts der aktuellen Entwicklung wahrlich hinterfragt werden. Ihr Gönner ist nämlich eines der „Opfer“ der Finanzkrise, die so unerwartet dem frohen Treiben ein Ende bereitet hat. Sein Vermögen sank nach „Forbes“ auf 8,5 Milliarden US Dollar[14].

Sicherlich wird es Chelsea nicht so ergehen wie West Ham United, aber dennoch ist die Zukunft offen. Sie bleibt es auch, solange das Schicksal der Vereine und damit eines ganzen Kulturzweiges von willkürlichen Entscheidungen einzelner Menschen abhängt.

Der Unterschied zwischen Perez und Berlusconi auf der einen und Abramowitsch auf der anderen Seite ist deutlich zu sehen. Die zwei erstgenannten brauchen den Verein für ihre Legitimation. Abramowitsch braucht Chelsea nicht. Es gibt weder eine ökonomische noch eine politische Verwendung für ihn. Er hat den Verein gekauft, weil er es kann. Das ist sein einziger Beweggrund.

Investoren und Fans

Die Beliebtheit der jeweiligen Protagonisten ist bemerkenswert. Während die Anhänger von Manchester United und von Liverpool FC die Investoren scheuen wie der Teufel das Weihwasser, sind Perez, Berlusconi und Abramowitsch bei den Anhängern ihrer Vereine durchaus beliebt. Diese Ablehnung auf der einen Seite kann unterschiedliche Gründe haben. Zum einen ist sicher das Milieu der Vereine aus dem Nordwesten Englands zu betrachten. Beide sind in der Wahrnehmung der Anhänger Arbeitervereine. Beide im ausgehenden 19. Jahrhundert gegründet, wurden sie zur kulturellen Anlaufstelle für Proletarier der Region. Dieses Selbstbewusstsein führt sicher zu einer tiefsitzenden Skepsis gegenüber Investoren. AC Mailand und der FC Chelsea London hingegen sind bürgerliche Vereine, mit einem anderen Selbstbild. Real Madrid ist der Königsverein und der Verein des Diktators Franco. In diesem Licht will der Klub gesehen werden. Es ist keine Vergangenheit, die zur Reflexion und zur Aufarbeitung auffordert. Vielmehr ist sie stolz und ruhmreich. Die Akzeptanz der Fans hängt also zum einen von ihrem Selbstverständnis ab, zum anderen lassen sich aber Verbindungen der unterschiedlichen Kommerzialisierungsformen mit der Beliebtheit der Klubführung erkennen. Die Feudalisierung wird so wahrgenommen, wie sie sich selber sieht. Als Dienst, als demütige Ehrerweisung gegenüber einer größeren Sache. Die Instrumentalisierung geschieht subtil. Die Vereinnahmung der Massen vollzieht sich gerade durch das Ausgeben von Geld, das nicht nur durch kapitalistische Logiken zu greifen ist. Generosität und Mäzenatentum als Legitimation der Autorität und Verschleierung der Instrumentalisierung, das ist das Hauptmerkmal der Feudalisierung.

Die Kapitalisierung kennt dieses Mittel nicht. Sie erscheint rational. Sie ist die Anwendung der heute herrschenden Prinzipien der neoliberalen Hegemonie auf den Fußball. Keine Form der Vertuschung wird benötigt. Es geht hierbei auch weniger um die Aufrechterhaltung der eigenen politischen Machtbasis. Der Profit ist das einzige Motiv des Handelns. Betriebswirtschaftliche Rentabilität zerstört die Identitäten im Fußball genauso, wie die Erschaffung einer Überidentität, die in blinden Führerglauben umschlägt.

Beide Varianten sind Formen der Enteignung derer, die mit den Vereinen verbunden sind. Unabhängig davon, ob sie Mitglieder, Angestellte oder Anhänger sind. Dieser Kommerzialisierung zu begegnen ist eine ungelöste Aufgabe einer alternativen Fußballkultur, die in England ihren Ausgangspunkt hat. Fanprojekte, Non-Profit Unternehmen mit demokratischer Selbstverwaltung, die ihre Aufgabe darin sehen, für die Menschen eine kulturelle Anlaufstelle zu sein, erfreuen sich wachsender Beliebtheit. Der FC United of Manchester[15] und der AFC Liverpool[16] sind bedeutende Projekte, die den Fußball wieder eingliedern in sein soziales Milieu. Sie protestieren gegen die gesamte Entwicklung im englischen Fußball: Die Ausgrenzung von Armen, Alten und Jugendlichen, die sich keine Eintrittskarten mehr leisten können, da die Preise sukzessive ansteigen. Die Gefährdung von Arbeitsplätzen durch das plötzliche Abspringen eines Investors. Und sie protestieren gegen das Gefühl der Machtlosigkeit. Nicht zufällig wirbt der FC United of Manchester mit dem Slogan „This club is your club“ und „FC United is owned by its members“[17].In der Präambel des AFC Liverpool heißt es: “AFC Liverpool is a new independent football club owned by Liverpool fans and run by Liverpool fans where everyone can buy into it and get an equal vote. A genuine grassroots, not for profit football club.” [18]

Sicherlich sind solche Projekte noch die Ausnahme und die Akzeptanz der Investoren ist weiterhin relativ hoch, aber dennoch geben solche alternativen Klubs dem Protest gegen die Kommerzialisierung ein Gesicht.

Eine grundlegende Veränderung des Fußballgeschäfts kann allerdings nicht aus diesem Protest hervorgehen. Es benötigt alternative Gesellschaftsprojekte, in deren Schatten auch die Fußballkultur erneuert wird. Zurzeit ist aber eher zu befürchten, dass einige Vereine der Finanz- und Wirtschaftskrise nicht gewachsen sein werden. Manche werden vielleicht an den nächsten Investor weiter verkauft. Es ist auch davon auszugehen, dass Real Madrid, der AC Mailand und noch viele andere Vereine weiterhin als Instrument anderer Interessen dienen werden. Was dabei nur verwundert, ist dass sich fast alle Beteiligten in diesen Verhältnissen wohlfühlen.

[1] http://www.forbes.com/lists/2009/34/soccer-values-09_Soccer-Team-Valuations_Rank.html

[2] http://www.faz.net/s/RubFB1F9CD53135470AA600A7D04B278528/ Doc~EEEE0BAF9317647E894FD45D22DAFA08D~ATpl~Ecommon~Scontent.html

[3] http://www.straumur.com/en/Information-for-creditors/Older-press-releases/News/

[4] ttp://www.straumur.com/en/Information-for-creditors/Older-press-releases/Press-archive/Andrew-Bernhardt-appointed-Managing-Director-of-Straumurs-Debt-Finance-Division/

[5] http://www.whufc.com/page/News/0,,12562~1691338,00.html

[6] http://www.sport1.de/de/fussball/fus_international/fussball_international_primera_division artikel_13096.html

[7] https://www.berlinonline.de/berliner-zeitung/archiv/.bin/dump.fcgi/2006/0408/politik/0018/index.html

[8] http://www.fininvest.it/_eng/gruppo/struttura.shtml

[9] http://www.handelsblatt.com/archiv/berlusconi-nicht-mehr-praesident-des-ac-mailand;840063

[10] http://www.11freunde.de/international/112994

[11] http://www.11freunde.de/newsticker/120653/wuetende_milan-fans_stimmen_bei_europa-wahl_fuer_kaka

[12] http://www.stern.de/politik/ausland/521042.html

[13] http://www.forbes.com/lists/2008/10/billionaires08_Roman-Abramovich_DG3G.html

[14] ttp://www.forbes.com/lists/2009/10/billionaires-2009-richest-people_The-Worlds-Billionaires_Rank_3.html

[15] http://www.fc-utd.co.uk/

[16] http://afcliverpool.org.uk/go/

[17] http://www.fc-utd.co.uk/story.php?story_id=2284

[18] http://afcliverpool.org.uk/go/about

Dieser Artikel ist erschienen in Z. Nr. 79, September 2009