Z. Zeitschrift Marxistische Erneuerung Nr. 82, Juni 2010 - http://zeitschrift-marxistische-erneuerung.de/topic/16.ausgabe-82-juni-2010.html

Marxistische Subjektwissenschaft

Boris Friele zu L. Huck u.a.

Huck, L.; Kaindl, Ch; Lux, V.; Pappritz, Th.; Reimer, K.; Zander, M. (Hg.), „Abstrakt negiert ist halb kapiert“. Beiträge zur marxistischen Subjektwissenschaft. Morus Markard zum 60. Geburtstag, BdWi Verlag, Marburg 2008 (Forum Wissenschaft, Band 56), 415 S., 22 Euro

Die Kritische Psychologie (KP) wurde seit den 1970er Jahren maßgeblich von Klaus Holzkamp als „marxistische Subjektwissenschaft“ entwickelt. Dass sie immer noch lebendiger ist als von einigen erhofft und von anderen befürchtet, hat sie in besonderer Weise Holzkamps Schüler und Kollegen Morus Markard zu verdanken. Dessen 60. Geburtstag im Jahr 2008 nahmen die HerausgeberInnen zum Anlass, in einer Festschrift seine Verdienste zu würdigen.

Unter dem Titel „Abstrakt negiert ist halb kapiert“ (Markard) haben sie Bei­träge von 25 AutorInnen aus der KP und ihrem Umfeld versammelt. Diese Breite wie auch die Schwerpunktsetzungen dokumentieren Markards wissenschaftliche Interessengebiete und sein politisches Engagement. Für beides kann der Titelspruch als Motto stehen. Der Sammelband adressiert VertreterInnen der KP ebenso wie Neulinge. Es schreiben KollegInnen des Jubilars sowie zahlreiche praktisch oder wissenschaftlich tätige PsychologInnen, die bei Markard studiert oder promoviert haben. Dabei werden einige thematische Traditionen der KP erkennbar, beispielsweise der von Anfang an verfolgte disziplinübergreifende Anspruch des Ansatzes, der sich vor allem in der Einbeziehung von Erkenntnissen biologischer Disziplinen zeigt. Beiträge von Erich Wulff („Hirnforschung und Handlungsfähigkeit“), Wolfgang Maiers („Die Kontroverse um den freien Willen“) und Vanessa Lux („Kritische Psychologie und Interdisziplinarität“) verdeutlichen, dass diese Thematik angesichts der laufenden Biologisierung und Neuronalisierung der Psychologie ungebrochen oder mehr denn je aktuell ist. Auch die Analyse und Kritik an der statistisch orientierten Experimentalpsychologie ist als Leitmotiv der KP identifizierbar, so im Artikel von Gisela Ulmann über die „Normalisierung und Pathologisierung der Kindheit“. Wolfgang Fritz Haug erinnert in seinem Artikel an einen anderen Ausgangspunkt der Theorieentwicklung, nämlich die Bestimmung genuin psychologischer Fragestellungen auf der Basis des Marxschen Materialismus: „Was heißt ‘Personifikation ökonomischer Kategorien’?“ Indem er gängige Missverständnisse bezüglich der Termini „Sein“ und „Bewusstsein“ richtig stellt, setzt er zugleich die kritisch-psychologische Debatte über das Verhältnis von Determination und Freiheit menschlichen Handelns fort. In der Rubrik „Praxisverhältnisse“ analysieren mehrere Aufsätze Probleme der psychologischen oder politischen Arbeit. Beispielsweise diskutiert Katrin Reimer, wie sich die progressiv gesinnte Antirassismusarbeit mit Konzepten von „Diversity“ in die Regulierungsinteressen einer meta-ethnischen transnationalen Elite einschreibt und dabei in Widerspruch zu ihren emanzipatorischen Anliegen kommt.

Mit ihrem Spektrum an Theorien, Themen und Arbeitsschwerpunkten der KP bietet die Festschrift zugleich eine Art Dokumentation „Kritische Psychologie heute“. Neu-Interessierte können unmittelbar in die Lektüre dieser Anthologie eintauchen. Dazu ermuntern auch Beiträge, die sich einer allgemeinen Charakterisierung und Verortung der KP widmen. Josef Held schreibt über „kritische Psychologien im deutschsprachigen Raum“ und ein Einführungsartikel, den Markard selbst für eine studentische Zeitschrift verfasst hatte, wird dokumentiert.

Dem besonderen Charakter einer Festschrift verdanken sich einige Formate, die man nur selten zu lesen bekommt. Holzkamps Mitstreiterin und Ehefrau Ute Osterkamp kommt im Interview mit den HerausgeberInnen zu Wort und erläutert nicht nur Revisionen früherer Auffassungen, sondern geht auch auf Entwicklungsprozesse der KP und Markards Rolle ein. Frigga Haug äußert sich in einem Brief an Morus Markard über frühere Kontroversen um ihre „Erinnerungsarbeit“. Die HerausgeberInnen lassen in der Einleitung erkennen, welche persönliche Bedeutung das Studium bei einem Hochschullehrer wie Markard erlangen kann. Aufgenommen sind außerdem ein Gutachten von Carl Friedrich Graumann zur wissenschaftlichen Qualifikation von Markard im Hinblick auf dessen Berufung auf eine apl. Professur 2002 sowie eine Kurzbiographie und Bibliographie des Jubilars.

Dem sorgfältig editierten und in einem angenehmen Layout gedruckten Buch ist eine breite Rezep­tion zu wünschen.

Boris Friele

Dieser Artikel ist erschienen in Z. Nr. 82, Juni 2010