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Marx an der Wand hörte schweigend zu (1967)

von Eckart Spoo (1936 -2016)
September 2017

Wissenschaftler aus Ost und West diskutierten nach 100

Jahren über „Das Kapital“[1]

Zu einer dreitägigen Geburtstagsfeier versammelten sich Ende vergangener Woche·in Frankfurt a. M. Gäste aus aller Welt. Das Geburtstagskind lag in einer Vitrine: ein Buch mit dem Titel „Das Kapital“. Sein Vater, Karl Marx, war auf einem großen Foto gegenwärtig, das an der Stirnseite der Universitätsaula unter neobarocker Stuckdecke an einer Orgel befestigt war. Regungslos ging der kritisch­aufmerksame Blick des reichbehaarten Kopfes über die Festversammlung hinweg. Marx schien genau zu hören, was da alles zum Lobpreis seines Kindes gesprochen wurde – Lang­ und Kurzatmiges, Holpriges und Spitzfindiges, Experimentelles und Vorfabriziertes, Trockenes und Humorvolles, Stolzes und Bescheidenes, Vereinbares und Unvereinbares – aber er griff nicht ein, so sehr man sich manchmal ein Machtwort von ihm gewünscht hätte.

Professor Iring Fetscher hatte gleich zu Beginn des von seinem Frankfurter Institut für Politikwissenschaft und von der Europäischen Verlagsanstalt gemeinsam veranstalteten Colloquiums gesagt, dass die genau 100 Jahre seit Erscheinen des ersten Bandes des ,,Kapital“ nicht ausgereicht haben, Marx’ philosophisch-ökonomisch-politisches Hauptwerk zu interpretieren oder gar in allen Einzelheiten auszuschöpfen. Die Philosophen,·stellte Fetscher fest, hätten Marx zwar·in den letzten drei, vier Jahrzehnten wiederentdeckt, aber sich säuberlich auf philosophische Aspekte beschränkt, ebenso wie die Ökonomen auf ökonomische Aspekte und die Politiker auf politische. Tatsächlich ist seit 1867 in immer größeren Mengen Literatur über Marx produziert worden, wobei sich die Autoren auf immer speziellere Fragen einließen. Es war darum gewiss sinnvoll, jetzt in Frankfurt Vertreter der verschiedensten wissenschaftlichen Fächer zusammenzuführen: mehr als zwei Dutzend Professoren und Dozenten der Philosophie, Ökonomie, Politik und der eigentlich erst durch Marx begründeten Soziologie.

Junge Philosophen aus Frankfurt und Paris entfachten am ersten Tage des Colloquiums ein esoterisches Brillantfeuerwerk, das ihre Zuhörer im Saal und auf dem Podium in stummes Erstaunen versetzte. Es schien, als ob eine Selbstverständigung der Marx-Forscher nach hundert Jahren zur Unmöglichkeit geworden wäre. Mancher namhafte Professor gestand freimütig, dass das Gehörte sein Begriffsvermögen überstieg. Doch man fand in dem belgischen Sozialisten Ernest Mandel einen erfahrenen, geduldigen Dolmetscher, dem es immer wieder gelang, den Spezial­Jargon der einzelnen Schulen in verständliches Deutsch zu übertragen, so daß schließlich doch jedes Referat mit einem erleichterten „Aha“ des ·gelehrten Auditoriums quittiert werden konnte. Rede und Gegenrede konnten am zweiten und dritten Tag aber auch deswegen leichter fließen, weil nun die Ökonomen und Gesellschaftswissenschaftler zu Wort kamen, die in den realen Verhältnissen der Welt von heute einen gemeinsamen Gegenstand ihrer Erörterungen hatten – einer gespaltenen Welt, die unter der Wucht des Marxschen Denkens gespalten wurde.

Neben Marx war, wenn auch nicht per Foto, eine zweite historische Gestalt in den Diskussionen gegenwärtig: Lenin; und die 100-Jahr-Feier zu Ehren des vollbärtigen Deutschen verband sich mit dem Gedenken an die 50. Wiederkehr des Tages, als der spitzbärtige Russe aus der Marxschen Theorie revolutionäre Konsequenzen zog. Marxismus ist seit diesem Tage offenkundig mehr als abstrakte Wissenschaft, mehr als Utopie oder Prophetie; er ist konkret geworden und greift unmittelbar in das Leben der Menschen ein.

Marx hatte nicht erwartet, dass sich die Entwicklung seiner Lehre so vollziehen würde, wie Lenin sie vollzog. Er hatte angenommen, dass die hochentwickelten Industrieländer gemeinsam, gleichzeitig vom Kapitalismus zum Kommunismus übergehen würden. Das Land aber, in dem Lenin dann sein sozialistisches Konzept verwirklichte, war gar kein hochentwickeltes Industrieland. Ist das, was Lenin tat, mit dem Marxismus überhaupt zu vereinbaren? In den vergangenen fünfzig Jahren ist darüber viel geschrieben worden. In dieser Frage zeigten sich zwischen den Teilnehmern des Frankfurter Colloquiums keine tiefen Gegensätze, obwohl sie aus den verschiedensten politischen Lagern kamen. Revolutionäre Praxis, darüber schienen sie sich einig zu sein, ist von der marxistischen Theorie nicht zu trennen. Einig waren sie sich ausdrücklich darin, dass der Marxismus kein Dogma sei, sondern eine Methode, die es unter sich ändernden Verhältnissen immer neu anzuwenden und weiterzuentwickeln gelte.

Man war sich überhaupt viel einiger, als die Veranstalter und das überwiegend studentische Publikum dies erwartet hatten. Friedfertig waren auf dem Podium Jugoslawen und Österreicher, Polen und Amerikaner vereint. Selbst zwischen den Vertretern beider deutscher Staaten – etwa dem hannoverschen Soziologieprofessor und SPD-Landtagsabgeordneten Peter von Oertzen und dem Direktor des Instituts für Gesellschaftswissenschaften des SED-Zentralkomitees, Professor Otto Reinhold – kam keinerlei Polemik auf. Die gemeinsame Grundlage der Diskussion hat Fetscher einleitend so formuliert: Dem Marxismus· gehe es darum, daß sich die Menschen von Fremdbestimmung durch ökonomische, soziale und politische Zwänge frei machen.

Erklärungen für den Stalinismus

Freilich konnte die Diskussion gerade auf dieser Grundlage nicht an der Tatsache vorbei, daß in den fünfzig Jahren, seit es vom Marxismus-Leninismus geprägte Staaten gibt, auch dort nach wie vor die Menschen durch ökonomische, soziale und politische Zwänge fremdbestimmt sind. Aber die Vertreter der Ostblockländer hatten es kaum nötig, sich gegen entsprechende Attacken zu wehren. Die westlichen Sprecher – am deutlichsten tat dies der Wiener Kommunist Theodor Prager – brachten zwar deutlich den Stalinismus und die auch nach Stalin in den Ostblockländern fortbestehenden vielerlei Unfreiheiten zur Sprache. Aber sie selbst versuchten dafür auch zugleich·bereits Erklärungen zu geben, mit denen die Gäste aus dem Osten offenbar im großen und ganzen einverstanden waren.

Im wesentlichen erklärte man dazu folgendes: Kommunismus werde – genau nach Marx – erst dort möglich, wo der Kapitalismus „reif“ für seine Überwindung sei. Im Ostblock könne es deswegen zur Zeit noch keinen Kommunismus geben. Vielmehr gehe es dort darum, die Industrialisierung zur vollen Entfaltung zu bringen. Man habe es dort mit einer bei Marx nicht vorgesehenen Zwischenstufe zwischen Kapitalismus und Kommunismus zu tun, dem Sozialismus, wo zwar die Produktionsmittel bereits entprivatisiert seien, wo aber die Produktion noch nicht den Stand erreicht habe, daß jeder Mensch nach seinen Bedürfnissen, statt nach seiner Leistung Anteil an den gesellschaftlichen Gütern haben könne. Die Zwänge für den einzelnen würden noch verschärft durch die Gegnerschaft zwischen den beiden Weltsystemen, durch Konkurrenz und Kriege. In den letzten Jahren werde aber immer deutlicher, daß mit fortschreitendem gesellschaftlichem Reichtum und politischer Stabilität der Bürokratismus abnehme und die Menschen sich freier entfalten könnten.

DDR-Redner in der Mittagszeit

Grundsätzliche Zweifel an diesen Erklärungen wurden nicht angemeldet. Meinungsverschiedenheiten, die aber nicht vertieft wurden, traten allenfalls in der Frage zutage, ob die Ostblockländer ihre neuen ökonomischen Systeme, in denen sich eine größere Eigenverantwortung auf allen Ebenen des wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Lebens entwickele, nicht schon wesentlich früher hätten einführen können. Dazu der SED-Wissenschaftler Reinhold: „Wenn unser neues ökonomisches System, das wir jetzt in der DDR einführen, schon vor zehn oder fünfzehn Jahren eingeführt worden wäre, wäre ein wirtschaftliches Chaos die Folge gewesen. Noch in den Jahren um 1960 sah sich die DDR Störaktionen ausgesetzt, die uns zu unrentablen Investitionen zwangen. Das neue ökonomische System konnte erst eingeführt werden, nachdem ausreichende Sicherheiten geschaffen waren.“ Die westlichen Wissenschaftler nahmen auch diese Erklärung, die den Mauerbau nicht ausdrücklich und doch unüberhörbar einschloß, widerspruchslos zur Kenntnis.

Gastgeber Fetscher hob abschließend erfreut hervor, daß es gerade auch im Gespräch zwischen ost- und westdeutschen Wissenschaftlern in Frankfurt „ohne Mißstimmungen“ abging. Ob er es aus Sorge vor solchen Mißstimmungen eingerichtet hatte, daß die Referenten aus der DDR regelmäßig in der Mittagszeit zu Wort kamen, wenn Gesprächspartner und Publikum von Hunger und Erschöpfung gequält waren?

[1] Der Bericht von Eckart Spoo zu der Frankfurter Tagung „Kritik der politischen Ökonomie heute. 100 Jahre Kapital“ (14.-16. September 1967) erschien am 18. September 1967 in der „Frankfurter Rundschau“. Der Artikel enthält ein Foto, das eine Menschenmenge vor einem Haus zeigt, das die Aufschrift trägt „Restaurant Quo Vadis“. Die dazugehörige Bildunterschrift lautet: „In diesem Haus in der Londoner Dean-Straße 28 lebte Karl Marx mit seiner Familie von 1851 bis 1856 in größter Armut. Die Räume im ersten Stockwerk sind heute Teil eines Restaurants. Kürzlich wurde an dem Haus eine Gedenkplakette angebracht.“ Ein Protokoll-Band der Tagung erschien 1968 in Frankfurt/M. und Wien, herausgegeben von Walter Euchner und Alfred Schmidt.