Z. Zeitschrift Marxistische Erneuerung Nr. 111, September 2017 - http://zeitschrift-marxistische-erneuerung.de/topic/138.ausgabe-111-september-2017.html

Impulsgeber Marx

Heterodoxe Thesen zur Weiterentwicklung der Kritik der politischen Ökonomie

Karl Heinz Roth

Seit 150 Jahren setzen sich Generationen von Theoretikern mit der Marxschen Kritik der politischen Ökonomie auseinander. Diese Bestrebungen erreichten in den vergangenen Jahren einen neuen Höhepunkt. Denn es ist inzwischen allzu offensichtlich, dass die in der Konfrontation mit dem britischen Kapitalismus des 19. Jahrhundert entwickelten und dem wissenschaftlichen Denken ihrer Zeit verhafteten Axiome des Marxschen Systems den Realitäten des deregulierten Weltsystems des 21. Jahrhunderts nicht mehr gerecht werden. Die Diskussion dreht sich jedoch zunehmend im Kreis, obwohl aus dem inzwischen komplett veröffentlichten Torso des Marxschen ökonomischen Denkens aufschlussreiche Überlegungen zur Erweiterung der empirischen Grundlagen und zur Korrektur des methodischen Ansatzes verfügbar sind.[1] Stattdessen verharrt die heterodoxe Marx-Lektüre im Nachweis von Defiziten, statt sie zu überwinden und neue Lösungsansätze aufzuzeigen.

Im Folgenden sollen einige Thesen vorgetragen werden, die zu einer Öffnung des kritisch-ökonomischen Denkens gegenüber den Realitäten des kapitalistischen Weltsystems des 21. Jahrhunderts beitragen könnten. Dabei gehe ich erstens von einer Analyse der selbstkritischen Reflexionen aus, die Marx nach der im Jahr 1867 erfolgten Veröffentlichung des ersten Bands des Kapital notiert hatte.[2] Ich beziehe mich zweitens auf einen Sammelband, in dem kürzlich alle dissidenten Strömungen der sich an Marx orientierenden Konzeptualisierung des Arbeitsbegriffs und der Arbeitsgeschichte zu Wort kamen.[3] Und drittens entwickle ich mit diesen Thesen einige Überlegungen weiter, die ich in der Auseinandersetzung mit dem von Marcel van der Linden vorgelegten Konzept der globalen Arbeitsgeschichte zur Diskussion gestellt habe.[4]

1. Kritik und Weiterentwicklung der Werttheorie

In ihrem Kern ist die Marxsche Werttheorie ein Konzept des Arbeitsbegriffs: Die Arbeitskraft ist eine Ware, die von ihrem subjektiven Träger an den Kapitalisten verkauft wird. Dem Phänomen der unabdingbaren Reproduktion des Arbeitsvermögens trägt sie nur rudimentär Rechnung. Die dritte Komponente der Werttheorie, die Inwertsetzung und Verwertung der Natur, ist fast völlig ausgeklammert.

1.1 Erweiterung der arbeitswerttheoretischen Komponente

Die Marxsche Werttheorie basiert auf einer viel zu eng gefassten Konzeptualisierung des Arbeitsbegriffs. Nur die doppelt freie Lohnarbeit ist wertschöpfend und mehrwertbildend: Nur wer über keine eigenen Produktions- und Subsistenzmittel verfügt und seine Arbeitskraft frei an den Kapitalisten verkauft, wird im Ergebnis dieser spezifischen Kommodifizierung mit seinem Arbeitsvermögen in den Prozess der Kapitalbildung einbezogen, wo dieses anschließend verwertet wird.

In der kapitalistischen Wirklichkeit koexistieren jedoch vielfältig ausdifferenzierte Arbeitsverhältnisse, die simultan zu kommandierten Trägern des Wertschöpfungs- und Akkumulationsprozesses werden: Selbständige Arbeiter mit eigener Verfügungsgewalt über Arbeits- und Produktionsmittel, Zwangsarbeiter, Schuldknechte, Sklaven, arbeitende Arme, Prekäre und selbstverständlich auch die doppelt freien Lohnarbeiter. Sie alle eint die freie oder erzwungene Subsumtion ihres Arbeitsvermögens unter den kapitalistischen Produktionsprozess, und zwar unabhängig davon, ob sie Löhne, Honorare oder Kontraktentgelte erhalten oder auch ohne jegliche Gegenleistung ausgebeutet werden und ihr Dasein in Nischen der Subsistenzökonomie fristen. Diesen empirischen Tatsachen muss ein entsprechend erweitertes Konzept der arbeitswerttheoretischen Komponente Rechnung tragen. Es muss darüber hinaus auch berücksichtigen, dass das Arbeitsvermögen nur beim Vorliegen unfreier Arbeitsverhältnisse mitsamt seinen Trägern befristet oder auf Dauer in das Eigentum der Kapitalisten übergeht. Die Lohnarbeiter vermieten hingegen ihr Arbeitsvermögen in periodischen Abständen an ihre Ausbeuter, und die Arbeitsvermögen der selbständigen Arbeiter werden nur indirekt durch den Ankauf ihrer Produkte, durch Kontraktentgelte oder durch Pachtgebühren vom Kapitalisten angeeignet.

1.2 Der Reproduktionswert

Marx zufolge entspricht der Reproduktionswert des Arbeitsvermögens der zu seiner Erhaltung durchschnittlich erforderlichen notwendigen Arbeitszeit, und er bemisst sich nach einem kulturell und historisch definierten Set an Lebensmitteln und anderen Konsumgütern. Auch diese begriffliche Festlegung ist viel zu eng gefasst. Sie lässt außer Betracht, dass das lebendige Arbeitsvermögen in spezifischen familiären und sozialen Kontexten generiert und reproduziert wird, und sie macht infolgedessen die dafür aufgewendete Reproduktionsarbeit unsichtbar. Zu Marxens Zeiten handelte es sich dabei in erster Linie um die weibliche Hausarbeit und um rudimentäre Formen der Bildungsarbeit. Im Verlauf des vergangenen Jahrhunderts haben sich zusätzlich umfangreiche Sektoren der Reproduktionsarbeit entwickelt, die in den Zentren der globalen Kapitalakkumulation die direkt produktiv verwertete Arbeit zunehmend überflügeln: Bildungsarbeit, Gesundheitsarbeit, Care Work, soziale Dienstleistungen usw. Infolgedessen erscheint es dringend geboten, der erweiterten arbeitswerttheoretischen Komponente eine entsprechend erweiterte reproduktionswerttheoretische Komponente zu Seite zu stellen.

1.3 Der Arbeiterhaushalt als zentraler Bezugspunkt des Arbeits- und Reproduktionswerts

Da Marx von einem zu eng gefassten werttheoretischen Modell ausging, war der doppelt freie Lohnarbeiter als individueller Träger des Arbeitsvermögens sein entscheidender Bezugspunkt. Auf diese Weise ordnete er seinen Arbeitsbegriff nolens volens der Fiktion der bürgerlichen politischen Ökonomie vom „homo oeconomicus“ unter. Dieses Vorgehen widerspricht heute mehr denn je den Realitäten der weltweit entwickelten Arbeitsverhältnisse. Ihr zentraler Bezugspunkt sind nicht die dem Kapitalverhältnis unterworfenen Arbeitsnomaden, sondern die Haushalte der proletarischen Familien, Familienverbände und anderer proletarischer Überlebensgemeinschaften. In ihren gemeinschaftlich verwalteten Budgets fließen die aus den unterschiedlichsten Arbeitsverhältnissen stammenden Entgelte zusammen. Von hier aus werden auch die vielfältigen Reproduktionsarbeiten bestritten und koordiniert, und in ihre Budgets fließen spezifische Sozialleistungen ein, die von den jeweiligen Regulationssystemen zur allgemeinen Reproduktion der arbeitenden Klassen in unterschiedlichem Ausmaß zur Verfügung gestellt werden. Die Kritik der politischen Ökonomie sollte sich endgültig von der Fiktion des proletarischen Nomaden als einem Vexierbild des „homo oeconomicus“ verabschieden und den Arbeiterhaushalt als entscheidenden Referenzpunkt ihres werttheoretischen Fundaments anerkennen.

1.4 Der Wert der Natur

Die Inwertsetzung der Natur hat schon lange vor der Entwicklung des Kapitalismus begonnen, als ihre Bodenschätze ausgebeutet und Grund und Boden zur elementaren Grundlage der Klassengesellschaften gemacht wurden. Unter dem Kapitalismus haben sich diese Prozesse ungeheuer ausgeweitet. Die Verfügung über den Boden wurde zu einem Teil der kapitalistischen Dynamik, und die Grundherrschaft ging zunehmend in der Klasse der Kapitalisten auf. Zudem war der Kapitalismus im Gegensatz zu den ihm voraufgegangenen Gesellschaftsformationen in der Lage, die Inwertsetzung der Natur dauerhaft mit der Inwertsetzung des Arbeitsvermögens zu verbinden und dadurch die Grundlagen für eine seit nunmehr sieben Jahrhunderten anhaltende Kapitalakkumulation zu schaffen.

An sich ist die unberührte Natur für den Kapitalisten wertlos – genauso wertlos wie das Arbeitsvermögen, das die Proletarierin als elementare Reproduktionsarbeiterin in Gestalt eines Babys zur Welt bringt. Und trotzdem geht die spezifische Naturressource wie dieses erst noch zu sozialisierende Arbeitsvermögen mit der Wertgröße „Null“ in die kapitalistische Wertrechnung ein. Im Prozess der kombinierten Verwertung werden die natürlichen wie menschlichen Ressourcen dann wertübertragend und wertschöpfend tätig.

Heute hat sich der Kapitalismus der Natur derart weitgehend bemächtigt, dass ihre weitere Inwertsetzung und Verwertung an deutlich markierte Grenzen gerät: Der Boden, die Bodenschätze, die fossilen Energieträger, das Wasser, die Atmosphäre und die Ökosysteme werden zunehmend in Komponenten der Wertschöpfung umgewandelt und im Kontakt mit dem Arbeitsvermögen zu Bestandteilen der Bildung von Mehrwert. Infolgedessen müssen immer größere Anteile der verwerteten Naturressourcen regeneriert werden. Auch hier erscheint es dringlich, die bei Marx noch weitgehend unerörtert gebliebene Inwertsetzung der Natur und die damit einhergehende Verwertung ihrer Ressourcen in die Werttheorie einzubeziehen.

Die Werttheorie wird dem heute zu beobachtenden Strukturwandel des kapitalistischen Weltsystems nur dann gerecht werden, wenn es gelingt, ihre drei Hauptkomponenten – Arbeitswert, Reproduktionswert und Naturwert – zu einem integralen Ganzen zusammenzufügen. Auf den ersten Blick erscheint eine solche Operation schwierig. Wir können sie jedoch leicht bewältigen, sobald wir berücksichtigen, dass die Wertschöpfung immer aus zwei ineinander verflochtenen Teilprozessen besteht: Aus der Wertübertragung der Produkte der vergangenen Arbeit (natürliche Ressourcen, Produktionsmittel, Infrastruktur und voraufgegangene Reproduktionsarbeiten) und der Wertschöpfung durch das kollektive Arbeitsvermögen des aktuellen Wertschöpfungsprozesses.

2. Enteignung – Inwertsetzung – Verwertung: Für eine
Erweiterung des Subsumtionsbegriffs

Bevor ich mich der Diskussion der Auswirkungen einer adäquat erweiterten Werttheorie auf die Analyse der kapitalistischen Dynamik zuwende, möchte ich auf die Dringlichkeit einer erweiterten Kategorisierung ihrer arbeitswerttheoretischen Komponente verweisen. Damit das Arbeitsvermögen überhaupt verwertet werden kann, muss es erst einmal produziert werden. Unter entwickelten kapitalistischen Bedingungen ist darunter ein spezifischer Sozialisationsvorgang zu verstehen: Geburt und primäre Sozialisation des Trägers des potenziellen Arbeitsvermögens, anschließende Sozialisation durch das öffentliche Bildungswesen und schließlich der Erwerb spezifischer Kenntnisse, Fähigkeiten und Fertigkeiten im Produktions- und Reproduktionsprozess selbst, sodass der Prozess der periodischen Vermietung des Arbeitsvermögens gegen ein spezifisches Entgelt einsetzen kann. Dies war und ist auch heute jedoch keineswegs die Regel, sondern aus globaler Perspektive eher ein atypisches Ereignis, das auf die Kernzone beschränkt ist. In der Regel geht der Sozialisierung und Inwertsetzung des Arbeitsvermögens nach wie vor die Enteignung und Pauperisierung seines/ihres Trägers voraus, sei es durch die Zerstörung der gemeinsamen subsistenzwirtschaftlichen Grundlagen, sei es durch Bürgerkriege, „ethnische Säuberungen“ oder die Blockade der peripheren kapitalistischen Entwicklung durch die zentralen Hegemonialmächte. Zudem wird die breite Masse der ihrer Existenzgrundlagen Beraubten und zur Arbeitsmigration oder zum Überleben in hybriden Schattenökonomien Gezwungenen Arbeits- und Entgeltbedingungen unterworfen, die die familiäre Reproduktion ihres Arbeitsvermögens erschweren oder gänzlich ausschließen.

Angesichts dieser auch heute mehr denn je zu beobachtenden Perioden der Pauperisierung und Zwangsmigration erscheinen die Begriffe, in denen Marx die Unterwerfung der Träger des Arbeitsvermögens unter den kapitalistischen Verwertungsprozess zu fassen suchte, nicht angemessen. Die Trias Enteignung – Pauperisierung – Inwertsetzung wird durch die Kategorien „formelle“ und „reelle Subsumtion“ nur ungenügend erfasst. Sie muss durch neue Kategorien ersetzt werden, in denen sich die gesamte Skala der globalen Enteignungs-, Inwertsetzungs- und Verwertungsbedingungen abbildet.

3. Die Integration der Theorie der Grundrente in die Werttheorie

Bei Marx hatte die Diskussion des Bodenwerts (der Grundrente) ihren Bezug zur Werttheorie weitgehend verloren. Sie blieb ein Fremdkörper seiner Theorie und lehnte sich bis in die Details an die Grundrententheorie David Ricardos an. Zwar ließ Marx nie einen Zweifel daran, dass Arbeit und Natur die elementaren und miteinander verwobenen Grundlagen des gesellschaftlichen Reichtums darstellen, dass also lebendige Arbeit, Boden (heute die gesamte Biosphäre) und vergegenständlichte Arbeit (das fixe Kapital) die entscheidenden Produktionsbedingungen sind. Trotzdem vermochte er sich nicht von den konzeptionellen Vorgaben der britischen Klassiker der politischen Ökonomie zu lösen und schloss die natürlichen Ressourcen aus seiner Wert- und Preistheorie aus.

Auf der Basis einer erweiterten Werttheorie lässt sich dieses Defizit jedoch leicht beheben. Der Bodenwert ist Bestandteil des Naturwerts und bringt einen qualitativen Sprung bei der Inwertsetzung der Natur zum Ausdruck, wie er zu Beginn der kapitalistischen Ära durch die Herausbildung der Differentialrente, der Baubodenrente und die Intensivierung der Ausbeutung der Bodenschätze, der fossilen Energieträger und der Wasserressourcen geprägt war. Im Verlauf des vergangenen Jahrhunderts hat sich die Inwertsetzung und Verwertung der natürlichen Ressourcen auf die gesamte Umwelt und ihre Ökosysteme ausgedehnt. Sie ist schließlich in sekundäre Kreisläufe eingemündet, durch die die verbrauchten Naturressourcen teilweise regeneriert werden oder sich fortlaufend erneuern.

Diesem Phänomen wird die in Band III des Kapital entwickelte Theorie der Grundrente nicht gerecht. Die Differentialrente ist nur ein Sonderfall des unterschiedlichen Bodenertrags und war noch ganz vom Gegensatz zwischen dem kapitalistischen Pächter und dem Grundeigentümer bestimmt. Dieser Gegensatz hat sich historisch längst aufgelöst. Das Immobilienkapital ist zu einer spezifischen Triebkraft der kapitalistischen Dynamik geworden. Es hat die Urbanisierungsprozesse in Quellen der Wertschöpfung verwandelt und eignet sich immer größere Teile der Reproduktionskosten der arbeitenden Klassen an.

4. Die ursprüngliche Akkumulation als permanente Umwälzung des kapitalistischen Weltsystems

Aus der Weiterentwicklung der Werttheorie ergeben sich weit reichende Folgen für die Analyse der kapitalistischen Dynamik in ihrer Gesamtheit. Aus Platzgründen muss ich mich auf die Diskussion einiger besonders wichtiger Aspekte beschränken.

Dem Marxschen Ansatz entsprechend waren wir es gewohnt, uns die Entstehung des Kapitalismus als einen historisch eng begrenzten Akt vorzustellen, der besonders gewalttätig verlief, weil er durch die Plünderung vorkapitalistischer Reichtümer und die Enteignung der kleinen Warenproduzenten geprägt war. War die „ursprüngliche Akkumulation“ absolviert, so verstetigte sie sich anschließend und gewann zunehmend „zivilisatorische“ Eigenschaften. Diese Sichtweise ist durch die lange Dauer des Kolonialimperialismus und die Großkatastrophen des 20. Jahrhunderts gründlich widerlegt worden. Sie widerspricht aber auch den Eckpunkten einer erweiterten Werttheorie. Bevor sie inwertgesetzt und verwertet werden können, müssen die Trägerinnen und Träger des Arbeitsvermögens auch heute millionenfach ihres Bodens und ihrer Arbeitsmittel beraubt, von Haus und Hof vertrieben und/oder durch umfangreiche Bildungs-, Disziplinierungs- und Integrationsmaßnahmen „sozialisiert“ werden. Gleichzeitig stehen ihnen in den „Rust Belts“ des entwickelten Kapitalismus ganze Schichten der Arbeiterklasse gegenüber, deren entwertete Arbeitsvermögen nicht mehr den veränderten Bedingungen der Kapitalakkumulation angepasst werden. Sie sind Prozessen der retrograden Enteignung, Pauperisierung und Ausgrenzung unterworfen, die den Migrationsströmen und den hybriden Schattenökonomien der in der Peripherie Entwurzelten gegenüberstehen.

Derartige sich zyklisch wiederholende Gewalthandlungen finden auch gegenüber der Natur statt. Es ist deshalb heute nicht mehr auszuschließen, dass der Globus im Gefolge der entfesselten kapitalistischen Dynamik zunehmend verwüstet und die vom Menschen geprägte Biosphäre vielleicht sogar völlig zerstört wird.

Es war ein gravierender Fehler, dass die Kritik der politischen Ökonomie bisher fast durchgängig die dem Kapitalverhältnis innewohnenden (selbst)zerstöreri­schen Tendenzen entweder auf die Periode seiner „ursprünglichen Akkumulation“ begrenzt oder aber in eine aus seinen inneren Widersprüchen resultierende Perspektive des quasi automatischen Zusammenbruchs umgedeutet hat. Indem wir die „permanente ursprüngliche Akkumulation“ auf eine radikal erweiterte werttheoretische Grundlage stellen, könnte es vielleicht gelingen, die mit dem Kapitalismus verknüpfen Fortschrittsillusionen des Marxschen Entwicklungsmodells und der darauf begründeten Orthodoxie zu überwinden und die Perspektiven einer revolutionären Systemtransformation aufzuzeigen.

5. Akkumulationsregimes und Regulationssysteme

Die von mir vorgeschlagene erweiterte Konzeptualisierung der Werttheorie eröffnet neue Sichtweisen auf weitere Phänomene, die sich aus der Dynamik des Weltsystems ergeben. Hierzu gehört vor allem seine Doppelstruktur als Akkumulationsregime und Regulationssystem. Die Permanenz der „ursprünglichen Akkumulation“ macht die Existenz von Rahmenbedingungen erforderlich, die die gesamte Gesellschaft in sie hineinzwingen. Wir wissen heute aus der wirtschaftshistorischen Forschung, wie diese sich wechselseitig stabilisierende expansive Dynamik von akkumulierendem Kern und regulierendem Rahmen entstanden ist. Ihre embryonalen Vorstufen entwickelten sich in den italienischen Stadtrepubliken, wo es den Patrizierdynastien gelang, alle öffentlichen Revenuequellen unter ihre Kontrolle zu bringen und der Ausweitung des Handels und der Gewerbe zu unterwerfen. Dieser Prozess leitete einige Jahrhunderte später im Ergebnis der Niederländischen Revolution zur Herausbildung merkantilistischer Nationalökonomien über, die den akkumulierenden Kapitalien die für die überseeische Expansion erforderlichen Zwangsmittel, billige – zumeist zwangsrekrutierte – Arbeitskräfte, wohlfeile Anleihen und stabile Geldmärkte (Zentralbanken) zur Verfügung stellten. Umgekehrt entfalteten sich die Steuersysteme, die für eine akkumulationsverträgliche Abzweigung eines Teils des Mehrwerts in die öffentlichen Budgets Sorge trugen. Auf diese Weise entfaltete sich eine wechselseitige Dynamik, die zu Beginn des 18. Jahrhunderts durch die Rückübertragung der auf den überseeischen Plantagen entwickelten Arbeitsmethoden ein expandierendes Manufaktur- und Fabriksystem hervorbrachte. Diese Dynamik hat bis heute Bestand, obwohl sie durch immer massiver ausgreifende Krisen- und Depressionszyklen unterbrochen wird. Und sie bewirkt eine ständige Ausweitung und Ausdifferenzierung der ihr zugrungeliegenden Wertschöpfung und Mehrwertproduktion, die wiederum in unterschiedlichem Ausmaß zur Aufrechterhaltung der Regulationsfunktionen abgezweigt werden.

6. Die ungleichmäßige und ungleichgewichtige Entwicklung des Kapitalismus

Die führenden Exponentinnen und Exponenten der an Marx orientierten Wirtschaftstheorie haben sich im vergangenen Jahrhundert intensiv mit dem Phänomen der zunehmend ungleichgewichtigen Entwicklung des kapitalistischen Weltsystems auseinandergesetzt. Sie sind dabei jedoch nicht über seine Beschreibung und einige an der Imperialismustheorie orientierte Überlegungen über die Gesetzmäßigkeiten dieses Prozesses hinausgekommen. Auch in diesem Problemfeld ergeben sich auf der Basis der erweiterten Werttheorie und anhand der empirischen Befunde der letzten Jahrzehnte neue Möglichkeiten der Analyse sowie der begrifflichen Einordnung in ein erneuertes Gebäude der Kritik der politischen Ökonomie.

Die ungleichmäßige kapitalistische Durchdringung der Kontinente, Subkontinente und Nationalökonomien ist erstens der Tatsache geschuldet, dass sie zunehmend durch globale Ketten der Wertschöpfung und der Mehrwertproduktion miteinander verbunden sind. Die global operierenden Unternehmen kombinieren die unterschiedlichsten Formen der Ausbeutung von Arbeitsvermögen miteinander: Die prekären Arbeitsverhältnisse der Schattenökonomien, die fabrikdespotischen Niedriglohnsektoren der Schwellenländer und die kognitiven oder planenden Arbeitsfunktionen der operativen Zentren. Nur diese weltweite Kombination unterschiedlicher Entwicklungsstadien der Ausbeutung gestattet eine Schöpfung von Gesamtwerten, in denen ausreichend große Anteile des absoluten und relativen Mehrwerts enthalten sind. Diesem Primat einer ständig steigenden Wertschöpfung und Mehrwertabpressung sind heute alle Weltregionen unterworfen, während die durch sie geschaffenen Werte auf dem Weltmarkt (Waren- und Kapitalmärkte) realisiert werden.

Durch die Regulationssysteme der Nationalökonomien, Wirtschaftsblöcke und weltwirtschaftlichen Institutionen werden diese Prozesse verstärkt und verstetigt. In den entwickelten Zentren erhält der Transfer großer Anteile der gesamtgesellschaftlichen Revenuen in die Ausbildung kognitiver Arbeitsfähigkeiten, in die Infrastruktur und die technologischen Innovationen den hegemonialen Entwicklungsvorsprung aufrecht. Dieser Vorsprung wird gegenüber der Peripherie durch gezielte Strategien der Unterentwicklung verstärkt, da diese für den globalen Prozess der Wertschöpfung nur als Lieferant billiger Arbeitskräfte und Rohstoffressourcen sowie als Exporteur arbeitsintensiver Massenprodukte von Bedeutung ist. Zwar gelingt es den Akteuren einzelner Regulationssysteme der Peripherie immer wieder, aus dieser Hierarchie der ungleichmäßigen Entwicklung auszubrechen. Aber dies sind Ausnahmen, die zudem den Gesamtmechanismus nicht stören, weil die erfolgreichen „Late Comers“ ihrerseits die Rolle hegemonialer Koordinatoren der Wertschöpfungsketten einnehmen.

Gleichwohl ist die hierarchische Abstufung zwischen Zentren, Semiperipherie und Peripherie fließend und zyklischen Schwankungen unterworfen. Sie reproduziert sich jedoch ständig, denn die hoch entwickelten Kapitalzentren bleiben immer auf vergleichsweise kleine geographische Einheiten beschränkt, weil das Weltsystem zu einer gleichmäßigen und gleichrangigen Allokation der Wertschöpfung und zu einer darauf begründeten gleichmäßigen Verteilung des Reichtums nicht in der Lage ist.

Einen Sonderfall dieser Tendenz haben wir dann vor uns, wenn sich mehrere Nationalökonomien zu Wirtschaftsblöcken zusammenschließen. Auch hier etablieren sich nach einiger Zeit hegemoniale Machtgruppen, die ihren Vorsprung bei der Entwicklung der technologischen Standards, der Arbeitsproduktivität und des Lohndumpings zu einer neomerkantilistischen Exportoffensive ausnutzen und dadurch einen zunehmenden Abfluss von Arbeitskräften, Extraprofiten und Revenuen erzwingen. In diesem Fall vervielfacht sich die Exploitation der Peripherieländer durch die Überausbeutung ihres Arbeitskräftepotenzials, durch ungleichen Tausch und durch den Abfluss öffentlicher Revenuen an die Gläubiger des Zentrums.

7. Vom Wert zum Preis: Falsche Problemstellungen und eine einfache Lösung

Soweit die Umrisse der wichtigsten, aus der erweiterten Werttheorie resultierenden Ansatzpunkte zur systematischen Erneuerung der Kritik der politischen Ökonomie. Jedoch wird ihre Verknüpfung mit den realen Manifestationen der kapitalistischen Dynamik durch die Blockade ihrer Quantifizierungsmöglichkeiten behindert. Die Problemlage ist klar: Es müssen physikalische Größen (Zeiteinheiten, Mengen, Gewichte und Raumvolumina) zu einem allgemeinen ökonomischen Wertäquivalent in Beziehung gesetzt werden. Da sich Marx mit dieser Frage widersprüchlich und in vielem auch missverständlich auseinandersetzte, provozierte er eine Debatte, die die sich auf ihn beziehende Wirtschaftstheorie seit über einem Jahrhundert beschäftigt und außerordentlich komplizierte mathematische Lösungsvorschläge hervorgebracht hat.

Nach meiner Auffassung handelt es sich dabei um ein Scheinproblem. Alle geschaffenen Werte sind unter kapitalistischen Produktions-, Verteilungs- und Reproduktionsbedingungen zugleich Tauschwerte, die auf den Märkten realisiert werden. Diese Tauschwerte stellen ihrerseits den Geldausdruck des jeweiligen Werts dar. Um diese Relation adäquat darzustellen, ist es infolgedessen erforderlich, die in einer bestimmten Wirtschaftsperiode geschaffenen Arbeits-, Reproduktions- und Naturwerte sowie den daraus abgepressten Mehrwert in ihren jeweiligen Preisen – und somit in ihren reziproken Arbeitsentgelten und Profiten – darzustellen. Aufgrund der Fortschritte der quantifizierenden Wirtschaftsgeschichtsschreibung verfügen wir heute über solide Lohn- und Preisstatistiken, die bis ins frühe 18. Jahrhundert zurückreichen. Wenn wir sie auf die stabilste Weltwährung der jeweiligen Wirtschaftsperiode beziehen, dann stehen uns historische Wert-Preis-Transformationen zur Verfügung, die es gestatten, die Marxsche Kritik der politischen Ökonomie unter Zuhilfenahme der heute verfügbaren quantifizierenden Verfahren weiterzuentwickeln und das Elend der bürgerlichen Nationalökonomie zu beenden.

8. Die Entwicklungstendenzen der Arbeitsentgelte und der Profitraten

Bei seinen Vorarbeiten und Parallelstudien zum dritten Band des „Kapital“ hat sich Marx intensiv mit der Entwicklung der Profitrate auseinandergesetzt. Er hat dabei zahlreiche voneinander unabhängige Variablen erörtert, zu denen heute unter Berücksichtigung der Einflüsse des Regulationssystems auf die Akkumulationsregimes einige weitere hinzukommen. Das Ziel seiner Überlegungen war dabei, eine vor allem durch die steigende organische Zusammensetzung des Kapitals bedingte Tendenz zum Fall der Profitrate nachzuweisen.

Wie wir heute wissen, unterliefen Marx bei der Berechnung dieser Variablen einige Fehler. Diese Irrtümer wären aufgrund des damaligen Stands der algebraischen Mathematik durchaus vermeidbar gewesen, aber Marx war in dieser Hinsicht falsch beraten. Heute ist klar, dass sich die Profitrate in alle möglichen Richtungen entwickeln kann: Sie kann je nach der Entwicklung bestimmter Faktoren – technologische Innovationen, Lohnstückkosten, sinkende oder steigende organische Zusammensetzung des Kapitals, Patentmonopole, Marktmonopolisierung, Besteuerungssysteme usw. – stagnieren, zurückgehen oder auch über eine ganze Wirtschaftsperiode hinweg ansteigen.

Eine Schlüsselrolle kommt dabei der Entwicklung der Arbeitsentgelte zu, die die den Arbeitenden zugestandenen Anteile an der von ihnen erbrachten Wertübertragung und Wertschöpfung darstellen. Auch hier prognostizierte die sich an Marx orientierende Wirtschaftstheorie lange eine Tendenz zum langfristigen Rückgang des „relativen Lohns“, und erst der Operaismus trug der Tatsache Rechnung, dass die Realentgelte in Perioden weit entwickelter Arbeiterkämpfe durchaus auch steigen und den Anteil des ihnen abgepressten Mehrwerts verringern können. Auch hier ist die Entwicklung somit prinzipiell offen, und eine Hauptaufgabe der künftigen Kritik der politischen Ökonomie wird darin bestehen, die Kernkomponenten der Entgelttheorie – insbesondere die Lohnstückkosten – als unabhängige Variable zu entwickeln, so dass sie der Entwicklung der Profitraten sowie der gesamtgesellschaftlichen Revenuen gleichrangig gegenüber stehen und auf diese Weise die durch den Zusammenstoß zwischen Arbeit und Kapital konstituierten Widersprüche der kapitalistischen Dynamik adäquat zum Ausdruck bringen.

9. Abschließende Überlegungen zur Transformation des
kapitalistischen Weltsystems

Karl Marx hat die sich in der Großindustrie frei assoziierende Arbeiterklasse als die zentrale Triebkraft des sozialen Umsturzes definiert, die das System der Lohnarbeit überwindet und sich die weit entfalteten Produktionspotenziale des Kapitals aneignet. Diese Vision war immer verkürzt und ist historisch in Gestalt der Rätebewegung, des Staatssozialismus und des Operaismus gescheitert. Sie war aber auch deshalb problematisch, weil sie auf einer Werttheorie basierte, die von der vollständigen Kommodifizierung des subjektiven Trägers des Arbeitsvermögens ausging, sobald dieser seine Arbeitskraft an den Kapitalisten „verkauft“ hatte. Dies war aber nie der Fall, denn selbst die Trägerinnen und Tröger versklavter oder der Schuldknechtschaft unterworfener Arbeitsvermögen fanden immer wieder Mittel und Wege, um sich gegen ihre Ausbeuter aufzulehnen. In bestimmten historischen Perioden war und ist die Arbeiterklasse sehr wohl in der Lage, sich an alternativen Produktions- und Lebensweisen zu orientieren, weil sie niemals vollständig als kollektives Subjekt, sondern immer nur mit dem ihr entäußerten und entfremdeten Arbeitsvermögen der kapitalistischen Dynamik unterworfen ist.

Das Marxsche Konzept war letztlich Ausdruck einer auf der Schlüsselfunktion der industriellen Arbeiterklasse begründeten Werttheorie. Das historische Subjekt der sozialen Revolution war und ist jedoch nicht nur „unvollständig“ unterworfen, es muss auch viel weiter gefasst werden. Es umfasst alle gesellschaftlichen Gruppen, die der „unendlichen“ Dynamik des Kapitals und seiner Regulationssysteme unter extrem heterogenen Bedingungen als Produktions- und Reproduktionsarbeiter ausgeliefert sind. Dieses soziale Multiversum der Weltarbeiterklasse ist zudem weitgehend – wenn auch nicht ausschließlich – mit jenen gesellschaftlichen Kräften identisch, die sich der zügellosen Inwertsetzung und Verwertung der Natur widersetzen. Ihnen allen hat die erneuerte Kritik der politischen Ökonomie gerade in Zeiten der nationalistischen und sozialreligiösen Deformation der globalen Klassenkonflikte ein Instrumentarium zur Verfügung zu stellen, das sie zum kollektiven Handeln und zu einer programmatisch ausgewiesenen Überwindung des kapitalistischen Weltsystems befähigt.

[1] Sie sind in den 22 Bänden der zweiten Abteilung der neuen Marx Engels Gesamtausgabe publiziert: MEGA, Bd. II/1.1 bis Bd. II/15. Ergänzend ist die dazugehörige Korrespondenz der Jahre 1870 bis 1883 heranzuziehen: Marx/Engels, Werke (MEW) Bd. 33 - 35, Berlin 1966-1967.

[2] Insbesondere MEGA, Bd. II/4. Teil 3: Karl Marx, Manuskripte 1963-1868 zum 2. und 3. Buch des Kapital; Bd. II/7: Karl Marx, Le Capital, Paris 1972-1875; Bd. II.8: Karl Marx, Das Kapital. Kritik der politischen Ökonomie. Erster Band, Hamburg 1883; Bd. II/11: Karl Marx, Manuskripte zum zweiten Buch des „Kapitals“ 1868 bis 1881; Bd. II/14: Karl Marx/Friedrich Engels, Manuskripte und redaktionelle Texte zum dritten Buch des „Kapitals“, 1871 bis 1895. Hinzu kommen einige wichtige Notiz- und Exzerpthefte der vierten Abteilung, die überwiegend noch nicht veröffentlicht worden sind.

[3] Marcel van der Linden/Karl Heinz Roth (Eds.), Beyond Marx. Theorising the Global Labour Relations of the Twenty-First Century, Leiden/Boston 2014.

[4] Karl Heinz Roth, An Encyclopaedist of Critical Thought: Marcel van der Linden, Heterodox Marxism and Global Labour History, in: Karl Heinz Roth (ed.), On the Road to Global Labour History. A Festschrift for Marcel van der Linden, Leiden/Boston 2017 (im Druck).

Dieser Artikel ist erschienen in Z. Nr. 111, September 2017

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