Z. Zeitschrift Marxistische Erneuerung Nr. 62, Juni 2005 - http://zeitschrift-marxistische-erneuerung.de/topic/55.ausgabe-62-juni-2005.html

Nationaler Sozialismus? Volksstaat?

Anmerkungen zu Götz Aly

Manfred Weißbecker

Das hier zu besprechende Buch[1], dessen Erscheinen mit einer „advertising campain“[2] sondergleichen verbunden war, hat mit seinen teils ungewöhnlichen, teils provozierenden Behauptungen viel Staub aufgewirbelt.[3] Einer der entscheidenden Sätze des vorliegenden Buches findet sich auf S. 345: „Die Sorge um das Volkswohl der Deutschen bildete die entscheidende Triebkraft für die Politik des Terrorisierens, Versklavens und Ausrottens.“ Insofern müsse, so wird behauptet, der Holocaust als der konsequenteste Massenraubmord der modernen Geschichte analysiert werden, und es sei in erster Linie von den vielen Vorteilen für die Millionen einfacher Deutscher zu reden, um den Judenmord, die Stabilität der Herrschaft des Nationalsozialismus sowie deren gut gefüllte „Kriegskasse“ erklären zu können. Die gedankliche Nähe zum bekannten Diktum Max Horkheimers ist programmatisch: So soll von den Deutschen und ihrem relativen Wohlergehen im „sozialistischen Volksstaat“ des Dritten Reiches geredet werden, nicht aber vom „Kapitalismus“. Volksstaat und Verbrechen seien eine Symbiose eingegangen. Eine spezifische Ausprägung bürgerlicher Sozialpolitik und der Idee eines Wohlfahrtsstaates erscheint als ausschlaggebender Hintergrund für den deutschen Faschismus.

Ganz im Sinne dieser erstaunlichen Schlussfolgerungen verwendet Götz Aly völlig unreflektierte und letzten Endes irreführende Begriffe und Selbstbezeichnungen der deutschen Faschisten, hinter die von den meisten Historikern bisher gewichtige Fragezeichen gesetzt worden sind und die wohl auch künftig nicht als Erklärung kausaler Zusammenhänge akzeptiert werden können. Es mag sein, dass der Vf. dies gespürt hat, unterzieht er sich doch nicht der Mühe definitorischer Erläuterung. Hinzu kommt, dass er kaum über den zeitlichen Rahmen des Zweiten Weltkrieges hinaus geht und keinerlei Einordnung seiner Befunde in die gesamte 25 Jahre währende Geschichte der NSDAP versucht. Belege für programmatische Äußerungen von deren Führern bleiben oft fern notwendiger quellenkritischer Fragestellungen. Konkrete Zeitumstände jeweils zitierter Äußerungen werden kaum untersucht, mitunter auch die in Alys Konzept passenden Bekundungen Hitlers nur nach Sekundärquellen zitiert.

Nützlich wäre beispielsweise gewesen, sich anzuschauen, wann und wie Hitler vor 1933 und vor Beginn des Krieges über den „Volksstaat“ geredet hat. In seinem Selbstverständnis galt Sozialpolitik nicht einmal als dessen Voraussetzung. Ein wahrer Volksstaat hätte den kapitalistischen Ländern rings um Deutschland „den Krieg auf Leben und Tod ansagen müssen“, statt sich dem „jüdischen Börsenkapital“ auszuliefern, erklärte er u.a. am 11. November 1921.[4] In einem so genannten „Judenparadies“[5] sah er das Gegenbild zum Volksstaat, ganz so als sei ein Staat ohne Juden einer, in dem die oberste Macht beim Volk liegen bzw. alle Gewalt vom Volk ausgehen würde usw. Im Sprachgebrauch der Nationalsozialisten tauchte das – der Arbeiterbewegung entlehnte – Wort vom Volksstaat völlig unabhängig von jedem Gedanken der Volkssouveränität auf. Nie habe das Volk „weniger zu bestimmen gehabt“ als in der Weimarer Republik, kritisierte Hitler – doch was hatte dann das Volk zwischen 1933 und 1945 zu bestimmen?

Zu erinnern wäre auch an den Streit, der die Reihen der NSDAP während der 20er Jahre des vorigen Jahrhunderts erschütterte. Da ging es nicht um des Kaisers Bart, als entschieden wurde, ob der „Nationalsozialismus“ oder ein „nationaler Sozialismus“ propagiert werden sollte. Nach dem gescheiterten Putsch vom November 1923 und der Wiedergründung dieser Partei im Februar 1925 suchten Hitler und die Partei erneut nach einer Erfolg versprechenden Taktik. Mit Gewalt allein war dem parlamentarischen System der Weimarer Republik nicht beizukommen. Daher zielte die neue Taktik der NSDAP – von Hitler z.B. in seinen „Grundsätzlichen Richtlinien“ für den Wiederaufbau der Partei fixiert – auf die Gewinnung neuer und umfangreicher Mitglieder- und Anhängerscharen. Darin sah man die Voraussetzung, um eine schlagkräftige Organisation aufbauen, Wahlen erfolgreich bestehen, in Parlamente einziehen und Regierungsgewalt übernehmen zu können. Unmittelbar war über die Frage gestritten worden, wie die sich selbst als „Arbeiter“-Partei titulierende Partei möglichst viele Menschen der unteren Volksschichten gewinnen bzw. aus den Reihen der bestehenden proletarischen Organisationen heraus lösen kann. Bis dahin hatte die NSDAP hauptsächlich völkisch und rassistisch-antisemitisch denkende Kräfte angezogen, also im Grunde nur Gleichgesinnte aus anderen bürgerlichen Parteien. Wollte die NSDAP aber in den Hochburgen der Arbeiterparteien, im Ruhrge­biet, in den mitteldeutschen Gebieten, in Hamburg und Berlin, nicht total ins Leere stoßen, musste sie sich zwangsläufig anderer Parolen und Me­thoden bedienen als im überwiegend agrarisch-kleinbürgerlichen Bayern. Daher betraute sie bereits im März 1925 einen der fähigsten ihrer Funktio­näre – Gregor Strasser, der von 1921 bis 1923 Gauleiter und SA-Führer von Niederbayern gewesen war – mit der Verantwortung für alle in Nord- und Nordwestdeutschland existierenden nationalsozialistischen Gruppen. Er schien dafür prädestiniert, denn ebenso wie sein Bruder Otto wollte er eher das Ziel der Partei als „nationalen Sozialismus“ dargestellt wissen.

Der Streit berührte alle Seiten des politischen Auftretens der NSDAP und grundsätzlich auch das Parteiprogramm. Außenpolitisch ging es insbesondere um die Stellung zu Versailles und zu Russland, innenpolitisch vor allem um die Frage, ob sich die NSDAP am Volksbegehren für eine entschädigungslose Enteignung der Fürsten beteiligt oder nicht. Dem Antikapitalismus, wie ihn die Strasser-Brüder (und zu dieser Zeit auch Joseph Goebbels) auffassten, sollte zumindest ein Schein von Glaubwürdigkeit verliehen werden. Daher sprachen sie vom „nationalen Sozialismus“, dem die im Streit schließlich obsiegende Gruppe um Hitler definitiv den des „Nationalsozialismus“ entgegen stellte. Reinhard Kühnl hat dies bereits in seiner 1966 publizierten Dissertationsschrift eingehend untersucht[6]; wenn dieses Wissen heutzutage nicht mehr berücksichtigt wird, muss selbstverständlich gefragt werden, welche Gründe und Motive dafür vorliegen.

Einen der Gründe sehe ich in der Tatsache, dass alle politischen Parteien, seit sie die Bühne der Geschichte betreten haben, bemüht sind, ja sogar bemüht sein müssen, Massen für sich zu gewinnen. Dabei versteht sich von selbst, dass dies keiner gelingen konnte und kann, ohne in irgendeiner Weise deren Lage und Interessen zu berühren. Der NSDAP lag, wie sie es in völliger Übereinstimmung mit dem konservativen Publizisten Arthur Moeller van den Bruck formulierte, an einer „Nationalisierung“ der deutschen Arbeiter, mithin an der Gewinnung einer vorwiegend proletarischen Massenbasis. Eben dies ließ von vornherein jede Verwendung sozialpolitischer oder gar „sozialistischer“ Formeln als zweckbezogenes Mittel erscheinen. Das Wesen einer faschistischen Partei lässt sich daran nicht erkennen.[7]

Zweifellos hatten die sozialpolitischen Bestrebungen der NSDAP und des braunen Regimes korrumpierende Folgen, doch das stellt keineswegs eine neue Erkenntnis dar, wenngleich Aly entsprechende Aussagen aus früheren Zeiten offensichtlich nicht kennt: bereits 1942 wurden sie von Bertolt Brecht in seinem Gedicht „Und was bekam des Soldaten Weib?“ festgestellt, später von Gisela May hervorragend und einprägsam gesungen.[8] Ebenso unbezweifelbar wollten die Nazis mit ihrer Sozialpolitik und mehr noch mit ihrer Propaganda den Interessen großer Teile der von Inflation und Wirtschaftskrisen arg gebeutelten Bevölkerung entgegen kommen – doch selbst durch die Beute-Nutzung und -Gelüste eines Teils der Bevölkerung lassen sich die tatsächlichen Herrschaftsverhältnisse keineswegs von den Füßen auf den Kopf stellen.[9] Nach wie vor ist daher von den eigentlichen Triebkräften faschistischer Verbrechen zu reden, nicht allein und schon gar nicht hauptsächlich von jenen Deutschen, die von deren Ergebnissen nur zum geringsten Teil profitierten. Mit anderen Worten: Die bewusst betriebene und ebenso die indirekt wirksame soziale Korrumpierung eines großen Teiles der Massen bietet einen Zugang, nicht aber die Lösung des Problems.

Aly unternimmt auch nicht den leisesten Versuch, darüber nachzudenken, welche Rolle der faschistische Terrorismus für die in der Tat erstaunliche, aber keineswegs unerklärliche Stabilität der Hitler-Herrschaft gespielt hat. Alles gipfelt in der Aussage, es habe sich (offensichtlich soll es heißen: nur) um eine „Wohlfühldiktatur“ oder „Gefälligkeitsdiktatur“ sowie um eine populistische Berücksichtigung der Stimmung des Volkes gehandelt. Es sei also eine Herrschaftssystem gewesen, in dem die Führung allein und obendrein sorgfältig darauf bedacht gewesen sei, die Masse der Bevölkerung bei Laune zu halten und ihr sozialpolitische Wohltaten zu erweisen: Ehestandsdarlehen, Kindergeld, Erhöhung des steuerfreien Grundbetrags, Chancengleichheit und schließlich einen gehörigen Anteil an der „Beute“, die den Juden und den überfallenen Völkern geraubt wurde.

Diese und andere der provokanten Auffassungen hat Aly anhand von Quellen und Fakten aus der Zeit des Zweiten Weltkrieges entwickelt. Sie betreffen indessen generell den Zusammenhang von Macht und Massen. Selbstverständlich wird Herrschaft von Minderheiten über Mehrheiten, gleich ob unter diktatorischen, autokratischen, militärischen Regimen oder auch unter parlamentarisch-demokratischen Verhältnissen, von Mehrheiten mit getragen – in welcher Form auch immer. Die aus der Sicht des Rezensenten vorrangige Frage nach den gesellschaftlichen Grundlagen, die den Faschismus hervorgebracht, sowie nach jenen Kräften, die Hitler zur Macht verholfen hatten, sollte andere Fragen – darunter selbstverständlich auch die nach den dem „Führer“ zujubelnden und ihn stützenden Massen – nicht überflüssig machen. Allerdings sind diese wohl in einer völlig anderen Weise zu stellen und zu beantworten, als in einer die faschistische Sozialpolitik verklärenden und nahezu idealisierenden Sichtweise.[10]

Blickt man über die Kriegsjahre hinaus, d.h. sowohl zurück als auch auf die folgende Zeit, lässt sich relativ leicht feststellen, dass stets unterschiedliche Interessen bei Regierenden einerseits und Regierten andererseits existierten. Unübersehbar ist ebenso die Diskrepanz zwischen dem von Herrschenden Gewolltem und dem durch Massen Geduldetem oder von diesen gar Ermöglichtem. Häufig muss der Befund in Analysen historischer wie auch politisch-aktueller Ereignisse lauten: Diese wären ohne Realitätsverweigerung und Realitätsverlust bei allzu vielen Menschen, insbesondere bei den von neuen Kriegen, Sozialabbau und Ungerechtigkeit direkt Betroffenen nicht möglich. Gewalt, Manipulation und Instrumentalisierung würden nicht funktionieren, wenn sich Manipulierte und Instrumentalisierte nicht benutzen ließen.

Wissenschaftliche und politische Versuche, die Ursachen massenhaften Verhaltens zu Gunsten herrschender Parteien zu erklären, zielen zumeist in zwei einander entgegengesetzte Richtungen: Die eine bürdet Verantwortung und Schuld jenen auf, die als ökonomisch Mächtige oder politisch Regierende die Massen beeinflussen, verführen, irreführen, lenken, instrumentalisieren, missbrauchen usw. usf. Die andere wähnt, alles Übel der Gesellschaft in einer anthropologisch gegebenen Beeinflussbarkeit, Verführbarkeit oder gar Unterordnungslust von Massen erblicken zu können. Zu fragen wäre m. E. aber vor allem nach den geschichtlichen Voraussetzungen und Wirkungsbedingungen von Interessen, die zwar grundsätzlich divergieren, zeitweilig dennoch übereinstimmen können. Zu fragen wäre sowohl nach den wirtschaftlichen und politischen als auch nach den geistig-kulturellen, ideologischen und weltanschaulich-religiösen Grundlagen der Mechanismen ihres jeweiligen Zusammenspiels. Gerade aus dieser Perspektive, die nicht zuletzt eine parteiengeschichtliche ist, halte ich einen Blick auf das gesamte 20. Jahrhundert für notwenig und aufschlussreich. In ihm spielten die Massen eine andere Rolle als zuvor. Diesen Wandel erfassten viele Politiker und Ideologen bereits ausgangs des 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts, sie begrüßten oder bedauerten ihn. Die Bühne der Geschichte biete den Massen nicht mehr die Rolle von Statisten, sondern von Hauptdarstellern, hieß es. Man sprach vom „Zeitalter der Massen“, das heraufgezogen sei. Als einer der ersten beschrieb Gustave Le Bon 1895 in seiner „Psychologie der Massen“ das Wirken von Massen als eine „ozeanische Woge“, welche gleich einer elementaren Naturgewalt die „Zivilisation“ zerstöre. Das Problem, vor dem die Eliten stünden, benannte er mit den Worten: „Die Massen sind so etwas wie die Sphinx der antiken Sage: man muss die Frage, die ihre Psychologie stellt, lösen oder darauf gefasst sein, von ihr verschlungen zu werden.“[11] Bei Ortega y Gasset war später vom „Aufstand der Massen“ die Rede: Massen würden nun einmal lediglich mit Gewalt in alles eingreifen, und das sei „das schwerste Problem, das der heutigen Menschheit aufgegeben ist.“[12]

Die ausgeprägte antimilitaristische und antikapitalistische Orientierung im Verhalten großer Teile der Bevölkerung führte am Ende des Ersten Weltkrieges zum Sturz zahlreicher Dynastien, zur Herausbildung bürgerlich-demokratischer Republiken, zu Ansätzen einer internationalen Ächtung von Kriegen, aber auch zu einem ersten Versuch der Realisierung sozialistischer Ideen. Gekontert wurde dies von bürgerlichen Parteien gleichsam unter dem Motto, selbst Massen gegen Massen zu mobilisieren und zu organisieren. Im Grunde nahmen sie sich die erste Massenpartei der deutschen Geschichte, die Sozialdemokratie, zum Vorbild und schufen in Deutschland während der Jahrzehnte des Übergangs vom 19. zum 20. Jahrhundert zahlreiche bürgerliche Massenorganisationen, unmittelbar vor und nach 1918 auch solche, die sich selbst das Etikett „Volkspartei“ zuschrieben. Hier sei wenigstens ein Beispiel erwähnt: Als sich im Jahre 1904 der Reichsverband gegen die Sozialdemokratie konstituierte und seine Feldzüge gegen – ich zitiere aus dem Gründungsdokument – den „sozialdemokratischen Terrorismus“ begann, formulierte er als seine Aufgabe, „alle nicht sozialdemokratisch gesinnten Staatsbürger in Stadt und Land ohne Unterschied der Partei und Religion zum Kampf gegen die Sozialdemokratie zusammenzuschließen …“[13]

Eine Vielzahl anderer im letzten Jahrzehnt des 19. Jahrhunderts entstandener Verbände verfolgte gleiche Konzepte. Die erste bürgerliche Partei, die bewusst den Status einer Massenorganisation angestrebt und tatsächlich erreicht hat, war die sich in den letzten Jahren des Ersten Weltkrieges formierende Deutsche Vaterlandspartei. Sie setzte auf Nationalismus, Kriegsbereitschaft, Rassismus und Antisozialismus, was so direkt nicht von den in der Novemberrevolution neu formierten bürgerlichen Parteien übernommen werden konnte. Doch da war Raum entstanden für eine neue Strömung am rechten Rand der Gesellschaft, die dann zum absoluten Höhepunkt einer sich militarisierenden Massenpartei führte und alles andere übertraf oder gar regelrecht überrollte. Niemals zuvor oder danach hat es eine so mitgliederstarke und die gesamte Gesellschaft mit einem einheitlichen Organisationen-System überziehende Partei gegeben wie die NSDAP. Die Tatsache, dass es ihr gelang, von einer der kleinsten Organisationen im deutschen Parteienspektrum der Weimarer Republik zur mitglieder- und wählerstärksten Partei zu werden, die es je in der deutschen Geschichte gegeben hat und wahrscheinlich in diesem Ausmaß nie wieder geben wird, gliedert sie nicht aus der allgemeinen Parteiengeschichte aus. Ihre Zielsetzungen und die zu ihrem Erreichen verwendeten terroristisch-rassistischen Mittel lassen sie eher als eine bürgerliche Partei „neuen Typs“ erkennen. Sie war als faschistische Partei eine der Ausgeburten der bürgerlichen Ge­sellschaft. Sie war eine der mög­lichen Folgen des Dranges ökonomisch und politisch Mächtiger dieser Gesellschaft nach Maximal­profit und Expansion, einer ihrer Versuche, immanente ökonomische und/oder politische Krisen mit allen Mitteln bewältigen zu wollen, koste es was es wolle. Sie war Ergebnis und extremster Ausdruck von Bemühungen, effektivste Kapitalverwertungsbedingungen zu schaffen, selbst wenn dies nur durch eine Aufhebung der ursprünglichen aufklärerisch-humanistischen Anliegen des Bürgertums erreicht werden konnte. Dabei galt es, alle im Laufe der Zeit insbesondere von der Arbeiterbewegung durchgesetzten Beschränkungen kapitalistischer Verhältnisse rückgängig zu machen. Die NSDAP verfolgte unter allen bürgerlichen Parteien das strikteste Modell des Kampfes gegen die Arbeiter­bewegung und strebte nach einer vollständigen „Ausrottung des Marxismus“. Ihre auf solcher Zielsetzung beruhende Forderung nach einer „Nationalisierung der Arbeiter“ ging einher mit der Entgegensetzung von Deutschen und „Nicht-Deutschen“, mit der Konstruktion einer „deutschen Volks­gemeinschaft“[14], die in Wohlstand und Ordnung leben könne, sobald sie sich „Lebensraum“ erobere sowie „fremdrassische“ Völker unterwerfe, verjage oder ausrotte.

An solche Voraussetzungen und Bedingungen faschistischer Verbrechen ist nicht allein im Zusammenhang mit Alys Buch zu erinnern. Auch die Tatsache, dass gegenwärtig in Deutschlands Medien der Blick allein auf den „Untergang“ im Jahre 1945 gerichtet wird, trägt kaum zur Erhellung der Ursachen von Krieg und Völkermord bei. Zudem zeigt sich im „Gedenkmarathon“[15] unserer Tage, wie die vor zwei Jahrzehnten erhobene Forderung des damaligen Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker schlicht und einfach „vergessen“ wird, auch vom 30. Januar 1933 zu sprechen, wenn an 1945 erinnert werde. Schon gar nicht wird berücksichtigt, was wiederum dieser Zäsur voraus gegangen ist, auch von Götz Aly nicht.

[1] Götz Aly: „Hitlers Volksstaat. Raub, Rassenkrieg und nationaler Sozialismus“, S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2005, 445 S.

[2] Der Mainzer Publizistikwissenschaftler Hans Mathias Kepplinger formulierte als „Campaigning“-Faustregel, eine Partei könne auf Grund einer durchgehend „positiven Berichterstattung“ innerhalb von sechs Monaten rund zwei Prozent Anhänger gewinnen bzw. umgekehrt verlieren. Zit. nach Robert Luchs: Wer sich besser verkaufen kann, hat die Nase vorn. Die Macht der bewegten Bilder. Werden Wahlen im Fernsehen entschieden? In: Das Parlament, 13.09.2004, S. 3.

[3] Aus der Fülle der Medienberichte ragen vor allem heraus die informativen Besprechungen von Volker Ullrich: Hitlers zufriedene Räuber. Ein Buch, das einen neuen Blick auf die Nazizeit wirft: Götz Aly deutet den Holocaust als größten Massenraubmord der Geschichte. In: Die Zeit, Nr. 11/10.3.2005; Wolfgang Wippermann: Ein nationaler Sozialismus? In: Neues Deutschland. Beilage zur Leipziger Buchmesse 2005, 17. bis 20.3.2005, S. 12. Auf die Aussagen zu Steuerpolitik und Kriegsfinanzierung kann hier nicht eingegangen werden. Zu diesem Thema sind offensichtlich, wie auch die Einwände des in Cambridge lehrenden Wirtschaftshistorikers J. Adam Tooze bezeugen (tageszeitung, 12.3.2005), weitere Forschungsarbeiten erforderlich.

[4] Zit. nach Hitler. Sämtliche Aufzeichnungen 1905-1924. Hrsg. von Eberhard Jäckel zusammen mit Axel Kuhn, Stuttgart 1980, S. 515.

[5] Ebenda, S. 914.

[6] Siehe Reinhard Kühnl: Die nationalsozialistische Linke 1925-1930, Meisenheim/Glan 1966.

[7] Zu fragen wäre daher auch in den Debatten zu aktuellen Erscheinungen, ob rechtsextreme Organisationen in den neuen und von der Massenarbeitslosigkeit besonders hart betroffenen Bundesländern nicht aus vergleichbaren Gründen ihrer Agitation und Wahlpropaganda wiederum einen „sozialistischen“ Anstrich geben. Ich denke auch an die Erklärung Franz Schönhubers vor den Bundestagswahlen, er werde jene Partei wählen, die einen „maßvollen Patriotismus mit radikalen sozialen Reformen“ verbinde, wobei in seinem Falle es mehr als bezeichnend sein dürfte, dass er in diesem Zusammenhang auch forderte, die „Prüfung von Sozialmodellen aus NS-Deutschland und dem faschistischen Italien hinsichtlich partieller Verwendbarkeit zur Überwindung der Arbeitslosigkeit“ dürfe nicht länger „tabuisiert oder gar strafrechtlich verfolgt“ werden. Nation & Europa, H. 3/1998, S. 14.

[8] Möglicherweise spielt auch bei Aly der die DDR delegitimierende „Zeitgeist“ eine Rolle, wenn er nicht auf entsprechende Arbeiten von DDR-Historikern eingeht. Siehe z. B. Kurt Pätzold: Die faschistische Manipulation des deutschen Volkes. Zu einem Forschungsproblem. In: Jenaer Beiträge zur Parteiengeschichte. Mitteilungsblatt der Forschungsgemeinschaft „Geschichte der bürgerlichen Parteien in Deutschland“, H. 45 (Februar 1981), S. 22-50. Pätzolds Hauptthese lautete seinerzeit: „Die faschistische Manipulation bestand aus einem System, dessen Grundelemente Terror, Ideologie und Korruption bildeten. Jedes dieser Elemente, die miteinander verbunden waren und aufeinander einwirkten, besaß ein spezifisches Gewicht.“ (S. 29)

[9] Rudolf Walther schrieb unter dem Titel „Prominenz auf Abwegen“ dazu: „Aly … unterscheidet nicht hinreichend genau zwischen der Verantwortung jener, die das Raubsystem europaweit durchsetzten und jenen, die an der Front oder zu Hause unbewusst davon profitierten. Statt einer klaren Verantwortungskette konstruiert er einen moralisch intonierten Kausalzusammenhang, der jeden deutschen Soldaten und jede Familie, die ein Paket bekam, heute wie verbrecherische Mitorganisatoren am Krieg und freiwillige Arisierungsgehilfen aussehen lässt. Diese Konstruktion kollektiver Täterschaft ist genauso abwegig wie ihr Gegenstück, die These, dass ein ganzes Volk verführt worden sei.“ In: Freitag, Nr. 10/11.03.2005, S. 1.

[10] Siehe auch: Der Holocaust geschah zum Vorteil aller Deutschen. Interview mit Götz Aly. In: taz, 15.01.2005, S. 4 f.

[11] Hier zit. nach Rüdiger Safransky: Und keiner ist er selbst. Gustave Le Bons Voraussagen über das Zeitalter der Massen. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 01.09.1990.

[12] Ortega y Gasset: Der Aufstand der Massen (1930), Hamburg 1957, S. 49.

[13] Dieter Fricke: Reichsverband gegen die Sozialdemokratie 1904 – 1918. In: Lexikon zur Parteiengeschichte. Die bürgerlichen und kleinbürgerlichen Parteien und Verbände in Deutschland (1789 – 1945) in vier Bänden. Hrsg. Von Dieter Fricke (Leiter des Herausgeberkollektivs), Werner Fritsch, Herbert Gottwald, Siegfried Schmidt und Manfred Weißbecker, Bd. 4, Leipzig 1986, S. 68.

[14] Siehe Manfred Weißbecker: Deutsche Volksgemeinschaft. In: Kleines Lexikon historischer Schlagwörter, Leipzig 2005, S. 66 f.

[15] Siehe Norbert Frei: 1945 und wir. Wie aus Tätern Opfer werden. In: Blätter für deutsche und internationale Politik, H. 3/2005, S. 356-364.

Dieser Artikel ist erschienen in Z. Nr. 62, Juni 2005