Z. Zeitschrift Marxistische Erneuerung Nr. 112, Dezember 2017 - http://zeitschrift-marxistische-erneuerung.de/topic/139.ausgabe-112-dezember-2017.html

Computerkapitalismus

Über die Digitalisierung des Sozialen

Werner Seppmann

[1]

Emanzipationsautomat oder Herrschaftsmaschine?

Obwohl Computer und Internet mittlerweile fast alle Lebensbereiche beeinflussen, wenn nicht sogar prägen, befinden wir uns erst am Anfang einer Entwicklung, durch die viele der positiven Zurechnungen, die den Entwicklungsweg der IT-Technologien begleitetet haben, fragwürdig erscheinen. Zwar hat es im Laufe seiner Durchsetzungsgeschichte viele kritische Stimmen gegeben, die beispielsweise darauf hingewiesen haben, dass eine unreflektierte Verwendung des Computers zu intellektueller Standarisierung und antisozialen Automatismen führe. Jedoch sind die Kritiker (die vieles antizipiert haben, was mittlerweile nur allzu offensichtlich geworden ist!) einsame Rufer in einer Wüste der Technikgläubigkeit geblieben.[2]

Zweifellos bietet die Computerisierung unbestreitbare Vorteile im Berufs- und Alltagsleben und evident ist auch, dass die Netzkommunikation neuartige Formen sozialer Kooperation ermöglicht hat. Jedoch sind die sozialen und zivilisatorischen Auswirkungen des Einsatzes der IT-Technologien nicht selten fragwürdig oder zumindest ambivalent – auch wenn es mittlerweile undenkbar scheint, auf sie verzichten zu können! Tatsächlich käme bei der sozioökonomischen „Universalität“ des Computereinsatzes jedes Bemühen, die Entwicklungen zurückdrehen zu wollen, dem Versuch gleich, zentrale gesellschaftliche Reproduktionsvorgänge zum Stillstand bringen zu wollen. Aber gerade diese Tatsache erfordert eine besondere Aufmerksamkeit für die problematischen Aspekte und Tendenzen der Computerisierung, weil nur ein solches Wissen der Ausgangspunkt einer Suche nach alternativen Verwendungsweisen digitaler Technologien sein kann.

Eine mittlerweile lückenlose Erfassung aller Netzaktivitäten ist nur ein Aspekt der Schattenseiten der Digitalisierung. Noch wird überwiegend in kommerzieller Absicht das Nutzer- und Sozialverhalten erfasst, gespeichert und „berechnet“ – aber auch die politische Verfügung ist auf Grundlage immer leistungsfähigerer Datenverarbeitungssysteme prinzipiell möglich geworden. Zwischen „Überwachung und Unterdrückung verläuft eine schmale Grenze“, warnt der frühere NSA-Direktor William Binney, der lange vor Snowden versucht hat, gegen Rechtsbrüche und Datenmissbrauch in seiner Behörde vorzugehen und nach mehr als dreißig Dienstjahren vorzeitig seinen Hut nahm, worauf er in die Mühlen der staatlichen Verfolgung geriet: „Wir sind nicht mehr weit von totalitären Staat entfernt. Die Infrastruktur dafür existiert schon.“[3] Das gilt nicht nur für die Vereinigten Staaten. Computergesteuerte Einfluss- und Verfügungskonzepte sind neben den „üblichen“ Überwachungssystemen in Großbritannien oder den Niederlanden schon im Einsatz. Beispielsweise ist bekannt geworden, „dass die Briten eine Grammatik zur Zersetzung von menschlicher Reputation in sozialen Netzwerken implementiert“ haben.[4]

Eine fragwürdige Zukunft wirft ihre Schatten voraus, weil durch die Prägekraft digitaler Techniken zivilisatorische Standards erodieren und Alltagsbeziehungen veröden, aber auch Verfügungs- und Spaltungsprozesse in der Arbeitswelt vorangetrieben werden. Denn nicht weniger eklatant als die skandalösen Formen der Erfassungspraxis durch die diversen „Dienste“ sind die soziokulturellen Auswirkungen des Computereinsatzes, zu denen auf der Alltagsebene eine Tendenz zur Oberflächlichkeit und Faktengläubigkeit, ein schleichender Realitätsverlust und eine Formatierung des Denkens gehören.[5]

Mit dem Computer wird zwar nicht viel bewirkt, was nicht auch ohne seinen Einsatz geschähe, doch mit seiner Hilfe können beispielsweise Selektions- und Normierungs-, aber auch Manipulations- und Destruktionsvorgänge effizienter organisiert werden. Es existiert eine computergestützte „Kolonialisierung der sozialen Verhältnisse“[6] – ohne dass dieser Prozess überhaupt wahrgenommen wird, denn im Computerkontext „erscheint die okzidentale Rationalität von subjektiven [und viel stärker noch objektiven] Interessen losgelöst, wertneutral, unproblematisch.“[7] Dieser Schein begünstigt eine kritiklose Übernahme der digital übermittelten Verhaltensimperative. Reaktionsmuster und Verhaltenserwartungen werden nicht mehr durch explizite Regeln, nicht mehr sprachlich und „normativ“ vermittelt, sondern durch die technologischen Strukturen präjudiziert.

Digitale Subjektformatierung

Kommunikation und Konsum, Einstellungsmuster und Verhaltenspräferenzen werden zunehmend von digitalisierten Abläufen geprägt, deren normierende Kraft jedoch vom Alltagsbewusstsein kaum wahrgenommen wird, denn das Denken und Wünschen hat sich den spezifischen Kategorisierungsrastern der Netzsysteme und das individuelle Verhalten dem digital vermittelten Reglement angeglichen. Es verallgemeinert sich im Windschatten der Digitalisierung das Gegenteil von einer an Widersprüchen und Wechselbeziehungen sich orientierenden Denkweise.

In vielen Bereichen des Alltagslebens wird neben der mentalen Formatierung vermittelst Programmimperativen auch ein lebensfremder Reaktionsrhythmus erzwungen, der mit einer intensivierten Reproduktionsdynamik im Wirtschaftsleben korrespondiert. Durchgesetzt wird durch den Computereinsatz eine Strukturierung der Lebenszeit nach den Bedürfnissen entgrenzter Kapitalverwertungsstrategien. „Heute wird die Verpflichtung, sich rund um die Uhr in visuelle Inhalte zu vertiefen, praktisch zum neuen institutionalisierten Über-Ich.“[8] Bei diesen Vorgängen wird „die persönliche Identität so umgeformt, dass sie mit der ununterbrochenen Tätigkeit der Märkte, Informationsnetze und anderer Systeme in Einklang gebracht werden kann.“[9]

Subjektformierung ist eine Konstante der kapitalistischen Entwicklungsgeschichte. Zur Realisierung dieser Subjekttransformation sind Neoliberalismus und die IT-Technologien einen faustischen Pakt eingegangen und zu einer (fast) ununterscheidbaren Einheit geworden. Konkrete Ausdrucksform dieser Amalgamierung ist der Zwang zu beschleunigten Reaktionen. Immer größer wird auch die Zahl jener Arbeitskraftverkäuferinnen und -verkäufer, die permanent „einsatzbereit“ sein müssen und deren Leben durch die Verwendung digitalisierter Kommunikationsmittel fragmentarisiert wird, beispielsweise indem sie auch nach Feierabend den beruflichen E-mail Strom immer im Blick behalten oder jederzeit vom Betrieb „aktiviert“ werden können.

Flankiert werden solche Einwirkungen auf elementare Lebensbezüge von automatisierten Datenverarbeitungsverfahren: D.h. es werden ohne Rücksicht auf die sozialen und individuellen Gesichtspunkte und Konsequenzen Entscheidungs- und Selektionsverfahren auf rein maschineller Grundlage organisiert – ohne dass noch Eingriffe personalisierter Instanzen vorgesehen sind. Bekannt geworden ist der Einsatz eines Personal-Selektionssystems bei dem US-amerikanischen Betrugskonzern Enron, durch das halbjährlich alle Beschäftigten automatisch bewertet wurden und als Konsequenz dieser Prozedur die leistungsfähigsten fünf Prozent Boni erhielten und die fünfzehn Prozent am Ende der Leistungsskala automatisch gefeuert wurden.

Bei Einstellungsverfahren ist die Automatisierung mittlerweile ebenso verbreitet wie bei der Kreditvergabe, aber zunehmend auch bei juristischen Recherchen und betriebswirtschaftlichen Risikoanalysen. Gesellschaftliche Anonymisierungsprozesse werden durch technologisch formalisierte „Geistesarbeit“ noch einmal potenziert. Ihr unmittelbarer Effekt ist jedoch, dass die tatsächlichen Interessen und die Antriebsmomente dieser Vorgänge hinter einer Fassade vermeintlicher Sachzwänge verborgen bleiben und bei den Subjekten ein Gefühl des Ausgeliefertseins hinterlassen.

Kommunikation und Anpassung

Nicht weniger zwiespältig sind die Wirkungen der so genannten neuen sozialen Medien. Jedenfalls hält die Behauptung, dass durch ihren Einsatz Kontakte intensiviert und „Kommunikationsbarrieren“ überwunden, aber auch der Erfahrungshorizont der elektronisch Kommunizierenden erweitert würden, einer näheren Überprüfung kaum stand. Wird den Sachverhalten auf den Grund gegangen, wird offensichtlich, dass gerade die digitalen Kommunikationsnetzwerke keineswegs automatisch zu mehr und besseren alltäglichen Beziehungsverhältnissen führen, sondern sehr oft zu sozialer Isolation und oberflächlichen Verhaltensweisen.

In ihrer überwiegenden Zahl sind die Netz-Aktivitäten von abgrundtiefer Banalität. Nicht selten handelt es sich um introspektive Artikulationen in der Form von Satzfetzen. Es existiert sogar eine negative Korrelation zwischen der Zahl von Facebook-„Freundschaften“ und den realen Beziehungsstrukturen: Wer viele „Freunde“ online hat, verfügt über weniger Kontakte im „richtigen Leben“. Dennoch ist die Beteiligung an solchen reduktionistischen Austauschvorgängen zur Pflichtübung geworden: Wer sich der digitalen Präsenz verweigert, läuft Gefahr, sich zu isolieren.

Soziale Absonderung wird durch den spezifischen Charakter der Beteiligung an den sozialen Netzwerken sogar gefördert. Nicht nur unter Jugendlichen ist ein digitaler Modus der Selbstdarstellung verbreitet: Es ist ein Bemühen, dem Netz-Umfeld die bloße Tatsache der eigenen Existenz, aber auch seiner „Marktförmigkeit“ zu demonstrieren und kein Zufall ist, dass dies sehr häufig im Stile werbe-industrieller Schablonen geschieht.

Entfremdete Sozialnormen werden bei der manischen Verwendung der neuen Medien geradezu instinktiv eingeübt, denn der Netz-Kosmos ist eine Welt der Zeichen und Marken, deren Prägekraft man sich unterwerfen muss, wenn man „am Ball bleiben“ und soziale Randständigkeit vermeiden will. Viele Negativkonsequenzen der Computerisierung stellen sich auf den ersten Blick als zu vernachlässigende Episoden dar, jedoch im Zusammenhang betrachtet wird deutlich, dass sie Elemente eines Gesamtprozesses sozialer Selektion und zivilisatorischer Regressionen sind, die auch ihren Anteil daran haben, dass gesellschaftliche Selbststabilisierungsmechanismen erodieren.

Technologisch vermittelter Konformitätsdruck

Bei einer Analyse solcher Problematiken wird schnell deutlich, dass hinsichtlich des IT-Komplexes jede Positivzuschreibung auch mit negativen Effekten verbunden ist. Der Tendenz nach verbinden die elektronischen Kommunikationsmedien und isolieren zugleich: Man hat hunderte „Freunde“, aber kaum noch verlässliche Bezugspersonen. Andrew Keen hat zutreffend von Social Media als Echokammer der Isolation und einem Mechanismus der sozialen Zersplitterung gesprochen.[10] Vereinsamung hat seine Ursache in der Regel zwar nicht in den digitalen Kommunikationsformen, wird durch diese jedoch oft verstärkt.

Die Entwicklungen der „Netzkommunikation“ dokumentieren aber auch, dass die sozialen Medien ein wirksames Mittel zur Durchsetzung konformer Mentalitäten und Einstellungsmuster, zu standardisierten, digital determinierten Reaktionsmustern sind, die auch einen Einfluss auf die sozialen Beziehungsverhältnisse haben.

Schleichend ist es zur Selbstverständlichkeit geworden, sein Leben nach den Schablonen der machtvollen Internetkonzerne zu organisieren, beispielsweise sich bei der Netzkommunikation im Rahmen stereotyper Wendungen zu artikulieren oder sich dem Reaktionsschema von Zustimmung oder Ablehnung von Nachrichten und Hinweisen zu unterwerfen. Dominant sind standardisierte Reaktions-„Optionen“, die nach allen Regeln psychologischen Manipulationswissens entwickelt wurden: „Damit das Geschäft so richtig ins Laufen kommt, müssen kulturelle und geistige Hindernisse aus dem Weg geräumt werden.“[11]

Überwölbt werden die gesteuerten Verhaltensmuster von der eifrig in Anspruch genommenen Möglichkeit, sich hinter Masken und Pseudonymen zu verbergen. Die inflatorisch angewachsenen rechten Netzaktivitäten, sind nur eine Facette der Internet-„Kultur“, die von Rücksichts- und Bedenkenlosigkeit geprägt ist: Sie ist ein Kosmos, in dem Mobbing und Verunglimpfung, Lüge, Täuschung und argumentative Leichtfertigkeit keine Randerscheinungen, sondern zentrale Bestandteile sind.[12]

Manipuliertes Wissen

Alles andere als unproblematisch ist auch die netzspezifische „Wissensaneignung“, für die mehr als nur symbolisch die Namen Google und Wikipedia stehen.[13] In ihrer Tendenz bewirkt sie einen Kontrollverlust über die Informationen, nicht nur, aber zu einem schlechten Teil, weil die ihnen zugrunde liegenden Entstehungsvorgänge in der Regel nicht nachvollziehbar sind. Auch „wer mit iPhone und iPad in den Apple-Kosmos einsteigt, bekommt nur noch das zu Gesicht, was Apple nach eingehender Prüfung für verbreitungswürdig hält und genehmigt – und wo der Konzern auf die eine oder andere Weise mitkassiert. Kaum anders sieht es in der Android-Welt aus, in der Google eine Vormachtstellung hat.“[14]

Da die Strukturierungsprinzipien des „Netz-Wissens“ von der Programmierung präjudiziert werden, hat der Nutzer meist nur den passiven Status eines „Konsumenten“, der sich ein „Produkt“ zum schnellen Verbrauch aneignet. Aber „Wissen bedeutet mehr, als nur Dinge nachschlagen; man muss dazu Fakten und Erfahrungen [!] im eigenen Gedächtnis speichern ... [Man] muss es in die eigenen neuralen Schaltreise einbauen.“[15]

Eine der Konsequenzen der fragmentierten Aneignung von „Netzwissen“ ist neben dem Verlust einer intensiven Reflexionsfähigkeit der latente Verfall eines kritischen Realitätsbezugs, die Verbreitung einer Art „Massenamnesie, die der Kultur des globalen Kapitalismus entspringt.“[16] Die digitalen Wissensapparate verstärken eine Tendenz, sich seines Verstandes nicht zu bedienen, weil sie meist auf eine isolierte „Faktizität“ orientieren und diese verabsolutieren. Dadurch wird bewirkt, dass die Behinderung kritischen Wissens nicht mehr von Oben durchgesetzt werden muss. In ihrer Konsequenz bewirken netzspezifische Aneignungsprozesse die Verfestigung des alltagsvirulenten Eindrucks einer Permanenz des Gegenwärtigen.

Ohne Frage gibt es auch progressive Tendenzen im Internet. Aber in der Regel muss man wissen, wo widerständige Orientierungen und entfetischisiertes Wissen zu finden sind. Ohne entwickelte Fähigkeiten zur Recherche und zum strukturierten Vorgehen verlieren sich viele Nutzer in den Nebelwelten des Internets. Denn lässt sich der Suchende nur „treiben“, springt er von einem Verweis zum nächsten, werden durch die vorherrschende Form der Computerrecherche auch neuronale Regressionsvorgänge stimuliert: Es verändern sich Gehirnstrukturen, d.h. es bilden sich die Fähigkeiten zur Konzentration und zur Unterscheidung strukturell zurück. Es ist mehr als nur eine provokante Rhetorik, wenn Nicholas Carr als Resultat langjähriger Selbstbeobachtung die Frage aufwirft, ob „Google uns dumm macht?“ und zu Protokoll gibt, dass er zunehmend das Gefühl eines Umbaus seiner neuronalen Architektur hatte, seine Erinnerung umprogrammiert wurde und er nicht mehr dachte, wie er zu Denken gewohnt war.[17]

Damit dies so bleibt, werden die Systeme der Nutzerführung permanent weiter entwickelt, die Methoden der Fremdbestimmung von den Internet-Multis kontinuierlich „verfeinert“. Wohin die Reise geht, wird durch die so genannten Twitter-Bots deutlich, bei denen es sich um Programme handelt, die auf der Ebene der Mail-Kommunikation das Verhalten echter Nutzer simulieren, um die Empfänger auf der Grundlage ihres bisherigen Netzverhaltens und der „Berechnung“ zukünftiger Reaktionswahrscheinlichkeiten zu manipulieren. Im Nebel der Netz-Anonymität werden mit ihnen neben Werbe- auch Einflusskampagnen zur politischen Meinungsbeeinflussung und Verhaltensteuerung organisiert. Schätzungen gingen schon 2016 davon aus, dass über 20 Prozent der Wortmeldungen bei Twitter solchen anonymen Apparaten entstammen.

Täuschung und Selbsttäuschung

Charakteristisch für viele Netzaktivitäten ist, dass der Nutzer sein Agieren jedoch nicht als das wahrnimmt, was es tatsächlich ist, nämlich ein Akt der Anpassung und tendenziellen Unterwerfung. Denn Fremdbestimmung und ein Gefühl der Selbsttätigkeit fallen beim Umgang mit den elektronischen Apparaten in der Regel zusammen und befriedigen oft auch Weltfluchtbedürfnisse! Es finden Substitutionsvorgänge statt, die von den Nutzern nicht unbedingt gewollt, aber auch nicht kritisch reflektiert werden, weil von nicht wenigen der Computerkosmos und das Internetuniversum als Gegen- und Ersatzwelt erlebt wird, die das Gefühl der Entlastung von den Bedrängungen der realen Lebensverhältnisse und den Eindruck eines „überschaubaren“ Aktionsrahmens vermittelt. Etabliert hat sich ein System der Scheinfreiheit, charakterisiert durch die Tatsache, dass durch den Eindruck virtueller Wahl- und Handlungsmöglichkeiten bestehende Abhängigkeitsverhältnisse und Fremdbestimmungserfahrungen nicht problematisiert werden. Weil im Zeichen der Digitalisierung fremde Verfügungsstrukturen und individuelle Selbstdispositionen oft deckungsgleich geworden sind, erschließt sich erst heute in vollem Umfang der Satz von Herbert Marcuse, dass Freiheit innerhalb eines repressiven Ganzen in Herrschaft sich verwandeln kann.

Diese regressiven Entwicklungen sind keineswegs nur „Schattenseiten“ des Einsatzes der kombinierten Telekommunikations- und Datenverarbeitungs-Technologien, sondern in deren Organisationsstrukturen eingeschrieben. Ein Beispiel sind die so genannten Datenbrillen von Google und mittlerweile auch von anderen Anbietern. Setzen sie sich durch, wird die Synchronisierung von Lebenstätigkeit und Erfassung, Kontrolle und Steuerung geradezu totalitär! Praktisch sieht, vereinfacht gesagt, die Sache so aus, dass dem Nutzer Informationen über seine Umgebung auf die Innenflächen der Brille projiziert werden. Er trägt also gewissermaßen mit der internetverbundenen Brille einen Computer auf seiner Nase, der ihm vorerst nur Kommerzbotschaften vermittelt, also Hinweise auf die Sonderangebote im Kaufhaus oder die nächste Eisdiele gibt. Diese Lenkungsversuche haben die Konsequenz, dass nichts mehr dem Zufall, der eigenen Inspiration überlassen bleibt: Die Aufmerksamkeit, letztlich das ganze Weltverhältnis auf elektronischen Wege vorstrukturiert wird. Mag es auch nicht intendiert sein, so sind damit auch die Türen zur politischen Lenkung und Verfügung weit aufgestoßen.

Digital vermittelte Fremdverfügung

Noch ist nicht entschieden, ob sich die Google-Brillen im Alltag durchsetzen werden. Es gibt erfreuliche Widerstände dagegen. Im Arbeitsleben wird das aber umso wahrscheinlicher der Fall sein. Bei VW sind seit Ende 2015 diese Instrumente der Fremdsteuerung im Einsatz – und sie haben sich schnell auch in anderen Konzernen etabliert. Sie registrieren den Tätigkeitsbereich und geben beispielsweise aufgrund von Konstruktionsskizzen, die auf ihren Innenseiten erscheinen, den Beschäftigten Hinweise, wo bei einem zu bearbeitenden Aggregat Ersatzteile zu montieren sind und welche technischen Besonderheiten beachtet werden müssen. Aber die eingesetzten Mini-Computer unterstützen und steuern nicht nur die Arbeitsschritte, sondern registrieren auch jede Blickrichtung und jeden Handgriff der Arbeitenden. Diese werden nicht nur aus Kontrollgründen, sondern auch deshalb gespeichert, um sie „objektivieren“ zu können und diese nun zum „Maschinenwissen“ gewordenen Handgriffe für andere Anwender nutzbar zu machen.

Es geht beim Einsatz solcher Erfassungsmethoden um die Beseitigung der letzten Reste der Unverfügbarkeit in der Arbeitswelt, in der Computer als Instrumente der „Mitarbeiterführung“ schon zu einer fragwürdigen „Normalität“ geworden sind: Sei es bei der lückenlosen Überwachung der Kassiererinnen an den Supermarktkassen, der Leistungserfassung bei Computerarbeitern oder zur Arbeitsorganisation und Leistungsverdichtung in den Lagerhallen von Logistikunternehmen.

Ungeachtet der Rede vom „postfordistischen“ Zeitalter stehen nicht unbedingt die ursprünglichen Methoden, jedoch die generellen Prinzipien des Taylorismus hoch im Kurs. Beispielsweise werden in den Distributionszentren der Internethändler die Beschäftigten durch digital vermittelte Direktiven lückenlos gesteuert. Der Computer, den sie am Körper tragen, gibt ihnen die Anweisung, welche einzelnen Positionen sie als nächste einsammeln und versandfertig machen müssen, aber auch wie sie im Einzelnen bei ihrer Arbeit vorzugehen haben. Der Lagerarbeiter ist „Anhängsel“ der Computersysteme, die auch registrieren, wie lange er zur Erledigung einer Aufgabe benötigt und welche Fehler er macht. Selbst kurze Verschnaufpausen werden durch die Computerführung verhindert.

Universale Erfassung

Die Google-Brille und die digitale Steuerung der Arbeitsschritte sind Beispiele dafür, dass die computervermittelten Beeinflussungsmechanismen mittlerweile in den Zentren der Alltagstätigkeiten selbst verortet und untrennbar mit vielen praktischen Bewältigungsstrategien verbunden sind. Es ist der entscheidende Unterschied zur negativen Utopie Orwells, dass Computer- und Netzaktivitäten sich heute irreversibel mit elementaren Lebensäußerungen in und außerhalb der Arbeitswelt amalgamiert haben. Niemand kann einfach mehr aus dem Überwachungskreis heraustreten, denn die Erfassung und Beeinflussung ist universal geworden.

Diese Konstellation bildet einen lebensweltlichen Orientierungsrahmen, durch den viele Nutzer auch ihre soziale Identität definieren. Sie unterwerfen sich willig dem technologisch vermittelten Reglement, weil die Computerwelten für sie auch Realitätsersatz und Projektionsfläche für „Lebenssinn“ geworden sind; sie orientieren sich an dem Versprechen nach intensiviertem Weltbezug und sozialer Gemeinschaft. Jedoch bringt der digitale Weltbezug durch die Amalgamierung von Unterwerfungshaltungen mit Momenten der Selbsttätigkeit einen neuartigen Entfremdungsmodus hervor.

Besonders offensichtlich ist das beim Einsatz digitaler Erfassungs- und Beeinflussungsnetze als Mittel der Selbstoptimierung. Benutzt werden dabei bestimmte Apps (kleine Anwendungsprogramme für die Smartphones), beispielsweise um zu überprüfen, was im Rahmen eines Fitnessprogramms körperlich geleistet wurde. Vieles was mittlerweile auf Knopfdruck festgestellt werden kann, dient zur Selbstmotivierung: Habe ich schon die geplanten 10.000 Schritte hinter mich gebracht und bei meiner Ernährung „maßgehalten“? Ist es mir gelungen, meine allgemeine Leistungsfähigkeit zu steigern und meinen Gesundheitszustand zu stabilisieren?[18] Aber durch die digitalen Selbstoptimierungsprogramme sind nicht nur die biologischen „Basisdaten“ abrufbar, sondern auch Informationen über den Stand der individuellen „Zufriedenheit“ und psychischen Befindlichkeit, denn möglich ist mittlerweile eine fast vollständige Erfassung und Dokumentation sämtlicher Signale, die nicht nur der Körper, sondern auch Psyche und Geist aussenden und die von den Erfassungsapparaten aufgesaugt und einer digitalen „Berechnung“ zugeführt werden.

Nach den Projektionen des IT-Komplexes soll die jetzige Form der digitalen Steuerung und Erfassung der Lebensdaten nur eine Zwischenstufe sein, sollen Mensch und Maschine perspektivisch zu einer Einheit werden. Implantate unter der Haut sind dann nur noch der nächste „logische“ Schritt einer Verschmelzung von Mensch und Computer, um seine biologischen Daten zu kontrollieren, aber auch um ihn über elektronische „Impulse“ zu steuern. Aber das Ziel ist weiter gesteckt. Intendiert ist es nach den Worten von Google-Mitbegründer Sergey Brin, die Technik „im Gehirn der Menschen“ zu implantieren.[19]

Sinn und Unsinn digitalen Lernens

Die problematischen Erfahrungen mit den Systemen der Selbst- und Fremdkontrolle duplizieren sich auf anderen Gebieten der Computer- und Internetnutzung. Beispielsweise beim Einsatz dieser als pädagogisches Vermittlungsmedium, weil durch digitalisiertes Lernen die Sachverhalte nicht so in die Tiefe gehend verarbeitet werden, wie das bei den „menschengeprägten“ Methoden der Wissensvermittlung der Fall ist. Ein persönlich agierender Lehrer stimuliert Lernprozesse und vermittelt Wissen auch über emotionale Signale, die eine intensivere Verarbeitung des Stoffes bewirken. Hinzu kommt, dass die digitalen Bildungskonzepte meist nach Programmiergesichtpunkten und nicht nach pädagogischen Maßstäben strukturiert sind; sie sind auf das zentriert, „was sich in einem Computer darstellen lässt.“[20]

Dennoch glauben viele Eltern, die „das Beste“ für ihre Kinder wollen, ein früher Einsatz des Computers als Lernmaschine würde deren schulischen Leistungen verbessern und für ihre intellektuelle Entwicklung und im sozialen Existenzkampf förderlich seien. Tatsächlich muss bei vielen Varianten der Computer-„Pädagogik“ das Gegenteil konstatiert werden: Kognitive Entwicklungen werden ebenso behindert, wie emotionale Prozesse gestört. Verhindert wird durch die Abwesenheit realer Interaktionspartner die Entstehung von Resonanzverhältnissen, deren Abwesenheit Hartmuth Rosa als charakteristisch für Entfremdungskonstellationen beschrieben hat.[21]

Es ist eine auffällige Konsequenz der „Maschinen-Pädagogik“, dass Lernende mit intensiver Computernutzung auf allen relevanten Feldern im Vergleich mit Kindern, die selektiv und angemessen mit Computern umgehen, negativer abschneiden: Viele internationale Untersuchungen dokumentieren „eine deutliche Verschlechterung der Schulleistungen, je mehr das Internet genutzt wird.“[22] Bei Schülerinnen und Schülern, die undifferenziert mit Computer-Software traktiert werden, ist beispielsweise eine geringere Verarbeitungstiefe des Lernstoffes festzustellen. Da durch die Wirkungen der technischen Anordnung spezifische Gehirnverknüpfungen nicht stattfinden, bleibt das „Wissen“ oberflächlich. Es wiederholt sich in der Schule, was heute zur Standarderkenntnis einer kritischen Computerforschung gehört: „Wenn wir online gehen, begeben wir uns in eine Umgebung, die oberflächliches Lesen, hastiges und zerstreutes Denken und flüchtiges Lernen fördert.“[23] In einer OECD-Studie aus dem Jahre 2015 wird die Problematik digitalisierter Wissensvermittlung pointiert auf den Punkt gebracht: Auch die stärkste Technik kann selbst schwachen Unterricht nicht ersetzen, weil Computerlernen regelmäßig hinter der Intensität herkömmlicher Formen der Wissensvermittlung zurück bleibt.[24]

Aber es gibt noch einen anderen Aspekt, der im Kontext der Strategien zur Ausbreitung digitaler Bildung eine Rolle spielt: Ein weitgehend digitalisierter und netzvermittelter Bildungsweg wird zukünftig lückenlos dokumentiert werden können, so dass es bei Bewerbungsverfahren zunehmend nicht mehr auf staatliche Abschlüsse und Zertifikate ankommen wird, sondern auf die Dokumentation des Prozesses der Wissensaneignung. Seit 2013 stehen entsprechende Erfassungsprogramme zur Verfügung, die alle Schritte der Lernenden im Internet erfassen, also auf welchen Seiten sie sich informiert haben, zu welcher Tages- und Nachtzeit studiert wurde und welche Fehlversuche es gegeben hat.

Diese Perspektiven der digitale Erfassung und Dokumentation des individuellen Bildungsweges sind ein weiteres Beispiel dafür, dass der sozial-destruktive Computereinsatz noch lange nicht an sein Ende gekommen ist und auch anti-zivilisatorische Konsequenzen in einer Intensität im Bereich des Möglichen liegen, die gegenwärtig kaum vorstellbar sind.

[1] Überarbeitete und gekürzte Fassung eines Vortrags des Verf. auf der Tagung „Der aufrechte Gang im Windschiefen Kapitalismus“ des Nietzsche-Kollegs Weimar im Rahmen der Stiftung Weimarer Klassik im Januar 2016. Sh. auch: Werner Seppmann, Kritik des Computers. Der Kapitalismus und die Digitalisierung des Sozialen, Mangroven-Verlag, Kassel 2017.

[2] Beispielsweise: J. Weizenbaum, Die Macht der Computer und die Ohnmacht der Vernunft, Frankfurt/M. 1977.

[3] Zit. nach St. Aust/Th. Ammann, Digitale Diktatur. Totalüberwachung, Datenmissbrauch, Cyberkrieg, Berlin 2014, S. 14.

[4] F. Schirrmacher, Das Armband der Neelie Kroes, in: ders. (Hg.), Technologischer Totalitarismus, Berlin 2015, S. 66.

[5] Vgl. W. Seppmann, Herrschaftsmaschine oder Emanzipationsautomat? Über Gesellschaft und Computer, Bergkamen 2016.

[6] Vgl. M. Betancourt, Critique of Digital Capitalism, New York 2016.

[7] Sh. Schachtner, Geistmaschine. Faszination und Provokation am Computer, Frankfurt/M. 1993, S. 84.

[8] J. Crary, 24/7. Schlaflos im Kapitalismus, Berlin 2014, S. 44.

[9] Ebd. S. 15.

[10] Vgl. A. Keen, Das digitale Debakel, München 2015.

[11] D. Brown, Cyberdiktatur. Das Ende der Demokratie im Informationszeitalter, Berlin 1997, S. 103.

[12] W. Seppmann, Ein Gespenst geht um in Europa. Rechte Mobilisierung zwischen Populismus und Neofaschismus. Linke Alternativen, Kassel 2017.

[13] Nur ein Beispiel dafür, dass auch beim Wikipedia-System Anspruch und Wirklichkeit weit auseinander liegen: „Die angebliche Basisdemokratie ist extrem autoritär organisiert und groß-unternehmerisch vernetzt.“ W. Rügemer, Das „Wissen der Menschheit“ zwischen Naivität und Fälschung. Wikipedia organisiert Herrschaftswissen des westlichen Kapitalismus, in: Lunapark 21. Zeitschrift zur Kritik der globalen Ökonomie, H. 25/2016, S. 54.

[14] St. Aust/Th. Ammann, a.a.O., S. 159.

[15] N. Carr, Abgehängt. Wo bleibt der Mensch, wenn Computer entscheiden? München 2014, S. 102.

[16] J. Crary, a.a.O., S. 35.

[17] Vgl. N. Carr, Wer bin ich, wenn ich online bin … und was macht mein Gehirn solange? Wie das Internet unser Denken verändert, München 32010.

[18] Vgl. S. Schaupp, Digitale Selbstüberwachung. Self-Trecking im kybernetischen Kapitalismus, Berlin 2016.

[19] Vgl. M. Jansen, Digitale Herrschaft. Über das Zeitalter der globalen Kontrolle und wie Transhumanismus und synthetische Biologie das Leben neu definieren, Stuttgart 2015.

[20] J. Lanier, Gadget. Warum die Zukunft uns noch braucht, Berlin 2010, S. 22

[21] Vgl. H. Rosa, Resonanz. Eine Soziologie der Weltbeziehung, Berlin 2016.

[22] M. Spitzer. Digitale Demenz, München 2012, S. 89.

[23] N. Carr, a.a.O., S. 184.

[24] Vgl. G. Lembke/I. Leipner, Die Lüge der Digitalen Bildung, Frankfurt/M 2015; vgl. auch R. Lankau, Ihr bekommt unsere Kinder nicht! Paralysierte Kids die tippen & wischen, in: Lunapark 21, H. 25/2016.

Dieser Artikel ist erschienen in Z. Nr. 112, Dezember 2017

Download-Dokumente: