Z. Zeitschrift Marxistische Erneuerung Nr. 82, Juni 2010 - http://zeitschrift-marxistische-erneuerung.de/topic/16.ausgabe-82-juni-2010.html

Organisierung lebendiger Diskussion

Jörg Roesler zu Peter Fleissner und Natascha Wanek

BruchStücke. Kritische Ansätze zu Politik und Ökonomie im globalisierten Kapitalismus. (Materialien zur Ringvorlesung Sommersemester 2008 Universität Wien), hrsg. v. Peter Fleissner/Natascha Wanek, trafo Verlagsgruppe Dr. Wolfgang Weist, Berlin 2009, 392 S. 29,80 Euro

Die Organisatoren der Ringvorlesung und Herausgeber dieses Bandes wollten ein Zeichen setzen im Sinne eines emanzipatorischen Bildungsverständnisses, gegen die „in Stein gemeißelten“ Ausbildungsstrukturen – in diesem Fall an der Universität Wien. Die Ringvorlesung wurde so konzipiert, dass zwei „Experten“ Einführungen von jeweils maximal 20 Minuten gaben, sodass den Studierenden außergewöhnlich viel Raum zur Verfügung stand, um die Vorlesungen im eigenen Interesse mitzugestalten – u.a. auch durch eigene Kurzbeiträge. Einige am Ende des Bandes veröffentlichte Zuschriften von Studenten belegen, dass die Absicht gelungen ist. Die Veröffentlichung der Impulsreferate (und einiger Studentenarbeiten) durch den trafo-Verlag macht das „Wiener Universitätsexperiment“ auch für einen breiteren Leserkreis nachvollziehbar.

Ziel des Redaktionskollektivs des Bandes war es, Aussagen über möglichst viele Bereiche der gegenwärtigen kapitalistischen Gesellschaft zu treffen. Dass dies für alle Facetten im gegebenen Rahmen der Ringvorlesung nicht möglich sein würde, war den Organisatoren von vornherein bewusst. Der Titel „BruchStücke“ weist explizit auf die diesbezüglichen Grenzen des Bandes hin.

Ungeachtet dessen sind die behandelten Gebiete vielfältig. Stellung genommen wird z.B. zur – im Sommer 2008, als die Vorlesungen liefen, noch in ihren Anfängen befindlichen – Finanzmarktkrise wie auch zur Unterwerfung immer weiterer Bereiche der menschlichen Kultur unter das Diktat des Marktes. Behandelt werden die Machtstrategien und Machtverhältnisse im globalisierten Kapitalismus ebenso wie die zuungunsten der Beschäftigten veränderten Arbeitsbeziehungen in den Betrieben. Es folgen Darstellungen und Auseinandersetzungen mit der Theorie Gramcis, die Fixierung der Anforderungen der kritischen Theorie an die politische Bildung, die Diskussion der Möglichkeiten der Einführung des bedingungslosen Grundeinkommens in Österreich und eine ganze Reihe von kritischen Betrachtungen zur feministischen Bewegung und zum feministischen Gedankengut.

Beeindruckend ist jedoch nicht nur die Breite der in den „BruchStücken“ behandelten aktuellen gesellschaftlichen Probleme, die in dem Band zusammengeführt sind. Viele Einzelbeiträge sprechen für sich. Äußerst aufschlussreich sind z.B. die Vorschläge, die Peter Fleissner, emeritierter Ordinarius für Sozialkybernetik der Universität Wien, für ein bedingungsloses Grundeinkommen in Österreich vorlegt, das den Sozialstaat „verändern und ergänzen könnte, um die gegenwärtige soziale Ungleichheit zu reduzieren und menschenfreundlichere Verhältnisse herzustellen“ (385).

Erstaunliches und doch sofort Einzusehendes fördert Peter Moeschl, Chirurg und Professor an der Medizinischen Universität Wien zu Tage, wenn er den Unterschied zwischen Effektivität und Effizienz am Beispiel des Krankenhausmanagements untersucht. Seine Überzeugung: „ÄrztInnen sind und bleiben primär ihren PatientInnen verantwortlich. Sie haben daher nach größtmöglicher Effektivität zu streben und können erst in zweiter Linie für Effizienz Sorge tragen.“ (85) Welches Niveau Studentenarbeiten erreichen können, demonstriert Ajla Lubic, die an der Universität Wien Internationale Entwicklung studiert, wenn sie die Finanzkrise in ihrem Verhältnis zur Krise der Realwirtschaft analysiert und zu der Schlussfolgerung kommt, „Markt und Kapitalverkehr müssten zum Großteil durch politische Maßnahmen reguliert bzw. kontrolliert werden“ (36-37).

Bedauerlich ist, dass die, wie Fleissner und Wanek in ihren einleitenden Bemerkungen versichern, „lebhaften Diskussionen, die sich an die Referate anschlossen“, aus Platz- bzw. Zeitgründen nicht in den Sammelband aufgenommen werden konnten. Dass von den Impulsreferaten Impulse für die Organisierung lebendiger Diskussionen zwischen Studenten und Lehrenden auch an anderen Universitäten des deutschsprachigen Raumes ausgehen werden, wünscht man sich jedenfalls nach der Lektüre der „BruchStücke“ ebenso wie die Fortsetzung der innovativen Ringvorlesung an der Universität Wien.

Jörg Roesler

Dieser Artikel ist erschienen in Z. Nr. 82, Juni 2010