Z. Zeitschrift Marxistische Erneuerung Nr. 111, September 2017 - http://zeitschrift-marxistische-erneuerung.de/topic/138.ausgabe-111-september-2017.html

Warum heute „Das Kapital" zu lesen wichtig ist

Sahra Wagenknecht

„So lange es Arbeiter und Kapitalisten in der Welt gibt,

ist kein Buch erschienen, welches für die Arbeiter

von solcher Wichtigkeit wäre, wie das vorliegende.“

Friedrich Engels über „Das Kapital“

Lohnt es heute noch, Das Kapital zu studieren? Ein Werk, dessen erster Band bereits vor 150 Jahren erschienen ist? Einen langen und teilweise sperrigen Text, den zu lesen einige Zeit und Mühe in Anspruch nimmt? Sicher. Und das nicht nur, weil die Lektüre zugleich Spaß macht, da Marx und Engels elegant und humorvoll formulieren konnten. Es geht um mehr. Wer nicht länger die Augen davor verschließen möchte, wo wir hier eigentlich leben, kommt nicht darum herum, sich mit dem Kapital zu beschäftigen. Oder gibt es noch vernünftige Leute, die bestreiten würden, dass wir noch immer im Kapitalismus leben? Einer Gesellschaftsordnung, die um die Frage kreist, wie aus Geld mehr Geld gemacht bzw. wie aus Kapital mehr Kapital geschlagen werden kann?

Dass die Theorie von Marx und Engels aus deutschen Universitäten weitgehend verbannt wurde, hat nicht damit zu tun, dass sie die Realität nicht länger zu erklären vermag. Im Gegenteil: Der Marxismus wird für obsolet erklärt, eben weil er uns dabei hilft, die eigenen Lebensumstände besser zu verstehen. Eine Mehrheit der Menschen erfährt die Schattenseiten des Systems doch längst am eigenen Leib, seien es Löhne, die kaum zum Leben reichen, Arbeitslosigkeit, wachsender Konkurrenzdruck und Stress oder das Gefühl von Sinnlosigkeit und Leere, das mit entfremdeter Arbeit einhergeht. Niemand bestreitet mehr, dass sich immer mehr Reichtum in den Händen der oberen Zehntausend konzentriert. Jeder kann sehen, wie große Konzerne in immer mehr Lebensbereiche vordringen – von Krankenhäusern, Bildungseinrichtungen, Autobahnen über Sport und Kultur bis hin zu Saatgut oder sozialen Netzwerken. Auch die dramatisch fortschreitende Zerstörung der natürlichen Lebensgrundlagen, die nur zu oft kriegerisch ausgetragene Konkurrenz um neue Märkte und billige Rohstoffe, ja selbst die sich im Pflegenotstand ausdrückende zunehmende Verwahrlosung von kranken und alten Menschen sowie Kindern entspringt einem System, in dem nicht die Bedürfnisse der Menschen im Mittelpunkt stehen, sondern der Profit.

Sicher, nicht alle Marxschen Prognosen sind eingetreten. Aber erstaunlich viele sind es. Karl Marx hat den Kapitalismus in seiner widersprüchlichen Dynamik begriffen und die wesentlichen Triebkräfte kapitalistischen Wirtschaftens offen gelegt. Er analysiert geradezu fasziniert die Fähigkeit des Kapitalismus, immensen Reichtum zu produzieren – und beschreibt sehr anschaulich die dem Kapitalismus eigene Unfähigkeit, diesen Reichtum auch nur ansatzweise gerecht zu verteilen. Er prophezeit die zunehmende Konzentration und Entstehung marktbeherrschender Monopole ebenso richtig wie den Trend zur Globalisierung der Wertschöpfung. Er erklärt auch, warum Wirtschaftskrisen im Kapitalismus unvermeidlich sind, weswegen es kein Zufall ist, dass die Mainstream-Ökonomie von der schweren Krise 2007/08 überrascht wurde, während marxistische Ökonomen wie Jörg Huffschmid sie vorausgesagt haben. Inzwischen dämmert es sogar der Mainstream-Ökonomie, dass die anhaltende Investitionsschwäche, die überbordende Verschuldung in vielen Ländern sowie die damit verbundene Nullzinspolitik der Zentralbanken etwas mit dem tendenziellen Fall der Profitrate zu tun haben könnte, den Marx im Kapital analysiert hat.

Das Kapital ist wie die „rote Pille“ im Film Die Matrix: Unentbehrlich für jene, die genauer wissen möchten, wie unsere Gesellschaft aufgebaut ist, wie sie funktioniert und wie wir uns aus ihr befreien können. Und vergleichbar der Matrix besteht eine Sonderbarkeit dieser Produktionsweise darin, dass sie anders erscheint als sie ist. Die Aneignung der Früchte unbezahlter Arbeit findet im Verborgenen statt. Das erleichtert es den Herrschenden, den Kapitalismus als Gesellschaft von freien und gleichen Menschen zu verklären, die zum allseitigen Vorteil miteinander Verträge schließen. Und es fördert die Resignation bei den Beherrschten, denen die Macht von Menschen über Menschen als unveränderlicher Sachzwang erscheint. Es erklärt auch, warum Menschen einst Maschinen gestürmt und gegen Windmühlen gekämpft haben, warum der Kampf zwischen Menschen und Maschinen auch heute ein zentraler Topos von Science Fiction Filmen ist und warum so viele Diskussionen über Industrie 4.0 an der zentralen Frage, wer die Produktionsmittel (neben den klassischen Fabriken u.a. Infrastrukturnetze, Software, Datensammlungen, Patente) besitzt und damit die Früchte des technologischen Fortschritts ernten darf, vorbeigehen.

Mit Marx und Engels lernen wir, dass das Kapital keine Sache ist, sondern ein soziales Verhältnis zwischen Menschen. Kapital in Marx’ Verständnis existiert nur, weil und solange einige nur über ihre Arbeitskraft verfügen während andere die zur Produktion nötigen Mittel besitzen und sich darüber die Ergebnisse fremder Arbeit aneignen können. Ein Weber mit seinem Webstuhl ist daher so wenig Kapitalbesitzer wie es heute die Solo-Selbständige mit ihrem Laptop ist oder auch die Familie, die gemeinsam ein Café betreibt. Charakteristisch für den Kapitalismus ist auch nicht das freie Spiel von Angebot und Nachfrage auf Märkten, sondern sind krakenartige Konzern-Oligopole, die unter Ausnutzung staatlicher Hilfe alle wichtigen Produktionszweige und Märkte beherrschen sowie gigantische Kapitalsammelstellen à la Blackrock, die einen wachsenden Teil der Wertschöpfung kontrollieren. Mit der Konzentration und Zentralisation des Kapitals, die im Zeitalter von Microsoft, Google, Amazon und Facebook eine neue Qualität erreicht hat, entstehen aber auch Probleme für das System: Laut Marx wird das „Kapitalmonopol (…) zur Fessel der Produktionsweise, die mit und unter ihm aufgeblüht ist“… die „Zentralisation der Produktionsmittel und die Vergesellschaftung der Arbeit erreichen einen Punkt, wo sie unverträglich werden mit ihrer kapitalistischen Hülle“. Der Kapitalismus, einst Motor des gesellschaftlichen und wissenschaftlich-technischen Fortschritts, hat sich in dessen Bremse verwandelt. Der Pay-Pal-Gründer und Internet-Milliardär Peter Thiel schreibt zu Recht: „Die Smartphones, die uns daran hindern, unsere Umgebung wahrzunehmen, lenken uns auch von der Tatsache ab, dass diese Umgebung sonderbar alt ist. Seit Mitte des 20. Jahrhunderts haben nur Computer und Kommunikation nennenswerte Fortschritte gemacht.“ Unsere Mobilität beruht unverändert auf dem gleichen Verbrennungsmotor, der im 19. Jahrhundert erfunden wurde. Statt auf modernere Technologien wird zur Steigerung der Gewinne lieber auf höhere Preise, auf Einsparungen bei Qualität und Service oder auf Scheininnovation gesetzt. Bei IBM wirft die Belegschaft dem Management seit Jahren vor, die Gewinne nur noch durch Käufe und Verkäufe sowie geschickte Finanzmanipulation nach oben zu treiben, während die Investitionen zurückgehen und kaum noch Innovationen entwickelt würden. Und eine Untersuchung des Fraunhofer Instituts kommt zu dem Schluss, dass ein immer größerer Teil der Patentanmeldungen nicht mehr dadurch motiviert ist, eigene Innovation zu schützen, sondern die Anwendung innovativer Technologien durch Konkurrenten zu blockieren.

Nicht nur Armut, wachsende Ungleichheit, Umweltzerstörung und Kriege sprechen also dafür, dieses System zu überwinden. Gerade in einem Zeitalter, in dem die Wissenschaft, in dem die Verarbeitung von Informationen und Daten zur zentralen Produktivkraft geworden ist, spricht alles für eine neue Eigentums- und Gesellschaftsordnung. Eine Ordnung, in der Wissenschaft, Kultur und Informationen für alle zugängliche Allgemeingüter sind und durch Kooperation vermehrt werden, in der Innovationen gefördert statt durch das Ausnutzen von Monopolmacht behindert werden und in der durch die Schaffung selbstbestimmter Entfaltungsmöglichkeiten kreative Energien freigesetzt werden.

Dieser Artikel ist erschienen in Z. Nr. 111, September 2017