Z. Zeitschrift Marxistische Erneuerung Nr. 71, September 2007 - http://zeitschrift-marxistische-erneuerung.de/topic/46.ausgabe-71-september-2007.html

Dem Wert auf der Spur

Von der Unmöglichkeit, den Wert zu messen, ohne sich einen abzubrechen. Eine Kritik der Äquivalenzökonomie und ihrer Kritiker

Ingo Stützle

Nach 1989 sorgte Karl Marx kaum mehr für Diskussionen, sondern war eher ein Ziel von Denunziation. Inzwischen sind er und seine Kritik der politischen Ökonomie wieder verstärkt Gegenstand von Debatten: Wohl auch deshalb, weil viele das Bedürfnis haben, den Kapitalismus nicht nur zu verurteilen, sondern auch zu begreifen. Marx ist nach wie vor einer der wenigen, die hierzu etwas Substanzielles beizutragen haben. Das Bedürfnis, nicht nur Kritik zu formulieren, was Marx’ explizites wissenschaftliche Programm war, hat inzwischen jedoch auch dazu geführt, dass er – bzw. eine ihm zugeschriebene Arbeitswerttheorie – herangezogen wird, um die Umrisse eines „Sozialismus im 21. Jahrhunderts“ zu skizzieren.

Drei Quellen

Diese Debatte speist sich zurzeit aus drei Quellen. Zum einen aus Überlegungen, die vor allem Arno Peters (1996) und Heinz Dieterich (2006) formuliert haben. Letzterer gilt als informeller Berater von Hugo Chávez, was den Arbeiten eine besondere Aktualität und politische Brisanz verleiht. Ihre Konzeption einer „Äquivalenzökonomie“ stellen den Resonanzboden einer zweiten Quelle dar: die Konzeptionen und Erfahrungen der realsozialistischen Planungsversuche (vgl. u.a. für die DDR Steinitz 2007). Diese wurden nicht nur in Kritik an Peters/Dieterich vorgetragen, u.a. in der vorletzten Ausgabe dieser Zeitschrift, sondern auch auf der von der Rosa-Luxemburg-Stiftung ausgetragenen Konferenz „Sozialismus im 21. Jahrhundert – Probleme, Perspektiven“.[1] Hierbei spielt die marxsche Werttheorie eine wichtige Rolle, wobei, so die hier zu formulierende Kritik, die marxsche Kritik der politischen Ökonomie – wie bereits im Realsozialismus – in eine politische Ökonomie des Sozialismus verwandelt wird. Die dritte Quelle ist die Diskussion um einen so genannten Computer-Sozialismus (Cockshott/Cottrell 1993).[2] Der herrschende informationelle Kapitalismus (Robert Castells) hat die technische Grundlage verändert, vor dessen Hintergrund die Diskussion um einen möglichen Sozialismus zur Zeit stattfindet. Der Technikdeterminismus des weltanschaulichen Marxismus wird sozusagen in spezifischer Form fortgeschrieben: die fehlenden Produktivkräfte, vor allem die fehlenden Rechenleistungen der Computer seien das zentrale Moment gewesen, warum der Realsozialismus gescheitert sei. Mit den neuen Technologien sei nun nicht nur eine umfassende Planung der Ökonomie möglich, sondern auch direkte Demokratie. Jetzt endlich gebe es die materielle Grundlage für einen demokratischen Sozialismus. Eine Argumentationsfigur, die schon so alt ist, wie die Reflexion über das Scheitern des Sozialismus selbst.

Zur Diskussion um die Äquivalenzökonomie

Auch in Z. 69 wurde Kritik an einigen Konzeptionen geübt. So wurde von Gottfried Stiehler aus einer philosophischen Perspektive eine DDR-Bilanz gezogen. Joachim Tesch und Harry Nick setzen sich hingegen mit theoretischen Fragen der Ökonomie auseinander. Auch wenn einige der formulierten Kritikpunkte durchaus zutreffen, soll im Folgenden gezeigt werden, dass die Probleme tiefer liegen, als die DiskutantInnen in der Debatte glauben mögen. Dass zentrale Probleme erst gar nicht zur Sprache kommen, liegt vor allem an einer bestimmten Rezeption des marxschen Kapitals. Im Folgenden soll deshalb vor allem die werttheoretische Diskussion aufgegriffen werden. Dabei bleiben alle demokratietheoretischen Fragen und die Problematik der Planung außen vor. Ebenso ausgeklammert wird die in der Diskussion überhaupt nicht aufgegriffene Weiterentwicklung der Bestimmung des Werts im dritten Band als Produktionspreis und die daran anschließende Diskussion um das Transformationsproblem (Heinrich 1988; Paragenings 2004).[3]

Tesch hinterfragt, inwieweit ein rein quantitativ bestimmter Arbeitszeitaufwand überhaupt der Arbeitswert sei (Tesch 2007: 86). Er betont, dass es bei Marx eine Unterscheidung zwischen einfacher und komplizierter Arbeit gibt, die in der Diskussion ausgeblendet werde. Das Problem müsse aber notwendigerweise bei der konkreteren Ausformulierung jedoch immer wieder aufkommen (ebd.: 88f.). Bei dieser Probe aufs Exempel würden sich jedoch alle von der marxschen Theorie entfernen. Der bei Marx „didaktisch begründete Verzicht auf die Reduktion komplizierter in einfache Arbeit“ könne bei der „praktischen Umsetzung nicht beibehalten werden“ (ebd.: 88). Der Wert sei „als gesellschaftliche Substanz der Ware“ nicht „direkt erfassbar“ (ebd.: 89). Was das exakt bedeutet, bleibt jedoch unklar. Ebenso unklar bleibt, was unter der „praktischen Umsetzung“ der Reduktion genau verstanden wird.

Harry Nick schlägt in eine ähnliche Kerbe: Bei Marx seien vor allem drei „Umrechnungen“ relevant: tote in lebendige Arbeit, komplizierte in einfache und die Umrechnung von individuell verausgabter in gesellschaftlich notwenige Arbeit (Nick 2007: 103). Die „Unmöglichkeit“ eines „direkten Messens des durch die lebendige Arbeit geschaffenen Werts“ werde bei der Umrechnung von komplizierter in einfache Arbeit sichtbar (ebd.: 104).

Auch an anderer Stelle wurde – durchaus scharfe – Kritik an der Vorstellung einer Äquivalenzökonomie geübt. So werfen Christoph Lieber und Joachim Bischof Peters und Dietrich vor eine „antimoderne“ Konzeption vorgelegt zu haben, die die ökonomischen Probleme und auf eine „hinterwäldlerische Art und Weise“ lösen würden (2006: 15). Die würden „mit ihrer Äquivalenzökonomie eine Lösung von solcher Banalität [präsentieren], die eine ernsthafte theoretische Auseinandersetzung arg strapaziert“ (ebd: : 16). Ihr Ansatz würde der Komplexität moderner Gesellschaften nicht gerecht und würde zudem das spezifisch kapitalistische, die Produktion von Mehrwert, entnennen. Alles Übel werde mit dem – ungerechten – Markt identifiziert. Die „Substanz der Kritik der politischen Ökonomie“ sei „nicht verstanden“ (ebd.: 18) worden, und die Autoren würden somit weit hinter Marx zurück fallen.

Diese Debatte zeigt jedoch vor allem eines: Dass es nicht möglich ist, einfach auf Marx zurück zu greifen, sondern dass das Kapital neu gelesen und neu diskutiert werden muss (siehe Einleitung und Nachwort zu Hoff et al. 2006a). Nicht zuletzt vor dem Hintergrund der realsozialistischen Erfahrungen. Nach wie vor sind grundlegende Kategorien der marxschen Kritik unklar – so der Begriff der abstrakten Arbeit. Mit weit reichenden politischen Folgen. Keine/r der KritikerInnen der Äquivalenzökonomie geht auf die wissenschaftliche Leistung ein, die Marx für sich selbst beansprucht und die er den „Springpunkt“ (KI, 56) der politischen Ökonomie nennt: Die Unterscheidung von konkret-nützlicher und abstrakter Arbeit oder allgemeiner, d.h. die Unterscheidung von stofflichem Inhalt der Arbeit und ihrer gesellschaftlichen Formbestimmung.[4] Eine Unterscheidung, die für Marx zentral war, wirft er doch allen Ökonomen vor, „niemals auch nur die Frage gestellt“ zu haben, „warum dieser Inhalt jene Form annimmt, warum sich also die Arbeit im Wert […] darstellt?“ (KI, 95)[5]

Was macht Marx im Kapital?

Die oben bereits angerissene Kritik, dass Marx’ Kritik der politischen Ökonomie inzwischen wieder verstärkt als politische Ökonomie des Sozialismus gehandelt wird, verweist auf ein spezifisches Verständnis von dem, was Marx eigentlich im Kapital macht. Die Frage nach dem eigentlichen Gegenstand der Kritik der politischen Ökonomie wurde erst spät aufgeworfen (vgl. Brentel 1989) und ist bis heute ein marginalisiertes Feld der Auseinandersetzung. Auch wenn es in der Sowjetunion und in den realsozialistischen Ländern eine theoretische Debatte zur Werttheorie gab (Hoff et al. 2006b: 16ff.; Rubin 1924; Rubin/Bessonow 1927-1929, zu David B. Rjazanov vgl. vor allem Beiträge zur Marx-Engels-Forschung Neue Folge, Sonderband 1 und 2 sowie zu Rubin Vasina 1994), so wurden diese bzw. ihre politischen Implikationen unterdrückt. Die stalinistische Verfolgung und Ermordung der interessantesten Köpfe der sowjetischen Marx-Forschung sind nur die Spitze des Eisbergs. Schnell wurde aus den wissenschaftlichen Fragen nach Gegenstand und Fragestellung der Kritik der politischen Ökonomie eine kanonisierte Weltanschauung (Heinrich 2002; Labica 1986) bzw. eine Legitimationswissenschaft (Negt 1969).

Im Folgenden soll deutlich gemacht werden, dass die theoretische Grundlage einer Äquivalenztheorie mehr als problematisch ist und dass die bisher formulierte Kritik noch nicht weit genug geht. Wohl auch deshalb, weil die bisher formulierte Kritik die eigenen Vorstellung alternativen Wirtschaftens in Frage stellen würde. Denn auch wenn man eine scharfe Kritik an der Äquivalenzökonomie formulieren mag, so ist dennoch die Vorstellung weit verbreitet, mit Marx’ Ökonomiekritik den kapitalistischen Reproduktionsprozess insoweit theoretisch durchdringen zu können, dass dieser nicht nur quantitativ-empirisch zu verstehen ist (vgl. u.a. Krüger 2007), sondern damit auch alternativ gestaltbar wird.

Marx geht es im Kapital um die Frage, warum die menschliche Arbeit und deren Teilung über den Markt die spezifische Formen Ware, Geld, Kapital annimmt. Diese Fragestellung ist für ihn so zentral, dass er in ihr gerade die differentia specifica seines wissenschaftlichen Programms zu politischen Ökonomen sieht (KI, u.a. 95 sowie im Brief an Ludwig Kugelmann am 11.7.1868 in MEW 32: 552f.). Ihm geht es also nicht allein um die Kritik des Produktionszwecks, den Profit, sondern um die Frage, wie, d.h. in welcher Form, sich der gesellschaftliche Charakter der Arbeit in Gesellschaften herstellt, in der die kapitalistische Produktionsweise herrscht. Ihm geht es also auch nicht – wie z.B. Bischoff/Lieber suggerieren – um die Lüftung von Ausbeutungszusammenhängen, sondern um die Form, in der die Ausbeutung stattfindet, welche „Gesetzmäßigkeiten“ sich hinter dieser spezifischen Form der Ausbeutung verbergen und welche verrückten Formen sie annehmen müssen. Marx geht es also um die qualitative Dimension eines Problems, um eine gesellschaftstheoretische und -kritische Fragestellung.

Der Mangel an Problembewusstsein davon, was Marx eigentlich im Kapital macht, kommt nicht nur in der Debatte um die Äquivalenzökonomie zum tragen – dort aber besonders. Vor allem deshalb, weil hier der Wert – als quantitative Größe von verausgabter Arbeit – als eine potenzielle Kategorie bewusster, transparenter und alternativer Gesellschaftsordnung eingeführt wird. Aber auch so manche Kritik verkennt die anti-empiristische Stoßrichtung und gesellschaftstheoretische Substanz dieses Begriffs.[6]

Marx zeigt im Kapital, dass die Waren produzierende und privat verausgabte Arbeit nicht unmittelbar gesellschaftlich ist – ganz im Gegensatz zu anderen Gesellschaftsformationen. Vielmehr stellt sich erst ex post heraus, ob die geleistete Arbeit tatsächlich Teil der gesellschaftlichen Gesamtarbeit ist oder nicht – auf dem Markt via Geld. Nur vor diesem Hintergrund ist Marx’ Vorwurf gegenüber Ricardo zu verstehen, dass dieser den Zusammenhang von Arbeit und Geld nicht verstanden habe (MEW 26.2: 161). Was meint er aber damit? Marx geht davon aus, dass nur das Geld als unmittelbare Existenzform des Werts den Wert der Waren ausdrücken kann. Das bedeutet erst einmal qualitativ, dass privat verausgabte Arbeit überhaupt als gesellschaftliche, als Wert schaffende Arbeit anerkannt wird und als solche gilt. Der Wert kommt zwar bereits bei der Produktion „in Betracht“ wie Marx schreibt (KI, 87), aber er kann sicht erst als solcher im Tausch, d.h. in Bezug auf Geld als solcher beweisen.[7] Darauf geht Marx vor allem in seinem Überarbeitungsmanuskript zur zweiten Auflage ein (MEGA² II.5: 30). Aber auch die zentrale Funktion des Geldes „Maß der Werte“ (KI, 109ff.) unterstreicht diesen Punkt. Das zeigt die Fußnote (KI, 109, Fn. 50) zu dieser Geldfunktion: „Die Frage, warum das Geld nicht unmittelbar die Arbeitszeit selbst repräsentiert, so dass z.B. eine Papiernote x Arbeitsstunden vorstellt, kommt ganz einfach auf die Frage heraus, warum auf Grundlage der Warenproduktion die Arbeitsprodukte sich als Waren darstellen müssen, denn die Darstellung der Ware schließt ihre Verdopplung in Ware und Geldware ein.“ Hier betont Marx unmissverständlich, dass die Arbeitszeit, die er bezüglich der abstrakten Arbeit meint, unmittelbar gar nicht messbar ist und dass die Frage, warum dies so ist, die Frage mit einschließt, warum sich die menschliche Arbeit unter kapitalistischen Bedingungen in Ware und Geld darstellen muss.

Die gesellschaftliche Grundlage der kapitalistischen Formbestimmungen hat mehrere Gründe. Es wird für einen anonymen Markt produziert, was bedeutet, dass unter kapitalistischen Bedingungen nicht ausgemacht ist, ob ein Gebrauchswert überhaupt ein gesellschaftliches Bedürfnis trifft oder, in der Formulierung von Marx, ein gesellschaftlicher Gebrauchswert ist (KI, 55). Schließlich werden nicht einfach Gebrauchswerte produziert, sondern Gebrauchswerte für andere. Gleichzeitig stellt sich die Frage, wie es überhaupt möglich ist, dass auf dem Markt so unterschiedliche Gebrauchswerte und damit Arbeiten gleichgesetzt werden können. Marx führt als historische Referenz Aristoteles heran (KI, 73f.), der sich diese Frage bereits stellte und für ein Ding der Unmöglichkeit erklärte. Und doch passiert es.

Soziale Reduktionen

Dass die Waren produzierenden Arbeiten einander gleichgesetzt werden können, ist ein Resultat gesellschaftlicher Praxis – einer bestimmten gesellschaftlichen Praxis.[8] Unter kapitalistischen Bedingungen keine randständige Praxis, sondern die vorherrschende Praxis gesellschaftlichen Stoffwechsels. Diese Praxis verweist darauf, dass die vollzogenen Gleichsetzungen und Reduktionen keine nominalen darstellen, die allein im Kopf des/der TheoretikerIn stattfinden. Vielmehr sind es soziale Reduktionen, die eine bestimmte gesellschaftliche Praxis bedingen.

Aber was wird eigentlich auf was reduziert? Bei Marx sind drei verschiedene Reduktionen zu finden, die er im Kapital nie transparent darstellt und die besonders in der Debatte um die Äquivalenzökonomie Anlass für Missverständnisse sind. Zum einen findet eine Reduktion individueller Arbeit auf das Maß gesellschaftlich-durchschnittlicher Arbeit statt. Das bedeutet, dass nicht jede Arbeit als das zählt was ist, sondern nur insofern sie unter gesellschaftlich-durchschnittlichen Bedingungen von Produktivität, Intensität und individuellem Geschick geleistet wurde. Geleistete Arbeit muss sich am gesellschaftlich gültigen Durchschnitt messen und wird auch nur als solcher anerkannt – unabhängig, wie produktiv oder geschickt tatsächlich gearbeitet wurde. Diese Reduktion findet auf der stofflichen Seite, auf der Ebene des Gebrauchswerts statt, weil sich Produktivität, Intensität und Geschick nur bei der stofflichen Produktion vergleichen lassen. Die Ebene der Problematisierung ist am Anfang des Kapital noch sehr abstrakt. Für etwas komplexere Verhältnisse wäre dies die Ebene der industriellen Branchen.

Eine weitere Reduktion, die gesellschaftlich stattfindet, ist die Reduktion komplizierter auf einfache Arbeit. Diese streift Marx mehrmals im Kapital (KI, 59, 212), ohne näher darauf einzugehen und ohne genau das quantitative Verhältnis zwischen den beiden Arbeiten genauer zu bestimmen. Diese Frage ist zwar eines der zentralen Probleme im marxschen Kapital (vgl. Krätke 1997), aber nicht der Springpunkt der politischen Ökonomie. Diese Form der Reduktion ist trotz aller konkreten Schwierigkeiten, die hier nicht weiter diskutiert werden, nicht Ursache der Schwierigkeit, den Wert zu messen. Der Springpunkt, so Marx im Kapital (56), sei vielmehr der Doppelcharakter der Arbeit. Wie die Ware in Gebrauchswert und Tauschwert zu unterscheiden ist, so könne auch die Waren produzierende Arbeit in konkret-nützliche und abstrakt menschliche Arbeit unterschieden werden. Was ist das aber für eine Reduktion und welche Art von „Arbeit“?

Die abstrakte Arbeit ist Resultat einer gesellschaftlichen Praxis, die dennoch – und das ist das Absurde – eine gegenständliche Reflexion auf der Ebene der sinnlichen Wahrnehmung, auf der Ebene der getauschten Waren bedarf.[9] Das ist alles andere als ein bewusster oder gar freiwilliger Akt. „Die Menschen beziehen […] ihre Arbeitsprodukte nicht aufeinander als Werte, weil diese Sachen ihnen als bloß sachliche Hüllen gleichartig menschlicher Arbeit gelten. Umgekehrt. Indem sie ihre verschiedenartigen Produkte einander im Austausch als Werte gleichsetzen, setzen sie ihre verschiednen Arbeiten einander als menschliche Arbeit gleich. Sie wissen das nicht, aber sie tun es.“ (KI, 88) Dass sie ihre Waren aber überhaupt als Werte aufeinander beziehen können, bedarf es eines Dritten, das unmittelbar Wert ist – das Geld.[10] Vor diesem Hintergrund ist Marx bereits erwähnte Kritik an Ricardo zu verstehen, dass er den Zusammenhang von Arbeit und Geld nicht verstanden habe. Was aber bedeutet das für eine Kritik an der Äquivalenzökonomie bzw. genereller an der Vorstellung, dass die wertbildende Arbeit generell, d.h. durchaus mit Abstrichen, messbar sei?

Es ist nicht schwierig, den Wert zu messen oder „umzurechnen“. Es ist schlicht und einfach unmöglich. Es ist gerade das konstitutive Moment der kapitalistischen Produktionsweise, dass sich die gesellschaftliche Gesamtarbeit über eine gegenständliche Vermittlung, das Geld, ex post herstellt.[11] Das Geld ist gegenständlicher Ausdruck einer spezifischen Praxis. Einer Praxis, die Ungleiches gleich setzt. Die Vorstellung, man könne den Warentausch gerecht gestalten, indem äquivalente Wertgrößen miteinander getauscht werden, sitzt dem von Marx immer wieder kritisierten Phantasma auf, dass es einen Warentausch ohne Geld geben könnte, „ebensowohl könnte man den Papst abschaffen und den Katholizismus bestehen lassen.“ (KI, 102 Fn. 40)[12] Unter kapitalistischen Voraussetzungen ist das Geld das einzige Maß der Werte. Alle anderen Möglichkeiten, Arbeit in irgendeiner Form zu messen beziehen sich allein auf konkret-nützliche Arbeit. Schließlich ist es durchaus möglich, mit der Stoppuhr Arbeitsschritte zu messen und zu vergleichen. Gemessen wird hier aber nur ein Moment, das in die Wertbestimmung mit eingeht, nicht aber die Wertbestimmung selbst.[13] Der Wertcharakter der Waren kann überhaupt erst mit dem Geld konstatiert werden. Den Wertcharakter oder die Wertgröße unabhängig von Geld feststellen zu wollen, unterstellt der Produktion einen unmittelbaren gesellschaftlichen Charakter und den Produkten eine unmittelbare Austauschbarkeit – diese aber existiert bei kapitalistischer Warenproduktion gerade nicht.

Die Vorstellung, eine alternative Wirtschaftsform, womöglich eine Äquivalenzökonomie sei auf der Möglichkeit zu etablieren, dass der Wert empirisch konstatierbar und messbar sei, widerspricht den grundlegenden Aussagen der marxschen Ökonomiekritik und drückt einen frommen Wunsch aus, den bereits Marx kannte: „Man mag sich daher einbilden, man könne allen Waren zugleich den Stempel unmittelbarer Austauschbarkeit aufdrucken, wie man sich einbilden mag, man könne alle Katholiken zu Päpsten machen. Für den Kleinbürger, der in der Warenproduktion das nec plus ultra menschlicher Freiheit und individueller Unabhängigkeit erblickt, wäre es natürlich sehr wünschenswert, der mit dieser Form verbundnen Missstände überhoben zu sein, namentlich auch der nicht unmittelbaren Austauschbarkeit der Waren.“ (KI, 82, Fn. 24) Stellt man jedoch die Frage radikal, d.h. die Frage nach einer unmittelbaren gesellschaftlichen Produktion, muss die Warenproduktion und damit die auf dem Wert basierende Produktion selbst in Frage gestellt werden. Die Wertgröße kann kein Regulator einer nicht-kapitalistischen Form der Produktion sein.[14]

Mit dieser apodiktischen Feststellung ist die Diskussion aber noch lange nicht zu Ende. Vielmehr sind damit die theoretischen Voraussetzungen formuliert, mit welchen bereits gescheiterte oder mögliche Planungsökonomien kritisiert und diskutiert werden können. Damit steht die zentrale Frage im Mittelpunkt der Auseinandersetzung: Wie ist eine alternative, nicht-kapitalistische Ökonomie möglich?

Literatur

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Bischoff, Joachim/ Lieber, Christoph (2006): Dritter Sozalismusversuch: Äquivalenzökonomie?, in: Sozialismus, 33.Jg., H.11, 12-19.

Brentel, Helmut (1989): Soziale Form und ökonomisches Objekt. Studien zum Gegenstands- und Methodenverständnis der Kritik der politischen Ökonomie, Opladen

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Rubin, Isaak Iljitsch (1924): Studien zur Marxschen Werttheorie, Frankfurt/M 1973

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Steinitz, Klaus (2007): Das Scheitern des Realsozialismus. Schlussfolgerungen für die Linke im 21.Jahrhundert, Hamburg

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Vasina, Ljudmilla (1994): I. I. Rubin – Marxforscher und Politökonom, in: Beiträge zur Marx-Engels-Forschung. Neue Folge, 144-149.

[1] Vgl. http://www.rosalux.de/cms/index.php?id=12200

[2] Auch Dietrich (2006: 124) bezieht sich positiv auf Cockshot/Cotrell. Gleichzeitig ebnet er aber den Unterschied ein, den eine vermeintliche Messung von „Wert“ und von Preisen in einer bestimmten Währung – also Geld – bedeutet (s.u.).

[3] Eine kritische werttheoretische Debatte ist auch deshalb notwendig, damit diese nicht anderweitig in allein denunziatorischer Absicht geführt wird. So wird z.B. von Philipp Lenhard behauptet, dass „das Konzept der Äquivalenzökonomie als Ganzes durchaus eine höchst altbackene Spinnerei ist“, dieses aber „doch einen Antikapitalismus“ ausdrücke, „dessen versuchte Verwirklichung allemal die barbarischen Tendenzen der herrschenden Gesellschaftsordnung übersteigen würde.“ „Indiz“, so Lenhard ist, dass ein „aggressiver Antisemitismus“ auszumachen sei, „der die Juden als Agenten der Chrematistik ausmacht und zu vernichten trachtet.“ (Lenhard 2007) Auf diesen Aspekt der Diskussion kann hier nicht eingegangen werden.

[4] Brentel (1989) unterscheidet in Bezug auf den marxschen Formbegriff zwischen der Wertgegenständlichkeit als Formcharakter der abstrakten Arbeit (Form I), den verschiedenen Existenzformen der Wertgegenständlichkeit – d.h. den Wert-Formen – (Form II), sowie der kapitalistischen Gesellschaftsform als spezifischer Produktionsweise (Form III).

[5] Deshalb reicht auch die Kritik von Lenhard (2007) nicht, die Theoretiker der Äquivalenzökonomie werden den Wert als überhistorische Kategorie begreifen. Die Kritik einer unhistorischen Verwendung ökonomischer Kategorien ist bereits Gegenstand von Marx’ Elend der Philosophie. Was sich aber gegenüber dieser Spielart von Kritik an Proudhon im Kapital verändert hat bleibt unklar: die Kritik des ganzen wissenschaftlichen Feldes politische Ökonomie und der Nachweis, warum die Kategorien der politischen Ökonomien überhaupt als „objektive Gedankenformen“ (Marx) existieren müssen.

[6] Ein Problem, das ebenso alt wie Marx’ Arbeiten selbst sind. Erinnert sei an Friedrich Engels „Nachtrag“ zum dritten Band des Kapital. Dort suggeriert es selbst, dass in einer vorkapitalistischen „einfachen Warenproduktion“ die Menschen ihre Waren entsprechend der aufgewendeten Arbeitszeiten tauschen, weil sie diese Arbeitszeiten kennen würden (KIII, 907). Zur historischen Debatte vgl. Grigorovici (1910) und zur Kritik der einfachen Warenproduktion vgl. Hecker (2002).

[7] Die radikale Schlussfolgerung ist demnach, dass der Wert in der Produktion weder messbar, noch sonst wie feststellbar ist.

[8] Die immer wieder auf die Feuerbachthesen verweisende Vorstellung, dass die Praxis das zentrale Moment der marxschen Theorie sei, kritisiert Heinrich (2004) zu Recht als blind für die Formbestimmtheit der Praxis.

[9] Auch dem Begriff der abstrakten Arbeit wurde recht wenig Aufmerksamkeit gewidmet. Eine Ausnahme bildet hier der sowjetische Forscher Isaak Rubin (1924). Er unterschied dabei zwischen physiologisch gleicher Arbeit, gesellschaftlich gleichgesetzter Arbeit und abstrakt-allgemeiner Arbeit (ebd.: 50ff., 100ff.). Entgegen der bis heute dominanten naturalistischen Vorstellungen machte er deutlich, dass es sich bei abstrakter Arbeit um eine „spezifisch historische Form der Gleichsetzung von Arbeit“ handelt, die damit „nicht nur ein gesellschaftlicher, sondern auch ein historischer Begriff“ sei (ebd.: 95). Zur Diskussion des Begriffs siehe Heinrich (1994).

[10] Anschaulich formuliert Marx den Zusammenhang von gegenständlicher Vermittlung der Waren durch das Geld als Reflex ihrer Wertbeziehung: „Es ist als ob neben und außer Löwen, Tigern, Hasen und allen andern wirklichen Thieren [Ö] auch noch das Thier existirte, die individuelle Incarnation des ganzen Thierreichs. Ein solches Einzelne, das in sich selbst alle wirklich vorhandenen Arten derselben Sache einbegreift, ist ein Allgemeines, wie Thier, Gott u.s.w.“ (MEGA II.5, 37)

[11] Zur Konzeption gegenständlicher Vermittlung von scheinbar Unmittelbarem bei Marx vgl. Arndt (2004).

[12] Plastisch formuliert Peters (1996: 12) diese Vorstellung eines gerechten Tausches, wenn er von einem Gütertausch träumt, „bei dem Verschiedenartiges, aber Gleichwertiges, ohne Gewinn (= äquivalent) ausgetauscht wird.“ Wobei das Gleiche, der Wert, bereits vor dem Tausch feststeht und Geld – wie in der Neoklassik – nur einen formalen Zweck zu besitzen scheint.

[13] Diese Messung war gerade Grundlage der technischen Zerlegung und effizient organisierten Arbeitsorganisation des Taylorismus. Damit mag die Arbeit zwar monotoner und mit Rubin gesprochen physiologisch gleicher geworden sein, aber weder wurde hier abstrakte Arbeit konstituiert, noch messbar.

[14] Damit ist sicherlich noch nichts darüber ausgesagt, welche Formen Markt und Geld unter bestimmten Voraussetzungen annehmen können. Auch wenn Krätke (2003) richtige und wichtige Fragen stellt, ist es sicherlich überzogen, Marx in diesem Zusammenhang den „Marktsozialisten“ zuzuschlagen.

Dieser Artikel ist erschienen in Z. Nr. 71, September 2007