Z. Zeitschrift Marxistische Erneuerung Nr. 104, Dezember 2015 - http://zeitschrift-marxistische-erneuerung.de/topic/131.ausgabe-104-dezember-2015.html

Zur Theoriebildung und Analyse der digitalen Arbeit

Die globale Produktion digitaler Hard- und Software (Teil II)

Christian Fuchs

[1]

Arbeit in der indischen Software-Industrie

Nach der Ermordung Indira Ghandis 1984 übernahm Rajiv Ghandi den Posten des indischen Premierministers und ließ auf den Techno-Nationalismus seiner Vorgängerin eine Politik folgen, die auf die Deregulierung der Computerindustrie setzte, die Attraktivität des Landes für fremdes Kapital steigern sollte und sich auf den Export indischer IT-Produkte und Dienstleistungen konzentrierte (Chakravartty 2004; Upadhya & Vasavi 2008). In den Jahren 2000-2009 verstärkte sich diese Exportorientierung (Papola 2012; National Association of Software and Services Companies [NASSCOM], 2012). 2010 machten Dienstleistungen im Softwarebereich 54,4 Prozent aller indischen Dienstleistungsexporte aus (Ministry of Finance 2011: 166). Ein Jahr später stieg der Anteil auf 58 Prozent (NASCOMM 2012). Auch wenn die indische Softwareindustrie eine der höchsten Wachstumsraten aufweist und einen großen Teil des Exportaufkommens ausmacht, waren dort 2009 nur ca. 0,5 Prozent der gesamten arbeitenden Bevölkerung beschäftigt. 2012 waren es nur 0,1 Prozent mehr (NASSCOM 2012; Papola 2012). Indien ist nach China in Bezug auf die Einwohnerzahl das zweitgrößte Land der Welt und ist wegen seiner schieren Größe attraktiv für die Auslagerung von IT-Dienstleistungen westlicher Konzerne. Deren Ziel ist dabei die Steigerung der Profitraten durch die Möglichkeit, Lohnkosten generell senken zu können. Während der Beschäftigungseffekt – wie gezeigt – insgesamt nur moderat ist, lag der Anteil des Softwaresektor am indischen Bruttoinlandprodukt 2012 bei 7,5 Prozent (NASCOMM 2012).

Für D’Costa (2002) ist die Entstehung der indischen Softwareindustrie Teil eines ungleichen Entwicklungsmusters, das Gewinner und Verlierer produziert, indem es manche Regionen und Städte auf Kosten anderer aufblühen lässt. Die Studie Illavarasans (2007) kommt zu dem Schluss, dass unter den IT-Arbeitskräften ein großes Gefälle zwischen Stadt und Land bzw. den Geschlechtern besteht und dass dies zur ungleichen Entwicklung in ganz Indien beiträgt. In einer Umfrage (Comander u.a. 2008) wurden 225 indische und 60 US-amerikanische Softwarefirmen untersucht. Die durchschnittlichen Löhne der indischen Firmen machten gerade 9,6 Prozent der US-amerikanischen aus. Folgerichtig sind „der wichtigste Grund für eine Wahl Indiens als Standort der Ausgliederung einer Produktion aus einem Industrieland die niedrigeren Arbeitskosten.“ (Dossani & Kenney 2007: 777).

Eine weitere Umfrage von Ilavarasan (2007) umfasste 62 Interviews in zwei großen indischen Softwarefirmen. Die Studie fand heraus, dass die meisten Beschäftigten flexible Arbeitszeiten hatten und oft auch in der Nacht vor den Rechnern saßen. So arbeiteten 56 Prozent laut Auskunft auch an Feiertagen, 86 Prozent teilten mit, dass ihre Überstunden nicht bezahlt würden. Die tatsächliche Wochenarbeitszeit betrüge weit mehr als jene 40 Stunden, die formal in den Arbeitsverträgen festgelegt seien. Indische IT-Angestellte sind daher „High-Tech-Nomaden“ (Upadhya & Vasavi 2008: 20). Das Phänomen des „globalen Körpereinkaufs“ stellt eine „spezifisch indische Praxis dar, wobei eine indisch geführte Beratungsfirma (der Körper-Shop) überall in der Welt IT-Angestellte rekrutiert, meistens aber in Indien, die dann als projektbasierte Arbeitskräfte an verschiedene Klienten vermittelt werden (Biao 2007: 4; siehe auch: Aneesh 2006). Zudem unterstützen indische IT-Arbeiter/innen den nächtlichen technischen Support US-amerikanischer Firmen, da es in Indien zu dieser Zeit Tag ist (Aneesh 2006).

Die indische Strategie besteht laut Arundhati Roy (2003: 2) darin, ein neoliberales Programm der Liberalisierung, Deregulierung und Privatisierung durchzuführen. In diesem Kontext betont sie, Indien sei „im Moment im Fokus des unternehmerischen Globalisierungsprojekts [...] Kapitalisierung und Privatisierung werden durch die indische Regierung und die gesellschaftliche Elite begrüßt“. Innerhalb dieser neoliberalen Strategie hat die Software-Industrie eine ökonomische Schlüsselrolle eingenommen. Infolgedessen hat ihre Deregulierung, Export-Orientierung und Offenheit für ausländische Kapitalinvestitionen eine spezifische Form der Akkumulation in Indien hervorgebracht.

Lenin charakterisierte den Kapitalexport als einen wichtigen Baustein des Imperialismus. „Für den neuesten Kapitalismus, mit der Herrschaft der Monopole, ist der Export von Kapital kennzeichnend geworden.“ (Lenin, 1917/1960: 244). Das Ziel in diesem Fall wäre eine höhere Profitrate, die dadurch erzielt wird, dass Kapital in Länder exportiert wird, wo es „wenig Kapital“ gibt, wo „die Bodenpreise … verhältnismäßig nicht hoch“, aber „die Löhne niedrig und die Rohstoffe billig“ sind (Lenin 1917/1960: 245). Die Arbeitskraft in Ländern mit hoher Ausbeutungsrate zu nutzen, kann durch militärische Mittel (Annexion eines Landes) erreicht werden. Für David Harvey (2003) stellt sich der moderne, neue Imperialismus als Akkumulation durch Enteignung dar. In der indischen Softwareindustrie ist dies in eine spezifisch ökonomische Erscheinung gekleidet, wobei das Kapital die Industrie kontrolliert und im internationalen Vergleich niedrige Löhne zahlt (was durch die Deregulierung des Sektors noch unterstützt wird). Dieses Arrangement erzeugt hohe Renditen, da die Löhne indischer Software-Entwickler deutlich unter denen ihrer US-amerikanischen Kolleg/inn/en liegen. Westliche Konzerne können ihre Profite steigern, indem sie die Softwareentwicklung nach Indien auslagern oder zeitweise Inderinnen und Inder in den USA oder anderen Ländern anstellen. Der Großteil des Werts, der durch die indische Softwareentwicklung geschaffen wird, verbleibt nicht im Land und kann so keinen Nutzen für die Allgemeinheit entfalten. Stattdessen eignen sich westliche Unternehmen diesen Wert an. Westliches Kapital verkauft Software, die auf der Enteignung von Wert basiert, der von indischen Software-Entwicklern geschaffen wurde, was ab einer gewissen Größenordnung zu sehr hohen Ausbeutungsraten führt. Die indische Software-Industrie ist Teil einer internationalen digitalen Arbeitsteilung (IDAT), geformt durch einen neuen Imperialismus, der eine solch hohe Ausbeutungsrate benötigt, um diese Werte von Indien in westliche Länder zu exportieren. Im Ergebnis führt das zu einer ungleichen Entwicklung in der IT-Industrie im globalen Maßstab und der Schaffung und Verstärkung solcher Disparitäten in Indien selbst. Schon Marx schrieb über Indien: „Die Aristokratie wollte es erobern, die Plutokratie ausplündern, die Millokratie verschleudern.” (MEW 9: 222) Heutige Formen des Neoimperialismus basieren immer noch auf der Ausbeutung von Kolonien. Das westliche Kapital fungiert dabei als Klasse, die Indien und andere Länder des globalen Südens ausraubt. Dieser Raubzug findet in einer spezifischen Form statt: Die indische Software-Industrie dient als strategische Branche in der neuen imperialistischen IDAT. So wie Marx 1853 schrieb „ernten“ die meisten Inder nicht „die Früchte der neuen [Informations-]Gesellschaftselemente“ (MEW 9: 224).

Arbeit in Call Centern

Das Global Call Center Projekt (http://www.ilr.cornell.edu/globalcallcenter) ist ein Forschungsnetzwerk, das in über 20 Ländern die Arbeit in Call Centern untersucht hat. Die Umfrage erreichte die Arbeiter/innen aus 2.500 Callcenter in 17 Ländern. Frauen machten dabei rund 69 Prozent aus (Holmann u.a. 2007). In sozialpartnerschaftlich organisierten Volkswirtschaften betrug das durchschnittliche Jahresgehalt eines Call Center Mitarbeiters 23,599 US$, in liberalen US$ 32,925 und in industrialisierenden Ländern US$ 19,105. Die Rate der Kündigungen und Neueinstellungen lag im Durchschnitt bei 20 Prozent. Call Center machen in außerordentlichem Maße Gebrauch von Überwachungsmethoden, sei es in der Form von Telefonüberwachung oder sei es durch die Nutzung spezieller Software, um die Effizienz ihrer Mitarbeiter zu überprüfen (Holman u.a. 2007: 9–10). Die Studie ergab, dass 39 Prozent der analysierten Call-Center Jobs von niedriger oder sehr niedriger Qualität sind, verbunden mit sehr geringem Datenschutz und einer hohen Dichte an leistungsbewertenden Maßnahmen. Das bedeutet im Detail: 36 Prozent der Angestellten haben sehr schlechte Jobs, 67 Prozent müssen sich mit schlechten bis sehr schlechten Stellen herumschlagen und nur 14 Prozent werden in hoch bis sehr hoch qualitativen Arbeitsplätzen eingesetzt. Generell lässt sich sagen, dass das Global Call Center Projekt einen hohen Grad der Standardisierung von Call Center Jobs feststellen konnte: Überall fanden sich die Überwachungsinstanzen der individuellen Leistung, niedrige Niveaus des Einflusses der Mitarbeiter auf Entscheidungen im Arbeitsprozess, eine niedrige Qualität der Jobs und eine hohe Rate weiblicher Beschäftigung.

Zillah Eisenstein (1979) argumentiert, dass die patriarchale Arbeitsteilung im Kapitalismus Frauen fünf Typen von Arbeit zuweist: Arbeit in der Reproduktion, der Erziehung, dem Haushalt, der Sexarbeit und der Organisation des Konsums (33). An der Call Center Arbeit lässt sich zeigen, dass die patriarchale Arbeitsteilung vom eigenen Zuhause bis an den kapitalistischen Arbeitsplatz reicht. In den eigenen vier Wänden sind Frauen dazu verdammt, sich der biologischen Reproduktion und der Erziehung der (Klein-)Kinder zu widmen. Die gleiche patriarchale Ideologie, die von den Frauen verlangt, in der Familie liebevoll zu ihren Kindern und dabei freundlich und sozial aktiv zu sein, prägt auch die formalen Anforderungen an die Arbeit im Call-Center, indem hier die gleichen Verhaltensweisen – nun gegenüber den Kunden am anderen Ende der Leitung – verlangt werden. Darüber hinaus wird die Forderung an die Frauen, zuhause beständig Ordnung zu halten, im Call-Center reproduziert. Dort ist den Frauen die Rolle zugedacht, die Kundendatenbank ordentlich zu führen, so dass diese weiterhin die angebotenen Waren kaufen. Im Haushalt weist das Patriarchat den Frauen die Rolle der Organisation des familiären Konsums zu – dazu gehören zum Beispiel das Einkaufen und Vorbereiten des Essens und die Sorgsamkeit darüber, welche neuen Produkte das familiäre Miteinander verbessern könnten. Ähnlich im Call-Center: Dort sind die Angestellten auch mit der Aufgabe der Organisation des Konsums betraut, indem sie auf die Wünsche der Kunden eingehen, ihnen Hilfe angedeihen lassen und ihnen beim Lösen von Problemen im Zusammenhang mit ihrem Konsum bzw. dem Verbessern der Konsumerfahrung stets zur Seite zu stehen haben. Zu guter Letzt erfährt Sexarbeit ihre Reproduktion im Call Center. Eine Frau am anderen Ende der Leitung zu haben, spekuliert auf die sexuelle Begierde gerade männlicher Anrufer. Ähnlich bezahlten Telefonsexangeboten haben Call Center Arbeiterinnen die Aufgabe, sexuelle Anziehungskraft zu versprühen. Weibliche Call-Center Angestellte werden Dienstleistungen und Produkte an Männer einfacher verkaufen können, wenn diese sich implizit an die sexuellen Konnotationen weiblicher Stimmen am Telefon erinnert fühlen. Alle fünf Typen von Hausarbeit, die Eisenstein identifiziert – Reproduktion, Kindeserziehung, Haushalt, Sexualität und Organisation des Konsums – werden in Call Centern reproduziert. Es ist daher kein Wunder, dass die Mehrheit der Angestellten in Call Centern weiblich ist. Der Kapitalismus nutzt die patriarchalen Vorurteile über Frauen, die als soziale, mitfühlende, emotionale, sexuell attraktive, beziehungsstarke und kommunikative Menschen betrachtet werden, um prekäre Arbeitsbedingungen zu konstituieren. In Call-Centern, so wie zuhause, werden die „biologischen Unterschiede Mann/Frau“ ideologisch benutzt, um „soziale Rollen abzustecken und individuelle Macht auszuüben“ (Eisenstein 1979: 17). Und der soziale Ort der Angestellten „als bezahlte Arbeiterin ist definiert unter den Bedingungen des Frau-seins“ (Eisenstein 1979: 30).

Wie bei der Hausarbeit beruht die Arbeit in Call-Centern auf der temporären Verfügbarkeit und Flexibilität der Arbeiterinnen, die von anderen aufoktroyiert wird. Haushälterinnen haben oft über 24 Stunden für Kinder und die Familie zur Verfügung zu stehen. Call-Center haben meist 24 Stunden geöffnet, was von der ideellen Gesamt-Call-Center-Arbeiterin verlangt, rund um die Uhr verfügbar zu sein. Das kann Probleme für Gesundheit und das Familienleben mit sich bringen. Die Arbeit einer Call-Center-Angestellten (unsicher, prekär, stressig und gleichförmig) verlangt räumlich-zeitliche Flexibilität, die durch die Bedürfnisse des Kapitals bestimmt wird. Dies ist zur Blaupause einer ganzen Ökonomie von unsicherer Arbeit geworden, die vor allem Leben und Arbeit der jüngeren Generationen betrifft. Die Arbeitskosten durch Teilzeitarbeit zu senken stellt eine Form absoluter Mehrwertproduktion dar – der Teil des Tages, der Mehrwert und damit Profit schafft, wird verlängert. Ideologie wiederum definiert Frauen als „arbeitende Mütter“, um für sie einen geringeren Lohn als für Männer zu rechtfertigen.

Die Arbeit in Call-Centern wird streng überwacht und standardisiert. Es handelt sich um eine Art tayloristisch organisierter Informationsarbeit, einer Art Grauzone zwischen Industrie- und Büroarbeit. Die Standardisierung und Überwachung am Arbeitsplatz, die begleitet wird von Prekarisierung, welche die Arbeiter unter sozialen Druck setzt, gehört zu den Methoden der relativen Mehrwertproduktion. Die konstante Kontrolle und der Druck zielen darauf, die Arbeiter/innen dazu zu bringen, Körper und Geist mehr Disziplin angedeihen zu lassen, sodass sie effektiver arbeiten. Sie werden mehr Kunden in kürzerer Zeit abarbeiten und die Produktivität steigern. Call Center Arbeit wird charakterisiert durch die formelle und reelle Subsumtion der Arbeit unter das Kapital. Die Methoden der absoluten Mehrwertproduktion (die Arbeitskosten zurückstutzen) und der relativen Mehrwertproduktion (Standardisierung, Überwachung, Grauzone zwischen Industrie- und Büroarbeit) werden für die Ausweitung der Kapitalakkumulation nutzbar gemacht.

Software-Entwicklung bei Google. Das Silicon Valley der Albträume

Das Silicon Valley liegt im Santa Clara Valley, südlich von San Fransisco. 2011 waren dort die durchschnittlichen Löhne der Angestellten im Softwarebereich zweifach über dem Durchschnitt in den USA. Im Bereich des Internet-Publishings und der Web-Portale lagen sie sogar 5,6 mal so hoch.

Wie sehen die Arbeitsbedingungen in der Wissensökonomie, wie beispielsweise der Softwareprogrammierung, aus? Um diese Frage zu beantworten, lohnt ein Blick auf eine der bekanntesten Firmen im Valley – Google. 2014 machte der Konzern, der seit 2015 ALPHABET heißt, Profite in der Höhe von 14,4 Milliarden Dollar, ein Spitzenwert seit der Gründung 1998.

Für diesen Artikel habe ich Bewerbungsgespräche mit Google analysiert, die in ihrer Beschreibung das Stichwort „Software“ enthielten. Bei Glassdoor[2]ergab diese Suchanfrage 307 Einträge, die zwischen dem 5. Februar 2008 und dem 15. Dezember 2012 erstellt wurden. Zusätzlich untersuchte ich einen Thread auf Reddit[3], auf dem Menschen anonym dazu aufgefordert wurden, über die Arbeitsbedingungen bei Google zu berichten. Ich suchte nach und analysierte Einträge, in denen Angestellte über Themen wie die Arbeitszeit berichteten. Dies resultierte in einer Stichprobe aus 75 Einträgen, 10 aus dem Reddit-Thread und 65 von Glassdoor. In 58 dieser Posts wurden negative Aspekte einer Anstellung bei Google angeführt. Gemeinsam war diesen 58 Einträgen die Klage über zu lange Arbeitszeiten und die nachhaltige Störung der „Work-Life-Balance“. Aus der Analyse ergibt sich folgendes Bild: Menschen, die bei Google arbeiten, tendieren dazu, Überstunden zu machen und sie haben das Gefühl, dass die „schöne neue Arbeitswelt“ mit kostenlosem Essen, Sportangeboten, Restaurants, Cafés, Events, „Tech-Talks“ und anderem „Zuckerbrot“ die Beschäftigten dazu animiert, länger zu bleiben. Trotzdem sind Überstunden nicht Teil der offiziellen oder geäußerten „Erwartungshaltung“ des Managements. Viel eher fungieren sie als fester Bestandteil der Unternehmenskultur, sodass auf den Beschäftigten oftmals ein enormer Gruppenzwang lastet, länger zu arbeiten.

Im frühen Kapitalismus, wie ihn Marx im ersten Band des „Kapital“ (MEW 23) beschreibt, wurde die Verlängerung des Arbeitstages durch Kontrolle, Überwachung, Disziplinarmaßnahmen und Gesetze erreicht. Das ging nur zum Preis eines verschärften Klassenkampfes, der zur Reduzierung der Arbeitsstunden führte. Ersteres macht Google nicht anders: Der Konzern versucht, die Mehrwertproduktion durch die Ausdehnung des Arbeitstages zu steigern. Allerdings verfolgt der Internetriese einen anderen Ansatz: Der Zwang ist ein ideologischer und sozialer. Es gibt eine Unternehmensphilosophie und -strategie, die Spaß, „playbour“ (Kofferwort aus Spiel [Play] und Arbeit [Labour]), Dienstleistungen für Angestellte und Gruppenzwang betont. Im Ergebnis tendieren die durchschnittliche Gesamtarbeitszeit und die unbezahlten Zusatzstunden per Beschäftigten nach oben. Marx würde diesen Fall als spezifische Methode für die absolute und relative Mehrwertproduktion anführen, in welcher die Produktivität und die Arbeitsintensität konstant bleiben, während die Länge des Arbeitstages variabel ist (MEW 23: 548-549).

Im Vergleich zur kalifornischen Halbleiter-Verarbeitung, in der man 2012 im Durchschnitt 36.584 $ verdiente, lag das Gehalt der Softwareentwickler bei Google mit 112.915 $ 3,1 mal so hoch. Im gleichen Jahr verdiente ein kalifornischer Monteur von elektronischem Equipment durchschnittlich 33.179 $. Im Durchschnitt war das Google-Gehalt also 3,4 mal höher (Quelle:glassdoor.com, Januar 13, 2013). Diese Zahlen belegen deutlich die Spreizung der Gehälter innerhalb der IT-Industrie zwischen Monteur/inn/en und Softwareentwickler/inne/n. Eine weitere Ungleichheit ergibt sich zwischen den Fließbandarbeiter/inne/n auf der einen und den Professionellen (besonders den Managern) auf der anderen Seite (Benner 2002; Carnoy u.a., 1997). Weiße stellen in Silicon Valley den Großteil der administrativen Kräfte, Manager und Experten, während die an- und ungelernten Arbeitskräfte sich vornehmlich aus hispanischen und asiatischen Arbeiter/inne/n zusammensetzen. Pellow und Sun-hee Park (2002) untersuchten die Arbeitsbedingungen in Silicon Valleys IKT-Industrie. Ihre Untersuchung zeigte, dass der Reichtum der Industrie und ihrer Profiteure mit der „überbordenden Ausnutzung undokumentierter und dokumentierter Personen durch die Arbeitgeber“ in Zusammenhang steht (Pellow and Sun-hee Park 2002: 6). Darüber hinaus sind Arbeitsplätze, an denen mit giftigen Substanzen gearbeitet wird, hauptsächlich mit nicht-weißen Frauen besetzt, die sich durch die Verseuchung von Trinkwasser, Boden und Luft an ihrem Arbeitsplatz erhöhten Gefahren von Krebs, Atemwegserkrankungen sowie Fehlgeburten und Geburtsfehlern ausgesetzt sahen.

Wie ausgeführt besteht ein großer Unterschied zwischen den Gehältern von Monteur/inn/en und Softwareentwickler/inne/n in der IKT-Industrie. Beide Arten von Arbeit werden ausgebeutet und sind notwendig für die Akkumulation von Kapital. Software-Entwickler/innen bei Google (und anderen Unternehmen) sind dabei das, was Engels einst als „Arbeiteraristokratie“ bezeichnete. In einem Artikel über die Arbeitsbedingungen im Jahr 1885 schrieb Engels (MEW 22: 274): „Aber was die große Masse der Arbeiter betrifft, so steht das Niveau des Elends und der Existenzunsicherheit für sie heute ebenso niedrig, wenn nicht niedriger als je“. Er beobachtete jedoch auch eine „Aristokratie in der Arbeiterklasse“ (Maschinenschlosser, Zimmerleute, Schreiner, Bauarbeiter), deren Mitglieder „es fertiggebracht“ haben, „sich eine verhältnismäßig komfortable Lage zu erzwingen“ (MEW 22: 274). Auch Lenin (1921/1960: 198) schrieb, ausgehend von Engels Gedanken von einer solchen Aristokratie, von „verbürgerten Arbeitern“, „die in ihrer Lebensweise, nach ihrem Einkommen, durch ihre ganze Weltanschauung vollkommen verspießert“ sind. Diese Arbeiter würden als „wirkliche Agenten der Bourgeoisie innerhalb der Arbeiterbewegung“ wahrgenommen, als „Arbeiterkommis der Kapitalistenklasse (labor lieutenants of the capitalist class)“. Google-Mitarbeiter verdienen mehr und genießen mehr Privilegien als ihre Pendants in der IKT-Montage. Das bedeutet auch, dass es weniger wahrscheinlich wird, dass sie sich zur Wehr setzen. Typisch für die Arbeiteraristokratie, schreibt Engels: „…sie sind in der Tat sehr nette, traktable Leute für jeden verständigen Kapitalisten im besondern und für die Kapitalistenklasse im allgemeinen“ (MEW 22: 274).

Slavoj Žižek (2012) beschreibt die soziale Basis der Occupy-Aktivist/inn/en unzutreffend als angestellte Bourgeoisie, die sich aus „privilegierten Arbeitern mit garantierten Jobs“ zusammensetze und von „der Angst um den Verlust ihres Mehrwert-Lohns“ beseelt seien (Žižek 2012: 12). Was er in diesen Zeilen tatsächlich beschrieb waren die Professionellen bei Google, im Vergleich zu den Arbeitern in der Hardware-Montage. Marx begründete die Kategorie des Surplus-Lohns in den Grundrissen, wo er Produktionsbedingungen beschreibt, in denen durch eine hohe Nachfrage in einer bestimmten Industrie die Möglichkeit entsteht, dass gewisse Arbeiter einen „Surplusarbeitslohn“ erhalten, der einen kleinen Anteil am Mehrwert repräsentiert (MEW 42: 351). Wenn die IKT-Industrie als eine kombinierte Industrie und ihre Profite ebenso als zusammengesetzte Profite angesehen werden, bedeutet das für die höher bezahlten Wissensarbeiter/innen, dass sie ein Gehalt beziehen, das um einen bestimmten Mehrwertteil höher liegt im Vergleich zu den Löhnen der schlecht bezahlten IKT-Arbeiter/inn/en. Dieser relative Extralohn wird allerdings teuer bezahlt: Mit Überstunden, hohem Stress, einer hohen Personalfluktuation, einer schlechten Work-Life-Balance und der Tendenz, kein Leben außerhalb der Firma mehr zu haben. Softwareentwickler/innen bei Google sind für diese Art von Wissensarbeiteraristokratie das Paradebeispiel.

Der Begriff „Arbeiteraristokratie“ muss eher objektiv als subjektiv verstanden werden. Die Wissensarbeiter/innen von Google haben relative Surplus-Löhne im Vergleich zu den Arbeiter/inne/n in der Hardware-Montage. Ob dieser Status sich in einem bürgerlichen Bewusstsein niederschlägt, das dem von Manager/inne/n und Eigentümer/inne/n ähnelt, müsste empirisch eruiert werden. Google und ähnliche IT-Riesen erheben einen fast totalen Anspruch auf die Arbeitszeit ihrer Angestellten. Sie zahlen relativ hohe Löhne als Anreiz, um viele unbezahlte Arbeitsstunden ausbeuten zu können. Dies zeigt die internen Widersprüche der globalen Arbeiterklasse. Nick Dyer-Witheford und Greig de Peuter (2009) haben diese Widersprüche in der Computerspielindustrie analysiert. Deren Existenz hängt von der Arbeit von Spiele-Entwickler/inne/n, Tester/inne/n, sogenannten „Goldgräber/inne/n“ (Gold Farmers) in China, Coltan-Bergleuten in Afrika und Elektroschrottsammler/inne/n ab.

Marx (MEW 23) argumentiert im „Kapital“, dass der Exploitationsgrad der Arbeit durch das Verhältnis E = Profite/Löhne berechnet werden kann (Kapitel 7 und 16). Daraus folgt nicht, dass Softwareentwickler/innen höhere Löhne erhalten, weil sie weniger ausgebeutet werden. Die Rate der Ausbeutung hängt nicht nur vom Lohnniveau, sondern auch von der Höhe der Profite ab.

Das Silicon Valley ist das Tal der Träume für die Klasse, welche die Profite in den IKT-Industrie abpresst, es ist das Tal des Todes für die Arbeiter/innen in der Hardware-Montage und das Tal des Stresses für die Arbeiteraristokratie. Die gesellschaftliche Geographie dieses Tales ist eine von Ungleichheit, Tod, Stress und der Zerstörung der menschlichen Lebensgrundlagen. Dies ist die Basis der kapitalistischen IKT-Industrie und ihrer Profite.

Digitale Arbeit und Online-Prosumption

Soziale Medien, die Konzernen gehören (Facebook, Youtube, Twitter, Weibo, Blogspot, Linkedln, usw.) nutzen alle ein Geschäftsmodell, dessen Grundlage die Verwandlung von Nutzerdaten (Inhalte, Profile, soziale Netzwerke und Onlineverhalten) in Ware ist. Waren entstehen durch Produzenten, sonst könnten sich nicht existieren. Da es sich bei diesen Internetwaren um Daten handelt, muss der Prozess der Erzeugung dieser Daten als mehrwertschaffende Arbeit angesehen werden. Diese Art der Internetnutzung kann als produktive Konsumtion oder als Prosumption betrachtet werden, da sie Wert schöpft und Waren erzeugt. Dallas Smythes (1977) Konzept der Publikumsware, das annimmt, dass bei werbefinanzierten Medien die Aufmerksamkeit des Publikums als Ware verkauft wird, wurde wieder mit Leben erfüllt und zum Konzept der Datenware bei der Internetprosumption weiterentwickelt (für eine detaillierte Diskussion der Aktualität von Smythes Arbeit siehe Fuchs 2014, Kapitel 4). Digitale Arbeit auf sozialen Medien schafft den Warencharakter der internetbasierten Prosumption. Diese Datenwaren werden von Internetplattformen an Werbekunden verkauft. Diese bieten im Gegenzug auf die Nutzer/innen zugeschnittene Werbung an.

Digitale Arbeit auf „sozialen Medien“ ähnelt der Hausarbeit, da keine Löhne gezahlt werden, sie außerhalb der Lohnarbeit stattfindet, keine gewerkschaftliche Vertretung vorhanden ist und es schwierig ist, sie als überhaupt als Arbeit wahrzunehmen. Wie bei der Hausarbeit werden Kosten externalisiert oder exterritorialisiert, die sonst von den Kapitalisten abzudecken gewesen wären (Mies 1986:110). Der Begriff „crowdsourcing“ (Howe 2009) beschreibt genau jenen Ausgliederungsprozess, der dem Kapital hilft, Kosten zu sparen. Wie bei der Hausarbeit auch, ist die digitale Arbeit eine Quelle unkontrollierter, unbegrenzter Ausbeutung (Mies 1986:16). Sklaven werden mit allen Arten physischer Gewalt zur Arbeit gezwungen: Sie werden gefoltert, geschlagen oder getötet, wenn sie die Arbeit verweigern. Auch Hausarbeitende erleben Formen physischen Zwanges, so zum Beispiel durch häusliche Gewalt. Allerdings werden sie eher durch Emotionen, wie Liebe, Hingabe oder Verantwortung für die Familie, zur Arbeit gezwungen. Der größte Zwang innerhalb der patriarchalen Hausarbeit entsteht durch affektive Gefühle. Im Falle der digitalen Arbeiter ist der Zwang hauptsächlich sozialer Natur. Große Plattformen wie Facebook haben erfolgreich das Angebot an etlichen Online-Dienstleistungen – so etwa der sozialen Netzwerke im Internet – monopolisiert und haben mehr als eine Billion Nutzer. Dies erlaubt es ihnen, einen sanften und kaum sichtbaren sozialen Druck auszuüben, der Nutzer/innen an kommerzielle Plattformen kettet, da alle ihre Freunde und Freundinnen und wichtige Kontakte ebenfalls dort registriert sind und man diese nicht verlieren möchte. Logischerweise ist es deshalb nicht so einfach möglich, diese Plattformen zu verlassen. Sklavenarbeit, Hausarbeit und digitale Arbeit auf sozialen Medien sind unterschiedlicher Natur, vor allem, was die dabei angewendete Form der Gewalt betrifft. Dennoch haben sie gemeinsam, dass es sich um unbezahlte Formen der Arbeit handelt, die es dem Kapital ermöglicht, Kosten zu externalisieren, um Profite zu steigern.

Alle Arbeiter, die ausgebeutet werden, sind vom Produkt ihrer Arbeit entfremdet. In den sozialen Medien der Konzerne nimmt die Entfremdung eine spezifische Form an. Nutzer sind objektiv entfremdet, weil sie subjektiv in den Zustand der Isolation und der sozialen Benachteiligung gezwungen werden, wenn sie die monopolkapitalistischen Plattformen (wie Facebook) verlassen. Ihre Beziehung zu den Arbeitsgegenständen ist durch die Unterordnung unter das Kapital gekennzeichnet. Auch die Arbeitsinstrumente, die Onlineplattformen, gehören nicht den Nutzer/inne/n, sondern privaten Unternehmen, die die Daten in Waren verwandeln. Ebenso wird das Ergebnis des Produktionsprozesses, der monetäre Profit, von individuellen Eigentümer/innen/n und Aktienhalter/inne/n der Plattform kontrolliert. Diese vier Formen der Entfremdung bilden zusammen die Grundlage für die Ausbeutungsstrategien von digitaler Arbeit in konzerngesteuerten sozialen Medien.

Sowohl kongolesische Bergarbeiter/innen, Foxconn-Arbeiter/innen, indische und kalifornische Softwareprogrammierer/innen, als auch Callcenter-Arbeitende und Prosument/innen/en der sozialen Medien sind alle deshalb als entfremdet zu bezeichnen, da sie weder in den Besitz der Profite noch der von ihnen hergestellten Produkte gelangen. Im Fall der Nutzer/innen der sozialen Medien ist die Situation dennoch etwas anders. Sie schaffen durch dieselbe digitale Arbeit zwei verschiedene Gebrauchswerte: Einen, der zur Kommunikation benötigt wird, und einen für die öffentliche Sichtbarkeit. Die Weiterentwicklung dieser unterschiedlichen Gebrauchswerte erhöht die Aussichten, dass die Nutzer/innen mit gezielter Werbung konfrontiert werden können. Wir können deshalb davon sprechen, dass in den sozialen Medien ein Doppelcharakter der Gebrauchswerte vorliegt. Auf der einen Seite produzieren die Nutzer/innen einen Gebrauchswert für sich selbst und andere. So schaffen sie eine soziale Beziehung zwischen Nutzer/inne/n und öffentliche Sichtbarkeit. Auf der anderen Seite schaffen sie Gebrauchswerte für das Kapital (z.B. Raum für die Werbeindustrie). Der Doppelcharakter der Gebrauchswerte macht Facebooks Produkte zu einer merkwürdigen Ware, die den sozialen Bedürfnissen der Nutzer und den kommerziellen Interessen der Werbenden nützt. Gleichzeitig wird der kommerzielle Gebrauchswert zuerst einmal von den konzerneigenen Plattformen kontrolliert. Sie ermöglichen den Tauschwertcharakter und die Kommodifizierung der Nutzerdaten. Es existiert auch eine spezifische soziale Form von Zwang. Eine kommerzielle Plattform zu verlassen ist nicht so einfach, wenn man dort viele „Kontakte“ hat. Es besteht die Gefahr der kommunikativen Verarmung.

In der Welt der digitalen Arbeit ist der Fetischcharakter der Ware auf den Kopf gestellt. Wir können von einem umgekehrten Warenfetisch sprechen, der in den Produkten der sozialen Medien zum Ausdruck kommt. Der Warencharakter der Facebookdaten versteckt sich hinter dem sozialen Gebrauchswert von Facebook (z.B. den sozialen Kontakten und den Funktionen, die durch die Nutzung der Plattform ermöglicht werden). Dieser umgekehrte Fetischcharakter zeigt sich in Aussagen, wie „Facebook beutet mich nicht aus, da ich von den Kontaktmöglichkeiten, die es mir bietet, profitiere“. Die objektive Stellung des Nutzers, die darin besteht, den Profitinteressen von Facebook zu dienen, ist hinter den Möglichkeiten der sozialen Vernetzung, die durch Facebook ermöglicht wird, verschleiert. Die Vorstellung aber, dass Facebook den Nutzer/inne/n nur in sozialer Hinsicht nützt, ist einseitig. Die sozialen Vorteile, die durch die Onlinebeziehungen und die Onlineöffentlichkeit auf Facebook geschaffen werden, bilden die Grundlage von Facebooks Tauschwert und Warenform. Der Facebook-Tauschwert wird durch den Gebrauchswert verschleiert. Auf der Objektebene ist Facebook gekennzeichnet durch die Beziehung zwischen Facebook, Werbekund/inn/en und Nutzer/inne/n. Die Austauschbeziehungen zwischen Facebook und Werbenden ist gebunden an die Werbebeziehungen zwischen Werbenden und Nutzer/inne/n. Beide Beziehungen lassen für Facebook und seine Kund/inn/en Profit entstehen. Die kommerziellen Beziehungen werden für die Nutzer/innen nicht unmittelbar deutlich, da diese hauptsächlich sich und die anderen Nutzer/innen wahrnehmen. Facebook profitiert also von diesem auf den Kopf gestellten Fetischcharakter, indem es sich als Vermittler von sozialen Beziehungen darstellt.

Schlussfolgerung

Wie nachgewiesen wurde, existiert also eine neue internationale Teilung der digitalen Arbeit (NITDA). Diese ist gekennzeichnet durch verschiedene prä- als auch originär-kapitalistische Produktionsweisen, die interagieren. Somit ist ein weltweites Netz der Ausbeutung entstanden, dass aus doppelt freier Lohnarbeit, unbezahlter „freier“ Arbeit, prekärer Arbeit und Sklavenarbeit besteht und Profite für eine Vielzahl von Unternehmen der Informations- und Kommunikationsindustrie schafft. Die Stufen kapitalistischer Entwicklung und historischer Produktionsweisen und die Organisationsformen der Produktivkräfte sind nicht einfach aufeinander folgende Zeitperioden kapitalistischer Entwicklung. Sie stehen in einer dialektischen Beziehung. Der Kapitalismus hat die Sklaverei nicht aus der Welt geschafft. Die Sklaverei besteht als Lohnsklaverei fort, während gleichzeitig die antike und feudale Form der Sklaverei weiterhin anzutreffen ist. Wie das Beispiel der Sklaverei in der Bergbauindustrie zeigt, profitieren davon ganz direkt die westlichen Konzerne der Informations- und Kommunikationsindustrie.

Die früheste Form von Privateigentum entstand in der patriarchalen Familie. Die patriarchale Produktionsweise existiert heutzutage weiter. Sie findet zum Beispiel in der Form prekärer Arbeit in Call-Centern oder der unbezahlten Onlinearbeit der Nutzer/innen von Google, Facebook, Youtube, Twitter und Co. statt. Sie ist ebenso offensichtlich vorhanden in der totalüberwachten Callcenterbranche und den Fabriken der Informations- und Kommunikationsindustrie. Klassische und feudale Formen der Sklaverei, in denen Arbeiter/innen nicht doppelt frei, sondern das Eigentum von Sklavenbesitzern sind, die sie physisch drangsalieren und grenzenlos ausbeuten, wirken in der Bergbauindustrie, die die physische Grundlage der Kommunikations- und Informationsindustrie produziert, fort. Der Kapitalismus beruht nicht nur auf der Kapitalakkumulation, sondern auch auf der Arbeit, der unbezahlten und der doppelt freien Arbeit. Dies bedeutet, dass Menschen ihre Arbeitskraft, um nicht vor Hunger zu sterben, als Ware an Kapitalisten verkaufen. Diese Arbeiter werden vom Prozess und dem Produkt ihrer Arbeit entfremdet. Diese lässt ein spezifisches Verhältnis der Ausbeutung der Arbeitskraft entstehen. Die doppelt freie Arbeit nimmt verschiedene Formen in der NITDA an. So gibt es jene Arbeiter, die unter Bedingungen werken, die den Zuständen der frühesten Phase des Industriekapitalismus ähneln. Diese Arbeiter sind in der Montage von IKT-Hardware beschäftigt und riskieren Gesundheit und Leben während der Arbeit. Sie sind am Arbeitsplatz massiver Kontrolle, Überwachung und Standardisierung ihrer Tätigkeiten unterworfen. Somit lebt auch die fordistisch-tayloristische Fabrik im Informationszeitalter fort. Auch die Beschäftigten der Callcenter sind einer Art tayloristischem Regime unterworfen. Ihre Arbeit ist aber nicht primär körperlich, sondern durch Kommunikation geprägt. Ihre Hauptaufgabe besteht darin, zu reden, zu überzeugen, zu tippen, Telefonsysteme und Datenbanken zu benutzen. Die digitale Arbeit umfasst aber auch neue Formen von Arbeit, die mit hohen Löhnen vergütet werden (z.B. Googles IKT-Arbeiteraristokratie), die sich aber durch ein Übermaß an Stress und Arbeitsdruck auszeichnen.

Digitale Arbeit wurde in der Vergangenheit vor allem als Begriff verstanden, mit dem unbezahlte Arbeit von NutzerInnen der sozialen Medien beschrieben wurde (dazu: Scholz 2013). Dieser Artikel lässt uns berechtigterweise zu dem Schluss kommen, dass die Prosumption, die in den sozialen Medien stattfindet, nur eine Form von digitaler Arbeit ist, die mit anderen Formen verbunden ist. Alle gemeinsam ermöglichen ein globales Netzwerk der Ausbeutung, das die Existenz der digitalen Arbeit ermöglicht. Es ist Zeit, das Verständnis des Begriffes digitale Arbeit zu verbreitern, um alle Formen von bezahlter und unbezahlter Arbeit, die für ihre Produktion, Ausbreitung und Nutzung der digitalen Medien notwendig sind, zu erfassen. Bei der digitalen Arbeit handelt es sich um ein doppeltes Verhältnis. Erstens, jenes zwischen Kapital und Arbeit. Zweitens, Verhältnisse innerhalb der neuen internationalen Arbeitsteilung (NIAT), die digitale Arbeit als Netzwerk der neuen internationalen Teilung der digitalen Arbeit (NITDA) organisieren. Die NITDA ist geprägt durch flexibel ausgestaltete Produktionsweisen und Organisationsformen der Produktivkräfte, die durch die Einbeziehung der herrschenden kapitalistischen Produktionsweise stattfindet.

Um Arbeit und den digitalen Kapitalismus im 21. Jahrhundert zu verstehen, bedarf es aus mehreren Gründen einer auf Marx beruhenden politisch-ökonomischen Analyse (siehe Fuchs 2016 für eine kapitelweise organisierte Leseanleitung des „Kapital. Band 1“ aus einer medien- und kommunikationswissenschaftlichen Perspektive). Marx sah den dynamischen und historischen Charakter des Kapitalismus, der sich verändert, um seine grundlegenden Ausbeutungsstrukturen beibehalten zu können. Marx betonte die Bedeutung der Technik und der Kommunikationsmittel im Kapitalismus und sagte die Entstehung des Informationskapitalismus als Folge der Entwicklung der Produktivkräfte voraus. Er beschrieb die Globalisierungstendenz und den imperialistischen Charakter des Kapitalismus, der sich heute in der NITDA in einer spezifischen Weise äußert. Marx war nicht nur ein kritischer Theoretiker, sondern auch ein Alternativjournalist. Er betonte die Bedeutung sozialer Kämpfe für gesellschaftlichen Fortschritt. Wir brauchen Alternativen zum Kapitalismus und zur Ausbeutung der digitalen Arbeit und aller anderen Arbeitsformen. Dies kann nur durch gesellschaftliche Kämpfe erreicht werden, die eine alternative, demokratisch-sozialistische Gesellschaftsordnung anstreben. Als Teil solcher Kämpfe sollte auch der Kampf um nichtkapitalistische, alternative Medien, Software, Hardware und Internetplattformen angesehen werden.

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Redaktionsschluss: 31.10.2015.

Beilagenhinweis: Diesem Heft liegt ein Prospekt des VSA-Verlages bei. Wir bitten um freundliche Beachtung.

[1] Zweiter Teil der Übersetzung von: Christian Fuchs, Theorising and analysing digitial labour: From global value chains to modes of production, in: The Political Economy of Communication 1 (2) 2013: 3-27. http://www.polecom.org/index.php/polecom/article/view/19. Teil I dieses Beitrags erschien in Z 103 (September 2015), S. 85-108. In ihm legte der Autor seine Ansicht vom Zusammenhang zwischen kapitalistischer Produktionsweise und dem Konzept der neuen internationalen Arbeitsteilung dar und berichtete über Formen der Sklaverei bei der Gewinnung von Metallen für die Herstellung von Waren der Informations- und Kommunikationstechnik in Bergbaubetrieben verschiedener afrikanischer Länder sowie die Arbeitsverhältnisse bei der Endmontage von IuK-Technik-Produkten bei dem taiwanesischen Foxconn-Konzern in China. (Redaktionell geringfügig gekürzt. Übersetzung aus dem Englischen: Sebastian Chwala und Alan Ruben van Keeken. Anm. der Red.)

[2] Eine Plattform, auf der Angestellte und ehemalige Angestellte die Unternehmen, für die sie arbeiten, begutachten.

[3] Bei Reddit handelt es sich laut Selbstbeschreibung um die „frontpage of the internet“. Im Grunde genommen werden auf dieser unglaublich häufig frequentierten Seite Links und Inhalte zwischen Nutzer/innen im Forumsformat geteilt, die durch „upvoting“, also ein Punktesystem, das die Beiträge aktuell und sichtbar hält, oftmals virale, die Medien erreichende Hypes produzieren. Ein regelmäßiges Event auf diesen Seiten ist ein AMA, ein Ask me anything, in dem sich verschiedene Experten für einige Stunden im Forum den Fragen der Nutzer/innen stellen.

Dieser Artikel ist erschienen in Z. Nr. 104, Dezember 2015

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