Z. Zeitschrift Marxistische Erneuerung Nr. 68, Dezember 2006 - http://zeitschrift-marxistische-erneuerung.de/topic/49.ausgabe-68-dezember-2006.html

Arbeiterklasse heute

VI. Konferenz des Projekts Klassenanalyse@BRD, 23./24. September 2006, Essen

Pablo Graubner

Die VI. Konferenz im Rahmen des Projekts „Klassenanalyse@BRD“ fand dieses Mal in Essen unter dem Titel „Arbeiterklasse heute“ statt. Sie sollte damit eines der Kernstücke des 2003 von der Marx-Engels-Stiftung ins Leben gerufenen Projekts bilden und der Verständigung über vorhandene Probleme in diesem Bereich dienen.

In seiner Begrüßung fasste Ekkehard Lieberam die gesteckten Aufgaben der Konferenz zusammen: Die rasante Umwälzung innerhalb der Arbeiterklasse, die sich im Zuge der mikroelektronischen Revolution vollziehe, solle in ihren Konsequenzen für den Klassenantagonismus, die Klassentheorie sowie ihrer Begrifflichkeiten untersucht werden. Des Weiteren solle im Zentrum der Diskussion die Klassenbildung und damit zusammenhängend die Herausbildung von Klassenbewusstsein stehen. Denn, so Lieberam, unter Klassentheorie sei mehr zu verstehen als eine bloße Strukturtheorie, sie habe vielmehr den Anspruch, zur „politischen Klassenbildung“ beizutragen. Im seinem gemeinsam mit Herbert Münchow ausgearbeiteten Referat umriss er zunächst die weitere Schwerpunktsetzung. Demzufolge seien Untersuchungen der Arbeiterklasse unzulänglich, wenn die Veränderungen innerhalb der herrschenden Klasse nicht mit einbezogen würden. Zudem müsse beschrieben werden, wo neue Widersprüche den Klassenantagonismus verschärften oder verdeckten. Ferner setzte Lieberam sich mit dem scheinbaren Verschwinden der Arbeiterklasse auf der Definitionsebene auseinander. Die „Arbeitnehmerklasse“ etwa, ein von Wolfgang Abendroth geprägter und später verworfene Begriff, weise eine wachsende Tendenz von Zugehörigen auf (1963: 57,2 Prozent, 2006: 88,9 Prozent). Problematisch sei allerdings die sich mit dem Kriterium des Verkaufs der Arbeitskraft ergebende zu grobe Klassenstruktur, denn Fragen nach dem inneren Aufbau und der Rolle einer möglichen Mittel- oder auch Unterklasse könnten damit nicht gefasst werden.

Im Gegensatz dazu stehe Kuczynskis Verständnis der Arbeiterklasse. Sein engerer Begriff ist dem „klassischen Bild der Blaumänner“ angelehnt, der in Großbetrieben organisierte Teil der „mehrwertproduzierenden Klasse“. Ausgehend von dieser Definition ergebe sich sowohl absolut als auch prozentual ein dramatischer Rückgang der Arbeiterklasse in der BRD (auf heute ca. 15-20 Prozent der Beschäftigten). Dieser Prozess könne als Konsequenz eine „Auflösung der Klasse durch den Computer“ beschrieben werden. Unstrittig dagegen sei die Charakterisierung der Industriearbeiterschaft als „Kern der Arbeiterklasse“, welche „das Zentrum und den Nerv des ganzen wirtschaftlichen Systems“ (Lenin) darstelle.

Das in Abwesenheit vorgetragene Referat von Jörg Miehe beschäftigte sich mit der Frage der Aktualität der Klassenanalyse des IMSF von 1970. Diese setze sowohl hinsichtlich der begrifflichen Positionen, wie vor allem hinsichtlich des Umfangs, der Gründlichkeit und der Solidität der Ergebnisse Maßstäbe. Nach Miehe ist die begriffliche Bestimmung der Arbeiterklasse in der IMSF-Untersuchung dagegen nicht bestätigt worden. Denn der relativ weite Begriff der Arbeiterklasse zeige auch weiterhin „eine wachsende Arbeiterklasse innerhalb der ebenfalls umfangreicher gewordenen abhängigen Beschäftigung“. Es sei daher zu prüfen, ob ein enger Begriff der Arbeiterklasse nicht eine bessere Erklärung der „Involution der Arbeiterbewegung“ liefern könne.

Hans-Peter Brenner wandte sich in seinem Beitrag – auch in Abgrenzung einer extensiven Interpretation des „Verschwindens der Arbeiterklasse“ – gegen einen undifferenzierten Gebrauch des marxistisch-leninistischen Begriffs der Arbeiterklasse. Auch machte er auf statistische Probleme aufmerksam: So berücksichtigten bürgerlichen Statistiken die im Rahmen der „Vertiefung der Arbeitsteilung“ sich vollziehende stärkere Gewichtung von „produktiven Unternehmensdienstleistungen“ innerhalb des Dienstleistungssektors nicht.

Im Anschluss fasste Werner Seppmann die Problemstellungen der bisherigen Beiträge zusammen. Kernfrage sei weiterhin, ob die Arbeiterklasse noch als „Subjekt progressiver Veränderungen“ begriffen werden kann. Dabei werfe die Beschäftigung mit der Arbeiterklasse immer noch mehr Fragen als Antworten auf, das Verständnis der Arbeiterklasse sei nicht unmittelbar evident. Die dramatischen Umstrukturierungen führten zu einer Fragmentierung der Lohnabhängigenklasse und zu weitgehenden Reproletarisierungs- und Dequalifizierungstendenzen.

Kontrovers wurde Renate Münders Beitrag zum Begriff der „Arbeiteraristokratie“ diskutiert. Dieser von Lenin geprägte Begriff spiele in der heutigen Diskussion der Linken keine wesentliche Rolle mehr, biete aber einen materialistischen Erklärungsansatz für eine überwiegend sozialpartnerschaftliche Orientierung der Arbeiterklasse. Die Arbeiteraristokratie stelle eine eigene Schicht innerhalb der Arbeiterklasse dar, deren Charakteristika eine besondere Stellung innerhalb der betrieblichen Hierarchie durch höhere Qualifikation oder Ausübung von Leitungsfunktionen sowie überdurchschnittliche Vergütungen seien. Einen eigenen Bestandteil der Arbeiteraristokratie bildet Münder zufolge wiederum die „Arbeiterbürokratie“, der vor allem freigestellte Betriebsräte und andere Teile des Gewerkschaftsapparats zuzurechnen seien. Kennzeichnend sei ihre Trennung vom Arbeitsprozess und eine auf höherer Funktionärsebene auch deutlich höhere Vergütung. Besonderen Wert legte Münder in ihren Ausführungen darauf, dass weder eine Gegenüberstellung von „kampfbereiten Belegschaften“ und „verräterischer Gewerkschaftsbürokratie“, noch ein automatischer „Verrat“ bei besonderer Privilegierung in der Realität bestand habe. Vielmehr würden sich diese Phänomene gegenseitig bedingen.

Anschließend referierte Thomas Lühr unter Bezugnahme auf eine neue Prekaritätsstudie der Friedrich-Ebert-Stiftung über den Zusammenhang zwischen einer übergreifenden „Verallgemeinerung der Unsicherheit“ unter den Beschäftigten und dem Verdrängen von unbefristeter Normalarbeit durch prekäre Beschäftigungsverhältnisse. Die dadurch geschaffene „Zone der Prekarität“ (Castel) spalte nicht nur die Klasse der Lohnabhängigen, sondern wirke auch verunsichernd auf die Beschäftigten in Normalarbeitsverhältnissen zurück. Gleichzeitig warf Lühr die Frage auf, ob durch die Verallgemeinerung der „gefühlten Unsicherheit“ nicht auch eine „neue Kollektivität“ eine subjektive Grundlage bekommen könnte, die Ansätze für eine Klassenformierung der Lohnabhängigen biete. Hemmnis sei dabei vor allem die „immer noch vorherrschende Sozialpartnerschaftsideologie“, die auch ein Anknüpfungspunkt für rechtspopulistische Ideologien biete. Um dies zu unterbinden, müsse in den Gewerkschaften konsequent für eine interessengeleitete Klassenpolitik eingestanden werden.

Manfred Sohn eröffnete den zweiten Tag der Konferenz mit dem Fokus auf den Aspekt der Identitätsstiftung und der Mobilisierungsfähigkeit. Die Begriffe „Proletariat“ und „Arbeiterklasse“ würde von den meisten Beschäftigten als Anachronismus empfunden und böten insofern kaum Anknüpfungspunkte. Erfolgversprechender sei es, mit Anlehnung an den englischen Begriff „working class“ von ein „abhängig arbeitenden Klasse(n)“ zu sprechen. Der Begriff der „Arbeiterklasse“ dagegen solle aufgrund seiner identitätsstiftenden Rolle nur in seinem engen Sinne auf den Kern der Arbeiterklasse, auf die Arbeiter in den Kernbereichen der großen Industrie, angewendet werden.

Richard Albrecht betonte in seinem Vortrag die Relevanz von „Zukunftsaspekten“ bei der Bewusstseinsbildung. Anhand der bekannten Marienthal-Studie könne man die destruktive Wirkung fehlender Zukunftsaussichten auch heute noch belegen. (Dauer-)Arbeitslosigkeit führe zu dem „Verzicht auf eine Zukunft, die nicht einmal in der Phantasie als Plan eine Rolle spielt“ (Jahoda/Lazarsfeld), somit zum Verlust der Fähigkeit zur Antizipation. Im Gegensatz dazu hätten Marx und Engels diese Fähigkeit des Menschen ausdrücklich betont (vgl. das „Biene/Baumeister“-Beispiel). Der Verlust der Antizipationsfähigkeit drohe den Betroffenen „auf jene letzte Etappe“ vorzubereiten, „in der er jede Funktion, auch den ‚job’ des Henkers, zu übernehmen bereit ist“ (H. Arendt).

Wie zuvor sollen auch die Referate dieser Tagung in einem vierten Band des Projekts Klassenanalyse@BRD veröffentlicht werden.

Dieser Artikel ist erschienen in Z. Nr. 68, Dezember 2006