Z. Zeitschrift Marxistische Erneuerung Nr. 63, September 2005 - http://zeitschrift-marxistische-erneuerung.de/topic/54.ausgabe-63-september-2005.html

Gesellschaftliches Gesamtprodukt oder Bruttowertschöpfung als Ausgangspunkt volkswirtschaftlicher Analysen?

Eva Müller

Im ersten Statistischen Jahrbuch der Deutschen Demokratischen Republik 1955, welches die Staatliche Zentralverwaltung für Statistik, deren Leiter Professor Dr. Fritz Behrens war, herausgegeben hat, war das gesellschaftliche Gesamtprodukt Ausgangspunkt der volkswirtschaftlichen Bilanz. Das blieb es bis zum letzten Statistischen Jahrbuch der DDR.[1] Heute, wie auch bisher in der BRD, war und ist es die Bruttowertschöpfung.[2]

Scheinbar ein unwesentlicher Unterschied.

Tatsächlich ist es ein Unterschied, der einen Kernpunkt der politischen Ökonomie berührt, ihren Springpunkt: Die Entdeckung des Doppelcharakters der Waren produzierenden Arbeit als konkrete und als abstrakte Arbeit, die Produkte hervorbringt, die zugleich einen Gebrauchswert und einen Wert haben.[3]

Als abstrakte Arbeit bringt sie jährlich einen Neuwert hervor, als konkrete Arbeit schafft sie Gebrauchswerte, wodurch sie gleichzeitig den Wert der verbrauchten Produktionsmittel erhält und auf die neuen Produkte überträgt. Der Wert der während eines Jahres hergestellten Produkte besteht demnach aus dem Neuwert und dem übertragenen Wert der verbrauchten Produktionsmittel. Das Ergebnis der Jahresarbeit ist somit das gesellschaftliche Gesamtprodukt als Gesamtheit der erzeugten Gebrauchswerte und das Nettoprodukt als der Teil des Gesamtprodukts, der dem erzeugten Neuwert entspricht.

Die der Marxschen politischen Ökonomie zugrunde liegende Unterscheidung zwischen dem Gebrauchswert und dem Wert einer Ware wird in der gegenwärtigen Wirtschaftstheorie aufgehoben. Gebrauchswert und Wert „verschmelzen“ im Begriff Nutzen, Nützlichkeit. Die Nützlichkeit ist aber nur messbar im Vergleich zweier ähnlicher Gebrauchswerte am Umfang der mit ihrer Hilfe zu befriedigenden Bedürfnisse.

Die doppelte Sicht auf die Warenwelt, einer Welt der Gebrauchswerte und der Werte, wird aufgehoben und damit auch die Möglichkeit, das Gesamtprodukt und das Nettoprodukt zu sehen. Aus einer klaren Unterscheidung zwischen dem volkswirtschaftlichen Gesamtprodukt und dem volkswirtschaftlichen Nettoprodukt wird der verschwommene Begriff „Bruttowertschöpfung“[4]: Produktionswert minus „Vorleistungen“.

Nach der gegenwärtig vorherrschenden Wirtschaftstheorie gibt es keinen übertragenen Wert der verbrauchten Produktionsmittel. Die „Vorleistungen“, die sofort vom Produktionswert subtrahiert werden, gehören nicht zum Jahresprodukt, weil sie nicht neu hergestellt werden, sondern nur Leistungen aus vergangenen Jahren sind. Aber was ist das für ein Jahresprodukt ohne die „Vorleistungen“? Was sind Schuhe ohne Leder oder das Brot ohne Mehl?

Ich sagte einmal: Die Bruttowertschöpfung sei ein amputiertes Gesamtprodukt. Das ist ungenau: Es ist gar kein Gesamtprodukt, während ein Mensch, dessen Bein amputiert wurde, immer noch ein Mensch ist, aber Schuhe ohne Leder sind keine Schuhe, so wie Brot ohne Mehl kein Brot ist.

Die gegenwärtige Wirtschaftstheorie kann das Gesamtprodukt nicht erklären, will es aber auch nicht. So kommt sie schneller zur Bruttowertschöpfung, von der dann ohne theoretische Begründung später die Abschreibungen subtrahiert werden, um bei der Nettowertschöpfung die Einkommenstheorie aufzubauen, mit der die „gerechte“ Einkommensverteilung begründet wird: Es gäbe drei gleichwertige Produktionsfaktoren, die gleichermaßen Anspruch auf Einkommen haben, die Menschen, die diese bereitstellen: Bodeneigentümer, Arbeitende und Produktionsmittel Besitzende.

Die gegenwärtig vorherrschende Produktionstheorie ist simpel: „Zur Produktion von Gütern ... benötigt man Produktionsfaktoren ... Die Ausgangsfrage der Produktionstheorie lautet: Wie verändert sich die Ausbringung bei Variation des Faktoreneinsatzes?“[5] Dass der Mensch arbeitet, die Maschinen und die Naturbedingungen dabei nur nutzt, wird beiseite geschoben. So wird aus einem gesellschaftlichen Verhältnis, einem Verhältnis zwischen Menschen, ein technisches Verhältnis, ein Verhältnis zwischen Dingen.

Aus einer klaren Sicht auf die Wirtschaft wird eine verschwommene. So gelangt man auch zu der Bruttowertschöpfung als Ausgangskennziffer der volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung, ohne sie theoretisch zu begründen, anstatt das gesellschaftliche Gesamtprodukt dafür zu nehmen.

Die Definition: „Die Bruttowertschöpfung ... ist ein Maß für den zusätzlichen Wert, der im Rahmen der Produktion von Waren und Dienstleistungen in einer Periode von produzierenden Einheiten geschaffen wird“[6], ist recht ungenau. Warum enthält diese Kennziffer auch die Abschreibungen, die keinen „zusätzlichen Wert“ verkörpern?

Nach einer mir unverständlichen Konzeption (ich fand bisher nirgendwo eine theoretische Begründung) wird gegenwärtig auch an keiner Stelle eine Summe „Abschreibungen und Vorleistungen“ gebildet. Stets werden vom Produktionswert (das gesellschaftliche Gesamtprodukt in der Statistik der BRD) sofort die „Vorleistungen“ subtrahiert, das ist das verbrauchte Material und ähnliches, und viel später die Abschreibungen. Die Kategorie „Produktionsverbrauch“ gibt es in der gegenwärtigen Wirtschaftstheorie nicht, im Unterschied zur Kategorie „produziertes Nationaleinkommen“.

Die einzige denkbare Begründung dafür ist die theoretische Leugnung der Existenz eines volkswirtschaftlichen Gesamtprodukts, weil „Vorleistungen“ nicht dazu gehören: Das Leder gehört nicht zu den Schuhen und das Mehl nicht zum Brot.

Der letzte Grund für diesen theoretischen Wirrwarr ist das Nichtzurkenntnisnehmen des von Marx begründeten Doppelcharakters der Waren produzierenden Arbeit, wobei die konkrete Arbeit nicht nur die Gebrauchswerte prägt, sondern auch bewirkt, dass der Wert der verbrauchten Produktionsmittel auf das neu hergestellte Produkt übertragen wird, so dass auch dieser Wertteil zum gesellschaftlichen Gesamtprodukt gehört, so wie das Leder zu den Schuhen und das Mehl zum Brot.

Im ersten Statistischen Jahrbuch der DDR für das Jahr 1955, herausgegeben von Fritz Behrens, war nicht nur das gesellschaftliche Gesamtprodukt Ausgangspunkt der volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung (das war es ebenso in der UdSSR), sondern dieses wurde auch sauber untergliedert in:

- Verbrauch an Produktionsmitteln und Nettoprodukt beim Aufkommen, sowie in

- Ersatz für Produktionsmittel, Akkumulation und Konsumtion bei der Verwendung des gesellschaftlichen Gesamtprodukts.[7]

In späteren Statistischen Jahrbüchern wurde der Produktionsverbrauch untergliedert in

- Abschreibungen für Grundmittel, Nutzungsentgelte, Mieten und Pachten sowie

- Verbrauch von Material und produktiven Leistungen.[8]

Das produzierte Nationaleinkommen oder Nettoprodukt war nur ein Teil des gesellschaftlichen Gesamtprodukts, der Produktionsverbrauch war der andere Teil.

Erst wenn man vom gesellschaftlichen Gesamtprodukt ausgeht, kann logisch einwandfrei erklärt werden, warum sich der Produktenwert aus drei Bestandteilen zusammensetzt: c, v und m. c – das verbrauchte konstante Kapital ist der von den verbrauchten Produktionsmitteln übertragene Wert dieser, v und m der neu produzierte Wert, der nach dem Verkauf des gesamten Produkts zu Arbeitseinkommen und Mehrwerteinkommen wird, zu Einkommen für die Arbeitenden und Einkommen für die Produktionsmittelbesitzer, arbeitsloses Einkommen, welches Einkommen aus der Ausbeutung der Arbeitenden ist. Dieses Mehrwerteinkommen kann voll über den Staat umverteilt werden, wie bei gesellschaftlichem Eigentum an den Produktionsmitteln, oder nur teilweise über Steuern, wie in der Gegenwart.

Bei Privateigentum an den Produktionsmitteln, welches gegenwärtig in der BRD vorherrscht, wird das Mehrwerteinkommen zum bedeutenden Teil Einkommen der Produktionsmittelbesitzer, ihr arbeitsloses Einkommen.

Diese klare Trennung des Produktenwertes in c, v und m macht die Ausbeutung der Arbeitenden sichtbar. Daraus wird verständlich, warum die gegenwärtige Wirtschaftstheorie diese klare Sicht meidet und lieber mit verschwommenen Begriffen, wie der Bruttowertschöpfung arbeitet.

Warum bezeichnete Marx die „zwieschlächtige Natur der in der Ware enthaltenen Arbeit“ als den „Springpunkt“, „um den sich das Verständnis der politischen Ökonomie dreht“? Weil, nach meiner Meinung, nur dieser Doppelcharakter der Waren produzierenden Arbeit erlaubt, den Wertübertrag der verbrauchten Produktionsmittel als Bestandteil des Warenwertes zu erklären: die konkrete Arbeit bringt die Gebrauchswerte der Produkte hervor und überträgt gleichzeitig den Wert der verbrauchten Produktionsmittel auf das neu hergestellte Produkt, so dass dieser Wertbestandteil c neben den beiden anderen Wertbestandteilen des neu Produzierten Wertes v und m zum Produktenwert gehört.

Noch bei Adam Smith, der die Arbeitswerttheorie begründete, hatte der Warenwert letztlich nur zwei Bestandteile: v und m. Er schrieb: „Der Wert, welchen die Arbeiter dem Material hinzufügen, löst sich also in diesem Falle in zwei Teile auf, in den Arbeitslohn und in den Gewinn des Arbeitgebers über das ganze für Material und Arbeitslohn verausgabte Kapital hinaus.“[9] Ist Grund und Boden Privateigentum, so kommt noch ein dritter Wertbestandteil dazu: die Grundrente.[10]

Adam Smith hat den Wert des Produkts auf den Neuwert reduziert, was mit dem Wert des Materials, das er erwähnt, geschieht, ließ er offen.

Seine wissenschaftlichen Nachkommen, wie beispielsweise Nassau W. Senior, wusste eine Antwort, bekannt geworden unter „Seniors `Letzte Stunde´“. Danach arbeitet der Arbeiter nur eine vorletzte Stunde für seinen Lohn und die letzte Stunde für den Gewinn, die restliche Arbeitszeit nutze er für den Ersatz der Werte des verbrauchten Materials, z.B. der Baumwolle, die er zu Garn macht, oder der abgenutzten Maschinerie.[11]

Diese primitive Sicht auf den Wert der verbrauchten Produktionsmittel – er müsste neu erzeugt werden – hat sich nicht gehalten, geblieben ist aber das Nicht-erklären-können, was mit dem Wert der verbrauchten Produktionsmittel geschieht, dass dieser Dank der konkreten Arbeit „von selbst“ auf das neue Produkt übergeht.[12] Nur so kann der Wert des einzelnen Produkts und seiner Gesamtheit, des gesellschaftlichen Gesamtprodukts erklärt werden.

Da dieser „Springpunkt“, „um den sich das Verständnis der politischen Ökonomie dreht“, der gegenwärtigen Volkswirtschaftslehre fehlt, kann diese auch nicht den Wertübertrag der verbrauchten Produktionsmittel erklären und benennt den Hauptteil davon „Vorleistungen“, die man so schnell wie möglich vom Produktionswert subtrahieren muss, so dass nur die verbliebene Bruttowertschöpfung der alleinige Ausgangspunkt volkswirtschaftlicher Analysen bleibt.

Diese Schwachstelle der gegenwärtig vorherrschenden Wirtschaftstheorie kannte auch Behrens. Nicht zufällig hat er als marxistischer Politökonom das gesellschaftliche Gesamtprodukt und nicht die Bruttowertschöpfung zum Ausgangspunkt statistischer Analysen der Volkswirtschaft gemacht.

[1] Siehe: Statistisches Jahrbuch der Deutschen Demokratischen Republik 1955, Berlin 1956, Erster Jahrgang, S. 90-93 und Statistisches Jahrbuch der Deutschen Demokratischen Republik 1990, Berlin 1990, S. 97-109.

[2] Siehe als Beispiel: Statistisches Jahrbuch 2003. Für die Bundesrepublik Deutschland. Statistisches Bundesamt, Wiesbaden 2003, S. 662-664.

[3] Marx schrieb: „Diese zwieschlächtige Natur der in der Ware enthaltenen Arbeit ist zuerst von mir kritisch nachgewiesen worden. Da dieser Punkt der Springpunkt ist, um den sich das Verständnis der politischen Ökonomie dreht, soll er hier näher beleuchtet werden“. Karl Marx, Das Kapital. Kritik der politischen Ökonomie, Erster Band. In: Marx-Engels Werke, Bd. 23, Berlin 1962, S. 56.

[4] Als volkswirtschaftliche Kennziffer wird die Bruttowertschöpfung oft nicht definiert, wie beispielsweise im Lexikon der Volkswirtschaft, Autoren: Friedrich Geigant, Franz Haslinger, Dieter Sobotka, Horst M. Westphal, 7. überarbeitete und erweiterte Auflage, Landsberg am Lech, 2000, S. 132; ebenso wird bei Woll die Bruttowertschöpfung im Sachregister nicht erwähnt. Siehe: Artur Woll, Allgemeine Volkswirtschaftslehre, 13. Auflage, München 2000, S. 682.

[5] Artur Woll, a.a.O., S. 161.

[6] Dieter Brümmerhoff, Heinrich Lützel, Lexikon der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnungen. Dritte völlig überarbeitete Auflage, München, Wien 2002, S. 63.

[7] Siehe Statistisches Jahrbuch der Deutschen Demokratischen Republik 1955, a.a.O., S. 92-93.

[8] Siehe als Beispiel: Statistisches Jahrbuch der Deutschen Demokratischen Republik 1990, a.a.O., S. 101-103. In den Statistischen Jahrbüchern der UdSSR wurden nur das gesellschaftliche Gesamtprodukt und danach das produzierte Nationaleinkommen angeführt. Der Produktionsverbrauch könnte nur als Differenz zwischen dem gesellschaftlichen Gesamtprodukt und dem produzierten Nationaleinkommen ermittelt werden. Da aber keine absoluten Werte, sondern nur Wachstumsraten ausgewiesen werden, ist das schlecht möglich. – Siehe als Beispiel: Die Volkswirtschaft der UdSSR im Jahr 1967, Moskau 1968, S. 55-59.

[9] Adam Smith, Reichtum der Nationen, Voltmedia, Paderborn o.J., S. 52.

[10] Siehe ebenda, S. 53-54.

[11] Siehe: Karl Marx, Das Kapital. Kritik der politischen Ökonomie, a.a.O., S. 237-243.

[12] Siehe ebenda, S. 240.

Dieser Artikel ist erschienen in Z. Nr. 63, September 2005