Z. Zeitschrift Marxistische Erneuerung Nr. 112, Dezember 2017 - http://zeitschrift-marxistische-erneuerung.de/topic/139.ausgabe-112-dezember-2017.html

Kritik des Mythos „Sexarbeit"

Anmerkungen zum gleichnamigen Buch von Katharina Sass u.a.

Lothar Peter

[1]

1. Die abolitionistische Position

Der linke Mainstream in Deutschland scheint immer noch der Meinung zu sein, dass Prostitution eine „normale“ Erwerbsarbeit ist oder es doch werden sollte, Prostitution Ausdruck „selbstbestimmter Sexualität“ sei und Prostituierte ihre „Dienste“ freiwillig anbieten. Bei dieser Sichtweise fällt zunächst auf, dass die so genannten „Freier“ und ihr Handeln gar nicht in den Blick geraten, so als gäbe es sie überhaupt nicht. Der Fokus liegt ausschließlich auf den sich prostituierenden Frauen, deren soziale und gesundheitliche Situation man zwar verbessern will, ohne allerdings zu fragen, ob Prostitution nicht grundsätzlich mit Menschenwürde unvereinbar ist und deshalb abgeschafft werden muss.

Inzwischen wächst aber innerhalb der deutschen Linken eine Strömung, die diese Frage stellt und sie auch unmissverständlich beantwortet.

Zu ihr gehört Katharina Sass, Herausgeberin von „Mythos Sexarbeit“. Gemeinsam mit anderen Autorinnen (und gelegentlich auch Autoren) trägt sie Argumente für „den abolitionistischen Standpunkt“ (10) vor, also für die Position, die Prostitution nicht nur „reformieren“, sondern abschaffen will. In ihrem Einleitungsbeitrag gibt Sass einen Überblick über unterschiedliche Verständnisse von Prostitution (ein radikal sozialistisch-feministisches, ein konservatives und ein liberales Verständnis), skizziert das „schwedische“ bzw. „nordische Modell“, das „Freier“ unter Strafe stellt, aber Prostituierte als Opfer patriarchaler Gewaltverhältnisse anerkennt, die gesellschaftlicher Solidarität und Unterstützung bedürfen, um aus ihrer elenden Situation herauszukommen. Es geht also nicht nur um die – allerdings notwendige – Pönalisierung der „Freier“ als Akteure und Profiteure sexueller Unterdrückung und Ausbeutung, sondern ausdrücklich auch, wie Sass schreibt, um soziale und rechtliche Sicherheit der Prostituierten: „All diese Maßnahmen zusammengenommen stellen das abolitionistische Politikpaket dar.“ (15) In ihren Beitrag werden längere Auszüge aus dem norwegischen Evaluationsbericht 2014 über die Entwicklung der Prostitution nach Einführung des neuen Gesetzes eingeblendet. Dieser Bericht ist durchaus nicht euphorisch, zieht aber die Schlussfolgerung, dass das Sexkaufgesetz immerhin „zu weniger Prostitution, weniger Prostituierten, weniger Hintermännern, einem verringerten Angebot und einer verringerten Nachfrage beigetragen hat“ (25). Allein das ist zwar nur ein bescheidener, aber doch beachtlicher Fortschritt.

In einem zweiten Beitrag befasst sich die Herausgeberin mit einem Thema, das bei der Diskussion über Prostitution bezeichnenderweise wenig Beachtung findet. Es geht hier nämlich um die Motive der Täter, also um die Männer, die Prostituierte kaufen. Sass zitiert nicht nur wörtliche Äußerungen, die an Widerwärtigkeit und Brutalität nicht zu überbieten sind, sondern stellt, gestützt auf entsprechende Literatur, auch empirische Befunde vor. So fallen „Sexkäufer“ durch ausgeprägt aggressive Einstellungen zu Frauen auf („hostile masculinity“). Sie nehmen Prostituierte nicht als Menschen, sondern nur als Objekte schrankenloser patriarchaler Verfügungsgewalt wahr und betrachten ihr eigenes Handeln als gesellschaftlich akzeptiertes unbedenkliches Konsumverhalten (48). In diesem Zusammenhang setzt sie sich auch mit Udo Gerheim, einem der wenigen empirisch forschenden deutschen Autoren, auseinander, der zwar gelegentlich „patriarchale Frauenverachtung“ von „Freiern“ einräumt, aber trotzdem dazu neigt, deren Motive und Verhaltensweisen zu verharmlosen, indem er ihnen Verständnis entgegenbringt. Zu Recht kritisiert Sass, dass Gerheim sexuelle Gewalttätigkeit der „Freier“ hinter der beschönigenden und relativierenden Behauptung verschwinden lasse, dass Sexkäufer mit Prostituierten nicht immer „respektlos, entwürdigend, grob oder unhöflich“ (56) umgingen. Es sei deshalb kaum verwunderlich, dass Gerheim Prostitution nicht prinzipiell als Ausbeutung und Gewalt verurteile, sondern letztlich sogar zu ihrer Legitimierung beitrage (57).

2. Prostitution und Traumata

Wie die an ihnen verübte Gewalt von den Betroffenen erfahren und erlitten wird, beschreibt die Psychotherapeutin Ingeborg Kraus, die seit mehreren Jahren auch häufig Prostituierte behandelt, in ihrem Beitrag „Trauma als Voraussetzung und Folge von Prostituierung“. Sie entlarvt die Unterscheidung zwischen angeblich „schlechter“ und „guter Prostitution“ als Fiktion eines Denkens, das, ob es das will oder nicht, der Beibehaltung von Prostitution das Wort redet. Aus ihrer Praxis weiß sie nämlich , dass auch so genannte „freiwillige Prostituierte“ sehr oft schon während ihrer Kindheit und Jugend Opfer sexueller Gewalt geworden sind, eine Feststellung, die durch zahlreiche Untersuchungen wie zum Beispiel des Ministeriums für Familie 2004 und andere Erhebungen bestätigt wird. Nach einem kritischen Rekurs auf Sigmund Freud, der seine ursprüngliche Erkenntnis, dass „Hysterie“ auf sexuelle Gewalterfahrung zurückgeht, später absurderweise in den weiblichen Wunsch nach Vergewaltigung umgedeutet habe (64 f.), arbeitet Kraus die wesentlichen Aspekte von Traumastörungen heraus und bezieht sie auf ihre eigene therapeutische Arbeit. Verinnerlichung der Stereotype der männlichen Täter („Täterintrojekte“), die Illusion der Kontrolle über die erlebte Situation extremer Hilflosigkeit („Reinszenierung“), die psychische Abspaltung von Scham, Ekel und Selbstverachtung („Dissoziation“) und die Gefahr, dass sich sexuelle Gewalterfahrung jederzeit und ohne seelische Abwehrmöglichkeit wiederholen kann („traumatisiertes Gedächtnis“), kennzeichnen wesentliche Aspekte der therapeutischen Arbeit von Kraus. Wie fließend der Übergang zwischen „guter“ und „schlechter Prostitution“ in Deutschland ist, macht sie am Schluss ihres Beitrags an mehreren Beispielen deutlich. So wirbt ein offizieller Tourismus-Führer von München für mindestens fünf Bordelle (82).

3. Umrisse einer weltweiten Bewegung

Welche Bewegungen und Organisationen sich international für Abschaffung der Prostitution engagieren, erfährt man in dem informativen Artikel von Manuela Schon (87-104). Sie zeigt, dass – im Unterschied zu Deutschland – in vielen Ländern gerade linke politische Akteure, darunter auch Gewerkschaften, zu den Vorkämpfern des Abolitionismus gehören. Und wer weiß hierzulande schon, dass das „schwedische Modell“ inzwischen unter anderem auch in Frankreich übernommen wurde, wo zahlreiche Abgeordnete der Sozialistischen Partei und die Fraktion der linken „Front de gauche“ 2016 (jetzt „La France insoumise“ und Kommunistische Partei) ein entsprechendes Gesetz verabschiedeten, das die Autorin „in Bezug auf Sprache und beschlossene Maßnahmen als vorbildlich“ (99) bezeichnet. Angesichts der weltweiten abolitionistischen Bewegungen, die in ihrem Kampf gegen Menschenhandel, Ausbeutung und Gewalt an Prostituierten antikapitalistische, feministische und antirassistische Ziele mit einander verbinden, müsse sich, so Manuela Schon, die politische Linke in Deutschland fragen, ob sie auf der Seite der „Ausbeuter oder der Unterdrückten“ (104) stehen wolle. Marie Merklinger hat in ihrem „Erfahrungsbericht einer Prostitutionsüberlebenden“ (105-110) diese Frage eindeutig beantwortet, indem sie sich nach schrecklichen Erlebnissen aus der Prostitution löste und seitdem für deren Abschaffung einsetzt.

3. Eine Auseinandersetzung innerhalb der deutschen Linken

Der dokumentarische Teil des Buches (111-159) enthält zunächst eine Kontroverse zwischen den UnterzeichnerInnen des Aufrufs „Linke für eine Welt ohne Prostitution“ (den mann/frau im Internet mit unterzeichnen kann) und der Stellungnahme einer Gruppe von Bundestagsabgeordneten und anderen FunktionsträgerInnen der Partei „Die Linke“, die sich unter dem Titel „Gegen Kapitalismus und Patriarchat – Für sexuelle Selbstbestimmung!“ (im Folgenden M. Birkwald u.a.) gegen den „Aufruf“ wendet. Auf diese Stellungnahme antworten Ingrid Aigner, Katharina Sass, Paul Oehlke u.a. wiederum mit einer Kritik an „12 Mythen über Prostitution und Sexkaufverbot“ (118-134). Es handelt sich um eine in allen Punkten überzeugende Argumentation gegen die BefürworterInnen von Prostitution als „Sexarbeit“ und „selbstbestimmte Sexualität“. Welches sind einige der Hauptpunkte? Die These von M. Birkwald u.a., dass es eine Welt ohne Prostitution nicht geben könne und es diese schon immer gegeben habe, widerlegen Ingrid Aigner u.a., indem sie einerseits auf die reale Existenz des „schwedischen Modells“ verweisen und andererseits betonen, dass die normative politische und rechtliche Ächtung bestimmter Verbrechen nicht automatisch deren Verschwinden bedeute. Dennoch komme niemand auf die Idee, die rechtliche Ahndung von Mord und Vergewaltigung deshalb aufzugeben, weil zukünftig zweifellos leider wieder Fälle von Mord und Vergewaltigung vorkommen werden. Die entscheidende Frage ist also, ob man Prostitution, ihre Ursachen, Täter und Komplizen als gesellschaftliches Gewaltverhältnis bekämpft, um sie zu überwinden, und nicht, ob sie schlagartig über Nacht vollständig verschwindet. Die Einwände von Ingrid Aigner u.a. kann man weiterhin durch die Feststellung unterbauen, dass Patriarchat und mithin Prostitution durchaus nicht vom Anfang menschlicher Vergesellschaftung an existierten, was schon bei Friedrich Engels in „Ursprung der Familie...“ nachzulesen ist. Außerdem wäre es doch interessant, von M. Birkwald u.a. zu erfahren, ob sie als Sozialisten der Meinung sind, dass ebenso wie angeblich Prostitution auch Kapitalismus niemals aus der Welt geschafft werden könne. Gegen die Auffassung, Prostitution müsse als „normale“ Erwerbsarbeit anerkannt werden, führen Ingrid Aigner u.a. bedrückende Belege für hemmungslose Gewalt und Ausbeutung im Prostitutionsmilieu an, die das Attribut „normal“ in diesem Zusammenhang als zynische Rechtfertigung erscheinen lässt. Auch hier wäre die Frage hinzu zu fügen, warum diejenigen, die so denken wie M. Birkwald u.a. nicht konsequenterweise auch gleich mitfordern, Prostitution als regulären Ausbildungsberuf einzuführen. Dass es bei Prostitution um alles andere geht als „sexuelle Freiheit und Selbstbestimmung“, begründen Ingrid Aigner u.a. einleuchtend sowohl mit einer extrem frauenfeindlichen, verdinglichten und aggressiven Einstellung der „Freier“ als auch damit, dass Prostituierte, wenn sie sich verkaufen (müssen), keine Lust empfinden, sich vor den „Freiern“ ekeln, Angst vor ihnen haben und die von ihnen geforderten Sexualpraktiken möglichst abkürzen (127). Diese Argumentation lässt sich durch den Hinweis ergänzen, dass die Annahme, „selbstbestimmter Sexualität“ von Prostituierten auf einem durch und durch liberalen bürgerlichen Freiheitsbegriff beruht, der von den konkreten gesellschaftlichen Bedingungen individuellen Handelns vollständig abstrahiert.

4. Aktivitäten für eine Welt ohne Prostitution

An die Kritik an den linken FürsprecherInnen der Prostitution schließen sich konkrete Überlegungen der Initiative „Linke für eine Welt ohne Prostitution“ zum neuen Prostitutionsgesetz von 2016 an, die auf die gravierenden Mängel dieses Gesetzes aufmerksam machen, aber auch daran erinnern, dass die Bundestagsfraktion der Linken – im Gegensatz zu ihren parlamentarischen KollegInnen in Schweden, Norwegen und Frankreich – durch ihre grundsätzliche Legitimierung von Prostitution den fatalen gesetzlichen Status quo mit zu verantworten hat.

Das Buch schließt mit zwei Dokumenten ab. Es handelt es sich erstens um den französischen Aufruf von Männern gegen Prostitution (2011), der Prostitution als einen zur Gleichheit der Geschlechter in eklatantem Widerspruch stehenden „Markt des Elends“ bezeichnet, und zweitens um den beeindruckenden Brief der ehemaligen Prostituierten Huschke Mau an die linke Jugendorganisation „solid“ (150-159), die 2016 auf ihrem Bundeskongress offensichtlich mehrheitlich einem Antrag zustimmte, der ebenfalls von der Ideologie „selbstbestimmter Sexualität“ von Prostituierten (und „Freiern“) beherrscht zu sein scheint. Daran lassen zumindest die Argumente und Einwände von Huschke Mau keinen Zweifel. Wenn es einerseits deprimierend ist, dass sich linke Jugendorganisationen überhaupt zur Bejahung von „Sexarbeit“ hergeben, so ist es andererseits bewundernswert, dass sich Huschke Mau dadurch nicht entmutigen lässt, sondern – trotz der traurigen Thematik schlagfertig und witzig – versucht, die Adressaten des Briefes für eine Änderung ihrer bisherigen Haltung zu sensibilisieren. So möchte sie, um die Widersprüchlichkeit der Befürwortung von Prostitution zu verdeutlichen, wissen, warum, wenn „solid“ für eine Entkriminalisierung der „Freier“ eintrete, diese Entkriminalisierung nicht auch für männliche „häusliche Gewalt“ fordere.

Mit „Mythos Sexarbeit“ haben Katharina Sass und ihre MitautorInnen einen der bisher wichtigsten deutschen Beiträge zur prinzipiellen Kritik an der Prostitution, ihren Ursachen, Folgen, Tätern und Profiteuren geleistet, der vor allem auch an Akteure und SympathisantInnen der Linken die Botschaft richtet, Prostitution nicht durch „progressiven Neoliberalismus“ (Nancy Fraser) zu verklären und zu rechtfertigen, sondern praktisch abzuschaffen. Dem PapyRossa Verlag sei ausdrücklich gedankt, dieses für die deutsche Linke (und darüber hinaus) notwendige Buch veröffentlicht zu haben.

[1] Katharina Sass (Hg.), Mythos „Sexarbeit“. Argumente gegen Prostitution und Sexkauf, Köln 2017 (PapyRossa).

Dieser Artikel ist erschienen in Z. Nr. 112, Dezember 2017

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