Z. Zeitschrift Marxistische Erneuerung Nr. 81, März 2010 - http://zeitschrift-marxistische-erneuerung.de/topic/17.ausgabe-81-maerz-2010.html

Räumliche Konzentration von Armut

Sammelbesprechung von Hans Günter Bell

Der PARITÄTISCHE Gesamtverband (Hrsg.), Unter unseren Verhältnissen ... Der erste Armutsatlas für Regionen in Deutschland, Berlin, 2009 [www.armutsatlas.de]

Jürgen Friedrichs/Sascha Triemer, Gespaltene Städte? Soziale und ethnische Segregation in deutschen Großstädten, VS-Verlag, Wiesbaden 2008, 29,90 Euro

Jörg Blasius/Jürgen Friedrichs/Jennifer Klöckner, Doppelt benachteiligt? Leben in einem deutsch-türkischen Stadtteil, VS-Verlag, Wiesbaden 2008, 29,95 Euro.

Die Einkommens- und Vermögensstruktur ist in Deutschland seit längerem durch zunehmende Verarmung bei gleichzeitiger Polarisierung gekennzeichnet. Erst jüngst stellte beispielsweise eine Studie der OECD1 fest, dass das Armutsrisiko in Deutschland[1] auf rund elf Prozent gestiegen ist, die Einkommen so ungleich wie nie zuvor verteilt sind und die Kluft zwischen Arm und Reich sich in der Bundesrepublik schneller vergrößert als in anderen OECD-Ländern.

So wichtig solche Studien sind, vermitteln sie letztlich doch nur ein eingeschränktes Bild von der sozialen Wirklichkeit. Deren hochaggregierten Daten verwischen eher das tatsächliche Ausmaß der Verarmung, denn – wie Rudolf Martens, der Leiter der Paritätischen Forschungsstelle – feststellt: „Der Durchschnitt ist der Freund der Politik.“

Um das Bild zu vervollständigen sind daher Untersuchungen wie der im Mai 2009 vorgelegte „Armutsatlas“ des PARITÄTISCHEN Gesamtverbandes hilfreich. Dieser Atlas weist auf die gravierenden Unterschiede zwischen den Raumordnungsregionen hin. Selbst innerhalb eines Bundeslandes bestehen erhebliche Unterschiede. Am größten sind diese Unterschiede in Schleswig-Holstein: Während in der Region im Osten des Bundeslandes die Armutsquote 17,6% beträgt liegt sie im Umland von Hamburg bei 8,3% – ein Unterschied von 9,3 Prozentpunkten.

Noch näher an die Menschen kommt eine Studie des Forschungsinstituts für Soziologie der Universität zu Köln. Jürgen Friedrichs und Sascha Triemer haben nicht Raumordnungsregionen, sondern die 15 größten deutschen Städte untersucht. Sie stellen fest: „Die soziale Ungleichheit führt […] auch zu einer räumlichen Ungleichheit: Arme und ethnische Minoritäten (oder Migranten) verteilen sich disproportional über die Wohngebiete der Stadt.“ (9)

Als Ursache dieser Segregation führen sie die niedrige Qualifikation und in deren Folge niedrige Einkommen an, mit der Konsequenz, nur eine relativ geringe Miete zahlen zu können. Diese geringe Mietzahlungsfähigkeit führe in Verbindung mit Diskriminierung durch die Vermieter/innen zu starken Einschränkung der Wohnungswahl.

Zu beachten sind die Schwierigkeiten bei der Datensammlung: Als räumliche Einheiten wurde administrativ abgegrenzte städtische Teilgebiete (Stadtteile) gewählt. In den untersuchten Städten unterscheiden sich Zahl und Größe der Stadtteile jedoch erheblich. So haben die 23 Berliner Bezirke eine durchschnittliche Bevölkerungszahl von 149.300 Einwohnern, während die 87 statistischen Bezirke in Nürnberg eine durchschnittliche Bevölkerungszahl von 5.700 Einwohnern haben.

Diese Unterschiede sind statistisch höchst bedeutsam, denn „mit der Zahl der räumlichen Einheiten [nimmt] auch das Ausmaß der Segregation zu“ (22) bzw.: „Je kleiner die räumlichen Einheiten sind, desto homogener sind sie auch.“ (22) Folglich sind die Werte zwischen den Städten nur begrenzt vergleichbar.

Trotz dieser Einschränkungen liefert die Studie wichtige Erkenntnisse, die in der Diskussion um die Zukunft der Städte unbedingt zu berücksichtigen sind: Wachrütteln sollte vor allem die Erkenntnis, dass in der Mehrzahl der Städte die Zahl der Armutsgebiete zunimmt. Ebenso ist in vielen Städten zu erkennen, dass die armen Gebiete weiter verarmen.

Die Autoren selbst heben als wichtigsten Befund ihrer Studie hervor, „dass die Entwicklungen in den Städten sehr unterschiedlich sind. Tendenziell verstärken sich in Stadtteilen mit hohen Anteilen von Sozialhilfeempfängern und Ausländern diese Anteile, doch gibt es auch eine ganze Reihe von Stadtteilen, in denen ursprünglich sehr hohe Anteile in den folgenden 10 oder 15 Jahren geringer wurden.“ (109)

Zwar besteht noch ein eindeutiger Zusammenhang zwischen der sozialen und der ethnischen Segregation. Auffallend ist jedoch, dass die Segregation der Armen in den letzten 15 Jahren zugenommen hat, während diejenige der Migranten/innen abgenommen hat.

Eine Erklärung hierfür liefert beispielhaft eine Untersuchung der innerstädtischen Wanderungen zwischen den 85 Kölner Stadtteilen im Jahr 2005. Sie weist einerseits auf „eine (selektive) Zuwanderung von deutschen Haushalten in Wohngebiete mit einem hohen Migrantenanteil“ (114) hin und stellt andererseits fest, dass die Konzentrationen von Sozialhilfeempfängern/innen vor allem dadurch bewirkt wird, „dass die deutschen Bewohner nicht ausziehen“ (115). Vereinfacht gesagt: Immer mehr arme deutsche Haushalte ziehen in arme Stadtteile, während Migrantenhaushalte diese Stadtteile vermehrt verlassen.[2]

Noch genauer schaut die Studie hin, die Jürgen Friedrichs gemeinsam mit Jörg Blasius und Jennifer Klöckner zum „Leben in einem deutsch-türkischen Stadtteil“ vorgelegt hat.

Das Untersuchungsgebiet sind die zusammenhängenden Kölner Stadtteile Vingst und Höhenberg. Wie viele vergleichbare Stadtteile haben sie eine lange „Programmgeschichte“, die irgendwann – hier 2004 – (zumindest vorläufig) endete, „ohne das Hauptproblem, die Arbeitslosigkeit, befriedigend gelöst zu haben“.. Die Benachteiligung der Bewohner/innen solcher Stadteile zeigt sich unter anderem daran, dass „für einige Straßenzüge bei Versandhäusern ‚graue Listen’ [existieren], d.h. an diese Adressen wird keine Ware ausgeliefert. Auch Kataloge (z.B. von Ikea) werden in diesen Straßenzügen nicht verteilt“ (21). Die Lebenssituation ist geprägt durch eine deutlich über dem Kölner Durchschnitt liegende Arbeitslosenquote, eine hohe Sozialhilfedichte (heute: ALG II-Bezug) und einen hohen Ausländeranteil.

Viele Organisationen versuchen, durch Hilfsangebote die Not der Menschen zu lindern. Wie groß der Bedarf ist, zeigt die Zahl der 400 bis 600 Hilfsbedürftigen an, die jeden Dienstag vor der Lebensmittelausgabe der katholischen Kirche teils mehrere Stunden in der Schlange stehen, um sich ein Essenspaket im Wert von 3,50 Euro abzuholen.

Methodisch ist diese Studie breit aufgestellt: Experten-Interviews, Gruppendiskussionen, repräsentative Befragung (standardisierte Interviews) und qualitative Interviews ergeben ein vielfältiges und umfassendes Bild der sozialen Lage in den Stadtteilen.

Blasius/Friedrichs/Klöckner sehen die von ihnen erkannte „doppelte Benachteiligung“ darin, „dass viele Bewohner zum einen durch ihre ökonomische Situation, ihre Qualifikation und durch Vorurteile benachteiligt sind und zum anderen in einem benachteiligten Wohngebiet leben, dessen Struktur ihnen weniger positive Rollenvorbilder und Ressourcen bietet als andere Wohngebiete“ (8).

Art und Ausmaß dieser Benachteiligung legen sie eindringlich in Kapiteln beispielsweise zur Wohnzufriedenheit, zur Bewältigung des Alltags, zu Netzwerken oder zu Normen und sozialer Kontrolle dar. Die vorgestellten Studien bestätigen, wie fruchtbar es ist, die hochaggregierten Ergebnisse bundesweiter Umfragen hinter sich zu lassen und quasi in die Wohnquartiere ‚hinabzusteigen’, um dort die konkreten Lebensverhältnisse, Einstellungen und Handlungen der Menschen zu untersuchen. Ihre Ergebnisse unterstreichen eindringlich die Notwenigkeit eines gesellschaftlichen Richtungswechsels. Die Bewohner/innen dieser benachteiligten Stadtteile bedürfen zudem schon heute besonderer Hilfe, um eine Perspektive jenseits von ALG II-Bezug und Arbeitslosigkeit zu bekommen. Dass die „Soziale Stadt“-Programme derzeitigen Zuschnitts diese nicht bieten, spricht nicht gegen solche Programme an sich, sondern sollte eine Aufforderung sein, ihre Konzeption in Richtung einer intensiveren Einbeziehung der Bewohner/innen und einer Verbesserung ihrer Wirkungen auf lokalen Arbeitsmöglichkeiten weiterzuentwickeln.

Hans Günter Bell

1 Michael Förster/Markus Grabka, Mehr Ungleichheit trotz Wachstums? Einkommensverteilung und Armut in OECD-Ländern; vgl. ND vom 22.10.2008, FAZ vom 22.10.2008.

[1] In diesem Fall definiert, als Anteil der Menschen, die von weniger als 50 Prozent des mittleren Einkommens (Medianeinkommen) leben.

[2] Vgl. Günter Bell: Benachteiligte Bevölkerungsgruppen in „sozialen Brennpunkten“. Eine Untersuchung zweier Stadtteile in Nordrhein-Westfalen, Duisburg, 2004.

Dieser Artikel ist erschienen in Z. Nr. 81, März 2010