Z. Zeitschrift Marxistische Erneuerung Nr. 102, Juni 2015 - http://zeitschrift-marxistische-erneuerung.de/topic/76.ausgabe-102-juni-2015.html

Der Aufstieg von ISIS und die Ursprünge des neuen Krieges im Mittleren Osten

Tariq Ali, Patrick Cockburn

Tariq Ali und Patrick Cockburn sind ständige Mitarbeiter des us-amerikanischen Newsletters „Counterpunch“. Beide haben sich intensiv mit der Geschichte des Islamismus und mit den aktuellen Auseinandersetzungen in der arabischen Welt im Mittleren Osten befasst und hierzu in „Counterpunch“ publiziert (vgl. http://www.counterpunch.org/). Wir danken der Redaktion von „Counterpunch“ für die freundliche Genehmigung, das nachstehende Gespräch* sowie einen ergänzenden Beitrag von Cockburn** auf Deutsch veröffentlichen zu dürfen. (Redaktion)

Tariq Ali: Ich spreche mit Patrick Cockburn, einem altgedienten Reporter und mutigen Journalisten, der über die Kriege der USA im Mittleren Osten seit der Invasion im Irak berichtet und der die Region schon lange vor den Sanktionen gegen den Irak und den Golfkriegen beobachtet hat. Heute befinden wir uns in einer kritischen Phase – eine neue Organisation ist aufgetreten. Patricks jüngstes Buch The Jihadis Return (2014, OR Books)[1], ein ausführlicher Essay über die Entstehung von ISIS, behandelt dessen Verbindungen zur sunnitischen Bevölkerung und die absehbaren Folgen für die Region. Es kann überhaupt kein Zweifel daran bestehen, dass mit ISIS eine weitere Front in dem nicht endenden Krieg entsteht, der für die Menschen in der arabischen Welt ein schreckliches Unglück bedeutet.

Patrick, beginnen wir mit einer Art Erkundung der Ursprünge des Islamischen Staats, ISIS, wie er sich selbst nennt: Wie ist er entstanden, wann hat das angefangen?

Patrick Cockburn: ISIS ist mehr oder weniger direkt aus Al-Qaida im Irak hervorgegangen. Al-Qaida befand sich 2006/2007 auf dem Zenit ihres Einflusses als – wenn auch durchaus nicht einziger – Träger des sunnitischen Widerstands gegen die schiitische Regierung und die amerikanische Besatzung. Ideologisch ging ISIS aus der Djihadisten-Bewegung hervor, und eigentlich sind seine religiösen Überzeugungen nicht sehr verschieden vom saudischen Wahabismus, einer Variante des Islam, die in Saudi-Arabien praktisch Staatsreligion ist und die die Schiiten als Häretiker verunglimpft, ebenso wie Christen und Juden.

Tariq Ali: Kann ich Dich kurz unterbrechen? Diese Djihad-Bewegung existierte nicht vor der amerikanischen Invasion und Besatzung.

Patrick Cockburn: Das ist richtig. Und Saddam sperrte jeden ein, der offensichtlich ein Djihadist war. Die zum Zeitpunkt der Invasion in den Irak aufgestellte Behauptung, Saddam hätte irgendeine Verbindung zu den Djihadisten oder zu 9/11, war immer absurd. Aber unter dem Druck der massiven Propaganda jener Zeit glaubten 60 Prozent der Amerikaner, Saddam habe irgendwie etwas mit 9/11 zu tun.

Tariq Ali: Wenn wir das zusammenfassen, dann haben wir die amerikanische Besatzung, wir haben eine schiitische Regierung, die de facto von den Amerikanern eingesetzt wurde, und wir haben die Anfänge eines Aufstandes in den frühen Tagen der Besatzung, an dem sich nicht nur die Sunniten beteiligten, sondern auch Muktada al-Sadr[2], der der Besatzung sehr feindselig gegenüberstand. Was hat diesen Widerstand gespalten, der ursprünglich ein gemeinsamer Widerstand war, etwa als schiitische Gruppen um Muktada dem belagerten Falludscha medizinische Hilfe schickten? Warum brach das auseinander?

Patrick Cockburn: Die Einheit von sunnitischem und schiitischem Widerstand war immer fragil. Die Amerikaner nahmen sie allerdings sehr ernst. Die Memoiren der amerikanischen Generäle jener Zeit lassen deren Besorgnis erkennen, dass diese beiden Gruppen sich im Widerstand gegen die Besatzung vereinen könnten. Und es ist vielleicht eine von vielen Katastrophen für den Irak, dass sie sich nicht vereint haben, dass sie sektiererisch geblieben sind, was insbesondere für die sunnitische Seite gilt.

Die Niederlage der irakischen Armee

Tariq Ali: ISIS hat in kürzester Zeit weite Teile des Iraks überrannt. Du hast das in Deinem Buch dargestellt. Wie erklärst Du den völligen Zusammenbruch der irakischen Armee, Patrick? Ist sie etwas völlig anderes als die Armee, die vom Westen in Afghanistan geschaffen wurde, insofern sie nicht bereit ist zu kämpfen und zu sterben für die Vereinigten Staaten? Damals war Al-Qaida nur eine von einer ganzen Reihe ernsthafter Widerstandsbewegungen gegen die Besatzung. Aber als ich in Bagdad die amerikanischen Briefings besuchte, wurde offensichtlich alles, was passierte, vom Sprecher, dem Militärsprecher, Al-Qaida zugeschrieben. Natürlich hörte sich das in den USA gut an, aber im Irak hatte es den gegenteiligen Effekt. Menschen, die gegen die Besatzung waren, dachten: Aha, es ist Al-Qaida, die all diesen Widerstand leistet, holen wir uns eine schwarze Fahne und schließen wir uns ihnen an...

Patrick Cockburn: Ja, mehr noch. Ich glaube, es ist schwer, ein vergleichbares Beispiel in der Geschichte zu finden. Die irakische Armee umfasste 300.000 oder 350.000 Mann, und in den letzten drei Jahren wurden 41,6 Milliarden Dollar für diese Armee ausgegeben. Aber sie zerfiel beim Angriff von vielleicht ein paar tausend Leuten in Mossul. Warum passierte das? Nun, die Armee war ziemlich außergewöhnlich. Ein irakischer General, mit dem ich gesprochen habe und der zwangsweise in den Ruhestand versetzt worden war, erklärte mir das so: Die Katastrophe ging damit los, dass die Amerikaner darauf bestanden, die Versorgung und dergleichen auszulagern und zu privatisieren. Folglich würde der Oberst eines Bataillons von nominell 600 Mann sofort Geld für 600 Mann bekommen. In Wirklichkeit lag die Bataillonsstärke bei nur 200 Mann. Die Differenz würde eingesteckt und unter den Offizieren verteilt. Und dies gilt für Kraftstoff, für Munition usw. Als Mossul fiel, wurde die Truppenstärke mit 30.000 Soldaten angegeben. Es wird aber geschätzt, dass tatsächlich nur ein Drittel davon dort war. Denn das, was sie taten, war: Sie sind zur Armee gegangen, bekamen ihren vollen Sold und gaben die Hälfte davon ihrem Offizier zurück, der es unter den Offizieren verteilte. Vor etwa einem Jahr sprach ich mit einem ranghohen irakischen Politiker. Er sagte: Sehen Sie, die Armee wird zusammenbrechen, wenn sie angegriffen wird. Ich sagte, einige werden doch sicher kämpfen. Er sagte: Nein, nein, Sie verstehen nicht. Diese Offiziere sind keine Soldaten, sie sind Investoren! Sie haben kein Interesse daran, gegen irgendwen zu kämpfen. Sie haben Interesse daran, Geld aus ihrer Investition zu schlagen. Natürlich musste man den eigenen Rang kaufen. Wenn Du 2009 Oberst der irakischen Armee werden wolltest, kostete Dich das etwa 20.000 Dollar. In jüngerer Zeit kostete das etwa 200.000 Dollar. Wenn Du Divisionskommandeur werden möchtest und es gibt 15 Divisionen, dann kostet Dich das rund zwei Millionen. Natürlich gibt es noch andere Möglichkeiten, Geld zu machen. Checkpoints auf den Straßen dienen als eine Art Zollschranke, jeder passierende LKW muss ein Entgelt entrichten. Also das ist der Grund, warum sie wegliefen, angeführt von ihren Offizieren. Die drei kommandierenden Generäle bestiegen in Zivilkleidung einen Hubschrauber und flohen nach Erbil, der kurdischen Hauptstadt. Das führte zur endgültigen Auflösung der Armee.

Tariq Ali: Eines der erstaunlichsten Ereignisse in der jüngeren Geschichte, Patrick. Fällt Dir etwas Vergleichbares ein, selbst im letzten Jahrhundert?

Patrick Cockburn: Nein, ich kann mich an keine so große, gut ausgerüstete Armee entsinnen, die so zusammengebrochen wäre. Man könnte sagen, dass Saddams Armee zerfiel, als sie von den Amerikanern 1991 und 2003 angegriffen wurde. Aber sie wurde von der größten Militärmacht der Welt angegriffen und bombardiert. Das ist also keine Parallele. Natürlich zeigt dies, dass ISIS mit großer Effektivität über die sozialen Medien Schrecken verbreitet hat, durch Filme mit Szenen von der Enthauptung schiitischer Gefangener. Damit versetzte ISIS die Soldaten in Panik. Die gesamte sunnitische Bevölkerung, etwa 20 Prozent der Iraker, vielleicht sechs Millionen in den sunnitischen Provinzen, wurde zudem vom Regime Nuri al-Malakis an den Rand gedrängt. Sie wurden verfolgt, bekamen keine Arbeit, erhielten Kollektivstrafen, junge Männer in den Dörfern rund um Falludscha – manchmal gibt es nicht viele junge Männer, weil sie alle im Gefängnis sind. Einige saßen in der Todeszelle, um für Verbrechen hingerichtet zu werden, für die bereits jemand anderes hingerichtet wurde. Es herrschte völlige Willkür. Bis zum heutigen Tag ist dies einer der wenig überraschenden Gründe dafür, dass ISIS nach wie vor Unterstützung genießt, dass er trotz all seiner Blutrünstigkeit aus Sicht eines großen Teils der sunnitischen Gemeinschaft besser ist, als die Rückkehr der irakischen Armee und der irakischen Schiiten-Milizen.

Rückhalt für ISIS

Tariq Ali: Ich meine, das ist etwas, worüber – abgesehen von Dir und möglicherweise einem anderen Journalisten – in den ganzen westlichen Medien überhaupt nicht berichtet wurde: Dass diese Gruppe, wie gewalttätig und brutal sie auch scheinen mag und ist, eine gewisse Unterstützung in der Bevölkerung genießt...

Patrick Cockburn: Ja, ISIS findet aus unterschiedlichen Gründen Unterstützung. Er hat die Unterstützung von Sunniten im Irak und auch in Syrien, die von dem jeweiligen Regime an den Rand gedrängt worden sind. Und er findet Unterstützung als Sieger: All diese Leute waren besiegt worden – sie wurden 1991 und 2003 von den Amerikanern geschlagen, sie wurden an den Rand gedrängt, sie wurden verfolgt. Deshalb ist der Sieg für sie wichtig. Ich denke auch, ISIS spricht arbeitslose junge Männer an, die manchmal auch als Unterschicht bezeichnet werden, die aber eigentlich nur die sehr armen jungen Männer sind.

Tariq Ali: Arme und Arbeitslose.

Patrick Cockburn: Arme, arbeitslose junge Männer ohne Perspektive. In dieser Situation hat ISIS eine Anziehungskraft für sie. Und die Alternative ist ziemlich übel. Die wenigen erfolgreichen Gegenangriffe vor allem der schiitischen und kurdischen Milizen haben sofort die Sunniten aus Gebieten vertrieben, aus denen ISIS zuvor die Schiiten vertrieben hatte. Aus sunnitischer Sicht bleibt nicht viel anderes übrig, als sich an ISIS zu halten.

Tariq Ali: Gibt es keine alternative sunnitische Organisation, die zumindest ein anderes politisches Programm anbietet neben dieser Art Fanatismus von ISIS? Was ist mit der Vereinigung der sunnitischen Gelehrten?

Patrick Cockburn: Viele schlossen sich ISIS an und versuchten so, den Tiger zu reiten. Und in Bagdad nahm man an – und ich glaube wirklich, bis vor etwa einem Monat –, dass ISIS diese großen Siege zwar errungen zu haben schien, dass sie aber in Wirklichkeit einfach nur die Stoßtruppen der sunnitischen Gemeinschaft seien. Und dass es Stämme, ehemalige Armeeoffiziere und andere wie die Gelehrten gäbe, die sie ersetzen würden, wenn die Sunniten einmal bekommen hätten, was sie wollten.

Tariq Ali: Und wir dachten, das war Wunschdenken, denn ISIS neigt dazu, Macht so schnell wie möglich zu monopolisieren, auch wenn er in einem Gebiet die Macht gemeinsam mit anderen übernahm. Er ist auch extrem paranoid, deshalb tötet er jeden, von dem er denkt, er bereite sich darauf vor, ihm in den Rücken zu fallen oder Widerstand zu leisten. In Mossul zum Beispiel scheinen sie 300 Personen als Geisel genommen zu haben. Ehemalige Generäle, sunnitische Würdenträger, Menschen, von denen sie vermuten, sie könnten diese Art von Widerstand anführen. Und in Syrien, in der Provinz Deir ez-Zor, erhob sich ein Stamm gegen sie. Sie haben ihn zerschlagen und sofort 700 seiner Mitglieder hingerichtet. Also ich denke, es ist nur Wunschdenken zu glauben, dass ISIS aus den Gebieten, die er erobert hat, wieder verdrängt werden würde. Lass uns zum nächsten Punkt kommen. Eine Menge Leute haben spekuliert, dass die Saudis in der einen oder anderen Form – falls nicht seitens der Regierung direkt, dann über Leute, die der Regierung nahe stehen – teilweise verantwortlich waren für die Unterstützung und Finanzierung von ISIS als eine Art proto-saudischer Intervention gegen die schiitische Vorherrschaft im Irak nach der Besatzung. Inwieweit ist das wahr, wenn überhaupt?

Patrick Cockburn: Es ist etwas Wahres daran. Aber man sollte der Verschwörungstheorie nicht glauben, nach der die Saudis Herrscher sind, die die Schachfiguren auf dem Brett bewegen, wie es manchmal in Teilen des Nahen Ostens angenommen wird. Die Saudis haben immer hinter der Djihad-Bewegung im Allgemeinen gestanden, vor allem im Ausland, nicht innerhalb von Saudi-Arabien. Und in der Regel werden sie diejenigen unterstützen, die sich schiitischen Regierungen widersetzen, und sie differenzieren dabei nicht wirklich oder haben nicht wirklich differenziert, wen sie unterstützen. Aber es ist auch ziemlich klar, dass ein Großteil ihrer Unterstützung an ISIS ging und an andere Gruppen wie die Al-Nusra-Front. Das lief alles über private Spender, nicht nur in Saudi-Arabien, sondern auch in Kuwait, Katar und in der Türkei. Die USA und Großbritannien würden versuchen zu unterscheiden zwischen der moderaten syrischen Opposition auf der einen und der djihadistischen extremen Opposition auf der anderen Seite. Aber in Wirklichkeit gehören die beiden zusammen. Ich meine, es gab in dieser Woche den Bericht einer Forschungseinrichtung, der verschiedene Waffen in den Händen von ISIS auflistet, die anscheinend im vergangenen Jahr von Saudi-Arabien an die angeblich moderate syrischen Opposition geliefert wurden. Sie wurden aber sofort weitergereicht, da der Abstand zwischen den beiden Lagern sehr viel geringer ist, als man sich vorstellt...

Tariq Ali: Allerdings. Und es gibt einen Zeitungsbericht, glaube ich, wonach Steven Sotloff[3] von einer angeblich moderaten syrischen Organisation, die ihn gefangen hatte, an ISIS verkauft wurde.

Patrick Cockburn: Ja, seine Familie sagt dies. Und es ist auch interessant, dass die amerikanischen Sprecher sofort sagen: nein, nein, nein, das ist nicht geschehen, weil sie sehen, wie sehr dies die Politik untergräbt, die heute von Obama verkündet wird: eine gemäßigte Opposition aufzubauen, eine dritte Kraft, die angeblich Assad und ISIS gleichzeitig bekämpfen wird.

Tariq Ali: Das ist reine Phantasie.

Patrick Cockburn: Das ist Phantasie ... in dieser Form. Aber, es ist interessant, dass der kommandierende General der Freien Syrischen Armee sagt, dass die FSA-Kommandeure in Syrien jetzt ihre Aufträge direkt von den Amerikanern bekommen. Er sagte, dass er und die anderen Offiziere in der Türkei dazu bestimmt wurden, Hauptquartier und Führung der Freien Syrischen Armee zu bilden. Er sagte – ich glaube, es sind 16 Kommandeure in Nordsyrien und einige andere, etwa 60 kleinere Gruppen im Süden –, dass sie ihre Ausrüstung, Beratung und Anweisungen direkt von den Amerikanern bekommen würden.

Tariq Ali: Aber Patrick, das ist wiederum ziemlich erstaunlich. Dass wir hier noch bis vor kurzem die gesamte westliche Welt hatten, von den Vereinigten Staaten mit dem Ziel angeführt, Assad loszuwerden, alle diese Leute zu bewaffnen, und dass, wie Du dargelegt hast, die Waffen von einer Gruppe zur anderen fließen im Kampf gegen Assad. Und jetzt stehen wir vor einer Situation, in der die Vereinigten Staaten in der Tat ISIS-Stellungen in Syrien bombardieren könnten.[4] Ist das möglich?

Patrick Cockburn: Ich denke schon. Sie sind auf diesem Weg so weit gegangen, dass ich denke, es wird auf jeden Fall irgendwann passieren. Eine der Stärken von ISIS ist die Möglichkeit, im Irak und in Syrien zu operieren.

Tariq Ali: Zur gleichen Zeit ...

Patrick Cockburn: Gleichzeitig. Und in der Tat ist ihre potenzielle Anhängerschaft in Syrien größer als im Irak, denn nur 20 Prozent der Iraker sind Sunniten, aber 60 Prozent der Syrer. Potenziell könnten sie die syrische Opposition dominieren. Und natürlich unterstützen nicht alle syrischen Sunniten die Opposition, ziemlich viele unterstützen die Regierung. ISIS hat aber eine weit größere Reichweite und wird sich weiter ausdehnen. Ich meine, sie sind gegenwärtig 30 Meilen von Aleppo entfernt. Sie fügten der syrischen Armee einige der größten Niederlagen zu, die diese in den letzten drei Jahren erlitten hat, in der Provinz Raqqah innerhalb des letzten Monats.

Ethnische Zersplitterung des Irak

Tariq Ali: Okay, kommen wir jetzt zum dritten Faktor in dieser Situation, der nicht ernsthaft diskutiert, auf den aber oft hingewiesen wird. Die kurdischen Parteien in Syrien und im Irak wenden sich klar gegen all dies und bekämpfen ISIS, so gut sie können. Die Kurden in Syrien werden von ISIS belagert, die Kurden im Irak sind entschlossen zu kämpfen. Inwieweit ist dies effektiv und warum war die kurdische Peschmerga im Irak nicht in der Lage, mit ISIS gleich zu Beginn auf eine härtere Weise umzugehen?

Patrick Cockburn: Wahrscheinlich war der Ruf der Peschmerga im Irak sowieso übertrieben. Sie haben gegen niemanden gekämpft, außer in ihrem eigenen separatistischen Krieg, und das war in den 1990er Jahren. Sie waren immer gut darin, in den Bergen Angriffe aus dem Hinterhalt durchzuführen und sie waren gut in der Öffentlichkeitsarbeit, aber ansonsten war ihr Ruf immer ein bisschen übertrieben. Ich meine, vielleicht ist das nicht ihre Schuld, sie bekämpften Saddams riesige Armee. Aber das war übertrieben. Und außerdem ist (in den irakischen Kurdengebieten – Red.) ein Ölstaat entstanden. Viele Kurden sind nur daran interessiert, Geld zu machen. Jetzt sagen sie, sie waren nicht richtig ausgestattet. Nun, sie können Waffen kaufen... es müssen nicht alle aus Amerika kommen. Warum gibt es all diese großen Hotels in Erbil, ihrer Hauptstadt, und warum haben sie nicht wenigstens einige schwere Maschinengewehre? Und sie haben auch eine 600 Meilen lange Grenze zu verteidigen. Auch nutzten sie den Fall von Mossul, um ihre Gebiete auf Territorien auszudehnen, über die sie mit den Arabern im Streit liegen. Das machte die Araber in diesen gemischten Gebieten viel antikurdischer, als sie es zuvor gewesen waren. Es gab also eine Akzeptanz für das, was ISIS beim Vordringen unter den Arabern tat. Und eine der vielen toxischen Wirkungen ist, dass die Populationen jetzt getrennt leben. Zunächst flohen die Jesiden, die Kurden und andere, und jetzt fliehen die sunnitischen Araber aus diesen Gegenden, um Racheattacken zu entgehen.

Tariq Ali: Und was ist mit den syrischen Kurden?

Patrick Cockburn: Nun, das ist etwas anderes, weil sie 10 Prozent der Bevölkerung in Syrien bilden. Sie leben in Enklaven, hauptsächlich im Nordosten und Norden.

Tariq Ali: Und Assad hat ihnen Autonomie eingeräumt, stimmt das?

Patrick Cockburn: Nicht ganz, aber die syrische Armee hat eine Art opportunistischen Rückzug vollzogen, weil Assad weiß, dass ISIS sie angreifen wird, wobei man weiß, dass die Leute, die sie angreifen, eigentlich nicht zu ISIS, sondern zur Al-Nusra-Front gehören. Alle anderen Oppositionsgruppen kommen auf einmal zusammen, um die Kurden in diesen Gebieten anzugreifen. Ich meine, dies untergräbt auch die Idee, dass es eine gemäßigte und eine djihadistische Opposition gibt. Dass die Freie Syrische Armee und all die anderen kommen und die Kurden angreifen. Die Kurden sind die PKK, die im Grunde die türkisch-kurdische Opposition ist. Aber sie sind viel effektivere Kämpfer als die irakischen Peschmerga. In der Tat haben sie eine Menge der Jesiden in Sindschar im westlichen Kurdistan gerettet.

Tariq Ali: Der syrisch-kurdische Staat...

Patrick Cockburn: Die syrischen Kurden, ja – zur Blamage der Kurden von Erbil.

Tariq Ali: Wir kommen jetzt zum Wichtigsten. Du hast geschrieben, dass das Skykes-Picot-Abkommen wahrscheinlich am Ende ist. Das war der Vertrag nach dem Ersten Weltkrieg, durch den die Gebiete des Osmanischen Reichs in der arabischen Welt unter Frankreich und Großbritannien aufgeteilt wurden. Aber, Patrick, Du könntest Recht haben. 2006 hatte ich den Eindruck, dass es keine Zukunft für den Irak als Staat gab, vor dem Hintergrund dessen, was geschehen war, und dass es wahrscheinlich einen schiitischen Staat und eine pro-saudischen Sunniten-Staat und einen kurdischen Staat geben würde. Glaubst Du, dass dies passieren wird, in irgendeiner Form, jetzt oder in den nächsten fünf Jahren?

Patrick Cockburn: In einer gewissen Form schon, aber nicht genau so. Ich glaube nicht, dass die Kartenzeichner schon die Grenzen der neuen Staaten parat haben. Aber ich glaube, es wird im Endeffekt drei souveräne Staaten im Irak geben; das ist auch schon de facto so. Wenn Du ein Schiit in Bagdad bist, kannst Du von Bagdad aus keine Stunde lang nach Norden fahren, ohne den Kopf abgehackt zu bekommen. Ebenso wird ein Kurde im Norden sowie jeder Sunnit, der versucht, irgendeinen Kontrollpunkt in Bagdad oder nach Kurdistan zu passieren, wahrscheinlich verhaftet werden.

Tariq Ali: Seit Jahren besuchst Du regelmäßig Bagdad, Patrick. Meinst Du, dass es tatsächlich ethnische Grenzen in Bagdad gibt und man nicht von einem Stadtteil in den anderen fahren kann?

Patrick Cockburn: Nein. Aber zwischen Bagdad und dem Rest des Irak kann man das nicht. Es gibt sunnitische Viertel in Bagdad, aber die Sunniten haben den sektiererischen Bürgerkrieg von 2006/2007 im Grunde verloren. Ihre Enklaven in Bagdad sind sehr klein, und es sind nicht mehr viele gemischte Gebiete übrig geblieben. Die Schiiten dominieren die Stadt. Nun könnten sich diese sunnitischen Viertel erheben, aber sie sind auch verwundbar durch Gegenangriffe der schiitischen Mehrheit. Gäbe es eine Schlacht um Bagdad, so würden die Sunniten sie in der Stadt wahrscheinlich verlieren – eben darum leben sie in Angst.

Tariq Ali: Nicht zu vergessen die kurdische Bevölkerung in Bagdad...

Patrick Cockburn: Ja, aber viele von ihnen haben sich mit der lokalen Bevölkerung verschmolzen.

Tariq Ali: Mischehen?

Patrick Cockburn: Mischehen... Es gab noch nie eine Art kurdischer Kerngebiete oder Enklaven in Bagdad mit eigener Miliz. Für die Schiiten trifft dies zu, und in einer verdeckten Form gilt das auch für die Sunniten.

Propaganda in den sozialen Netzwerken

Tariq Ali: Wenden wir uns Syrien zu. Was ist der aktuelle Stand der Dinge seit der Entstehung und seit den Erfolge von ISIS, mit den Amerikanern in der NATO, die nun versuchen, einen Plan zu erarbeiten – oder keinen Plan, sondern eine offene Erörterung –, wie die Organisation zerstört werden könnte. Das dürfte doch mit Sicherheit sofort zur Stärkung des Assad-Regimes führen, und zwar unabhängig von dem, was beabsichtigt ist oder nicht...

Patrick Cockburn: Ja, das ist absolut richtig. Und das ist es natürlich, was sie so durcheinander gebracht hat. ISIS kontrolliert etwa 35, 40 Prozent von Syrien. Im Osten Syriens kontrollieren sie die Ölfelder. Sie stehen kurz vor Aleppo, der einst größten Stadt Syriens. Sie könnten den von den Rebellen gehaltenen Teil übernehmen und dann vielleicht die ganze Stadt. Dies wäre wichtiger als die Einnahme von Mossul im Irak. Djihad-Organisationen, insbesondere Jabhat al-Nusra, aber auch ISIS, stehen in der Nähe von Hama, der viertgrößten Stadt in Syrien. Sie sind damit in einer starken Position. Es wäre nicht schwer für ISIS, das Mittelmeer zu erreichen, wo sie schon waren, bevor sie zu Beginn des Jahres einen taktischen Rückzug machten. Es ist also eine ganz außergewöhnliche Situation, dass Amerika und die anderen prowestlichen Mächte erklären, sie würden gegen ISIS vorgehen, aber nichts tun, um Assad zu helfen. Assad ist der Hauptfeind der ISIS, und wenn sie versuchen, Assad zu schwächen, dann helfen sie ISIS. Das ist das Ergebnis ihrer, meiner Meinung nach, katastrophalen Politik in den letzten zwei Jahren. Seit Ende 2012 ist offensichtlich, dass Assad nicht gehen würde. Vorher, 2011 und 2012, hatte es in den westlichen Hauptstädten und anderswo die Vermutung gegeben, dass er im Begriff sei, Gaddafi zu folgen und unterzugehen. Aber sie taten auch danach so, als würde er gehen. Bei den Verhandlungen in Genf zu Beginn dieses Jahres (2014, d. Red.) hieß es, das einzige, was der Rede wert sei, sei der Übergang, der Abgang von Assad. Aber Assad war offensichtlich nicht im Begriff zu gehen, denn von den 14 Provinzhauptstädten in Syrien hielt er 13. Man musste also konstatieren, dass der Krieg weitergehen würde, weil er nicht abtritt. Und ich denke, zeitweilig waren sie – Washington und die anderen und die Saudis – damit nicht unglücklich. Sie konnten damit leben, denn Assad war zwar da, aber er war schwach und wahrscheinlich würde er bleiben. Was die Djihadisten betraf, so waren sie in ihren eigenen Bürgerkrieg verwickelt. Aber die große Fehleinschätzung betraf einmal den Umstand, dass auf der djihadistischen Seite eine Gruppe gewinnen würde, und zwar ISIS. Und zweitens, dass es nicht dabei bleiben würde, dass Syrer gegen Syrer oder Iraker gegen Iraker oder sogar Muslime gegen Muslime kämpfen, denn schließlich beansprucht das neue Kalifat die Loyalität aller Muslime und es beansprucht Weltherrschaft. Deshalb sind seine Ambitionen...

Tariq Ali: …global...

Patrick Cockburn: Sie sind global.

Tariq Ali: Das Propaganda-Konzept von ISIS ist dem der NATO sehr ähnlich … Wenn man beide Konzepte nebeneinander hält, ist es offensichtlich, dass ISIS das NATO-Modell kopiert hat. Sie haben Bilder, die besagen, das ist das, was wir tun, so viele Menschen haben wir hier und dort getötet. Es gibt überhaupt keine Scham über das, was sie tun. In einer seltsamen Weise sind sie – trotz der Ideologie, die wahhabitisch und eine Art von „wiedergeborenem“ Muslimismus und Buchstabenglauben ist – sehr modern mit ihrem Ansatz, nicht wahr?

Patrick Cockburn: Ja, aber das ist nicht so erstaunlich. Zu Beginn der arabischen Aufstände im Jahr 2011 wurden Blogging, Twitter, Youtube als fortschrittliche Medien angesehen, die die Macht des Polizeistaates und des Autoritarismus untergraben würden. Aber die Leute, die sie zum größten eigenen Nutzen angewendet haben, waren Djihad-Organisationen und insbesondere ISIS. Sie haben damit ihre Ansichten und den Terror sehr wirkungsvoll verbreitet. Die Familienangehörigen eines irakischen Soldaten in Bagdad – seine Frau, seine Mutter – sie alle haben dieses Zeug gesehen und sagen: „Geh’ nicht zurück in die Armee, du wirst getötet werden.“ Also, das ist sehr effektiv.

Düstere Aussichten

Tariq Ali: Patrick, was werden die Vereinigten Staaten jetzt tun, was sind ihre Optionen? Werden sie es schaffen, ISIS auszulöschen, wie es ihr Plan zu sein scheint? Wie zum Teufel wollen sie das ohne Bodentruppen machen? Alle verfügbaren Berichte deuten darauf hin, dass das Pentagon gegen den Einsatz von Bodentruppen ist. Werden sie arabische Länder als Hilfstruppen rekrutieren?

Patrick Cockburn: Nun ja ... Hilfstruppen. Ich glaube nicht, dass sie Truppen stellen werden. Man muss sich nur ansehen, was passiert ist: Die irakische Armee ist geflohen, die syrische Armee hat gekämpft und trotzdem verloren. Sie verlor vor ein paar Wochen eine wichtige Luftwaffenbasis in der Provinz Raqqah, obwohl sie sehr hart gekämpft hat. Also ich nehme an, dass sie sehr nervös im Kampf gegen ISIS sind. Die USA suchen laut Obama nach lokalen Partnern. Es bleibt unklar, was das bedeutet. Die Parteien in Bagdad sind etwas aufeinander zugegangen, weil sie alle entsetzt über ISIS sind, aber wenn man genauer hinsieht, dann haben die Kurden in nichts eingewilligt. Die sunnitischen Führer haben einige Funktionen in Bagdad übernommen, aber sie wagen es nicht, wieder in ihre eigenen Städte und Gemeinden zurückzukehren, denn sie bekämen den Kopf abgehackt. So bleibt alles schlecht organisiert und disparat, und es passiert nur etwas unter dem Druck der USA und des Iran, die parallel laufende Interessen in der Region haben.

Tariq Ali: Nun, sie wissen genau, wer der offensichtliche Verbündete in der Region ist: der Iran. Das sie aber natürlich nicht in Erwägung ziehen, weil sie den Iran dermaßen verteufelt haben und weil die Israelis wahrscheinlich gegen jeden derartigen Gedanken sind. Die Iraner könnten ja jede Allianz mit den Amerikanern verwenden, um eine Bombe zu erhalten, so schnell wie General Zia[5] während des Krieges gegen Afghanistan. Aber abgesehen vom Iran, wen sonst gibt es, der militärisch etwas zu bieten hat?

Patrick Cockburn: Ja, das gleiche gilt für Syrien. Die Amerikaner und die anderen weigern sich sozusagen, eine Wahl zu treffen – z.B. eine Koalition zu bilden, die von den Vereinigten Arabischen Emiraten und Saudi-Arabien unterstützt würde. Diese Leute haben Geld, sie haben vielleicht Einfluss auf die Djihadisten, auf die sunnitische Gemeinschaft, aber sie denken nicht daran, ihre außenpolitischen Beziehungen zu verändern und die Konfrontation mit dem Iran zu beenden. In Syrien hat Russland eine große Bedeutung. Sie stehen der Hisbollah immer noch feindselig gegenüber ... und den Kurden, die in Syrien ISIS sehr wirksam bekämpfen. Womit haben wir es also zu tun? Offenbar mit der Konstellation für einen sehr langen Krieg in einer sehr verworrenen Situation. Was werden sie tun, wenn ISIS in Aleppo einrückt? Werden sie die Stadt bombardieren, während gleichzeitig die syrische Luftwaffe ISIS bombardiert? Woher wissen sie, dass die syrische Luftwaffe nicht versuchen wird, amerikanische Flugzeuge abzuschießen? Aber ich nehme an, dass sie natürlich verdeckte Beziehungen mit der Assad-Regierung aufnehmen werden. Tatsächlich habe ich gehört, dass sie das bereits tun – nicht, um öffentlich eine Kehrtwende zu vollziehen, sondern um eine Art von Übereinkunft mit ihnen zu erreichen, wie es zu einem gewissen Grad auch im Irak nach 2003 geschehen ist... Die Iraker haben immer gesagt, dass der Iran und die USA sich öffentlich mit den Fäusten drohen, dass sie aber heimlich einander die Hände schütteln.

Tariq Ali: Was sie auch taten.

Patrick Cockburn: Oh, absolut.

Tariq Ali: Ohne grünes Licht aus dem Iran wäre es schwierig für sie gewesen, den Irak einfach so zu besetzen.

Patrick Cockburn: Oh ja. Warum hatten wir Nuri al-Maliki als katastrophalen Ministerpräsidenten des Irak acht Jahre lang, und dann auch noch seine Wiederwahl im Jahr 2010? Ich erinnere mich, dass mich ein irakischer Freund anrief, ein Diplomat, als Maliki zurückkehrte als Premierminister. Er sagte: Der große Satan Amerika und die Achse des Bösen Iran haben sich zusammengetan – mit katastrophalen Folgen für die Iraker.

Tariq Ali: Genau. Also, Patrick, die Situation ist insgesamt ziemlich düster und wird wahrscheinlich auch so bleiben?

Patrick Cockburn: Ja, sie ist düster, weil so viele Akteure beteiligt sind. Es sind so viele verschiedene Krisen miteinander verschlungen, dass diese düstere Situation wahrscheinlich für eine lange Zeit andauern wird. Vor zwei Jahren mag es einen Moment gegeben haben, an dem der Aufstieg von ISIS hätten verhindert werden können. Denn tatsächlich war es der Krieg in Syrien, der das Schicksal von ISIS geändert hat. Zuvor hatte die Organisation im Irak davon profitiert, dass die Sunniten an den Rand gedrängt wurden. Aber durch den Krieg in Syrien wurde ISIS mit einem Schlag aktiviert, weil er den Irak destabilisierte. ISIS fachte erneut den Krieg im Irak an, der abgeebbt, aber nie ganz beendet war. Ich erinnere mich, dass Hoshyar Zebari, der irakische Außenminister, einmal zu mir sagte: Wenn der Westen es zulässt, dass der Krieg in Syrien fortgesetzt wird, dann wird dies zwangsläufig den Irak destabilisieren. Und das ist auch passiert.

***

Und wieder liegt der Westen falsch in seinem Kampf gegen den Terror

Der islamische Staat wird in diesem Jahr wie schon 2014 im Zentrum der eskalierenden Krise im mittleren Osten stehen. Fast alle Territorien, die er in einer Reihe blitzartiger Kampagnen im letzten Sommer erobern konnte, bleiben unter seiner Kontrolle, auch wenn jüngst einige Städte von kurdischen und schiitischen Kämpfern zurückerobert werden konnten.

Die Luftangriffe der Vereinigten Staaten im Irak (ab 8. August 2014) und in Syrien (seit dem 23. September) mögen das Vorankommen von ISIS verlangsamt und ihm in der syrisch-kurdischen Stadt Kobane schwere Verluste beigebracht haben. Doch ISIS hat seine eigenen staatlichen Strukturen aufgebaut und zehntausende Kämpfer neu rekrutiert, um Verluste zu ersetzen. Er kann so an mehreren Fronten gleichzeitig kämpfen – von Jalawla an der irakisch/persischen Grenze bis zu den Außenbezirken von Aleppo in Syrien.

In Westsyrien indes hat sich ISIS zu einer wachsenden Regionalmacht gemausert, vor allem da die syrische Regierung unter Bashar al-Assad ihren Vorteil verloren hat, gegen eine gespaltene Opposition zu kämpfen. Diese hat sich unter der Vorherrschaft von ISIS und der Al-Nusra-Front, dem syrischen Ableger von Al-Qaida vereint.

Und doch – nicht mal vor einem Jahr hatte Präsident Obama ISIS noch als unwichtig abgetan und mit einem Junior-Basketballteam verglichen. Das klang im letzten Januar noch so: „Die Analogie, die wir hier benutzen – und ich glaube, dass es das ganz gut trifft, ist folgende: Wenn ein Juniorteam das Trikot der Lakers anzieht, dann macht das aus ihnen noch keinen Kobe Bryant (berühmter Spieler des Los Angeles Lakers-Basketballteams).“ Ein Jahr später muss Obamas folgenschweres und unsinniges Urteil befremden, doch zu jener Zeit muss das die Mehrheitsmeinung seines Sicherheitsrates gewesen sein.

Die Kraft von ISIS zu unterschätzen war der dritte große Fehler, den die USA und ihre westlichen Alliierten seit 2011 in Syrien begangen haben. Fehler, die den Boden für den Aufstieg von ISIS bereiteten. Zwischen 2011 und 2013 waren sie fest davon überzeugt, dass Assad ähnlich wie Gaddafi in Libyen gestürzt werden würde.

Trotz wiederholter Warnungen durch die irakische Regierung, ignorierte Washington die Tatsache, dass der anhaltende Krieg in Syrien das Kräftegleichgewicht in Irak durcheinander bringen und den dortigen Bürgerkrieg fortsetzen könnte. Sie zogen es stattdessen vor, alle Fehlentwicklungen im Irak Premierminister Nouri al-Maliki anzuhängen, der zwar nicht unschuldig, aber auf keinen Fall verantwortlich für die Rückkehr Iraks in den Kriegszustand ist. Die sunnitischen Monarchien der Golfstaaten hingegen waren nicht so naiv: sie wussten, dass die Unterstützung djihadistischer Rebellen in Syrien auf das Nachbarland übergreifen und die schiitische Regierung Iraks schwächen würde.

In wie weit hat sich die politische und militärische Situation seither verändert? ISIS hat mehr Feinde, doch diese bleiben untereinander gespalten. Selbst US-amerikanische politische und militärische Strategien verfolgen verschiedene Richtungen. US-Luftschläge sind nur dann wirklich entscheidend, wenn sie eng mit dem Einsatz von Bodentruppen koordiniert werden. Das passierte in Kobane von Mitte Oktober an, als das Weiße Haus in letzter Minute entschied, keine Demütigung durch einen weiteren Sieg von ISIS mehr hinzunehmen. Plötzlich waren aus den syrischen Kurden, die ISIS bekämpften und die eben noch als Terroristen galten, die auf Abstand zu halten waren, bedrängte Verbündete geworden. Wie 2001 in Afghanistan und im Nordirak 2003 ist erfahrenes Personal an der Frontlinie, das fähig ist, Luftangriffe direkt zu steuern, ein Garant für die Effektivität solcher Aktionen.

Als das Bombardement des ISIS in Syrien begann, sah die Regierung in Damaskus ihre Chance gekommen. Wenn sich die USA, die arabischen Monarchien, die syrischen Rebellen und die Türkei in Syrien zwischen 2011 und 2013 verzockt hatten, so machte die syrische Regierung im letzten Jahr denselben Fehler, weil sie eine ausschließlich militärischen Lösung des Konfliktes suchte. Sie hatte niemals ernsthaft versucht, ihre politische Basis in ihren Gebieten zu vergrößern, so z.B. durch glaubhafte Angebote zur Teilung der Macht. Stattdessen verließ sie sich darauf, dass ihre Unterstützer weiterkämpften, weil sie glaubten, dass alles besser sei als ein Sieg der Djihadisten. Doch diese Verbündeten sind ausgelaugt vom Kampf. Sie sehen längst keinen Silberstreif am Horizont mehr.

Die Regierung hatte immer zu wenig reguläre Truppen unter Waffen, eine Schwäche, die sich vor allem in der vermehrten Mobilisierung von Reservisten und der Überführung von Rekruten der Nationalen Verteidigungskräfte in die reguläre Armee zeigte. Während die Regierungstruppen um Aleppo und Damaskus Boden gut machen konnten, mussten sie im Süden der Hauptstadt und in der Provinz Idlib Rückschläge hinnehmen.

Für Assad war es zuhause und im Ausland politisch immer von Vorteil, dass die syrischen Rebellen von „Terroristen“ dominiert wurden, vor denen sich der Westen fürchtete. Durch die Dominanz von ISIS und der Al-Nusra-Front hat die syrische Armee ihren strategischen Vorteil eingebüßt, als einheitliche Streitmacht einem in sich gespaltenen Feind mit bis zu 1200 verschiedenen Faktionen gegenüberzustehen. Diese Schwäche zeigt sich besonders im Scheitern der erwarteten Offensive, die von Rebellen besetzten Teile von Aleppo wieder zu erobern.

ISIS nutzte im letzten Jahr bei ihren großen Erfolgen im Irak den Umstand, dass viele irakische Sunniten sich aus der arabischen Gemeinschaft ausgeschlossen fühlen. Dies verband das Schicksal der Sunniten mit dem von ISIS; auch wenn sie diesen Zusammenschluss bereuen mögen, bleibt ihnen letztendlich wohl keine Alternative.

Aus dem Krieg selbst ist ein Blutbad religiöser Sekten geworden. Überall da, wo die irakische Arme, schiitische Milizionäre oder kurdische Peschmerga-Kämpfer ISIS aus sunnitischen Dörfern vertrieben haben und noch nicht alle Zivilisten geflohen sind, wurden die verbliebenen Sunniten verbannt, getötet oder eingesperrt. Startet ISIS eine weitere Überraschungsattacke wie im Juni? Dies würde sich außerhalb sunnitisch geprägter Gebiete als schwierig erweisen, könnte allerdings – wenn auch mit furchtbaren Folgen für die dortige sunnitische Bevölkerung – zu gewaltsamen Erhebungen in den sunnitischen Enklaven in Bagdad führen. Diese waren 2006 und 2007 aus gemischten Nachbarschaften zum größten Teil in den Westen der Stadt vertrieben worden. Diese Gebiete firmierten zu dem damaligen Zeitpunkt bei US-Diplomaten unter dem Namen „Inseln der Furcht“. Der islamische Staat könnte die Hauptstadt in Angst und Schrecken versetzen, doch das zum Preis einer Eliminierung der letzten Reste sunnitischer Bevölkerungsteile durch übermächtige schiitische Milizen.

Die Hauptunterstützer Syriens im Ausland, der Iran und Russland, leiden beide unter dem Zusammenbruch des Ölpreises. Das mag die Gesprächsbereitschaft beider für eine Lösung durch Machtteilung und Kompromisse in Syrien erhöhen, allerdings bleibt es weiterhin unklar, ob der Westen und seine arabischen Alliierten einen derartigen Deal auch anbieten. Letzteres nicht zu tun könnte ein Fehler sein, weil letztendlich die große Konfrontation zwischen Sunniten und Schiiten quer durch die arabische Welt nicht durch die Budgetprobleme Irans oder Russlands entschieden werden wird. Einheiten der irakischen Schiiten, die aus Syrien abgezogen werden, um ISIS zu bekämpfen, können immer zurückgesendet und verstärkt werden.

Die Iraner indes glauben, diesen Krieg – egal unter welchen Umständen – nicht verlieren zu können, unabhängig davon, wie sich die Wirtschaftssanktionen der USA letztendlich auswirken werden. Das Kräfteverhältnis zwischen Regierung und ISIS sieht im Irak zurzeit relativ stabil aus. Für Syrien lässt sich das nicht behaupten: Hier machen sunnitische Araber 60 Prozent aus, im Irak sind es bloß 20. Darüber hinaus wird ISIS in Syrien dadurch gestärkt, dass der Westen, die Türkei und die sunnitischen Staaten mindestens ebenso auf den Sturz von Assad – der wichtigste Gegner von ISIS – drängen, wie auf die Vernichtung von ISIS selbst.

Der gegenseitige Hass seiner Feinde bleibt der stärkste Trumpf, den ISIS in der Hand hat.

* „In Conversation: The Rise of ISIS and the Origins of the New Middle East War” by Tariq Ali and Patrick Cockburn, „Counterpunch“ vom 29. September 2014. Übersetzung aus dem Englischen: Michael Zander (Zwischenüberschriften: Z-Redaktion).

** „The West is Wrong Again in its Fight Against Terror”, by Patrick Cockburn, Counterpunch vom 5. Januar 2015; Übersetzung aus dem Englischen: Alan Ruben van Keeken.

[1] Das Buch erschien 2015 im Nachdruck unter dem Titel „The Rise of Islamic State. ISIS and the New Sunni Revolution“ bei verso in London.

[2] Muktada al-Sadr, schiitischer Geistlicher und Kopf der 2003 gebildeten schiitischen Mahdi-Armee im Irak; von 2007 bis 2012 im Exil im Iran (Anm. d. Red.).

[3] Der US-Journalist wurde im August oder September 2014 von ISIS getötet (Anm. d. Red.).

[4] Im September 2014 begannen die USA und ihre Verbündeten mit Luftangriffen gegen ISIS zuerst in Syrien und später im Irak (Anm. d. Red.).

[5] Gemeint ist Mohammed Zia-ul-Haq, der zwischen 1977 und 1988 Präsident Pakistans war (Red.).

Dieser Artikel ist erschienen in Z. Nr. 102, Juni 2015