Z. Zeitschrift Marxistische Erneuerung Nr. 111, September 2017 - http://zeitschrift-marxistische-erneuerung.de/topic/138.ausgabe-111-september-2017.html

Globalität, Ungleichmäßigkeit und Geschichte: Überlegungen zur Logik der Subsumtion

Harry Harootunian

Wenn Walter Benjamin die besondere Bedeutung richtig erfasst hat, die Marx der Zeitlichkeit der Gegenwart zumaß, die mehr sei als der Übergang zwischen zwei Zeitpunkten, dann kann weiter vorgeschlagen werden, dass Marx‘ Betonung der Gegenwart eine neue Form von Geschichte notwendig macht, die das bürgerliche Modell der Historiographie überwindet, bei dem der Verlauf der Geschichte die wellenförmigen Bewegungen und Wiederholungen des Kapitals widerspiegelt. Es ist lehrreich festzustellen, dass Marx einen besonderen Blick auf die geschichtliche Praxis entwickelte, indem er die multiplen Zeitlichkeiten aufdeckte, die unter der Oberfläche der gegenwärtigen „sinusförmigen“ Bewegungen des Kapitals verborgen liegen, dem profanen Jetzt, der Arbeitszeit. Dies ist die wichtigste Zeitform im „Kapital“. Ein solches Geschichtsverständnis, das schon in der Definition des Kommunismus als „praktischer Materialismus“ aufscheint, begreift die Vergangenheit strikt als Teil der Gegenwart; diese wird unterschieden von einer „virtuellen Vergangenheit“, beschrieben aus der Perspektive „des Kapitalismus als gegebener Totalität, der seine inneren Momente in die Vergangenheit zurückprojiziert.“[1] Dieses Geschichtsverständnis leitet sich ab aus Logik und Struktur des Kapitals.

Koexistenz von Vergangenheit und Gegenwart

Im Gegensatz dazu war ein praktischer Materialismus gezwungen, in der historischen Gegenwart politisch zu intervenieren, um die Behauptung ungestörter Kontinuität und ungestörten Fortschritts in Frage zu stellen indem anerkannt wird, dass die Vergangenheit mit der Gegenwart koexistiert und dass die Aufmerksamkeit auf die Lösung der drängenden Probleme der Gegenwart zu richten ist.[2] Zeitgenössischen Vorstellungen zufolge gilt die hartnäckige Existenz von Relikten oder Resten aus der Vergangenheit in der Gegenwart als Anachronismus, d.h. dass diese keinen Platz in der kapitalistischen Gegenwart haben und beseitigt werden sollten. Marxisten betrachteten diese Überbleibsel als Ausdruck stockender Entwicklung und eines nicht voll ausgebildeten Kapitalismus. Wir aber wissen um das revolutionäre Potential von Anachronismen. Manchmal ist ein Anachronismus noch nicht einmal einer. (Darüber später mehr.) Es ist die Ungleichmäßigkeit in der Entwicklung des Kapitals und dessen Bestehen darauf, Praktiken der Vergangenheit mit dem zeitgenössischen Kapitalismus zu verbinden welches die Bedingungen für eine Koexistenz multipler Zeiten schafft: Eine logische Zeit, welche die Entwicklung des Kapitals und Produktion, Zirkulation und Reproduktion bestimmt und die als Geschichte des Kapitals die sozialen Normen der Zeit zur Geltung bringt und so als historische Zeit gilt; und jene andere, die in den Ansprüchen einer mit der Gegenwart koexistierenden Vergangenheit zum Ausdruck kommt, Ansprüchen, die, aus unterschiedlichen Gründen, vom Nationalstaat wirkungsvoll, aber eben nicht vollständig unterdrückt werden können, von dem Nationalstaat, der eigentlich die Eindeutigkeit der sozialen Normen der Zeit des Kapitals garantieren sollte. Die Vergangenheiten in der Gegenwart bleiben immer als Möglichkeiten und Wahrscheinlichkeiten bestehen, sie kommen in den Klassenkämpfen und im politischen Widerstand an die Oberfläche und prägen diesen.[3] „Das Kapital ist die Logik der Geschichte. Zwischen den logisch-abstrakten Gesetzmäßigkeiten – der Entfaltung ökonomischer Rationalität – und der historischen Zeit gibt es keine Trennung, sondern eine Beziehung wechselseitiger Beeinflussung.“ In dieser Beziehung kommt es zu Krisen, „wenn die einheitliche historische Zeit unterbrochen wird.“[4] Das dem Kapital eigene ‚Herzflimmern‘, seine Ungleichmäßigkeiten, rufen diskordante, ‚zeitwidrige‘ Zeiten hervor, „aus den Fugen geratene Zeiten“, beleben in ihnen enthaltene Spannungen zwischen Vergangenheit und der Gegenwart, verwandeln Geschichte in Politik, wie sowohl Benjamin als auch Gramsci vorhergesagt haben. Marx beobachtete, dass das Auftauchen von Zeitwidrigkeiten eine Herausforderung für die Zeitordnung der jeweils dominanten politischen und ökonomischen Verhältnisse darstellte, in denen alle anderen historischen Entwicklungsmöglichkeiten ausgeschlossen sein sollten. Solche Erscheinungen, zugespitzt durch zerstörerische Ereignisse, haben revolutionäres Potential, befördern einen verzögerten, „unterbrochenen Anachronismus“.[5] Die synkopischen, durch Unterbrechungen gekennzeichneten Historisierungen veranlassten Marx, Zeit als soziale Beziehung zu betrachten und stellte die Geschichte als Abfolge ereignisvoller politischer Interventionen neben eine Geschichte arm an Ereignissen, vorgestellt als homogene Abfolge unwichtiger Vorkommnisse, wo sich nichts wirklich ereignet.[6]

Marx und Engels befassten sich mit der Frage der Vergegenwärtigung der Vergangenheit zuerst in der Deutschen Ideologie als Aufgabe einer angemessenen historischen Praxis. Sie unterstrichen dort die ungleichmäßige Entwicklung Deutschlands, eine Thematik, die später in der Einleitung zum ersten Band des Kapital wieder aufgenommen wurde: „Wir leiden nicht nur von den Lebenden, sondern auch von den Toten.“ So wie sich das Kapital auch mit der Ware in Ihrer Konkretheit und nicht nur mit deren Konzept bzw. dem des Werts befasste, so beschäftigte es sich auch mit der Struktur und dem Betrieb eines realisierten Kapitals in der Gegenwart, statt nur den historischen Prozess nachzuzeichnen. Das heißt aber nicht, dass es im Kapital keine eigentliche Geschichte gibt.[7] Auch wenn das Kapital seine eigene Version der Geschichte durchsetzt, ausgehend von seiner Logik und Struktur, wird im Kapitalismus eine vergessene und verdrängte Geschichte immer wieder durchsickern, so wie unerwünschte Erinnerungen.

Es ist interessant festzustellen, dass Marx die Grundzüge dieser neuen Geschichtsbetrachtung, mit der historischen Gegenwart und deren pulsierendem Rhythmus im Fokus, schon früh skizziert hatte: im 18 Brumaire …, in den Klassenkämpfen in Frankreich und im Rahmen verstreuter journalistischer Beiträge zur aktuellen Weltlage. Diese neue Form beinhaltete eine Kritik bürgerlicher Geschichtsschreibung und deren Vorstellung von der Materialität der „kapitalistischen Zeit-Matrix“, die häufig die neuen Produktionsverhältnisse, „Maschinenproduktion, Großindustrie und Fließfertigung“ umfasste. Dies verwies auf „eine segmentierte, serienmäßige, gleichteilige, kumulierende und irreversible Zeit …, gerichtet auf ständig erweiterte Reproduktion“, gemessen durch Uhren und Kalender. Die unterschiedlichen Momente dieser Prozesse werden als „unterschiedliche Zeitlichkeiten“ erfasst, wobei jedes Moment die Merkmale derselben Matrix wiederholt. Auf diese Weise folgt die moderne Geschichte ähnlich einem evolutionären, fortschreitenden Weg, wobei jeder Augenblick den folgenden erzeugt in einer unveränderlichen Reihenfolge oder Serie von Ereignissen bis zur Vollendung, die ständig reproduziert wird.[8] Die Bewegung der Geschichte schien den Rhythmus einer Montagelinie in der Fabrik nachzuahmen, während der Nationalstaat die Aufgabe übernahm, die segmentierten und getrennten Zeiten durch Koordinierung der verschiedenen Zeitflüsse zu vereinheitlichen und zu regulieren.

Im 18. Brumaire zeichnete Marx dagegen die Umrisse eines neuen Geschichtsverständnisses, das die unterschiedlichen Zeitlichkeiten von Vergangenheit und Gegenwart verband und politische Eingriffe in die Gegenwart zum Thema machte. Daniel Ben-Said zufolge ist der Einbruch des Politischen der Kraft der Geschichte selbst geschuldet, die eben nicht die lineare Bahn des Kapitals reflektiert, sondern die an kritischen Schnittpunkten, wenn sich etwas ereignet, die Unstimmigkeit des Zeitverlaufs zur Geltung bringt. In der Krise, wenn das Kapital eine Abwärtsspirale einleitet, trennen sich Kapital und Geschichte. Marx machte im Kapital auf die Trennung von Kapital und Arbeit aufmerksam, die nur „scheinbar“ unabhängig voneinander sind. Dies ist der zeitweiligen Abschwächung im „unmittelbaren Produktionsprozess“ geschuldet. Es gibt keinen guten Grund anzunehmen, dass dies nur auf die Sphäre des Austausches und der Produktion des Mehrwerts beschränkt ist. Betroffen ist vielmehr der gesamte Prozess, wobei wir die immer vorhandene Möglichkeit von Störungen und Krisen im Rhythmus der kapitalistischen Produktion in Betracht ziehen.[9] Eine solche Störung war, meine ich, auch der von Marx im Kapital geschilderte Neubeginn, als die Fabrikgesetzgebung die Kinderarbeit beschränkte und so politische Auseinandersetzungen hervorrief. Auf diese Weise erzeugt das Kapital zwar den „Rhythmus der Geschichte“, ohne diesen aber mechanisch zu determinieren, Möglichkeiten und Kontingenzen zu präfigurieren.[10] Schon Marx nahm das Kapital als verkehrte Welt wahr, in der das Geschichtsverständnis durch die Logik und die Organisationsprinzipien des kapitalistischen Kategoriensystems gefesselt wird. In diesem Kontext ist es wichtig sich zu erinnern, dass Marx im ersten Band des Kapital darauf hinwies, dass die logische Abfolge der Kategorien des Kapitals nicht deren Entwicklung im historischen Zeitablauf widerspiegelt. Die Organisation der Beziehungen im Kapital kann dazu führen, dass historisch früher aufgetretene Kategorien hinter anderen eingeordnet werden, die zeitlich später erschienen sind, wodurch nahe gelegt wird, dass Struktur (Logik) die Geschichte bestimmt. Tatsächlich zeigte Marx, dass die zeitliche Entwicklung des Kapitals durch Momente der Umkehrung gekennzeichnet ist, dass der zeitlich ungleichmäßige Verlauf der Geschichte – mit staatlicher Hilfe – verschleiert wird.

Subsumtion als Verbindung von Produktionsweisen unter Dominanz des Kapitals

Unter der Logik der Subsumtion des Kapitals verstand Marx dessen Fähigkeit, Elemente der Vergangenheit, den Unterschied, die Nicht-Identität, das Außenstehende zu incorporieren und der Mehrwertproduktion dienstbar zu machen.[11] Indem er die Kategorie der Subsumtion einführte, konnte er zeigen was es bedeutet, mit der Ware bzw. jenem Prozess zu beginnen, durch den Arbeit zur Ware wird. Dadurch wurde aber ausgeschlossen, dass die Wendung zur Verwandlung der Arbeit in eine Ware als historischer Vorgang zu begreifen ist, der außerhalb der Logik des Kapitals bzw. dessen reiner oder innerer Form stand. Mit der Aneignung ökonomischer Praktiken der Vergangenheit wie der Arbeit und deren Verwandlung in eine Ware zu beginnen kann als taktisches Vorgehen verstanden werden, durch welches der Vorrang des Philosophischen vor dem Historischen betont werden soll, während die konkrete Kategorie des Gebrauchswerts zeigt, wie das sinnlich Fassbare als „Träger“ abstrakten Tauschwerts und als Ablagerung von Wert fungiert.[12] Es ist diese Spannung zwischen den abstrakten Bestimmungen des Kapital einerseits und den materiellen historischen Bedingungen die im gesamten Text des Kapital durchscheint und die dessen wichtigstes Narrativ darstellt.

Die Kombination von historischem Material mit allgemeinen Kategorien unterstreicht die Koexistenz unterschiedlicher Zeitlichkeiten, welche die Struktur des Kapitals prägt; dies stellt auch dessen Selbstverständnis in Frage. Der Versuch der Synchronisierung in Form einer Berechnung gesellschaftlich notwendiger Arbeitszeit schlägt fehl wegen ungleichmäßiger Zeitabläufe, die nicht angeglichen werden können. Das heißt, einfach gesprochen, dass unzeitgemäße historische Formen auftreten, was als Anachronismus erscheint. Dies ist nirgendwo offensichtlicher als in jenen marxistischen Interpretationen, die die hartnäckige Existenz von älteren Praktiken und Institutionen inmitten des kapitalistischen Rasters als Ausdruck unvollständigen oder fehlgeschlagenen Formwandels begreifen – es sei denn als bloße Überbleibsel früherer Produktionsweisen. Im Rahmen dieser unterschiedlichen Zeitlichkeiten war es Marx möglich, historische Ungleichzeitigkeiten im Auftreten von überlebenden Praktiken und Institutionen aus älteren Produktionsweisen in der kapitalistischen Gegenwart zu erfassen.

Westlicher Marxismus und die Behauptung des Universalismus

Es ist charakteristisch für das was gemeinhin als „Westlicher Marxismus“ bezeichnet wird, dass dieser sich mehr mit der Frage revolutionären Bewusstseins unter Bedingungen eines vollendeten bzw. reifen Kapitalismus befasst und so zu einer Neuinterpretation des Marxismus neigt, bei dem Philosophie und Wertanalyse vor Geschichte kommt. Dies bedeutet eine Abwendung von der praktischen Aufgabe, einen neuen Alltag zu erschaffen. Im Rahmen der Anpassung an die Bedingungen des kalten Kriegs verabschiedete sich der Marxismus von der Analyse des Zusammenhangs zwischen Ökonomie und Kultur zugunsten einer reinen Wertdiskussion. Dies trug dazu bei, eine spezifische (europäische, d. Ü) kulturelle Ausstattung mit dem Anspruch auf universale Geltung in den Vordergrund zu stellen. Dieser kulturelle Diskurs war näher an Max Webers Vorstellung von einer einheitlichen westlichen Kultur als an Versuchen, die Bastionen des Kapitals anzugreifen. Es geht dabei auch darum, denn Wertbegriff über die Geschichte, die Existenz des Kapitals über dessen Herausbildung zu stellen. Dabei ist es wichtig sich in Erinnerung zu rufen, dass sich Marx und Engels schon in der Deutschen Ideologie und der Heiligen Familie dagegen wandten, Geschichte und Philosophie gegeneinander zu stellen. Die Berufung auf die Philosophie durch den Westlichen Marxismus führte dazu, der Wertdiskussion eine Hegemonie über die historische Betrachtungsweise zu verschaffen. Diese Verbindung wurde durch die Verwandtschaft zwischen Philosophie und Werttheorie erleichtert, wodurch die historisch entstandenen Welten ihrer spezifischen Interventionsmöglichkeiten beraubt wurden. Indem sie sich in ihrem Formalismus gegenseitig befruchteten wurde dieser (der Wertbegriff, d. Ü) zu einer überdeterminierten analytischen Kategorie. Aber unabhängig von diesem unflexiblen Formalismus blieben beide nichtsdestotrotz einer gemeinsamen Zeitvorstellung verbunden, d.h. der Gegenwart, denn eine völlige Abstraktion von der Zeit ist unmöglich: Die Philosophie muss mit der Gegenwart rechnen und die Geschichtlichkeit in Betracht ziehen, d.h. die „theoretischen Umstände“, um eine feste Position in und über die Gegenwart abzustecken.[13] Die Wertbildung ist schließlich doch gezwungen, sich mit dessen verborgenem Ursprung in der lebendigen Arbeit auseinanderzusetzen.

Das Kapital entwickelt – nicht nur am Beispiel Deutschlands – eine differenziertere und breitere Konzeption der historischen Gegenwart, gefüllt durch unterschiedliche, aber miteinander koexistierende Zeitlichkeiten. Dabei werden die „modernen Übel“ immer wieder „niedergedrückt durch eine Fülle von ererbten Übeln, die aus überlebenden Elementen archaischer Produktionsweisen stammen“, begleitet von „anachronistischen sozialen Formen und politischen Beziehungen.“ Schon in den Grundrissen hatte Marx ein neues methodologisches Geschichtsverständnis angeboten, wobei er riet, „mit den „allgemein abstrakten Bestimmungen, die … allen Gesellschaftsformen zukommen“ zu beginnen.[14] So kann „die einfachre Kategorie historisch existiert haben … vor der konkreteren“, sie kann doch ihre volle Entwicklung „grade (in) einer kombinierten Gesellschaftsform“ erreichen, „während die konkretere in einer weniger entwickelten Gesellschaftsform völliger entwickelt war.“[15] Hier legt Marx die Umrisse ungleichzeitiger Entwicklung offen, was er später im Kapital weiter ausgearbeitet hat. Die Bewegung jeder historischen Gegenwart und der in ihnen enthaltenen unterschiedlichen Zeitlichkeiten leitet er ab aus kombinierten Formen der Entwicklung von Produktionsweisen. Die Aufdeckung der Ursachen notwendiger Ungleichmäßigkeiten ist nicht nur einer neuen methodologischen Perspektive geschuldet. Diese ist in Marx‘ Begriff der Subsumtion eingeschrieben, mit dem erfasst wird, wie der Kapitalismus auf älteren ökonomischen Praktiken und Ausbeutungsweisen beruht, sich diese gleichzeitig aneignet und mit dem neuen kapitalistischen Produktionsprozess und der Suche nach Mehrwert kombiniert. „Der Arbeitsprozess wird subsumiert unter das Kapital (er ist sein eigener Prozess) … es ist für ihn zugleich unmittelbarer Exploitationsprozess fremder Arbeit. Dies nenne ich die formelle Subsumtion der Arbeit unter das Kapital. Es ist die allgemeine Form alles kapitalistischen Produktionsprozesses; es ist aber zugleich eine besondere Form neben der entwickelten spezifisch-kapitalistischen Produktionsweise, weil die letztere die erstere, die erstere aber keineswegs notwendig die letztere involviert.“[16] Marx schrieb ähnliches Verhalten dem zu, was er als Übergangsformen bezeichnete, „Formen, worin das Capitalverhältniß noch nicht formal existirt, also die Arbeit bereits vom Capital exploitirt wird, ehe das leztre sich zu seiner Form als productives Capital herausgearbeitet und die Arbeit selbst die Form der Lohnarbeit erhalten hat. Solche Formen finden sich in Gesellschaftsformationen, die der bürgerlichen Productionsweise vorhergehn; andrerseits reproduciren sie sich beständig innerhalb der lezteren selbst und werden zum Theil von ihr selbst reproducirt.“[17] In anderen Worten: Die Vermischung unterschiedlicher Formen des Arbeitsprozesses stand schon am Beginn des Kapitalismus. Marx hatte daher schon in den Grundrissen geschlossen: „Eigen ist dem Kapital nichts als die Vereinigung der Massen von Händen und Instrumenten, die es vorfindet Es agglomeriert sie unter seiner Botmäßigkeit. Das ist sein wirkliches Anhäufen; das Anhäufen von Arbeitern auf Punkten nebst ihren Instrumenten. “[18]

Während sich diese Formulierungen in kondensierter Form in der Einleitung zum Kapital finden, nämlich dass „das das industriell entwickeltere Land … dem minder entwickelten nur das Bild der eigenen Zukunft (zeigt)“[19], wird dadurch in keiner Weise eine direkte Nachahmung unterstellt. Marx hatte diesen Prozess als „Entwicklung in kombinierter Form …“ charakterisiert, wobei die Form der Ausbeutung der Arbeit von jenen Bedingungen bestimmt wird, die jeweils vorgefunden werden. Die einfache Nachahmung eines Entwicklungsmodells (England, d. Ü) würde dies aber ausschließen. Tatsächlich weist er darauf hin, dass in der Herausbildung des Kapitalismus unterschiedliche Mischungen zwischen überkommenen Praktiken und den unterschiedlichen Anforderungen von Kapitalismen zustande kommen, wodurch Ungleichmäßigkeit als zentrales Gesetz kapitalistischer Entwicklung erscheint; denn was das Kapital zu unterschiedlichen Zeiten und an unterschiedlichen Orten jeweils vorfindet ist ebenfalls unterschiedlich. Da das Kapital sich logisch auf das Kapital im allgemeinen konzentriert, folgen die entsprechenden Formulierungen zur Subsumtion ebenfalls diesem Kapitalbegriff. Dies schließt aber eine breitere Anwendung nicht aus. Wenn die spezifische Ausstattung einer älteren archaischen Ordnung sich mit dem neuen und „modernen Übel“ verbindet, werden die Ergebnisse sich immer vom Bild des historischen englischen Beispiels unterscheiden. Marx scheint auf die vermittelnde Kraft zu verweisen, die historisch überkommene Elemente besitzen, die aus einer spezifischen Vergangenheit hinübergenommen wurden. Marx verwies auf das Aufeinandertreffen von lokalen historischen Erfahrungen und dem neuen Produktionsprozess des Kapitals, vielleicht eher ein Zusammenstoß, der zur Enteignung älterer Arbeitsprozesse und Praktiken führte, um einem völlig neuen und unterschiedlichen Prozess der Mehrwertaneignung zu dienen. Diese Kombination verwendete überkommene Arbeits- und Ausbeutungsverhältnisse, die aus älteren Produktionsweisen, vor der Etablierung des Kapitals, stammten. Diese wurden entweder einfach übernommen so wie sie waren oder aber angepasst an die neue ökonomische Ordnung. Dies verweist auf den paradoxen und widersprüchlichen Charakter eines Subsumtionsprogramms hin, das die Verwandlung der Arbeit in eine Ware einleitete. Dabei wurde die Erzeugung von Geschichte aus der endlosen Aneignung des Vorgefundenen aus der Vergangenheit abgeleitet, also der eigentlich geschichtslose Prozess der Kommodifizierung gemäß der inneren Logik des Kapitals gleichsam kontaminiert mit Geschichte. Auf diese Weise wirkt die Geschichte als Differenzierungseffekt, der immer wieder die Mittel bereitstellt, „welche die Arbeitskraft – individuell, aber vor allem kollektiv – im Widerstand nutzen kann um der vollständigen Verwandlung in eine Ware zu entgehen, ein Prozess der durch die Logik des Kapitals auferlegt wird.“[20] Das Bild des Landes, das sich zuerst industriell entwickelt hat, wird von allen anderen Gesellschaften sicherlich als Inbegriff des Kapitals wahrgenommen, aber immer mit entscheidenden Unterschieden. Es ist außerdem notwendig, die spezifischen Zeiten und Orte und die historischen Umstände in Rechnung zu stellen, unter denen die Subsumtion stattfand, auf welche überkommenen Teile der Geschichte das Kapital sich jeweils beziehen, welche älteren Erfahrungen es annehmen bzw. zurückweisen musste. Kurz, die Geschichte der Subsumtion produziert Geschichte. So bemerkte z.B. der japanische Ökonom Uno Kozo, dass für Japan nach der Meiji Restauration zwar das Bild des Kapitalismus von der fortgeschrittenen englischen Industrie des 19. Jahrhunderts geprägt war, dass Japan aber die kohlebasierten historischen Erfahrungen Englands nicht kopieren konnte. Englands Kapitalismus hatte bereits 300 Jahre Geschichte hinter sich, die nicht wiederholt werden musste. Obwohl er überzeugt war, dass kapitalistische Entwicklung überall universalen Gesetzmäßigkeiten folgen musste, wusste er doch, dass diese durch überkommene lokale Umstände vermittelt würden. Ähnliche Argumente wurden vorgebracht sowohl für den „Sozialismus mit chinesischen Merkmalen“[21] als auch für den indischen Kapitalismus. Theoretische Diskussionen über die Vollendung des Kapitalismus beziehen sich ausnahmslos auf lokale empirische Umstände. Ich meine aber, dass wo immer der Kapitalismus sein produktives Programm etabliert hat, er seine Bemühungen zur Subsumtion in Einklang bringen muss mit den jeweiligen lokalen Überlieferungen und kulturellen Erfahrungen. Diese aber werden genutzt, um ganz andere Ziele als die ursprünglichen zu verfolgen. Sie werden nun angetrieben durch das Kapital und seine Gesetze der sozialen Reproduktion. Im Kapital wies Marx darauf hin, dass die Physiker Naturprozesse dort beobachten, „wo sie in der prägnantesten Form“ erscheinen. Obwohl er England als „klassische Stätte“ der kapitalistischen Produktionsweise bezeichnete und sie deshalb zur „Hauptillustration (der) theoretischen Entwicklung“ nutzte, wies er darauf hin, dass hier auch „deine Geschichte“ erzählt würde.[22] Die „Geschichte“ ist also nicht auf England oder Deutschland beschränkt. „Eine Nation … kann von der anderen lernen. Auch wenn eine Gesellschaft dem Naturgesetz ihrer Bewegung auf die Spur gekommen ist“ – und Marx wollte „das ökonomische Bewegungsgesetz der modernen Gesellschaft … enthüllen“, „kann sie natürliche Entwicklungsphasen weder überspringen noch wegdekretieren. Aber sie kann die Geburtswehen abkürzen und mildern.“[23] In seinem Briefentwurf an die fortschrittliche Russin Vera Sassulitsch hielt Marx die Koexistenz der archaischen Dorfgemeinschaft mit dem Kapitalismus im Rahmen einer nationalen ökonomischen Entwicklung für möglich, weil diese zeitgleich auftraten und machte deutlich, dass „ganz ähnliche Entwicklungen in jeweils unterschiedlichen historischen Kontexten zu unterschiedlichen Ergebnissen führen würden.“ Wenn man „diese Entwicklungen jeweils für sich untersucht und sie vergleicht würde man die Ursachen entdecken…“[24] Das verweist uns wieder auf die Logik der formellen Subsumtion und seiner Fähigkeit, die Geschichte mit neuen, zeitgenössischen kapitalistischen Praktiken zu verbinden, d.h. einen Entwicklungsprozess einzuleiten, der die Möglichkeit eines reinen, vollendeten Kapitalismus ausschließt. Die Welt außerhalb des Kapitals verschmilzt mit der inneren Logik des Kapitals und dessen behaupteter Geschichtslosigkeit, was zur Reproduktion von ungleichmäßigen und Kombinationen unvereinbarer Zeitlichkeiten überall dort führt, wo das Kapital sein Produktionsprogramm errichtet.

Globalisierung und Ungleichmäßigkeit

Ich behaupte damit, dass die wirklichen Ursprünge des Kapitalismus überall aus Ungleichmäßigkeit und kombinierter Entwicklung resultieren, was Trotzki später zur Konzeption der permanenten Revolution entwickelte, auf der Grundlage früherer Marx’scher Formulierungen.[25] Tatsächlich war es hauptsächlich Trotzki (im Gefolge von Parvus), der näher auf das Konzept der verbundenen und ungleichmäßigen Entwicklung im Weltmaßstab einging, in Verbindung mit dem was Lenin als „ununterbrochene Revolution“ bezeichnete. Das grundlegende Marx’sche Argument wurde jedoch verdrängt, indem man den englischen Nationalstaat zum einzigen und modellhaften Beispiel der angeblich linearen und stufenweisen kapitalistischen Entwicklung erklärte. So wurde Marx‘ Position fehlgedeutet, der davon ausging, dass, da es keine universale Geschichte gibt, es sich um „einzelne Geschichtlichkeiten“ handele, so wie das Kapital selbst aus „vielen Kapitalismen“ besteht.[26] Ungleichmäßigkeiten verweisen auf plurale Gesellschaften, auf Relationalität, auf eine Vielzahl von Wegen der historischen Entwicklung des Kapitalismus, die ihn erst wirklich global machen. Dies führt „im Geleitzug“ zu offensichtlich nicht-zeitgenössische Zeitlichkeiten, zu gleichzeitig bestehenden historisch unterschiedlichen Gesellschaftsformationen.

Im Zentrum der Beziehungen zwischen der abstrakten Logik des Kapitals und der Geschichte, die den Prozess der ungleichmäßigen Kombination von Produktionsweisen hervorbringen, steht die Dynamik der Subsumtion im Prozess der gesellschaftlichen Reproduktion. In Gestalt der formellen Subsumtion erschien eine zeitliche Kategorie, die aber eher als Form denn als Stadium auftrat, die unabhängig ist von einer spezifischen Zeit oder einem spezifischen Ort. Deutlich wurde der Prozess der Subsumtion zunächst in der Fähigkeit des Kapitals, aus vorkapitalistischen Produktionsweisen stammende Arbeitsprozesse unter sein Kommando zu bringen. Die Reichweite der Domination und Unterordnung dehnte sich aber auch auf andere Bereiche der Gesellschaft aus. Damit ist nicht angedeutet oder impliziert, dass das Kapital irgendwie in der Lage wäre, einen Zustand der Vollendung oder eine Art von Abschluss zu erreichen. Formelle Subsumtion und hybride Formen (die außerhalb des Kapitals bleiben), also Formen von Beherrschung und Ausbeutung vertieften und verbreiterten sich gleichzeitig mit der Durchsetzung der reellen Subsumtion. Zusammengenommen bestehen diese aus einer dynamischen Logik, trotz ihrer empirischen Erscheinung, die nichts zu tun hat mit der Vorstellung einer linearen historischen Entwicklung. Was ich für wichtig halte ist die Frage, wie diese Formen der Subsumtion durchgesetzt werden, um ungleiche Zeitlichkeiten zu produzieren und zu reproduzieren, ungleiche materielle Entwicklungen zu unterschiedlichen Zeiten und an unterschiedlichen Orten auf der ganzen Welt hervorzubringen. Wir wissen von Trotzki, aber auch von Marx, dass es Ungleichmäßigkeiten zwischen den Nationen gibt, dass diese aber auch „innerhalb der Beziehungen eines Landes erscheinen.“[27] Das war möglich, weil solche Entwicklungen auf jeder Stufe eine zeitliche Synchronisierung einführen als Grundlage zur Messung der gesellschaftlich notwendigen Arbeitszeit, aber auch eine historische Zeit, die in den historisch entstandenen Arbeits- und Ausbeutungspraktiken der Vergangenheit verkörpert wird. Subsumtion förderte sowohl die Kommodifizierung der Arbeit als auch die Verfestigung ungleichmäßiger Entwicklungen, die bestimmte Gesellschaftsformationen prägen. Subsumtion erzeugt Geschichte im Zeichen der Ungleichmäßigkeit, sie ist aber auch das Mittel zur Sicherung der Reproduktion dieser Verhältnisse. Auch Betrachtungen, die die Aufmerksamkeit auf die Aktualisierung von Vergangenheiten lenken, haben oft übersehen, dass die jeweiligen historischen Identitäten zeitlicher Unverhältnismäßigkeiten gesellschaftliche Spannungen, Brüche und Missklänge erzeugen können, die zur Quelle von unerwarteten aber anhaltenden Antagonismen und Konflikten werden.

Wir müssen auch die Bedeutung der Tatsache einschätzen, wie die frühen Formen der Subsumtion ursprünglich funktioniert haben und wie sie möglich wurden. In seinen gelegentlichen, über verschiedene Texte verstreuten Überlegungen zur Subsumtion hatte Marx übersehen, in welchen aktuellen bzw. möglichen historischen Kontexten die Fälle formeller Subsumtion jeweils aufgetreten waren, abgesehen vom breiteren Prozess der ursprünglichen Akkumulation, als Verkäufer und Käufer entdeckten, dass sie Gebrauchswerte für den Austausch besaßen. Aber abgesehen von dieser formellen Einordnung gab es einen breiteren, allerdings unbeachteten Zusammenhang im Rahmen der Austauschverhältnisse zwischen den verschiedenen, zum Beginn der kapitalistischen Epoche noch nicht klar voneinander unterschiedenen Bereichen von ökonomischer Praxis, Kultur, Politik, Gewohnheitsrechten und Religion. Diese waren beim ersten Auftreten des Kapitals oft noch als integrale Bestandteile der Arbeitsprozesse im Rahmen der bestehenden Produktionsweisen angesehen worden. Es ist durchaus verständlich, dass Praktiken aus nicht-ökonomischen Bereichen weiterhin als wesentlich für den Arbeitsprozess angesehen wurden, als notwendige Bestandteile zur Aufrechterhaltung von Arbeitsmoral und Arbeitsmotivation. Das ist besonders offensichtlich in asiatischen und wahrscheinlich auch afrikanischen Gesellschaften, wo bestimmte religiöse Praktiken eng mit dem Arbeitsprozess verbunden waren, wo Arbeit oft als religiöse Pflicht angesehen wurde, wie das Gebet oder andere Rituale.

Diese Überlegungen zeigen, dass die Logik der Subsumtion viel breiter angelegt ist. Es geht nicht nur um den einseitigen Akt der Kontrolle von Arbeitspraktiken und deren Kommodifizierung, um sie dem Streben des Kapitals nach Mehrwert dienstbar zu machen. Eine solche Perspektive verlangt eine größere Offenheit bei der Anwendung des Subsumtionsbegriffs im Gegensatz zur begrifflichen Abgeschlossenheit, welche Marx‘ Kapital nahezulegen scheint. Der Subsumtionsbegriff muss auch auf nichtökonomische Bereiche der Gesellschaftsformationen angewendet werden, was in der Entwicklung einiger Schwellenländer offensichtlich ist, die Latecomer des Kapitalismus sind. Ich meine, dass Ansätze zur Erweiterung des Subsumtionsbegriffs auf andere Bereiche von Gesellschaftsformationen schon in Marx‘ ersten Ausführungen zur formellen Subsumtion angelegt waren. Obwohl Marx anfangs meinte, dass dieser Prozess lediglich darin bestand, Arbeitsformen der Vergangenheit zu übernehmen, ohne diese zu verändern, ist das nicht korrekt. Arbeiter wurden in ein neues Kommandosystem eingefügt, wobei der Wert ihrer Arbeit an der Zeit gemessen wurde, die sie benötigten, um eine Ware herzustellen. Dies änderte aber die Natur ihrer „sozialen Seele“; der Arbeiter wurde so in eine umfassendere soziale Matrix eingebunden, in der sich Vermittlungsinstanzen wie Politik, Gesetze, Gebräuche, Kultur usw. kreuzten. Auch wenn die Arbeiter „frei“ wurden, wie Marx meinte, wenn sie einmal von ihren Produktionsmitteln getrennt waren, unterlagen sie nun neueren und stabileren Formen der Disziplin. Mehr noch: Wenn sie arbeiteten wie vorher, außer dass sie es nun für Lohn taten, blieben sie gebunden an das Geflecht ihrer früheren Arbeitsumgebung und deren Vermittlungsinstanzen, jedenfalls solange diese nicht mit den neuen Arbeitsregeln in Konflikt gerieten. Marx zufolge war die Schaffung eines inneren Marktes für die kapitalistische Produktion verbunden mit dem „Scheidungsprozeß von Manufaktur und Agricultur“, ging „Hand in Hand mit der Expropriation früher selbstwirtschaftender Bauern und ihrer Losscheidung von ihren Produktionsmitteln…“[28] Dies vollzog sich aber in einer Gesellschaft, in der die Trennungslinien zwischen ökonomischen Aktivitäten und anderen Bereichen noch nicht klar ausgeprägt waren. Es entstanden getrennte, halb-autonome, aber miteinander agierende Bereiche innerhalb einer neuen Gesellschaftsformation. Alberto Castillo Mendoza hat die Möglichkeit einer breiter aufgefassten Logik der Subsumtion als globalen Prozess dargestellt: „Subsumtion erscheint als Ausdruck eines globalen Prozesses, der nicht auf die kapitalistische Einordnung von Arbeit, Wissenschaft und Technik usw. reduziert werden kann; viele andere Dimensionen – kulturelle, politische, etc. – müssen erfasst werden als Bedingung für die Reproduktion der kapitalistischen Gesellschaft. Diese bilden einen aktiven Teil in der Zusammensetzung des Kapitals, dessen Expansion sie im Zusammenhang Produktion/Reproduktion des Mehrwerts unterstützen … Dieses Gewebe von Zusammenhängen dient weiterhin dazu, nicht nur jedes einzelne seiner Elemente in seiner Besonderheit aufzuwerten, sondern, und vor allem, jene Sozialstrukturen zu stärken, die die Individuen unterordnet, reguliert durch die unabdingbare und ständige Verwertung des Kapitals.“[29]

Es muss anerkannt werden, dass der Wert und die Produktivität der Arbeit durch eine umfassendere und komplexere Gesamtheit von politischen, kulturellen, religiösen, geografischen und anderen widersprüchlichen Prozessen bestimmt werden, sowohl innerhalb wie außerhalb der rein ökonomischen Sphäre. Alle diese Elemente bilden das „Terrain, auf dem sich der spezifische Kampf um Subsumtion abspielt.“ Aus dem gleichen Grund wird die Logik der Subsumtion vermittelt und verändert durch die Interaktion mit diesen „konkreten Bestimmungen“, die sie gleichzeitig „neu fasst und verändert“.[30] Diese Neufassungen sind aber nicht immer vollständig an das Kapital angepasst, was ihrer Fähigkeit geschuldet ist, historische Identitäten aus einer älteren Zeit beizubehalten, als diese ganz andere Funktionen hatten. DeSicilia weist darauf hin, dass das ganze System, das „durch die Dynamik der Subsumtion in Bewegung gehalten wird“, auf seiner Grundlage durch Politik aufgeladen wird, obwohl „es innerhalb der ökonomischen Logik des Akkumulationsprozesses Teil des ‚variablen‘ Aspekts der Arbeitskraft ist.“[31] Raju J. Das argumentiert ähnlich, ausgehend von Beobachtungen im ländlichen Indien (Orissa). Er stellte fest, dass es zu keiner reellen Subsumtion der Arbeit kommt, wo noch ausreichend Raum für die Aneignung von Mehrarbeit besteht. Dies gilt für weniger entwickelte Gesellschaften, die durch große Ungleichzeitigkeiten gekennzeichnet sind, obwohl sie beanspruchen, ähnlich kapitalistisch zu sein wie reifere oder ‚fortgeschrittenere‘ Ökonomien.[32] Begreift man die Aktualität des Subsumtionsansatzes jenseits des rein Ökonomischen und die Vielfalt der Triebkräfte, so wird nahe gelegt, dass es keinen eigentlichen Normalzustand gibt, dass die breiter aufgefassten Impulse vielmehr dazu beitragen, mögliche Pfade ungleicher Entwicklung zu vervielfältigen.[33] Ein globaler Entwicklungsprozess, bei dem es zu Interaktionen kommt, widerlegt nicht nur die Annahme eines geschlossenen kapitalistischen Systems und einer Tendenz zur Vervollkommnung der Warenbeziehungen, eine Vorstellung, die marxistisches Denken so lange dominiert hat. Damit verschwindet auch die Vorstellung von Entwicklungsstadien und einer gesetzmäßigen Überwindung älterer Praktiken bzw. überlebender Relikte, vom Übergang zu einem voll entwickelten Kapitalismus als Herold, der den Endzustand des Kapitals ankündigt.

Formen des Kapitalismus und die Prägekraft lokaler
Geschichte

Es ist also eine Perspektive notwendig, welche die Kategorie der Subsumtion breiter auffasst und die die Verschiedenartigkeit der Antriebskräfte für die soziale Reproduktion der kapitalistischen Gesellschaft berücksichtigt. Dies hatte sich tatsächlich schon historisch so durchgesetzt in jenen Gesellschaften, die den Übergang zum Kapitalismus vollzogen hatten: Beim Übergang wurden nicht nur jene älteren ökonomischen Praktiken einbezogen, welche der neuen Wirtschaftsordnung förderlich waren, sondern auch andere Bereiche der Gesellschaft wie Politik, Religion, Recht und Kultur. In Gesellschaften von Latecomern werden ältere Institutionen, Sitten und Gebräuche, gesellschaftliche Diskurse unmittelbar der neuen kapitalistischen Ordnung dienstbar gemacht. Das erscheint in Form des Überlebens jener Elemente, die in einem älteren Marxismusverständnis als bloße Überbleibsel, Anachronismen oder sogar Traditionen galten, welche unter der Vorherrschaft des Kapitalismus offensichtlich neue Funktionen erhielten. Aber während diese überformt und enger in das Geflecht des Kapitalismus integriert wurden, um dessen Dominanz und politische Ordnung zu verstärken, verloren sie nicht notwendig ihre Identität als historische Zeitformen, ihre Fähigkeit, geschichtliche Differenzen zu produzieren. Tatsächlich gilt dies aber nicht nur für die Latecomer des Kapitalismus. Es kennzeichnete dessen Beginn überall auf der Welt. Die Ausbreitung einer Logik, in der der Tauschwert die Arbeit subsumiert, kannte tatsächlich keine Grenzen, weil dieser Prozess die wichtigste Form der sozialen Reproduktion war. Es geht also um die Reproduktion einer Gesellschaftsformation, die auf der Trennung zwischen einer Innenseite (der inneren Logik, d. Ü.) und einer Außenseite (den lokalen/historischen Umständen, d. Ü.) basiert. Dabei muss die erstere die letztere kontrollieren, kann diese aber nicht immer bzw. nicht vollständig unterwerfen oder assimilieren. Das heißt aber, dass diese vom Kapitalismus überformten Residuen alter Gesellschaften ihre historische Prägekraft nicht verloren haben, dass sie weiterhin die Kraft besitzen, die neue Ordnung zu kontaminieren, obwohl sie dort eine veränderte Rolle spielen. Das führt zu ungleichmäßigen Entwicklungen und historischen Unterschieden, zum Vermeiden einer völligen Subsumtion und, in Abhängigkeit von den jeweiligen Umständen, zu unterschiedlichen Formen von Widerstand und Opposition. Marx beschrieb solche möglichen Beziehungen in seinen Briefentwürfen an Vera Sassulitsch, in denen er diskutierte, wie die archaische Dorfgemeinschaft genutzt werden könnte, um den zeitgenössischen Kapitalismus zu ergänzen und wie diese sich „zu einem Element der Wiederbelebung der russischen Gesellschaft entwickeln könnte, verbunden mit der Überlegenheit über die vom Kapitalismus versklavten Länder.“[34] Allerdings könnte die Übernahme solcher archaischer Formen auch im Gegenteil zu Rückentwicklungen und zu extrem reaktionären Formen der Unterdrückung führen, wie im Faschismus der 1930er Jahre, der vom Kapitalismusunterstützt wurde.

Die historischen Folgen der Subsumtion sind von Theoretikern oft völlig übersehen worden. Ursache dieser Ignoranz ist wahrscheinlich die Tatsache, dass dies weniger ein Problem von Philosophie und Theorie ist, die sich nur der Frage der Wertentwicklung widmet. Historiker dagegen müssen sich mit dem historischen Material selbst auseinandersetzen und dabei vermeiden, sich in Gegensatz zu den Erkenntnissen der bürgerlichen Historiographie zu setzen. Die Kategorien der formellen und reellen Subsumtion im Marxismus waren verbunden mit einer früheren Geschichtskonzeption, die stark von der Zweiten Internationale geprägt wurde (und sich zu sehr an der schematischen Geschichtsauffassung in Zur Kritik der Politischen Ökonomie von 1859 orientierte). Es wurde das Bild einer stufenweise und aufsteigenden Abfolge von Produktionsweisen (in archetypischer Form) entworfen. Im Mittelpunkt stand der Übergang von der feudalen Stufe zur Gesellschaft von Kapital und Ware, wobei die Aufmerksamkeit auf die verbindenden Übergangsmomente gerichtet war. Die Vorstellung vom Übergang beruhte auf der grundlegenderen Figur eines Fortschreitens von formeller zu reeller Subsumtion, der Transformation des absoluten zum relativen Mehrwert. Hybride Formen wurden dabei üblicherweise ignoriert bzw. mit dem Übergang gleichgesetzt. Dort wo es keinen Übergang vom Feudalismus zum Kapitalismus gab, d.h. in den meisten Regionen außerhalb Europas wie z.B. Indien, stellte man sich diesen vor bzw. korrigierte das Bild gewaltsam, oder aber man benutzte die Vorstellung einer linearen Entwicklung von formeller zu reeller Subsumtion. Für China wurde eine angeblich feudale Periode für die gesamte chinesische Geschichte angenommen, und in Japan, wo es in der Tat ein feudales System gegeben hatte, führte dieses nicht notwendig zum Kapitalismus. Dies alles ist offensichtlich einer Verkennung der Realität geschuldet, die auf vereinfachten Überlegungen beruht. Marx hatte die Kategorien von formeller und reeller Subsumtion nicht als Entwicklungsstufen, sondern als Formen betrachtet, die sogar im entwickelten Kapitalismus nebeneinander bestehen konnten. In seinen früheren Bemerkungen über den Mehrwert hatte Marx sogar darauf hingewiesen, dass die Unterscheidung von absolutem und relativem Mehrwert eine Illusion sein könnte, was darauf hindeutet, dass sie nicht im Sinne unterschiedlicher Entwicklungsstufen konzipiert waren.[35] Weil aber Subsumtion eine Form und kein an bestimmte Ereignisse gebundene und durch einen bestimmten Inhalt gekennzeichnete Entwicklungsstufe ist, besteht die Möglichkeit ihrer Gültigkeit auch für zukünftige Entwicklungen. In Gestalt der formellen Subsumtion können Vergangenheit und Gegenwart immer wieder zu neuen Kombinationen verbunden und so ungleichmäßige historische Entwicklungen produziert werden, auch wenn versucht wird, die Ergebnisse der Subsumtion als aus den Voraussetzungen des Kapitals selbst abgeleitet darzustellen.[36] Als Form ist Subsumtion flexibel und offen für wechselseitige Beziehungen mit vielfältigen Triebkräften, welche die Logik des Vorgangs zu unterschiedlichen Zeiten und an unterschiedlichen Orten vermitteln.

Es sollte hinzugefügt werden, dass im Hintergrund dieser Debatte der zukünftige Übergang von der Kapitalherrschaft zum Sozialismus und der Wunsch stehen, sich deshalb eine Vollendung von Kapitalismus und Warenbeziehungen vorzustellen. Diese Übergangsvorstellung, entwickelt vor dem Hintergrund des westeuropäischen Falls, beruhte auf empirischen Voraussetzungen, in denen Westeuropa als Muster für die Entwicklung im Rest der Welt galt. Indem man die Ursprünge des Kapitalismus in einer spezifischen und einzigen geografischen Region verortet, schließt man nicht nur die von Marx in den Grundrissen bemerkte Möglichkeit multipler Ursprungsorte aus, sondern auch die Vorstellung einer echten Weltgeschichte, welche die ständige Wechselwirkung von universalen und lokalen Faktoren zu beachten hat.

Übersetzung aus dem Englischen: Jörg Goldberg

[1] Christopher J. Arthur, The New Dialectic and Marx’s Capital, Leiden/Boston 2004, S. 120.

[2] Massimiliano Tomba, Marx’s Temporalities, translated by Peter D. Thomas and Sara R. Farris, Historical Materialism Books Series V, Leiden/Boston 2013, S. 7.

[3] Daniel Ben Said, Marx for Our Times, translated by George Eliott, London/New York 2007, S. 87; Stavros Tombazos, Time in Marx, Chicago 2014, S. 6.

[4] Tombazos, S. 5-6.

[5] Zitiert bei Ben Said, a.a.O., S.89.

[6] Ebd.

[7] Siehe Moishe Postone, Time, Labor and Social Domination, Cambridge 1993, S. 293-98, der das Konzept von zwei Zeitformen entwickelt, der abstrakten und der historischen Zeit, wobei die erstere durch einen unsichtbaren historischen Inhalt gekennzeichnet ist, die andere durch einen sichtbaren. Beide entstehen aus dem Kapital und bleiben durch dieses beschränkt.

[8] Nicos Poulantzas, State, Power, Socialism, London/New York 2000, S. 110

[9] Karl Marx, Capital III, translated by David Fernbach, London, Penguin Books 1981, S. 395. (MEW 25, S. 54) Marx nahm an, dass wenn das Kapital erstmal den „Kreis seiner Verwandlungen“ durchläuft, und „aus seinem innern organischen Leben in auswärtige Lebensverhältnisse (tritt)“, in Verhältnisse kommt, „wo nicht Kapital und Arbeit, sondern einerseits Kapital und Kapital, andrerseits die Individuen auch wieder einfach als Käufer und Verkäufer sich gegenüberstehen;“ Siehe auch Andres Saenz De Sicilia, The Problem of Subsumption in Kant, Hegel and Marx, PH.D. Dissertation, Kingston University 2016, S. 225.

[10] Tombazos, S. 6.

[11] Zum Begriff der Subsumtion siehe Karl Marx, Capital I, a.a.O., S. 644-46; S. 1019-1038 (MEW 23, S. 532-34 und Karl Marx, Resultate des unmittelbare Produktionsprozesses, Frankfurt 1969, S. 45-64) und Karl Marx/Frederick Engels, Collected Works, Vol. 34, S. 93-121, S. 428-452. (MEGA II/3.6, S. 2126 – 2159)

[12] Tomba, S. 101/102.

[13] Pierre Macherey, Histoires de dinosaure, Paris 1999, S. 283-284.

[14] Karl Marx, Grundrisse. Foundations of the Critique of Political Economy, Translated with a Foreword by Martin Nicolaus, Penguin Books, London 1993, S. 108 (Grundrisse der Kritik der politischen Ökonomie, Berlin 1953, S. 28).

[15] Grundrisse, S. 103 (ebd., S. 24).

[16] Capital I, S. 1019 (Karl Marx, Resultate …, a.a.O., S. 45/46).

[17] MECW 34, S. 117 (MEGA, Abt II, Bd. 3.6, S. 2152).

[18] Grundrisse, 508 (a.a.O., S. 407).

[19] Capital I, S. 91 (MEW 23, S. 12).

[20] Etienne Balibar, The Philosophy of Karl Marx, translated by Chris Turner, London/New York 1995, S. 101.

[21] Siehe Rebecca Karl, The Magic of Concepts, History and the Economic in Twentieth Century China, Durham, NC 2017, S. 54/70, und Arif Dirlik, Complicities, The People’s Republic of China in Global Capitalism, Chicago 2017, S. 13-44, 56-58.

[22] Capital I, S. 90 (MEW 23, S. 12).

[23] Capital I, S. 92 (MEW 23, S. 15-16).

[24] Theodore Shanin, Late Marx and Russian Road: Marx and the Peripheries of Capitalism, New York 1983, S. 136.

[25] Eine etwas andere Sichtweise haben Alexander Anievas und Kerem Nisancioglu, How the West Come to Rule, London 2015, S. 47-48.

[26] Balibar, S. 110.

[27] Anievas and Nisancioglu, S. 45.

[28] Capital I, S.909, 911 (MEW 23, S. 776)

[29] Carlos Castillo Mendoza, Notas introdutoria sobre subsuncion del trabajo en el capital, zitiert bei De Sicilia, S. 188-189.

[30] De Sicilia, S. 229.

[31] Ebd.

[32] Raju J. Das, Reconceptualizing Capitalism: Forms of Subsumtion of Labor, Class Struggle and Uneven Development, Review of Radical Political Economics 44 (2), 2012, S. 178-200, 188. Das’ Erklärung für ungleichmäßige Entwicklung wird dadurch etwas beeinträchtigt, dass er an dem Bild eines stadienmäßigen Übergangs von formeller zu reeller Subsumtion festhält, welche durch spezifische geografische Faktoren und den jeweiligen Entwicklungsstand vermittelt wird.

[33] De Sicilia, S. 242.

[34] Shanin, S. 106.

[35] Capital I, S. 645 (MEW 23, S. 533).

[36] Siehe mein Buch „Marx after Marx“, New York 2015. Vgl. die Besprechung in Z 109, S. 178.

Dieser Artikel ist erschienen in Z. Nr. 111, September 2017