Z. Zeitschrift Marxistische Erneuerung Nr. 62, Juni 2005 - http://zeitschrift-marxistische-erneuerung.de/topic/55.ausgabe-62-juni-2005.html

Postmoderne und imperialistische Gesellschaft

Thomas Metscher

Postmoderne Theorien stellen den Anspruch höchster Radikalität. Zumal in ihren dekonstruktivistischen und machttheoretischen Varianten geben sie vor, alle überkommenen Werte, Normen und Ideale als fungible Konstruktionen, als illusionär oder ideologisch entlarvt, ja selbst das Wahrheitspostulat überkommenen Denkens der Scheinhaftigkeit überführt zu haben. Dabei richtet sich die kritische Stoßrichtung nicht nur gegen traditionell konservative Theorien, sondern explizit und intentional auch gegen aufklärerische, materialistische und sozialistische Theoreme, die als bloße ‚Meta-Erzählungen’ denunziert werden, dem Herrschaftsdenken verfallen, das sie zu bekämpfen vorgeben. Ja Sozialismus und Aufklärung, als der rationalen Welterklärung und realen Emanzipation verpflichtete Theorien, avancieren zum vorrangigen Subjekt der Unterwerfung, zum umso schärfer zu bekämpfenden Gegner, weil dieser die Unterwerfung im Namen der Befreiung betreibe. Vor dem Richterstuhl des postmodernen Intellekts bleibt nichts zurück als dieses Bewußtsein selbst und die vorgebliche Unmittelbarkeit des Differenten oder die Einsicht in transhistorische Machtformationen, vor denen jeder Versuch rationalen Eingreifens der folgenlosen Arbeit des Sisyphos gleicht.

Dabei tritt die Postmoderne – jedenfalls das, was sich unter diesem Namen vorstellt – in einer zunächst verwirrenden Vielgestalt von Formen, Kleidern und Masken auf: vom multikulturellen Anything goes bis zu strengen, exklusiven Oberseminaren vorbehaltenen Philosophien. Erschwert wird die Orientierung durch terminologische Überschneidungen und eine selbst für gegenwärtige Theoriebildung ungewöhnliche begriffliche Unschärfe, und zwar nicht nur im Hinblick auf den Begriff der Postmoderne selbst, sondern im Gebrauch sämtlicher Kategorien, mit denen dieses Denken sich artikuliert.[1] Hinter der diffusen Vielfalt der Erscheinungen aber wie der sich dem begrifflichen Zugriff entziehenden kategorialen Unschärfe verbirgt sich ein harter Kern von Theoremen:[2] Ein durchaus identifizierbares gedankliches Substrat, das freizulegen zu den Hauptaufgaben einer marxistischen Kritik dieses ideologischen Komplexes gehört.

Ein solche Kritik stößt auf eine Reihe von Schwierigkeiten, unter denen die Irrungen und Wirrungen terminologischer Natur noch die geringsten sind. Die Hauptschwierigkeit besteht darin, daß es sich bei dem Phänomen der Postmoderne (nennen wir es zunächst einmal so) um ein Bewußtseinskonglomerat handelt, das in alle Bereiche des gesellschaftlichen Lebens hineinreicht, bei weitem also nicht auf Theorien beschränkt ist. Das postmoderne Bewußtsein zeigt sich in Alltag und Lebensweise ebenso wie in der Kulturindustrie, der Politik, im Journalismus, den Medien, Künsten, Wissenschaften, der Philosophie. Mit einem Wort: Postmoderne ist Begriff einer umfassenden ideologischen Formierung.

I. Die Postmoderne als gesellschaftliches Bewußtsein und Krisenideologie: Zu Werner Seppmanns Postmodernekritik

Es ist Werner Seppmanns Verdienst, den Charakter der Postmoderne als umfassende ideologische Formation bloßgelegt und einer kritischen Grundlagenanalyse unterzogen zu haben.[3] Die Postmoderne, führt er aus, hat „nicht nur als theoretisches Konstrukt (...) Realitätsstatus“, sie ist „keineswegs ein bloßes Überbauphänomen“ (Seppmann 2002a, 187). Ihre Genesis entdeckt er (im Anschluß an Leo Kofler) im Alltagsbewußtsein. Die Grundvorstellungen postmodernen Denkens entspringen einem „entfremdeten und fremdbestimmten Alltagsbewußtsein“, dessen ideologischer Schein in ihnen sich reproduziert (Seppmann 2001, 169ff.). „Der ideologische Effekt ist evident: alltägliche Desorientierungen und Vergeblichkeitsvorstellungen werden zu ontologischen Bestimmungen stilisiert.“ (Op. cit., 170f.) Vom Alltagsbewußtsein aus nimmt dieses Denken seinen Weg in die anderen gesellschaftlichen Bereiche. Dem widerspricht nicht, daß es zugleich in bestimmten ideologischen Traditionen steht, primär in denen des Irrationalismus, es also auch theoriegeschichtlich seinen besonderen Ort und seine Bedeutung hat.

In seinem Postmoderne-Buch arbeitet Seppmann materialreich die Basistheoreme des postmodernen Denkens aus,[4] in einer Form, die sich selbst als essayistisch versteht (15), weder Theoriegeschichte noch Philologie sein will. Worum es ihm geht – und dieser Punkt ist genau festzuhalten, um Absicht und Leistung des Buchs zu bestimmen –, ist die kritische Analyse dessen, was ich die ideologische Kernzone oder Basiskonstellation postmodernen Denkens nenne.[5] Damit meine ich erstens den allen seinen Artikulationsformen zugrunde liegenden „harten Kern von Prämissen und Basisüberzeugungen“ (op. cit., 35): sein theoretisches Substrat, zweitens seine ideologische Funktion. Es geht nicht nur um das, was postmodernes Denken epistemisch ist, sondern zugleich um das, was es ideologisch bewirkt. Zunächst aber geht es um den Nachweis, daß eine solche Kernzone dieses Denkens überhaupt existiert, daß von einer Identität der Postmoderne als Bewußtseinsform gesprochen werden kann.

Nach Auffassung des hier Schreibenden löst Seppmann sein Programm überzeugend ein. Es gelingt ihm, die ideologische Kernzone postmodernen Denkens – seine Identität als Bewußtseinsform, sein theoretisches Substrat und seine ideologische Funktion – in einer Weise freizulegen, der sich jede Beschäftigung mit der Postmoderne, ja mit gegenwärtiger Ideologie überhaupt zu stellen hat. In der folgenden Skizze fasse ich die Ergebnisse der Seppmannschen Arbeit in einem konzentrierten Resümee zusammen. Das Konzentrat kann die differenzierte Analyse nicht ersetzen, doch bildet es eine Grundlage zur Orientierung und für die weiterführende Argumentation. Die Systematisierung findet sich in dieser Form nicht bei Seppmann; ich verantworte sie allein.

(1) Ontologisch-erkenntnistheoretische Prämissen. Grundlegend für das postmoderne Denken ist die Negation des Allgemeinen und Universalen zugunsten eines Konzepts des Partikularen und Einzelnen – der sog. ‚Differenz’. Die Basisprämissen hinter diesem Konzept mögen nicht einheitlich sein, doch ist allen seinen Varianten ein fundamentaler erkenntnistheoretischer Agnostizismus gemeinsam: das Theorem der Unerkennbarkeit – prinzipiellen ‚Unlesbarkeit’ – der Welt. Dieser Agnostizismus ist so radikal, daß dem Denken (auch dem wissenschaftlichen Denken und den Künsten) jeder Abbild- oder Repräsentanzcharakter abgesprochen wird. Denken ist pure ‚Konstruktion’. Dieser Agnostizismus hat Folgerungen in zwei Richtungen. Auf der Ebene der Einzelbegriffe wird die Sinnhaftigkeit der überlieferten ontologisch-erkenntnistheoretischen Grundbegriffe – Wahrheit, Zusammenhang, Totalität, Mimesis, Widerspruch, Negation und Synthesis, Erscheinung und Wesen, die gesamten Skala dialektischer Grundbegriffe – polemisch bestritten. Auf der Ebene der Theoriebildung wird die Möglichkeit systematischen Denkens – der sog. ‚großen Erzählungen’ – kompromißlos geleugnet. In seinen extremsten Formen also bestreitet dieses Denken, daß es die Erkenntnis von Zusammenhängen, eine Theorie gesellschaftlicher Totalitäten, eine Philosophie der Geschichte, ja wahre Erkenntnis überhaupt geben kann. Damit entfällt logischerweise auch das Denken gesellschaftlicher Ursachen und Veränderungen, ja der Begriff geschichtlichen Fortschritts, in welcher Form er auch gefaßt sein mag. Auch politisch-ethische Begriffe wie Freiheit, Emanzipation, Utopie, die Unterscheidung des Guten und Bösen geraten unter das Verdikt illusionären oder falschen Bewußtseins. Jedenfalls lassen sich solche Begriffe und Unterscheidungen nicht mehr begründen, allenfalls dezisionistisch setzen. Desgleichen wird auf dem Gebiet des Ästhetischen die Verbindlichkeit ästhetischer Normen strikt geleugnet, ästhetische Wertung wird zu Angelegenheit subjektiver Beliebigkeit, der Werkbegriff wird diskreditiert.

Diesen Auffassungen korrespondiert ein antirealistischer Wirklichkeitsbegriff, die Leugnung der Erkennbarkeit, Relevanz, in radikalen Formen der Existenz einer vom Bewußtsein unabhängigen materiellen Welt.[6] Wirklichkeit und Welt sind diskursive Konstrukte, nicht mehr, Menschen und soziale Beziehungen nicht materiell, sondern allein ‘diskursiv’, primär sprachlich konstituiert.[7] Jede Form materieller Konstitution wird ausgeblendet, die ökonomisch-soziale nicht weniger als die naturhaft-biologische. Eine Naturgrundlage menschlichen Daseins wird strikt in Abrede gestellt. Wirklichkeit wird aufgelöst in Sprache und/oder ‘Simulation’. Virtuelle Welten treten an den Ort der realen. Die Differenz zwischen medialem Abbild und abgebildeter Realität entfällt, die Medienwelt avanciert zum eigentlichen Sein. Damit erhalten Information und Fiktion den Status ontologischer Begriffe. Kategorien gesellschaftlicher Entfremdung – ‘Destabilisierung’, ‘Unübersichtlichkeit’, ‘Desorientierung’ – werden zu unwandelbaren Konstanten postmoderner Ontologie. Die andere, ‘positive’ Seite der Medaille ist die Ästhetisierung – im Grunde ästhetische Verklärung – der als scheinhaft erfahrenen Welt: die Akzeptanz dieses Scheins unter dem Titel einer Vielfalt der Lebensstile und im Namen einer im Kern beliebigen Multikulturalität.

(2) Destruktion der Subjektkategorie. Der Scheincharakter der Wirklichkeit macht in diesem Denken auch vor der Kategorie des Subjekts nicht halt. So wird jeder Vorstellung einer integren, mit sich selbst identischen Subjektivität in striktester Form die Absage erteilt. In einseitiger Rezeption der Psychoanalyse und in Umkehrung der Intentionen ihres Begründers, der vom Gedanken der Ichfähigkeit des Subjekts nie abgewichen ist, wird der Begriff des identischen Ich: der autonomen, sich selbst bestimmenden Person, auch im Sinne einer Zielbestimmung sozialen bzw. therapeutischen Handelns, in der entschiedenst möglichen Weise in Abrede gestellt. Der Autonomiegedanke, der Begriff des Menschen als des „Schöpfers seiner selbst“ (Schiller) und Agens eingreifenden Handelns wird als idealistisch-aufklärerische Illusion denunziert. An seine Stelle tritt das dezentrierte, frei disponible Subjekt. Ihm entspricht empirisch das ‘flexible’, bedenken- und gewissenlose Individuum: der Mensch mit ‚biegsamer Psyche’, der sich intellektuell, emotional und physisch den diversen Anspruchssituationen anzupassen vermag.

(3) Ideologische Frontstellung. Aus dieser Grundsatzposition ergibt sich – völlig folgerichtig aus der Sicht der eigenen Prämissen – eine dezidierte ideologische Frontstellung: gegen die Traditionen von Aufklärung, Humanismus, Rationalismus, den philosophischen Realismus/Materialismus jeder Spielart, insbesondere gegen alle Theorietraditionen, die die Welt für erkennbar und aufgrund von Erkenntnis für veränderbar – veränderbar durch vernunftgeleitetes Handeln – halten. Ja die Vernunft avanciert zum ersten Agens in der Geschichte der Unterwerfung, die Aufklärung zum Urheber von Gewalt. Der eigentliche Terrorismus, heißt es, sei der ‘Terrorismus der Begriffe’. ‘Terror’ üben die Zeichen und Bedeutungen aus, mit denen der Zusammenhang des Einzelnen mit dem Allgemeinen, der sozialen Totalität und geschichtlichen Bewegung hergestellt und eine ‘große Erzählung’ konstituiert wird. Der ‘Mythos der Vernunft’ erst habe Auschwitz, den faschistischen Massenterror, den technokratisch organisierten Völkermord hervorgebracht. Nicht nur in diesem Punkt hat Adorno/Horkheimers Dialektik der Aufklärung der Postmoderne die Stichworte geliefert.

(4) Politisch-ethische Folgerungen. Unerkennbarkeit und Unveränderbarkeit der Welt sind die zwei Pole, auf denen postmoderne Theorie beruht. Der erste ist Bedingung des zweiten. Aus der Unerkennbarkeit folgt die Unveränderbarkeit, denn verändern (im Sinne eines produktiven Akts, einer zielorientierten, rational begründeten Setzung) kann ich nur das Erkannte. Daraus ergibt sich zwingend, daß die Folgerung gesellschaftsverändernden Handelns aus solcher Theorie nicht gezogen werden kann. In der Tat ist die Postmoderne auch in diesem Punkt konsequent. So werden die Begriffe der Emanzipation, der Freiheit, die ethischen Grundbegriffe des Guten und Bösen für irrelevant erklärt, die Vorstellung universal gültiger Menschenrechte wie die des Völkerrechts, Recht und Gerechtigkeit als Kategorien allgemeiner Geltung dem ‘Terrorismus der Vernunft’ in die Schuhe geschoben. Orientiert wird auf ein ‘Leben ohne Wahrheiten, Maßstäbe und Ideale’. Widerstand ist, wenn überhaupt, nur als unbegründete und unbegründbare dezisionistische Setzung möglich. Aus dem politisch-ethischen Agnostizismus folgt, wenn etwas folgt, allein das Sich-Einrichten ins Gegebene, soziale Akkomodation, bestenfalls die Akzeptanz einer Pluralität von Lebensstilen, Multikulturalität (obwohl es für diese Akzeptanz keine Begründung gibt), ein ironischer Ästhetizismus, schließlich die Beliebigkeit des Anything goes, die Existenz im schönen Schein der Warenwelt mit dem Ideal der grenzenlosen Konsumtion: die Spiel- und Spaßgesellschaft als Lebensform.

(5) Funktion, ideologisches Profil, historischer Ort. Die ideologisch affirmative Funktion der Postmoderne (affirmativ im Sinn herrschenden Bewußtseins: der Bestätigung bestehender Eigentums- und Herrschaftsverhältnisse) liegt nach dem Gesagten auf der Hand. Postmodernes Denken geht aus Erfahrungen entfremdeten Lebens hervor, ist Bewußtseinsform dieser Erfahrungen, thematisiert sie mit dem Anschein äußerster Radikalität, doch sind seine Antworten, die gegebenen Deutungen und vorgeschlagenen Therapien von solcher Art, daß jede Möglichkeit des produktiven Eingriffs, einer positiven Auflösung der thematisierten Sachverhalte, der Veränderung also der Verhältnisse, die die erfahrene Entfremdung hervorbringen, theoretisch wie praktisch verstellt wird – wird doch bereits die „Frage nach wissenschaftlichen Erkenntnismöglichkeiten (...) als absolutistisches Wahrheitsstreben diskreditiert“ (Seppmann 2002a, 179), den grundlegenden Begriffen kritischer Analytik, ohne die die Erkenntnis von Ursachen und Zusammenhängen gar nicht möglich ist, der Sinn abgesprochen. Damit kanalisiert die Postmoderne die thematisierten Erfahrungen in die Richtung von Resignation und Akzeptanz. Ihre Antworten sind scheinhafte Lösungen, die die Zwänge der Entfremdung reproduzieren. Das postmoderne Denken, so Seppmanns kritische Summe, thematisiert „eine Reihe wesentlicher Konfliktlinien des geistigen Lebens kapitalistischer Gesellschaften“, ist „in seinen besten Teilen intellektuelle Reaktion auf einen krisenhaften soziokulturellen Wandel“, ohne „daß auf die Benennung von Krisensymptomen (...) die notwendige Analyse erfolgt“ (op. cit., 179). Der „Akzeptanz einer immanenten Perspektivlosigkeit des sozialen Geschehens“ (op. cit., 181) entspricht die Ideologie einer ‘Ästhetisierung der Lebenswelt’, die sich „bei genauer Betrachtung als deckungsgleich mit den warenästhetischen Prinzipien einer ‘Konsumkultur’ (erweist), die in weiten Lebensbereichen die Maßstäbe für das ‘Schöne’ und Estrebenswerte definiert“ (op. cit., 184).

Postmodernes Denken ist eine Ideologie der Krise. Es besitzt eine „paradoxe Struktur“. „Es versucht, das Unvereinbare miteinander zu versöhnen, die Krisenerfahrungen zu thematisieren, aber die realen Ursachen zu verschweigen; es bezieht sich positiv auf die Symptome eines radikalen sozio-kulturellen Wandels – aber nur, um von den sozio-strukturellen Konsequenzen (...) abzulenken.“ (Op. cit., 186) Es ist in diesem Paradox „‘der Geist geistloser Zustände’ (Marx)“ (op. cit., 189), Theorie einer zersplitterten Welt.

Dabei ist die Postmoderne, so sehr sie sich den Anschein des Randständigen und Subversiven gibt und zahlreiche ihrer europäischen Vertreter der sog. ‘68er’-Bewegung entstammen, ein Diskurs der Macht, der sich dieser Macht bewußt ist und genau weiß, sie einzusetzen. Als Bewußtseinsform, wenn auch nicht notwendig als theoretisches Konstrukt, ist sie heute in alle gesellschaftlichen Bereiche eingedrungen. In großen Teilen des kulturellen Lebens (in Kultur- und Unterhaltungsindustrie, im Bereich der Medien, der Presse, des Theaters, den Geistes-, Kultur- und Sozialwissenschaften) hat sie sich herrschende Positionen erobert. Trotz aller Insistenz auf dem Einzelnen und Partikularen, der ‘Differenz’ als Kernkategorie ist sie in ihrer theoretischen Praxis das genaue Gegenteil einer kritisch-offenen, antidogmatischen Denkweise. Im Gegenteil, wo immer sie auftritt, tritt sie als Macht auf, die gegenläufige Positionen diskreditiert, denunziert, unterwirft. Wo immer sie herrscht, herrscht sie als Dogma. „Der Postmodernismus“, schreibt Ellen Meiksins Wood mit gebotener Schärfe (und sie hat dabei nicht nur die US-amerikanische Erfahrung im Kopf), „ist ein rücksichtslos ‘totalisierendes’ System, das ein weites Feld kritischen Denkens und emanzipatorischer Politik ausschließt – und diese Ausschlüsse sind endgültig und entschieden. Seine epistemologischen Voraussetzungen machen ihn der Kritik unzugänglich, so immun gegen Einwände wie das starrste Dogma.“ „ (...) der Postmodernismus ist nicht länger die Diagnose, er ist die Krankheit selbst geworden.“ (Wood/Foster 1997, 14, 10)

Von der Position der Macht her, die die Postmoderne einnimmt, erklärt sich ihre enorme Resistenz gegen Kritik. Mag diese noch so scharf, prägnant, gut argumentiert und im Resultat vernichtend sein[8] – in der Regel wird sie gar nicht oder mit einem Achselzucken zur Kenntnis genommen. Nur eine machtgeschützte Theorie aber, eine Ideologie, die den Status von Herrschaft besitzt, kann sich solche Ignoranz gegenüber kritischen Argumenten ungestraft erlauben.

Der historische Ort der Postmoderne, dies folgt aus den Seppmannschen Analysen mit großer Deutlichkeit, sind die imperialistischen Metropolen, in erster Linie Europa und die USA. In diesen ist sie eine dominante Bewußtseinsform und Gestalt herrschender Ideologie (nicht die einzige, aber eine im Status der Dominanz, in manchen Bereichen auch die im Status höchster Dominanz. Inwieweit sie außerhalb der Metropolen wirkt, wäre ein Feld weiterführender Untersuchung). Sie ist, bei Lichte betrachtet, eine uneingeschränkt ‘westliche’, im Kern eurozentrische Ideologie – trotz ihres multikulturellen Dekors. Der ‘modernsten’, ‘avanciertesten’ Form des globalen Kapitalismus scheint sie nicht nur in diesem Punkt höchst adäquat. Ich werde darauf zurückkommen.

II. Zwischenstück. Polemische Kritik und die Struktur von Bewußtseinsformen: Methodisches zur Kritik von Ideologien

Seppmanns Intervention ist schon früh auf Kritik gestoßen.[9] Der Kern dieser Kritik besteht in dem Vorwurf, daß hier „mit tosenden Breitseiten (...) auf nichts als Spatzen geschossen“ (Schweicher 1997, 198), soll heißen: alles krude über einen Kamm geschoren wird. Differenzierungen würden nicht zur Kenntnis genommen werden, das Richtige und Wahre an der Postmoderne sei außer acht gelassen.[10] Diese Kritik, so rhetorisch geistvoll sie stellenweise formuliert wird, verfehlt ihren Gegenstand – selbst dann, wenn sie in dem einen oder anderen Punkt recht haben sollte. Ihr proton pseudos ist, daß sie nicht begreift oder begreifen will, worum es „St. Max“ geht und als marxistischem Analytiker zuallererst auch gehen muß: um das, was ich oben die Kernzone der Postmoderne nannte, ihr gedankliches Substrat und ihre ideologische Funktion. Nicht geht es um Differenzierungen in einzelnen Theorien und theoretischen Varianten; Differenzierungen, die vorliegen mögen oder auch nicht.[11] Damit bleibt unbestritten, daß die Frage nach solchen Differenzierungen eine legitime und wichtige Frage ist, aber es ist dies nicht die Frage, um die es Seppmann geht

Da hier ein grundsätzliches Problem marxistischer Ideologiekritik angesprochen ist, bedarf der Gesichtspunkt einer näheren Erläuterung.

Marxistischer Ideologiekritik geht es zuerst und zunächst – als ihre erste Aufgabe – um das Freilegen der Grundstruktur einer bestimmten Gestalt gesellschaftlichen Bewußtseins: das Herausarbeiten dessen, was ich oben mit Blick auf postmodernes Denken ‚Basiskonstellation’ bzw. ‚Kernzone’ einer Bewußtseinsformation nannte. Solche Zonen bilden den Knotenpunkt der Verbindung von Erscheinungen des ideologischen Bereichs mit dem Ganzen einer Gesellschaft – dem Ensemble der gesellschaftlichen Verhältnisse, in dem eine ideologische Formation ihren Ort hat –, den Knotenpunkt nicht zuletzt ihrer Vermittlung mit dem, was ökonomische Basis heißt. Kritik der Postmoderne heißt also, in ihrer ersten und grundlegenden Dimension, kritische Analyse (Analyse der semantischen Bauelemente) der Kernzone dieser Bewußtseinsformation. Weiter: Die Postmoderne ist, wir sagten es, nichts Geringes oder Marginales. Sie ist (das ist das Mindeste) Teil herrschenden Bewußtseins, Teil des „Geists der Zeiten“ als „der Herren eigner Geist, in dem die Zeiten sich bespiegeln“ (Goethe, Faust I). Wenn die Postmoderne eins nicht ist, so das, was sie gern zu sein vorgibt: Außenseiter und subversives Potential. Ganz im Gegenteil: sie ist, wie oben ausgeführt, eine ideologische Macht, und sie weiß sich als ideologische Macht. Sie beherrscht weite Bereiche des gesellschaftlichen Lebens, und wo sie herrscht, tritt sie nicht tolerant, sondern autoritär, rechthaberich und repressiv auf. Dabei gibt sie sich gern ‘links’, kritisch und radikal, bekämpft jedoch marxistisches Denken, wie das, wofür dieses Denken ideengeschichtlich eintritt (so die Aufklärung, den Humanismus, die Philosophie Hegels) als erklärte Gegner.[12]

Dieser Tatbestand macht eine bestimmte Form der Kritik erforderlich: die polemische Kritik.[13] Eine solche Kritik ist im ersten Schritt ein Akt der Selbstverteidigung, dem im zweiten der Gegenangriff: die Offensive folgt. Selbstverteidigung und Offensive sind logische Momente der polemischen Kritik. In einem dritten Schritt wird dann die Besichtigung des geschlagenen Gegners erfolgen. Da kann es durchaus sein, daß es das eine oder andere von Wert an ihm zu entdecken gibt.

An dieser Stelle ist eine Differenzierung einzuführen, die, wenn sie zutrifft, möglicherweise eine Reihe von Schwierigkeiten der kritischen Analyse von Ideologien zu beheben vermag. Sie betrifft einen grundlegenden theoretischen wie methodologischen Gesichtspunkt dieser Kritik: den nicht-homogenen Charakter von Bewußtseinsformen.[14] Damit ist der Tatbestand einer internen Differenzierung innerhalb eines zusammenhängenden Komplexes von Bewußtseinsformen gemeint, der, über den Gesichtspunkt der ‘Ungleichzeitigkeit’ (Ernst Bloch) hinaus, auch für ‘gleichzeitige’ Bewußtseinsformen Gültigkeit besitzt. Bewußtseinsformen sind nie völlig homogen. Sie sind bestimmt von Varianzen sozialen wie individuellen Charakters, durchsetzt von Widersprüchen, Rissen und Brüchen. Sie weisen oft enorme intellektuelle Niveauunterschiede auf (man denke, im Rahmen der modernen bürgerlichen Philosophie, an die Unterschiede zwischen Nietzsche, Heidegger und Wittgenstein auf der einen, Spengler, Jaspers und Ayer auf der anderen Seite).

Bewußtseinsformen sind in mehr als einer Hinsicht nicht-homogen, und sie sind es auch dort, wo sie eine gemeinsame Grundstruktur, ein gemeinsames gedankliches Substrat (= Kernzone) besitzen und als einheitliche Formation (der Ideologie einer bestimmten historischen Zeit, sozialen Gruppe oder Klasse, gar als Epochenbewußtsein) zu identifizieren sind. Zu unterscheiden ist – als Unterscheidung innerhalb einer ideologischen Formation – zwischen einer homogenen ideologischen Basiskonstellation (Kernzone) im erläuterten Sinn und einem nicht-homogenen Bereich unterschiedlicher Differenzierungen jenseits der Kernzone. In einem bestimmten Sinn kann diese als Determinationsgefüge angesehen werden, das eine große (nicht a priori limitierbare) Zahl von Differenzierungen sozialer wie individueller Natur, nicht zuletzt auch erhebliche Differenzierungen der intellektuellen Qualität gestattet. Die Unterscheidung zwischen diesen Ebenen – einer homogenen Basiskonstellation und nicht-homogener Differenzierungen[15] – dürfte für die Analyse, Kritik und Geschichtsschreibung von Ideologien von nicht zu unterschätzender Bedeutung sein, macht sie doch erst eine differenzierte und angemessene Bewertung einzelner intellektueller Leistungen auch im Rahmen von im ganzen reaktionären oder regressiven Ideologien möglich.[16] Sie gestattet Differenzierungen, ohne kritische Positionen aufzugeben.[17] Sie vermag vielleicht auch, das schwierige Problem des ‚Falschen’ und Wahren’ in Ideologien ein Stück weit einer Lösung zuzuführen.

Je intellektuell bedeutender eine ideologische Formation ist, so läßt sich vermuten, desto komplexer wird auch der Bereich interner Differenzierungen, desto größer wird die Differenz der einzelnen Artikulationen zueinander wie zu der Basiskonstellation, dem gemeinsamen Substrat der einzelnen Artikulationen sein.[18] Bewußtseinsformen sind Teil eines Ensembles gesellschaftlicher Verhältnisse, das sie reflektieren und in dem sie wirken, und sie sind variabel, in sich different, vielschichtig, bis ins individuelle Bewußtsein hinein, mit diesem Ensemble vermittelt. Den Schnitt- oder Knotenpunkt nun zwischen einer Bewußtseinsform und den anderen Teilen dieses Ensembles (insbesondere seinen ökonomischen Basisfaktoren) bilden die Momente der ideologischen Kernzone. Diese sind es auch, die in einem direkten Zugriff gesellschaftsgeschichtlich ‘ableitbar’ (rekonstruierbar) sind. Die über diese Zone hinausgehenden und auf sie aufbauenden Differenzierungen sind nicht im gleichen Maße ableitbar, da zwischen ihnen und den Faktoren der Kernzone eine Reihe vermittelnder Momente stehen, die in hochkomplexen Bewußtseinsformen (wie den Künsten) bis in die individuelle Psyche hinein reichen. Zwar bleiben auch sie gesellschaftlich-geschichtlich erklärbar, bedürfen aber einer ausgearbeiteten materialistischen Hermeneutik.[19] Je komplexer und individueller eine Bewußtseinsform, desto schwieriger ist ihre geschichtliche Deutung. Dies gilt nicht allein für Theorien, dies gilt gesteigert noch für die Künste.

Es dürfte einsichtig sein, daß die kritische Analyse der Kernzone einer ideologischen Formation bzw. eines Bewußtseinskomplexes die erste, weil grundlegende Aufgabe der marxistischen Ideologiekritik ist. Erst wenn diese Aufgabe gelöst ist, kann dem Problem möglicher Differenzierungen – der Frage der Heterogenität – innerhalb eines Bewußtseinskomplexes nachgegangen werden. Wer den umgekehrten Weg gehen will, verliert nur allzu leicht den Boden unter den Füßen und sieht vor lauter Bäumen den Wald nicht mehr.

In welchem Maße innerhalb der Postmoderne solche Differenzierungen vorliegen, welchen Charakters und welcher Qualität sie sind, ist eine offene Frage, da die Argumente dafür, sofern sie von ‘linker’ Seite geäußert wurden, über den Behauptungsstatus kaum hinausgehen.[20] Daß es solche Differenzierungen gibt, ist anzunehmen. Sicher gibt es sie hier wie bei anderen Bewußtseinskomplexen auch. Besonders markant scheinen mir im Fall postmodernen Denkens die Unterschiede des intellektuellen Niveaus. Sie dürften zwischen den Extremen intellektuellen Schwindels (Sokal und Bricmont haben diesen bei einer ganzen Reihe namhafter postmoderner Theoretiker – von Lacan und Kristeva bis Deleuze und Virilio – mit Argumenten nachgewiesen, die bis heute nicht widerlegt wurden)[21] und seriöser Philosophie liegen.[22] Sicher gehört es zu den Aufgaben einer weitergehenden kritischen Analyse einzelner Theorien und Theoriebestandteile postmodernen Denkens, die Wahrheitsmomente solchen Denkens (wo es denn solche Wahrheitsmomente gibt) herauszuarbeiten. Dies kann aber nicht, ich wiederhole es, die Aufgabe der ersten Schritte sein. Sind diese Schritte getan, so sollten weitere folgen. Das Feld dafür ist offen.

III. Postmoderne als Bewußtseinsform der entwickelten imperialistischen Gesellschaft

Im Anschluß an Seppmann verstehe ich die Postmoderne als Bewußtseinsform einer bestimmten Stufe der kapitalistischen Gesellschaft: der entwickelten imperialistischen Gesellschaft; Bewußtseinsform also des Weltzustands der Gegenwart, bezogen auf die imperialistischen Metropolen. Die Postmoderne ist Bewußtseinsform dieses Weltzustands in einem umfassenden Sinn. Sie geht, als Erfahrungsform alltäglicher Entfremdung, aus Alltag und Lebensweise hervor, reicht in Kulturindustrie, Medien, Künste, Wissenschaften und ‘große’ Theorie hinein, ja hat in diesen (mit der Ausnahme der Naturwissenschaften) oft den Status einer Dominanz. Das Zentrum postmodernen Bewußtseins ist der zivilgesellschaftliche Bereich,[23] seine theoretisch avancierteste Verarbeitungsform die poststrukturalistische Theorie, mit Schwerpunkten in Europa (Frankreich) und den USA. Als Bewußtseinsform ist die Postmoderne ubiquitär; ubiquitär im Hinblick auf die Metropolen des imperialistischen Systems. In diesen repräsentiert sie, sie nicht allein, aber doch als dominante ideologische Macht, das Bewußtsein des Ensembles gegenwärtiger gesellschaftlicher Verhältnisse.

Der Gesichtspunkt, den ich diskutieren möchte, betrifft zwei zusammenhängende Aspekte: den konstitutionellen Irrationalismus der imperialistischen Gesellschaft und das postmoderne Bewußtsein als seine ‚modernste’, auf heutigem Niveau ‘avancierteste’ Gestalt. In diesem Zusammenhang ist das postmoderne Bewußtsein noch genauer in den Zusammenhang gegenwärtiger Gesellschaft zu stellen als bisher geschehen, ist der Ort zu bestimmen, an dem es ideologiegeschichtlich steht. Es geht also um zweierlei: 1. den Konnex von Irrationalismus und imperialistischer Gesellschaft, 2. Ort und Funktion der Postmoderne in diesem Zusammenhang.

1. Der konstitutionelle Irrationalismus der imperialistischen Gesellschaft

In einer Arbeit Seppmanns zum Begriff herrschenden Denkens findet sich der Schlüssel, mit dessen Hilfe diese Fragen theoretisch gelöst werden können. So notiert Seppmann, im Anschluß an Überlegungen Leo Koflers, einen fundamentalen Widerspruch innerhalb des gegenwärtigen Alltagsbewußtseins. Die Alltagsorientierungen, argumentiert er, besitzen einen „Doppelcharakter“. Sie sind nicht einfach nur „falsches Bewußtsein“, sondern zugleich auch Gedankenformen, „mit denen die Menschen ihr Leben bewältigen“. Sie ermöglichen die Orientierung in einer begrenzten Praxiskonstellation, blenden dabei aber das gesellschaftliche Ganze notwendig aus. Dieser „Umschlag von individueller Rationalität in soziale Irrationalität“ hat sein formationsspezifisches Äquivalent in dem Widerspruch, der den entwickelten Kapitalismus als ganzen auszeichne. Als Vergesellschaftungsweise hat dieser „die Rationalität in den Teilbereichen extrem gesteigert (...), das Zusammenspiel der technischen wie auch der sozialen Kräfte aber dem blind produzierten ‘Zufall’ überantwortet“. Er bringt deshalb „permanent Entfremdung und verzerrte Bewußtseinsformen hervor“. (Seppmann 2001, 171) Seppmann verweist damit auf einen fundamentalen Widerspruch, der den Kern der gegenwärtigen imperialistischen Gesellschaft, ja das Ensemble ihrer gesellschaftlichen Verhältnisse betrifft: der enormen Steigerung von Partialrationalitäten steht die Irrationalität des Ganzen dieser Gesellschaft ohne Vermittlung gegenüber.

Es ist dies eine Einsicht strukturell grundlegenden Charakters. Da aus ihr nähere Bestimmungen gerade auch für die Kultur und die Bewußtseinsformen der gegenwärtigen Gesellschaft folgen, bildet sie den geeigneten Einsatzpunkt für die geforderte weiterführende Überlegung.[24]

(1) Die Diagnose der „Irrationalität“ der imperialistischen Gesellschaft ist, für sich selbst genommen, nicht neu. Die „zunehmende Irrationalität des Ganzen“, bezogen auf die gegenwärtige Gesellschaft, wird schon von Herbert Marcuse konstatiert (Marcuse 1967, 263),[25] und auch Adorno spricht von der „Irrationalität der bürgerlichen Gesellschaft in ihrer Spätphase“, die „widerspenstig dagegen“ sei, „sich begreifen zu lassen“ (Adorno 1961, 192). Wolfgang Fritz Haug sieht den „transnationalen High-Tech-Kapitalismus“ der Gegenwart als „Epoche einer global gewordenen Irrationalität, die aus dem Getriebe von Myriaden gegeneinander operierender ‚particular interests’ resultiert“ (Haug 2003, 64). Das Grundproblem wurde bereits von Georg Lukács’ in Geschichte und Klassenbewußtsein herausgearbeitet. Lukács setzt dort der Zweckrationalität der einzelnen Teilbereiche die auf der Anarchie des Marktes beruhende Irrationalität des Gesamtprozesses entgegen. Der „ganze Aufbau der kapitalistischen Produktion“ beruhe auf der „Wechselwirkung von streng gesetzlicher Notwendigkeit in allen Einzelerscheinungen und von relativer Irrationalität des Gesamtprozesses“, die „wahre Struktur der Gesellschaft erscheint (...) in den unabhängigen, rationalisierten, formellen Teilgesetzlichkeiten“ (Lukács 1968, 277). Diese Auffassung behauptet die Irrationalität des Ganzen nicht nur für den Imperialismus, sondern für die bürgerlich-kapitalistische Gesellschaft als Gesamtformation. Auch Haugs Ausführungen zur „Irrationalität des Kapitalismus“ in dem jüngst erschienenen Band 6/II des Historisch-kritischen Wörterbuchs des Marxismus (Haug 2004b, 1542-1554) arbeiten das Irrationale als Moment der ökonomischen Formbestimmungen der gesamten kapitalistischen Produktionsweise heraus. Marx weise im Kapital, so Haug, an den ökonomischen Formbestimmungen „die durchgängige Irrationalität auf“ (Haug 2004b, 1544), bei der Warenform bzw. Wertform wie „im Ganzen der kapitalistischen Ökonomie“. Mit Blick auf Rosa Luxemburgs Imperialismustheorie legt er den Gedanken nahe, daß der Potenzierung der Widersprüche im Imperialismus die Potenzierung des Irrationalen in allen Bereichen der Gesellschaft entspricht.

(2) Es ist dies der für mich entscheidende Gesichtspunkt: Daß die im grundlegenden Kapitalverhältnis angelegte Irrationalität erst unter den Bedingungen seiner vollen Entfaltung – also im Imperialismus – eine das Ensemble der gesellschaftlichen Verhältnisse (im genauen Marxschen Sinn des Begriffs) determinierende Kraft erhält, die konstitutive Dominanz des Irrationalen damit erst für den Imperialismus und so auch in Differenz zu früheren Formen der Kapitalgesellschaft zu behaupten ist. So sehr das Irrationale dem Kapitalismus von Beginn an innewohnt, erst im Imperialismus erreicht es eine Qualität, die, weit über die ökonomische Struktur hinaus, die Gesellschaft als ganze betrifft, ihre lebensweltlich-kulturelle Wirklichkeit, ihre staatlich-politische Konstitution und ihre Bewußtseinsformen. Erst jetzt kann von einem konstitutionellen Irrationalismus dieser Gesellschaft als Formation gesprochen werden; konstitutionell bezogen auf ihre grundlegende Verfaßtheit.

(3) Konstitutioneller Irrationalismus heißt freilich nicht (wie es Adorno behauptet hat), daß die imperialistische Gesellschaft keine ‚ratio’ mehr habe, nach der die Kritik ihrer politischen Ökonomie geschrieben werden könnte. Es heißt vielmehr, daß ihre ‚ratio’ in der – gesellschaftlich begründeten und deshalb auch gesellschaftlich erklärbaren – Dominanz des Irrationalen, im Mangel einer gesamtgesellschaftlichen Rationalität bei Zunahme von Rationalität in den Teilbereichen, in dem auf die Spitze getriebenen Widerspruch zwischen Partialrationalität und Irrationalität des Ganzen besteht. Im Unterschied zur Aufstiegsphase des Kapitalismus als historischer Formation, in der rationales Handeln in einem gesamtgesellschaftlichen Sinn Bedingung zivilisatorischen Fortschritts war (die bürgerlichen Revolutionen wären ohne ein die gesamte Gesellschaft betreffendes Konzept, ohne die gesamtgesellschaftliche Zielsetzung der Agierenden gar nicht möglich gewesen), ist in der gegenwärtigen Phase dieser Formation jede gesamtgesellschaftliche Rationalität, die mehr ist als eine den Interessen des Profits gehorchende Logik der Unterwerfung[26], eliminiert. Eine solche Logik ist zwar der globalen Herrschaft fähig, doch keiner Rationalität, die das Ganze im Interesse der Gattung vertritt. So hält der globalen Expansion des Kapitals keine globale Vernunft die Waage, und kein Weltgeist zeigt sich, der den Mechanismus dieser Expansion zu einem sinnvoll Allgemeinen zu wenden vermag.

(4) Zur Irrationalität des Ganzen gehören die zerreißenden, für die imperialistische Gesellschaft selbst potentiell letalen Widersprüche, die die Produktivkraftentwicklung des globalen Kapitals begleiten. Einer dem Anschein nach grenzenlosen Erweiterung wissenschaftlicher Rationalität und, im Verbund damit, historisch beispiellosen Steigerung technologischer Produktivkräfte[27] steht die Zerstörung massenhafter Potentiale menschlicher Produktivkraft gegenüber: die Reduktion der menschlichen Arbeitskraft auf primitivste zivilisatorische Stufen. Der Vorgang solcher Zerstörung betrifft heute die große Mehrheit der Weltbevölkerung. Hand in Hand geht damit eine Vernichtung kultureller Vermögen, die in der Geschichte ohne Beispiel ist. In Jahrtausenden gewachsene Fähigkeiten kultureller Produktion werden in kürzestem Zeitraum obsolet; eine Obsolenz, die durch keine neuen Qualifikationen ersetzt wird. Steht auf der einen Seite eine von einer kleinen Gruppe von Experten des szientifisch-technologischen Sektors betriebene, an die Kapitalakkumukation geknüpfte, vom Kapital kontrollierte technologische Produktivkraftentwicklung von singulärer Qualität,[28] so auf der anderen die millionenfache Auslöschung menschlicher Arbeitsvermögen, die massenhafte Annihilation kultureller Schöpferkraft. Proportional zur Steigerung der szientifisch-technologischen Produktivkräfte, dies ist als Gesetz des entwickelten Imperialismus festzuhalten, steht die Reduktion des Produktivkraftvermögens eines zunehmend größer werdenden Teils der Weltbevölkerung. Dem entspricht die Proportion von Reich und Arm in globalem Maßstab. Während ein kleiner Teil der Menschheit über unermeßlichen Reichtum verfügt, begonnen hat, den Kosmos zu erobern, vom „Zeitalter der künstlichen Intelligenz (träumt), in dem die Maschine ein eigenes Bewußtsein erhält“ (Schirrmacher 2001, 1) und sich mit Fragen unbegrenzter Lebensverlängerung als historischen Schicksalsfragen zu befassen beginnt, versinkt die Masse der Erdbevölkerung in Elend und archaische Unwissenheit, werden ganze Kontinente von Hunger, Krieg und Seuchen verheert, kehren mit den neuen Schrecken die alten zurück. Die technologischen Produktivkräfte selbst sind in vielen Fällen von Instrumenten des Fortschritts zu solchen der Weltzerstörung geworden, die kühnsten Erfindungen der menschlichen Vernunft zu Monstren der Massenvernichtung. Eine Situation ist eingetreten, in der, mit den Worten von Bertolt Brechts Galilei, der „Jubelschrei“ der Wissenschaft „über irgendeine neue Errungenschaft von einem universalen Entsetzensschrei beantwortet werden könnte“ (Leben des Galilei, 14. Bild).

(5) Deformiert sind nicht nur die Anwendungen wissenschaftlicher Erfindungen unter den Bedingungen des Imperialismus, deformiert ist die technologische Rationalität selbst, die seiner Produktivkraftentwicklung zugrunde liegt. Sie steht unter dem uneingeschränkten Diktat des Tauschwerts, dem sie sich nirgendwo – und wenn, dann nur scheinbar – entziehen kann. Sie ist eingebunden in die Zwänge verwertungsorientierter Veränderung und permanenter Innovation, untersteht einem Konkurrenzkampf, der weder begrenzbar noch berechenbar ist. Solcher Rationalität wohnt das Irrationale, wohnen Widersinn und Deformation als strukturierende Momente inne – so sehr es gerade zu den Illusionen der technologischen Vernunft gehört zu meinen, daß sie unter kapitalistischen Bedingungen dem Irrationalen entkommen kann.

(6) Dem technologischen Fortschritt entspricht proportional der Prozeß progredierender Re-Barbarisierung. Sein Analogon hat die Zerstörung der kulturellen Ressourcen in der Zerstörung der Ressourcen der Natur. In die Zerstörung hinein gerissen ist der Stoffwechsel von Mensch und Natur: die Basis aller Kultur. Damit aber gerät der gesamte Prozeß der Zivilisation in die Krise. Zu konstatieren ist die „Agonie ganzer Kontinente“ (Seppmann). Die Elendszonen der Erde reichen heute in die Zentren der Metropolen, so in die urbanen Elendszonen US-amerikanischer, mittlerweile auch europäischer Großstädte hinein. Solchen Gründen entsteigen die bekannten und neuen Gestalten der Gewalt, der Aggression und des Hasses, entsteigen Rassismus, Sexismus, Sadismus, die Disposition zu Terror und Krieg. Der Imperialismus ist Zustand permanenten Kriegs, aktuell oder potentiell. Er ist „Epoche der Kriege und Revolutionen“ (Lenin), was auch dort gilt, wo die Revolutionen gescheitert sind. Zu Recht nennt ihn Peter Weiss die „höchste Form der Brutalität“.[29]

(7) Der Imperialismus in seiner entwickelten, gegenwärtigen Gestalt ist Zeitalter einer Krise von weltgeschichtlicher Dimension. In ihr steht eine menschenwürdige Zukunft, ja die Fortexistenz der menschlichen Gattung auf dem Spiel. Er ist Zeitalter einer krisengeschüttelten Endzeit. Sehr genau hat Gramsci den Charakter dieser Krise und das mit ihr verbundene historische Dilemma erfaßt, wenn er in den Gefängnisheften notiert, die Krise bestehe genau in der Tatsache, dass das Alte stirbt und das Neue nicht geboren werden kann; in diesem Zwischenreich trete eine Vielzahl krankhafter Symptome hervor (Gramsci 1971, 276). Der Gebrauch einer pathologischen Metapher geschieht nicht zufällig: Die Krise hat den gesamten Körper dieser Gesellschaft erfaßt. Sie ist nicht lokal, sondern universal, weil sie Ausdruck konstitutiver Widersprüche des Imperialismus selbst ist. Sie ist potentiell letalen Charakters und formuliert ein historisches Dilemma: Das Alte stirbt und das Neue kann noch nicht geboren werden. In diesem Zwischenreich tritt eine Vielzahl morbider Symptome hervor. In der Tat hat die „Morbidität“ der imperialistischen Gesellschaft heute einen Umfang und eine Drastik erreicht, die kaum noch der empirischen Belege bedarf und den Gedanken eines universalen Entfremdungszusammenhangs, wie ihn Adorno und Horkheimer in ihrer späten Phase vertraten, für die imperialistischen Metropolen verständlich werden läßt; in einer Weise, daß begründet von einer pathischen Gesellschaft – einer ‚Kultur des Todes’ – gesprochen werden kann.

(8) Zum konstitutionellen Irrationalismus der gegenwärtigen imperialistischen Gesellschaft gehört, daß diese weder zu fundierter Selbsterkenntnis – einer umfassenden Theorie ihrer selbst – noch zu einem die Gesamtgesellschaft betreffenden ökonomischen und politischen Handeln mehr in der Lage ist. Gehandelt wird nach Maßgabe ökonomischer bzw. politisch-ökonomischer Partialinteressen. Das Resultat ist die Zunahme – nicht der Abbau – der dem Imperialismus innewohnenden Widersprüche. Dieser erweist sich als unfähig – nicht zufällig, sondern konstitutionell – auch nur ein einziges der die Menschheit heute bedrohenden Probleme zu lösen: Hunger, Krankheit, Verelendung, Krieg und Gewalt, Ungleichheit und Ausbeutung, die Zerstörung der Natur. Ja, er erscheint mehr und mehr außerstande zur Lösung auch von Problemen, die im Grunde in seinem ureigenen Interesse liegen. Darin liegt das eigentlich Gefährliche. Zunehmend verliert der Imperialismus die Fähigkeit zu seiner eigenen gesamtgesellschaftlichen Reproduktion. So nimmt er zu Handlungen seine Zuflucht, deren Folgen er im vollen Umfang weder einzuschätzen noch zu kontrollieren vermag. Der Imperialismus untergräbt damit tendenziell seine eigene Reproduktion. Er produziert ständig seine eigenen Totengräber, auch wenn diese Totengräber, anders als das klassische Proletariat, kein Bewußtsein ihres historischen Orts mehr besitzen und zunehmend zu Mitteln selbstzerstörerischen Widerstands ihre Zuflucht nehmen. D.h., der Imperialismus erzeugt seine Negation in der Form einer Gegnerschaft, die selbst vom Irrationalen gezeichnet ist, meist planlos und fanatisiert zurückschlägt. Auf die Irrationalität des Widerstands reagiert der Imperialismus wiederum in einer Spirale eskalierender Gewalt, deren Ende nicht absehbar ist, die ein katastrophisches Finale befürchten läßt. Die globale Herrschaft des imperialistischen Kapitals ist sicher vorstellbar, doch nicht anders denn als Herrschaft des Schreckens. Wenn das Kapital, wie Marx in seiner Hauptschrift sagt, „von Kopf bis Zeh, aus allen Poren, blut- und schmutztriefend“ zur Welt gekommen ist (MEW, Bd. 23, 788), so wird es in keiner anderen Gestalt die Welt auch wieder verlassen. Die Gefahr besteht, daß es die gesamte menschliche Zivilisation in seinen Untergang hinein reißt.

(9) Es gibt also gute Gründe – eine Reihe von Gründen –, vom konstitutionellen Irrationalismus des Imperialismus als gesellschaftlicher Formation zu sprechen. Der Irrationalismus ist Bewußtseinsform des Imperialismus in einem notwendigen Sinn; notwendig, weil mit dem Daseinsgesetz dieser Gesellschaft unlösbar verbunden. Er ist der bewußtlose Ausdruck der Irrationalität gegebener gesellschaftlicher Verhältnisse. Diese produzieren Irrationalismus als das ihnen gemäße Bewußtsein. Sie produzieren solches Bewußtsein auf allen Ebenen und in allen Gestalten des Bewußtseins, die sie hervorbringen. Der Irrationalismus ist also in einem bestimmten Sinn die dieser Gesellschaft angemessene Vernunftform, ihre adäquate ideologische Gestalt. Er ist der Geist geistloser Zustände, die Vernunft einer widervernünftigen Welt. In diesem spezifischen Sinn aber ist er nicht nur Ausdruck von Unwahrheit, sondern er vermag auch, unter bestimmten Bedingungen und in bestimmter Form, Wahrheit verkörpern. Das bedeutet, der Irrationalismus ist in bestimmten Grenzen wahrheitsfähig. Seiner kritischen Geschichtsschreibung kann es deshalb nicht nur um den Nachweis seiner Unwahrheit, sondern muß es zugleich auch um das Ausarbeiten seiner Wahrheit gehen.

(10) Der Irrationalismus ist die adäquate Vernunftform der imperialistischen Gesellschaft im Sinn expliziter wie impliziter Ideologien, also im Sinn ihres allgemeinen gesellschaftlichen Bewußtseins. Er durchdringt alle Bewußtseinsformen, die diese Gesellschaft hervorbringt: vom Alltagsbewußtsein über die Kulturindustrie bis in Kunst, Wissenschaft und große Theorie. Er entspricht damit der strukturellen Verfaßtheit dieser Gesellschaft auf allen ihren Ebenen Er geht aus ihren Alltagserfahrungen organisch hervor; in einer solchen Weise, daß von der Emergenz des Irrationalen in dieser Gesellschaft gesprochen werden muß.[30] Das bedeutet: auf der Ebene der Erfahrung ergibt sich die Widervernunft ‚wie von selbst’. Sie ist tägliche Erfahrung des Bewußtseins, die auch dem Urteil des common sense ungebrochen zugrunde liegt. Sie ist der Dünger, in dem die expliziten Ideologien des Irrationalen prächtig gedeihen, und es bedarf der größten Anstrengung des Begriffs, diesen aus der Erfahrung stammenden Schein zu durchbrechen. Eine rationale Welterklärung heute schwimmt nicht nur gegen den Strom der Zeit, sie hat mit dem Geist der Zeiten auch den Schein der Tatsachen gegen sich. Sie ist dem ideologischen Schein der imperialistischen Gesellschaft abzuringen.[31]

(11) Sind die Bewußtseinsformen, die die imperialistische Gesellschaft hervorbringt und in denen diese Gesellschaft sich spiegelt, mit Notwendigkeit solche der Irrationalität (zumindest der eingeschränkten Rationalität),[32] so wechseln freilich die Gestalten des Irrationalen – seine Inhalte wie seine Formen – mit der Geschichte des Imperialismus selbst. Am Beginn dieser Geschichte – die von der deutschen Romantik bis zur Postmoderne reicht – stehen andere als an ihrem Ende. Trotz einer dem Anschein nach amorphen Vielgestalt läßt sich in dieser Geschichte eine Reihe fester Motive, eine ideologische Grundkonstellation ausmachen, die allen ihren Gestalten gemeinsam ist; [33] in einer Weise, daß hier vom Irrationalen als einem historisch-logischen Schematismus[34] gesprochen werden kann. Der konstitutionelle Irrationalismus, dies ist meine Grundthese, liegt als historisch-logischer Schematismus der gesamten Kultur- und Geistesgeschichte des imperialistischen Zeitalters – der in diesem Sinn verstandenen Moderne –, liegt allen seinen geistigen Lebensäußerungen zugrunde, dem Alltagsbewußtsein wie den Künsten und der hohen Theorie, mögen sich die Träger dieser Lebensäußerungen dieses Tatbestands bewußt sein oder nicht. In einer ersten, stichwortartigen Liste sind, im Sinne einer Grundorientierung, folgende Motive zu nennen, die die ideologische Kernkonstellation des Irrationalismus – das Irrationale als Bewußtseinsform – konstituieren: ein erkenntnistheoretischer Agnostizismus und ontologischer Antirealismus (meist in der Form eines Anti-Materialismus), die Negation eines rational Allgemeinen, die Abwertung von Verstand und Vernunft, häufig verbunden mit dem Verweis auf diesen unzugängliche und übergeordnete Mächte oder Erfahrungen, die Inthronisation der Intuition als erstes Medium des Weltwissens, damit verbunden die Leugnung der Validität des wissenschaftlichen Wahrheitsbegriffs (in Extremfällen des Wahrheitsbegriffs überhaupt), das Leugnen rational verbindlicher (begründbarer und einsehbarer) ethischer, ästhetischer und politisch-rechtlicher Normen (so von Völker- und Menschenrecht), das Ersetzen rationaler Begründungen und begründeter Entscheidungen durch den dezisionistischen Akt, die Frontstellung gegen Aufklärung, Humanismus, Sozialismus, gegen rationalistisches Denken, wissenschaftliche Vernunft, Dialektik. Irrationalismus, so kann gesagt werden, heißt eine Weltauffassung und ein praktisches Verhalten, das die Erkennbarkeit und rationale Gestaltbarkeit (in Extremfällen auch die Existenz) objektiv gegebener (an-sich seiender, gesetzmäßig verfaßter) Wirklichkeit grundsätzlich leugnet, an die Stelle der Vernunft alogische Wesenheiten setzt (d. h. solche, die widervernünftig, der Vernunft prinzipiell unzugänglich, ‚höher als die Vernunft’ sind). im Sinn von Subjekt und Welt bestimmenden, also ontologisch determinierenden, sinnstiftenden Mächten.[35]

(12) Nicht nur der explizite Irrationalismus in der Philosophie und den Künsten, sondern auch andere dominante Formen bürgerlichen Denkens im 20. Jahrhundert sind in letzter Analyse dem genannten Schematismus verhaftet. Dies gilt für Positivismus und analytische Philosophie ebenso wie für den Existentialismus und die Ideologien des Absurden. Sind erstere Reduktionsformen der Rationalität, so letztere Reduktionsformen des Subjekts bzw. der Versuch, die Irrationalität des Ganzen der Gesellschaft in einen ontologischen Widersinn zu transformieren. Alle diese geistigen Formen haben gemein, daß sie an der Erkenntnis der gegenwärtigen Gesellschaft als strukturierter Totalität – als historisches Ensemble gesellschaftlicher Verhältnisse – scheitern oder, wie die analytische Philosophie seit Wittgenstein, in bewußter Entscheidung auf solche Erkenntnis verzichten. – Diese Problematik betrifft nicht nur die Theorie, sondern im gleichen Maß auch die Künste.

(13) Mit dem Begriff des logisch-historischen Schematismus ist keinem blinden Determinismus das Wort geredet. ‘Schematismus’ meint hier einen logisch-historischen Bedingungsrahmen – ein Gefüge von geschichtlich determinierenden Bestimmungen des Bewußtseins und Denkens –, in dem geistige Äußerungen stehen und zu dem sie sich verhalten, denen sie sich unterwerfen, die sie aber auch in einem bestimmten Grad überwinden können. Selbstverständlich gibt es rationales Denken auch in der imperialistischen Gesellschaft, doch sicher nicht ‚naiv’ – nicht ohne, daß sich dieses mit seinen ideologischen Bedingungen, zu denen der Irrationalismus zentral gehört, auseinandergesetzt, sie theoretisch und/oder ästhetisch verarbeitet hat. Ja, die Intensität solcher Verarbeitung bildet ein Kriterium für den Rang von Theorie und Kunst in der imperialistischen Epoche – für die klassische Moderne nicht weniger als für die Gegenwart[36]. Als Regel dürfte gelten, daß die Position eines bewußten Widerstands zum Imperialismus als Gesamtsystem – im gewissen Sinn: eine logisch-politische ‘Außenposition’ – die epistemische Bedingung dafür ist, dieses System als historisches Ensemble gesellschaftlicher Verhältnisse zu durchschauen und damit als „strukturierte Totalität“ (Leo Kofler) erkennen zu können. Nur eine im Prinzip oppositionelle Theorie kann den Gesamtprozeß noch als rationalen fassen, die Irrationalität des Ganzen rational diagnostizieren und damit auf den Begriff bringen. Von einer ‘Innenposition’ her, d. h. von der Position prinzipieller Akzeptanz der gegebenen Produktions- und Herrschaftsverhältnisse (wobei diese Akzeptanz kein bewußter Akt zu sein braucht) ist eine solche Erkenntnis nicht möglich. Dies, nicht der mangelnde Intellekt ihrer Vertreter ist der Grund dafür, daß es heute, soweit ich sehe, keine bürgerlichen Theorien der gegenwärtigen bürgerlichen Gesellschaft mehr gibt, die deren Komplexität zu erfassen vermögen (man sage mir nicht, ein Habermas oder Sloterdijk hätte eine solche Theorie geliefert). Alles, was es noch gibt, sind Theorien von Teilaspekten.

(14) Die Einsicht in den notwendigen Zusammenhang von imperialistischer Gesellschaft und Irrationalismus bedeutet nicht, daß das Irrationale ein in dieser Gesellschaft unaufhebbares Schicksal ist. Es kann, als Teil der Mechanismen der Gesellschaft, die es hervorbrachte, erkannt und durchschaut werden. Bedingung dafür freilich ist (als die Bedingung einer Möglichkeit, nicht als Garantie) eine bestimmte kognitive Haltung: die bewußte Opposition gegen den Imperialismus als Gesamtsystem. Eine solche Haltung ist heute zur Bedingung jeder Rationalität geworden, die mehr ist als Summe der gegebenen Partialrationalitäten – Bedingung für den Begriff der gegenwärtigen Gesellschaft als einer ganzen.[37]

2. Postmoderne, Irrationalismus und die ideologische Front des Neoliberalismus

Nach dem Gesagten kann kaum ein Zweifel daran bestehen, daß die Postmoderne in den Zusammenhang des Irrationalismus gehört. Die Negation des Allgemeinen und Universalen zugunsten einer partikularen Differenz, der programmatische Agnostizismus und das Theorem der Unerkennbarkeit der Welt, das Konzept der Wirklichkeit als Konstruktion, die Behauptung der Invalidität aller erkenntnistheoretisch-ontologischen, ethischen und ästhetischen Kernbegriffe (insbesondere der dialektischen Denkens), die Ablehnung jeder Art verbindlicher Normen, Ideale, Vorbilder, der programmatische Antirealismus, die These des disponiblen Subjekts, die Frontstellung gegen Rationalität, Wissenschaft, Aufklärung, Humanismus, Marxismus – an allen diesen Punkten ist der Irrationalismus an den Haaren zu greifen. Es ist also durchaus nicht zufällig, wenn die postmoderne Theorie bewußt und programmatisch an die Linie Schopenhauer, Kierkegaard, Nietzsche, Heidegger anschließt, in ihren aggressivsten Varianten (wie auch Manfred Frank notiert hat) auch auf Gedankenelemente eines Baeumler, Klages und Spengler zurückgreift, selbst wenn diese Traditionen weitgehend über den Umweg eines ‘neu-französischen’, ‘nach-poststrukturalistischen’ Irrationalismus angeeignet werden.[38] Ja Derrida bezeichnet es geradezu als philosophische „Pflicht“, „alles zu tolerieren, was sich nicht der Autorität der Vernunft fügt“ (zit. nach Seppmann 2000a, 270). Der zynische Schwindel im Umgang mit Wissenschaft, den Sokal und Bricmont bei namhaften Vertretern dieses Klubs aufgedeckt haben, ist also alles andere als zufällig – der postmoderne Unsinn hat Methode. Der implizite Irrationalismus der Postmoderne ist freilich nicht allein bei den sog. Meisterdenkern manifest. Er legt sich wie Mehltau über die gesamte gegenwärtige Kultur- und Bewußtseinsindustrie und droht, jede echte individuelle Artikulation zu ersticken. Mittlerweile reicht er von Talkshow und Feuilleton bis in die hehren Höhen von Bayreuth und Salzburg. Seine Exzesse feiert er im sog. Regietheater. Gerade auf dem Gebiet der Künste tritt die Leugnung der Verbindlichkeit ästhetischer wie ethischer Normen, gerade auch von verbindlichen Kriterien der Wertung, in besonders drastischer Gestalt zutage.

In der Geschichte des Irrationalismus freilich besitzt die Postmoderne eine in mancher Hinsicht besondere Gestalt. Sie besetzt hier einen bestimmten historischen Ort. War der traditionelle Irrationalismus politisch meist mit konservativen, oft auch profaschistischen Optionen verbunden, so artikuliert sich dieser neue Irrationalismus in der Regel radikal, gelegentlich auch (zumindest in der Rhetorik) kapitalismuskritisch und ‘links’. Seppmann hat diesen Sachverhalt als „Paradox“ der Postmoderne scharf herausgearbeitet: Diese setzt mit der Thematisierung von Krisenerfahrungen an, verschweigt aber deren reale Ursachen, bezieht sich positiv auf die Symptome eines radikalen sozio-kulturellen Wandels, lenkt jedoch von den sozio-strukturellen Konsequenzen ab (Seppmann 2000a, 189). Die Postmoderne, so läßt es sich auch sagen, geht aus von den Widerspruchserfahrungen der entwickelten imperialistischen Gesellschaft, ist jedoch unfähig (oder auch nicht willens: im Resultat läuft beides auf das Gleiche hinaus), diese Widerspruchserfahrungen auf den Begriff zu bringen. Sie scheitert beim Erfassen dieser Widersprüche. Von ihren Voraussetzungen her kann sie dazu auch gar nicht imstande sein: weder von den theoretischen Prämissen noch von der ihr zugrunde liegende logisch-historischen Position. Ich spreche von Scheitern, sofern sie noch ernsthaftes Denken und nicht nur Scharlatanerie und frivoles Spiel ist. Sie scheitert, so läßt sich sagen, an der Extremität dieser Widersprüche. Insofern ist sie Ideologie in einem sehr spezifischen Sinn: notwendig falsches Bewußtsein der entwickelten imperialistischen Gesellschaft. Dieser Punkt, meine ich, ist der Kern ihrer Genesis als Bewußtseinsform und ideologische Formation. In entwickelter und durchgesetzter Gestalt dann (im erläuterten Sinn einer Präsenz in allen gesellschaftlichen Bereichen) erfüllt sie die Funktionen, über die wir gesprochen haben und die im Effekt auf Affirmation und Stabilisierung imperialistischer Herrschaft hinauslaufen – ein Effekt, der um so wirksamer ist, weil er oppositionelle Potenzen integriert, in einer Weise, die keine offen affirmative oder gar konservative Ideologie zu leisten imstande wäre.

Es ist dieser Punkt, der noch einer abschließenden Erläuterung bedarf. Zu diesem Zweck beziehe ich mich auf einen Leitartikel von Ignacio Ramonet in der englischen Ausgabe von Le Monde diplomatique vom März 2002, „Die andere Achse des Bösen.“ . Ramonet schreibt:

„Wir müssen uns bewußt sein, daß der Neoliberalismus die Gesellschaftsordnung an drei Fronten angreift. Die ökonomische Front, die wichtigste, da sie die ganze Menschheit betrifft, steht unter der Leitung des Internationalen Währungsfonds, der Weltbank und der Welthandelsorganisation. Sie bilden die wirkliche Achse des Bösen. Dieses abscheuliche Triumvirat schafft umfassende Verheerungen und versucht, ein ökonomisches Programm durchzusetzen, das auf der Vorherrschaft des privaten Sektors und der Märkte wie des Profits beruht.

Die zweite Front ist ideologisch, und sie ist schweigsam und unsichtbar. Eine ganze Industrie gibt es, deren Ziel es ist, die Menschheit zu überzeugen, daß die Globalisierung universales Glück bringt. Diese Industrie benötigt die aktive Kollaboration der Universitäten und Forschungsinstitutionen sowie die Kooperation jener Medien, die von Journalisten weltweit kopiert werden. Bewaffnet mit Information, haben die ideologischen Krieger der Globalisierung eine Diktatur geschaffen, die von der schweigenden Komplizenschaft derer abhängt, die sie unterwirft.

Die dritte Front ist die militärische. (...).

Die Ära des Respekts für Menschenrechte ist vorbei. Die IWF /Weltbank/WHO–Achse des Bösen hat bislang ihre wahre Natur versteckt. Jetzt zeigt sie, was sie wirklich ist.“

Das Zitat war notwendig, weil der Text in äußerst präziser Form den Zusammenhang skizziert, in dem die Postmoderne als Bewußtsein und ideologische Formation ihre Wirkung entfaltet. So lautet meine These (ich bin mir sicher, daß von allen hier vorgetragenen Gedanken dieser mit der geringsten Akzeptanz zu rechnen hat), daß die Postmoderne Teil ist – versteckt, aber desto wirkungsvoller – der ideologischen Front der neoliberalen Offensive, vielleicht sogar ihr zentraler Teil. Die Postmoderne, meine ich, ist die adäquateste Bewußtseinsform des global expandieren Imperialismus, seiner avanciertesten, ‚progressivsten’ Fraktion.[39]

Es wird einzusehen sein, daß alle direkt-affirmativen, insbesondere traditionell-konservativen Apologien der imperialistischen Expansion angesichts der Härte der produzierten Widersprüche mehr und mehr disfunktional geworden sind. Nur Ideologien, die diese Widersprüche und die mit ihnen verbundenen Erfahrungen der Krise und Entfremdung aufnehmen und verarbeiten (wie scheinhaft auch immer), haben die Chance auf weite Akzeptanz und Wirksamkeit. Der christliche Fundamentalismus der Bush-Fraktion etwa, wie andere offen reaktionäre und protofaschistische Ideologien, so gefährlich sie in bestimmten Lagen immer wieder sein mögen, ist im Grunde historisch obsolet. Die neoliberale Expansion benötigt Ideologien, die (wenn auch in einem rein formalen Sinn) einer globalen Demokratisierung das Wort reden, die Verschiedenheit der Kulturen und Vielfalt der Lebensstile akzeptieren – rassistische Theoreme sind dem avancierten Kapital heute hinderlich. Seine Idealgestalt ist die Figur des ewigen Konsumenten: des Käufers, dem das Geld nie ausgeht, und im globalen Supermarkt sind wir alle gleich.[40] Das neoliberale Prinzip der Gleichheit ist unmittelbar ein ökonomisches: es ist identisch mit dem des Tauschwerts. So wenig dieser Rassen kennt, so wenig kennt er Geschlechter. Die Gleichstellung der Frau ist, wiederum in einem rein formalen Sinn, dem avancierten Kapital durchaus kompatibel. So bedarf dieses der Ideologien, die sowohl nicht-rassistisch als auch, in bestimmter Begrenzung, feministisch sind. Political correctness ist ein Kind ganz nach seinem Sinn. Das avancierte Kapital kann sich also mit gutem Gewissen und ohne Heuchelei demokratisch nennen – so lange Demokratie sich auf tauschwertförmige Gleichheit, die égalité der gleiche Waren konsumierenden Konsumenten beschränkt. Es zeigt seine Zähne, wenn die formal Gleichen mehr wollen als dies: gleiche Rechte, Mitsprache, Mitentscheidung, angemessene Anteile am erwirtschafteten Reichtum, Bildung, Wissen und Wahrheit, vielleicht sogar Demokratie als Volksherrschaft – die Volksrepublik – einklagen; wenn sich die gleichgemachten Demokraten als aufmüpfig: als Aufklärer, Sozialisten, gar Kommunisten aufzuspielen wagen. Die Maske der Gleichheit wird dann sehr schnell abgelegt, und das Kapital zeigt sich als das, was es von Beginn an ist: ein sehr wirkliches Monstrum, „von Kopf bis Zeh, aus allen Poren, blut- und schmutztriefend“ (MEW, Bd. 23, 788).[41]

Mit diesen Überlegungen befinden wir uns inmitten der Postmoderne. Sie erläutern, daß es sehr genau eine Ideologie wie die Postmoderne ist, der das avancierte Kapital bedarf: modern, schick, multi-kulti, politisch korrekt, ganz auf das Jetzt bezogen, ohne den Ballast der großen Erzählungen, der Geschichte und der Tradition, die Subjekte frei disponibel, flexibel und gewissenlos, mit Spiel und Spaß bei der Sache, Sex ohne Zwang, und doch auch mitreden könnend in Salzburg und Bayreuth (wenn man die Kohle hat), bei literarischem Quartett und philosophischer Talkshow, beim Geschwätz über die „Konstruktion des Humanen“, selbstverständlich „nach dem Humanismus“ (Jäger 2000), den Blick in eine Zukunft gerichtet, in der es „kein Weltbild mehr“ gibt und „kein Subjekt“, „die Differenz zwischen Körper und Bild“ verschwindet (Kruse 2004).

Sämtliche gedanklichen Kernelemente des Postmodernismus, so ließe sich zeigen, entsprechen exakt dem, was heute von einer Ideologie des avancierten Kapitals – einer Ideologie, die an der ideologischen Front der neoliberalen Globalisierung ihre Funktion optimal erfüllt – erwartet werden kann.[42] Sicher, die Komplizenschaft der Postmoderne mit der neoliberalen Offensive ist geheim – zur Funktionsweise dieser Ideologie gehört, daß sie geheim bleibt,[43] gehört der Gestus der Radikalität, der political correctness, gelegentlich auch als Ornament ein Stückchen Kapitalismuskritik. Aus dieser Komplizenschaft aber erklärt sich die Frontstellung: gegen Dialektik und Vernunft, gegen Utopien und Ideale, gegen die Erzählung, die geschichtlich erläutert und Zusammenhänge ins Bewußtsein trägt, gegen die Ableitung aus Gründen, gegen rationale Welterklärungen jeder Art. Diese Komplizenschaft erklärt vor allem die Feindschaft gegen Aufklärung und Kommunismus. Es ist die Feindschaft gegen die historischen Exponenten eines alternativen Lebensentwurfs.

Bibliographie

Adorno, Th. W., 1961. Noten zur Literatur II. Frankfurt a. M.

Ahmad, A., 1992. In Theory. Classes, Nations, Literatures. London, New York.

Ders., 1999. Reconciling Derrida: ‘Spectres of Marx’ and Deconstructive Politics. In: M. Sprinker (Hg.), Ghostly Demarcations. A Symposium on Jacques Derrida’s Specters of Marx. London, New York, 88-109.

Andersson, J. A., 2004. Imperialismus. In: Haug 2004, 848-864.

Droit, R.-P., 2004. Deconstructing Lacan Word by Word. La „Tapeuse“ de Lacan by Maria Pierrakos. Guardian Weekly, Jan. 29-Feb. 4.

Ferry, L./Renaut, A., 1987. Antihumanistisches Denken. Gegen die französischen Meisterphilosophen. München.

Eagleton, T., 1997. Die Illusionen der Postmoderne. Stuttgart.

Garo, I., 2004. Ideologe. In: Haug 2004, 680-689.

Gramsci, A., 1971. Selections from the Prison Notebooks. New York.

Gerlach, R./Richter, M. (Hg.), o. J. Peter Weiss im Gespräch. Frankfurt a. M.

Hahn, E., 1999. Zur Kritik der Postmoderne. In: Z. Zeitschrift marxistische Erneuerung, 38, 175-190.

Ders., 2004. Zur Aktualität der Irrationalismus-Kritik von Georg Lukács. In: Marxistische Blätter, 6, 27-37.

Habermas, J., 1985. Der philosophische Diskurs der Moderne. Frankfurt a. M.

Haug, W. F., 2003. High-Tech-Kapitalismus. Analysen zu Produktionsweise, Arbeit, Sexualität, Krieg und Hegemonie. Hamburg.

Ders. (Hg.), 2004a. Historisch-kritisches Wörterbuch des Marxismus, Bd. 6/I.

Ders., 2004b. Historisch-kritisches Wörterbuch des Marxismus, Bd. 6/II.

Holz. H. H., 1985. Georg Lukács und das Irrationalismus-Problem. In: Buhr, M./Lukács, J. (Hg.), Geschichtlichkeit und Aktualität. Berlin.

Huyssen, A./Scherpe, K. (Hg.), 1993. Postmoderne. Zeichen eines kulturellen Wandels. Reinbek.

Jäger, L.., 2000. Der Buchstabe macht lebendig. Nach dem Humanismus: Peter Sloterdijk, Michel Houellebecq, Alain Finkelkraut und Peter Weibel diskutieren im ZKM. Frankfurter Allgemeine Zeitung Nr. 104 vom 5. Mai.

Jameson, F., 1993. Postmoderne – zur Logik der Kultur im Spätkapitalismus. In: Huyssen/Scherpe, 45-102.

Kemper, R., 1996. Il était un petit navire... Zur Archäologie der Narrenschiff-Phantasien Michel Foucaults. Frankfurt a. M., New York.

Kopp, H./Seppmann, W., 2002. Gescheiterte Moderne? Zur Ideologiekritik des Postmodernismus. Essen.

Kornelius, S., 2004. Ein klassischer Underdog. Stark und schwach, kontrolliert und getrieben: Bill Clinton. In: Süddeutsche Zeitung v. 22. Juni.

Kruse, C., 2004. Bilder an die Macht. Wissenschaftler aller Disziplinen feiern den „Iconic Turn“. In: Süddeutsche Zeitung v. 5./6. Juni 2004.

Kurzke, H., 1989. Keine Wahrheiten, nur Geschichten. In: FAZ, 6. März 1989.

Larrain, J., 1994. Ideology and Cultural Identitiy. Modernity and the Third World Presence. Cambridge/Mass.

Lukács, G., 1954. Die Zerstörung der Vernunft. Berlin.

Ders., 1968. Geschichte und Klassenbewußtsein. Neuwied.

Mann, Thomas, 1994. Doktor Faustus. Das Leben des deutschen Tonsetzers Adrian Leverkühn erzählt von einem Freunde. Frankfurt a. M.

Marcuse, H., 1967. Der eindimensionale Mensch. Studien zur Ideologie der fortgeschrittenen Industriegesellschaft. Neuwied und Berlin

Marx, K./Engels, F., 1970ff. Werke (MEW). Berlin.

Metscher, Th., 1984a. Anmerkungen zum Ideologiebegriff des Marxismus und zum Ideologiebegriff des ‚Projekts ‚Ideologie-Theorie’. In: Holz, H. H. u. a. (Hrg.), Marxismus, Ideologie, Politik. Frankfurt a. M.

Ders., 1985. Grundlagen und Probleme einer materialistischen Hermeneutik der Literatur. In: Pasternack, G., (Hg.), Erklären, Verstehen, Begründen, 196-222. Bremen.

Ders., 1989. Herausforderung unserer Zeit. Zur Philosophie und Literatur der Gegenwart. Düsseldorf.

Ders., 1992. Pariser Meditationen. Zu einer Ästhetik der Befreiung. Wien.

Ders., 1999. Ästhetik und Mimesis. In: Metscher, Th. u. a., Mimesis und Ausdruck. Köln, 9-109.

Ders., 2002a. Zivilgesellschaft und postmodernes Bewußtsein. In: Kopp/Seppmann 2002, 145-75.

Ders., 2002b. Logos und Episteme. Die Einheit der Vernunft und die Gestalten des Wissens. In: Topos, 20, 49-76.

Ders., 2002c. Welt im Spiegel. In: Sandkühler, H. J. (Hg.), Welten in Zeichen – Sprache, Perspektivität, Interpretation. Frankfurt a. M., 77-118.

Ders., 2004a. Mimesis. Bielefeld, 2. Aufl.

Ders., 2004a. Europa und die Gewalt. In: Paech. Norman u.a. (Hrg.), Völkerrecht statt Machtpolitik. Beiträge für Gerhard Stuby. Hamburg, 205-225.

Ders., 2005a. Der Zerfall des Bewußtseins in der imperialistischen Gesellschaft. Ersch. Marxistische Blätter.

Ders., 2005b. Irrationalismus und imperialistische Gesellschaft. Ersch. Marxistische Blätter. Flugschriften.

Radewald, E., 2003. Rezension von Kopp/Seppmann 2002. In: Z. Zeitschrift marxistische Erneuerung, 55, 216-218.

Rehmann, J., 2004. Ideologietheorie. In: Haug 2004, 717-760.

Ders., 2004. Postmoderner Links-Nietzescheanismus. Deleuze & Foucault. Eine Dekonstruktion. Hamburg.

Reitz, T., 2004. Ideologiekritik. In: Haug 2004, 689-717.

Sandkühler, H. J. 1973. Praxis und Geschichtsbewußtsein. Frankfurt a. M.

Schirrmacher, F. (Hg.), 2001. Die Darwin AG. Wie Nanotechnologie, Biotechnologie und Computer den neuen Menschen träumen. Köln.

Schweicher, R., 1997. St. Werners wackere Attacke gegen Rädelsführer „der ‘Postmoderne’„ und andere herrschaftsideologische Bösewichter. In: Z. Zeitschrift marxistische Erneuerung, 32, 183-200.

Seppmann, W., 1993. Subjekt und System. Zur Kritik des Strukturmarxismus. Lüneburg.

Ders., 1995. Dialektik der Entzivilisierung. Krise, Irrationalismus und Gewalt. Köln.

Ders., 1997. Die „Postmoderne“ als Realität und Ideologie. In: Z. Zeitschrift marxistische Erneuerung, 31, 148-161.

Ders., 2000a. Das Ende der Gesellschaftskritik? Die ‚Postmoderne’ als Realität und Ideologie. Köln.

Ders., 2000b. Paradoxien einer ‚postmodernen’ Ethik. In: Marxistische Blätter, 1, 15-23.

Ders., 2001. Was heißt heute ‘herrschendes Denken’? In: C. Jünke (Hg.), Am Beispiel Leo Koflers. Marxismus im 20. Jahrhundert. Münster, 165-181.

Ders., 2002a. ‘Gescheiterte Moderne?’ Das ‘Postmoderne Denken’ als Krisenideologie. In: Kopp/Seppmann 2002, 176-190.

Ders., 2002b. Das hilflose Subjekt. Artikulationsprobleme kritischer Gesellschaftstheorie. In: Marxistische Blätter, 6, 81-87.

Ders., 2004a. Die Aktualität der Entfremdungstheorie. In: Marxistische Blätter, 1, 98-102.

Ders., 2004b. Kultur der Anpassung. In: Marxistische Blätter, 2, 19-27.

Sokal, A./Bricmont, J., 1999. Intellectual Impostures. Postmodern Philosophers’ Abuse of Science. London (deutsch München 1999).

Wood, E. M./Foster, J. B., 1997. In Defense of History. Marxism and the Postmodern Agenda. New York.

Wood, E. M., 1997. What is the ‘Postmodern’ Agenda? In: Wood/Foster 1997, 1-16.

Wucherpfennig, W. 1988. We don’t need no education. Foucault und die poststrukturalistische Germanistik. In: Germanistik und Deutschunterricht im Zeitalter der Technologie. Selbstbestimmung und Anpassung. Vorträge des Germanistentages Berlin 1987. Tübingen, 162-74.

[1] Dazu gründlich und informativ Hahn 1999.

[2] Seppmann spricht von einem dem postmodernen Denken zugrunde liegenden Kern von „Prämissen und Basisüberzeugungen“, die „den Denkprozeß einengen und ihn inhaltlich präjudizieren“ (Seppmann 2002a, 177).

[3] Dies geschieht in einer Reihe von Arbeiten, vor allem Seppmann 2000a (die Vorarbeiten sind in der Bibliographie verzeichnet), 2000b, 2001, 2002a. In einem weiteren Sinn gehören auch folgende Arbeiten in das behandelte thematische Feld: Seppmann 1993, 1995, 2002b, 2004a, 2004b. In ihrer Gänze genommen, stellen diese Arbeiten die gründlichste marxistische Kritik der Postmoderne dar, die im deutschen Sprachraum bislang erschien.

[4] Es ist deshalb sehr bedauerlich, daß die Quellennachweise sämtlicher Zitate fehlen. Trotz seiner weitgehend essayistischen Form handelt es sich hier um ein Grundlagenwerk, und mit einem solchen wird – und muß – gearbeitet werden. Dafür aber sind exakte Quellennachweise unerläßlich. Der Mangel sollte bei einer Neuauflage unbedingt behoben werden.

[5] Beide Begriffe sind hier verwendbar. Sie entsprechen dem, was Wood/Foster „die postmoderne Agenda“ („the postmodern agenda“) nennen (Wood/Foster 1977).

[6] Inwieweit ein ontologischer Antirealismus (die Leugnung der Existenz einer an-sich seienden, also menschenunabhängigen, objektiv gegebenen Wirklichkeit) tatsächlich durchgehalten werden kann, ist eine Frage, die nicht nur den Postmodernismus, sondern den radikalen Konstruktivismus und die antirealistischen Varianten analytischer Philosophie in gleichem Maße betrifft. Postmoderne Theorien, so scheint mir, fluktuieren im Spielraum der Nichterkennbarkeit, Irrelevanz/Bedeutungslosigkeit und Nichtexistenz objektiv gegebener Welt. Den Paradoxien des ontologischen Antirealismus weichen sie in der Regel durch Rhetorik aus.

[7] Dazu sehr deutlich Wood 1997, insbes. 5. In seiner extremsten Version, argumentiert Wood, fallen im Postmodernismus Sprache und Gesellschaft zusammen. „Die Gesellschaft ist Sprache; es gibt kein externes Wahrheitskriterium, noch einen externen Bezugspunkt des Wissens außerhalb der spezifischen ‚Diskurse‘, die wir einnehmen.“ (loc. cit.). Am Beispiel von Foucault hat Wucherpfennig in einer zu Unrecht kaum beachteten Arbeit diesen Sachverhalt überzeugend nachgewiesen. „Da Foucault (...) voraussetzen muß, daß es keine vorsprachliche gesellschaftliche Realität gibt, gibt es auch keine Möglichkeit, sie in zunehmender Objektivität zu erkennen.“ (Wucherpfenning 1998, 163)

[8] Sokal/ Bricmont 1999 ist vielleicht das treffendste Beispiel dafür.

[9] Schweicher 1997; vgl. dazu Seppmann 1998, Hahn 1999. Schweicher bezieht sich auf Seppmanns ersten Entwurf seiner Postmodernekritik (Seppmann 1997), der auch seinem Buch von 2000 den Titel gibt.

[10] In diesem Sinn argumentiert auch Radewald in seiner Rezension von Kopp/Seppmann 2002 (Radewald 2003).

[11] Zwar findet sich in Schweichers Essay eine Fülle von Andeutungen, die auf die Existenz solcher Differenzierungen hinweisen, doch nirgendwo der argumentativ geführte Nachweis, daß es sie denn auch gibt und worin sie bestehen. So lange ein solcher Nachweis nicht geleistet ist, bleibt die Behauptung eines positiven theoretischen Gehalts der Postmoderne leer. Angemerkt sei, daß die mir bekannte kritische Literatur zur Postmoderne, auch wo sie sich mit Einzeltheorien, einzelnen Texten und Autoren auseinandersetzt, die Seppmannschen Befunde in allen wesentlichen Punkten stützt (so Ferry/Renaut 1987, Gedö 2002, Eagleton 1997, Kemper 1996, Sokal/Bricmont 1999, Wood/Foster 1997, Wucherpfennig 1988, in den Kernargumenten auch Ahmad 1992 u. 1999, Habermas 1985; vgl. weiter Rehmann 2004a, 748, Reitz 2004, 713, Droit 2004). Auch das kluge, philologisch differenziert argumentierende Buch von Rehmann zu Deleuze und Foucault (Rehmann 2004b) bestätigt in den Kernargumenten die hier vorgetragene kritische Position, wenn es auch in seinen Schlußfolgerungen eine merkwürdige Vorsicht walten läßt. Die ideologisch affirmative, im Effekt herrschaftsstabilisierende Funktion des postmodernen Denkens bleibt in dieser Deutlichkeit unthematisiert, obwohl Rehmanns Analysen eine solche Funktion nahe legen. Zu sagen, daß der Kaiser nackt ist, fehlt dem Verfasser doch wohl der Mut. So wird die intendierte „herrschafts- und ideologiekritische Entzifferung“ (op. cit., 25) nur in Teilen eingelöst.

[12] Zu Derrida als Ausnahme vgl. Ahmad 1999.

[13] Die polemische Kritik steht heute nicht hoch im Kurs. Deshalb soll erinnert sein, daß sie eine legitime literarisch-theoretische Form mit eigener Geschichte ist. Auch die Heilige Familie, die Deutsche Ideologie, Das Elend der Philosophie und Teile des Kommunistischen Manifests sind polemische Kritiken, wie auch Marx’ frühe Hegel-Kritiken von polemischen Zügen nicht frei sind. In Lenins Konspekten zu Hegel dagegen fehlt die Polemik ganz. In einer Zeit, die Hegel als toten Hund behandelte, wäre sie fehl am Platze gewesen. Lenin ging es um die Rettung der Hegelschen Philosophie durch das Herausarbeiten des Gültigen in ihr.

[14] Das hier angesprochene Problem ist, wenn ich recht sehe, erstaunlicherweise im Marxismus bislang wenig thematisiert. In den fast hundert dichten Seiten zur Ideologieproblematik in Haug 2004 taucht es nicht einmal als Fragestellung auf (vgl. Garo 2004, Rehmann 2004, Reitz 2004). Dies hat sicher seine Ursache im von Herausgeber und Redaktion vollzogenen ‚Paradigmenwechsel’ „vom Wahr-falsch-Gegensatz zur Analyse der Wirkungsweise“ von Ideologien (Rehmann 2004, 718), im Anschluß an Althusser und eine bestimmte Gramsci-Rezeption. Damit aber fällt die gesamte Frage des Inhalts von Bewußtseinsformen und ideologischen Praxen (die stets an Bedeutungen gebunden sind und damit immer auch ‚Inhalte’ transportieren) unter den Tisch. Der Preis ist hoch, wenn die Ideologietheorie „Abstand von Wahrheitsfragen“ nimmt (Reitz 2004, 692). Unreflektiert bleibt, daß es sich bei dem ‚Paradigmenwechsel’ um eine falsche Alternative handelt; ein Mangel, der um so bedauerlicher ist, weil die Artikel über weite Strecken gründlich und informativ sind. Vom Herausgeber abweichende Meinungen freilich werden so wenig diskutiert (sie sind nicht einmal bibliographisch verzeichnet) wie die seit langem vorliegenden Einwände (so Metscher 1984) gegen den Ideologiebegriff des Projekts Ideologietheorie.

[15] Das hier angesprochene Verhältnis läßt sich als ein solches von Homogenität und Heterogenität in Bewußtseinsformen beschreiben. Da das Problem bislang wenig thematisiert ist, bedarf es noch einer genauen und vorsichtigen theoretisch-begrifflichen Ausarbeitung.

[16] Bei einem der Stammväter postmodernen Denkens, Heidegger, habe ich eine differenzierte Auseinandersetzung im Rahmen einer ontologisch-anthropologischen Grundlegung zu leisten versucht (vgl. Metscher 1989, 59-168).

[17] Sie ist unabdingbar für das, was ich einen integrativen Marxismus nenne, d. h. einen solchen, der die Wahrheitsmomente auch solcher Theorien erkennt und aufnimmt, die sich in der Grundposition im deutlichen Gegensatz zu ihm befinden. Dazu Näheres in Der Logos des Wirklichen (ersch. Frankfurt a. M., Herbst 2005).

[18] Die klassische griechische Philosophie, die Scholastik, die Aufklärung, die klassische deutsche Philosophie bilden Formationen von großer Geschlossenheit und mit einem durchaus homogenen ideologischen Substrat – wie groß aber sind innerhalb dieser Formationen die Differenzierungen im Einzelnen, d. h. zwischen den Denkern und ihren Theorien. Gleiches läßt sich auch von modernen Philosophien behaupten – man denke an die analytische Philosophie, den Positivismus, den Existentialismus, die Hermeneutik –, ja das Modell eines homogenen Substrats und individueller Differenzierung ist auch auf den Marxismus anwendbar (man denke an die Differenzen zwischen Theoretikern wie Bloch, Gramsci, Lukács, Brecht). Die Problematik des ‚pluralen Marxismus’ (Haug), über das vor nicht allzu lange Zeit noch heftig gestritten wurde, könnte mit Hilfe eines solchen Modells differenzierter begründet werden als bisher geschehen.

[19] Um so bedauerlicher ist es, daß eine solche Ausarbeitung erst in Ansätzen vorliegt. Vgl. Metscher 1985, 1999, 2002b, 2002c, 2004a, Sandkühler 1973. In Haug 2004a wird das Problem nicht einmal als Fragestellung erfaßt, vorliegende Literatur nicht zur Kenntnis genommen (vgl. Artikel ‚Hermeneutik’, op. cit.,63-82) – erstaunlich bei einem Werk, das sich als Monument eines ‚pluralen Marxismus’ versteht.

[20] Die bisher vorliegenden Versuche einer ‘Versöhnung’ des Marxismus mit der Postmoderne sind, selbst bei Autoren vom Rang Francis Jamesons und Robert Weimanns, nicht sonderlich überzeugend ausgefallen.

[21] Die deutsche Übersetzung ihres Buchs (Eleganter Unsinn, München 1999) entschärft die polemische Härte des Originals: Intellectual Impostures. ‘Imposture’ heißt Schwindel, Betrug, ein ‘impostor’ ist ein Betrüger, Schwindler, man kann auch sagen ein Scharlatan.

[22] Die Existenz bedeutender philosophischer Texte im Rahmen des sog. Poststrukturalismus ist grundsätzlich so wenig zu bestreiten wie die Existenz solcher Texte im Rahmen der modernen bürgerlichen Philosophie insgesamt. Daß Nietzsche, Heidegger, Wittgenstein (um nur die prominentesten zu nennen) bedeutende Denker waren, steht völlig außer Frage (was einschließt, daß ihre Theorien Wahrheitsmomente besitzen). Dennoch ist die Kritik an ihnen, auch schärfste Kritik, nicht nur geboten, sondern geradezu conditio sine qua non eines erneuerten Marxismus.

[23] Dazu Metscher 2002a.

[24] Aus Raumgründen beschränke ich mich auf eine Reihe konzentrierter Thesen. Nähere argumentative Erläuterungen finden sich in folgenden Arbeiten: Metscher 1989, 14-58, 1992, 2002a, insbesondere 2005a, 2005b.

[25] Worunter er versteht: „Verschwendung und Restriktion der Produktivität, das Bedürfnis nach aggressiver Expansion, die beständige Bedrohung durch Krieg, verschärfte Ausbeutung, Entmenschlichung.“(loc. cit.)

[26] Zu diesem Begriff vgl. Metscher 2004b.

[27] Vgl. dazu den Begriff ‚High-Tech-Kapitalismus’ bzw. ‚hochtechnologische Poduktionsweise’ (Haug 2004a, 435-450).

[28] Frank Schirrmacher, der Oberguru der eingeborenen progressiven Intelligenz, spricht mit Blick auf Gen- und Nanotechnologie von der „dritten industriellen Revolution“, die „alle bisherigen Entwicklungssprünge der menschlichen Zivilisation übertreffen wird“ (Schirrmacher 2001, 1).

[29] Gerlach/Richter, 186, 202.

[30] Von lat. emergo, aufkommen, emporkommen, zum Vorschein kommen, sich herausarbeiten (engl. to emerge, emergence).

[31] Zu der Begriffstrias ‚Lüge, Trug und ideologischer Schein’ vgl. Metscher 2005a/b.

[32] Diese Differenzierungen sind in der weiteren Ausarbeitung näher zu erläutern.

[33] Es ist Lukács’ unbestreitbares Verdienst, in Die Zerstörung der Vernunft die Kontinuitätslinie dieser Geschichte herausgearbeitet zu haben. Heute ist die Argumentation von Lukács aufzunehmen und in die Gegenwart hinein weiterzuführen. Dabei werden seine Urteile und Wertungen überprüft, ggf. differenziert und revidiert werden müssen. Dies wäre Teil eines noch auszuarbeitenden Forschungsprogramms zum Thema Irrationalismus.

[34] Es handelt sich um einen logischen Schematismus, der seine geschichtlichen Gründe besitzt und in wechselnden geschichtlichen Formen auftritt.

[35] Lukács nennt in der Zerstörung der Vernunft als „Motive, die wir bei so gut wie jedem Irrationalisten wiederfinden“: „Herabsetzung von Verstand und Vernunft, kritiklose Verherrlichung der Intuition, aristokratische Erkenntnistheorie, Ablehnung des gesellschaftlich-geschichtlichen Fortschritts, Schaffen von Mythen“ (Lukács 1973/74, I, 15). Daran anschließend sieht Holz die Spezifik des Irrationalismus darin, die rationale Erkenntnisbeziehung zur Wirklichkeit zu „unterbrechen und sich auf eine intuitionistische, dezisionistische oder agnostische Autonomie des Subjekts“ zurückzuziehen (Holz 1985, 65). Daß diese Bestimmungen ausreichen, um vom heutigen Standpunkt den Irrationalismus in seinem ganzen Umfang zu erfassen, ist kaum zu erwarten (dazu auch Hahn 2004). Ein entwickelter Begriff des Irrationalismus kann erst Resultat weiterer ideologiegeschichtlicher Forschungen wie theoretischer Untersuchungen sein.

[36] In der Geschichte der Künste denke ich an eine Linie, die im Grunde schon mit Goethe (Faust) beginnt, im 19. Jahrhundert über Wagner, Baudelaire, Conrad und Mahler zur beginnenden Moderne führt, im Werk Thomas Manns, aber auch bei Eliot, Faulkner, Schostakowitsch, Picasso, García Márquez, Brecht, Weiss (u.a.) ihren Höhepunkt erreicht.

[37] Dies soll nicht heißen, daß nur von einer marxistischen Position gesamtgesellschaftliche Rationalität heute zugänglich ist (eine solche Auffassung wäre so arrogant wie unsinnig). Bewußte Opposition gegen den Imperialismus ist auch von nichtmarxistischen Positionen her möglich (so von bestimmten Formen christlichen Denkens), die marxistische Opposition ist nach Meinung des hier Schreibenden allein die konsequenteste, theoretisch komplexeste und so auch umfassendste.

[38] Dazu Seppmann 2000a, 267-274.

[39] Dazu treffend Larrain 1994: „Keine andere ideologische Form scheint besser geeignet als der Postmodernismus, das System als ganzes zu verteidigen, denn er macht Chaos, verwirrende Änderung und endlose Fragmentierung zum normalen und natürlichen Zustand der Gesellschaft.“ Vgl. auch Eagleton 1997, Jameson 1993, Rehmann 2004, 748.

[40] In Bezug auf alltägliche Erfahrung und Bewußtsein ist die neue ökonomische Formation in José Saramagos Roman Das Zentrum meisterhaft thematisiert, nicht zuletzt auch im Hinblick auf die Möglichkeit von Widerstand und Befreiung. Die gesellschaftlich-analytische Durchdringung und utopische Perspektive unterscheidet diesen Autor wohltuend von der Masse der heute verbreiteten angeblich kapitalismuskritischen Literatur, die über die Position einer leeren, meist zynisch-nihilistisch getönten Negation nur selten hinauskommt. Diese Feststellung gilt im vollen Umfang leider auch für Elfriede Jellinek.

[41] In diesem Zusammenhang sei erinnert, was heute nur allzu leicht vergessen wird: der Kosovo-Krieg wurde nicht von der Bush-Administration, sondern von Clinton im Zusammenspiel nicht nur mit dem bellizistischen Blair, sondern gerade auch mit den friedliebenden Europäern, den Schröders, Fischers, Chiracs und Solanas geführt, und der Krieg gegen Jugoslawien war völkerrechtlich nicht weniger verbrecherisch als die Invasion des Irak. Sehr zutreffend hat Stefan Kornelius in der Süddeutschen Zeitung Clinton einen „Pop-Politiker, (...) Prototyp des postmodernen homo politicus“ genannt (Kornelius 2004).

[42] Wem nutzen – nach dem trefflichen Kriterium des cui bono? gesprochen – Antirealismus, Agnostizismus und Vernunftfeindlichkeit, das Theorem der Unerkennbarkeit der Welt (logischerweise auch der kapitalistisch verfaßten), das Leugnen der Wahrheitskategorie, der Konzepte von Utopie und menschlicher Würde, der Geltung universaler ethisch-politischer und rechtlicher Normen (also von Menschenrecht und Völkerrecht), die Denunziation von Aufklärung, Humanismus, Sozialismus und selbstbewußter Subjektivität? Sicher weder denen, die die Verhältnisse umwerfen wollen, „in denen der Mensch ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes, ein verächtliches Wesen ist“ noch denen, die von diesen Verhältnissen betroffen sind. Nutznießer solcher Theorien können nur die sein, die an der Nichtveränderbarkeit der Verhältnisse ein Interesse haben.

[43] Vgl. dazu meine Ausführungen zu den Kategorien ‚Lüge, Trug und ideologischer Schein’ in Metscher 2005a/b. In einem gewissen Sinn hat die Postmoderne eine ‚Smokescreen’-Funktion (‚smokescreen’ heißt Rauchvorhang, Vernebelung, Deckmantel): der Erzeugung eines theoretischen Scheins, hinter der das globale Kapital ungestört von Einwänden und Interventionren seinen weltbeglückenden Geschäften nachgehen kann.

Dieser Artikel ist erschienen in Z. Nr. 62, Juni 2005