Z. Zeitschrift Marxistische Erneuerung Nr. 72, Dezember 2007 - http://zeitschrift-marxistische-erneuerung.de/topic/45.ausgabe-72-dezember-2007.html

Vom medialen Umgang mit dem Faschismus

Ulrich Schneider

Wer über Geschichtspolitik und Geschichtsrevision spricht, denkt sicherlich zuerst an den Historikerstreit von 1986 oder die Abwicklung der historischen Traditionen und der manifesten Orte des Geschichtsbildes der DDR mit den „höheren Weihen“ von wohlbestallten und hochdotierten Akademikern. Exemplarisch sei dabei nur auf den Streit um die Denunziation des kommunistischen Widerstands im KZ Buchenwald durch Lutz Niethammer oder auf manche Elaborate aus dem Hause des Hannah-Ahrendt-Instituts für vergleichende Totalitarismusforschung verwiesen.

Selbst wenn manche dieser Thesen im öffentlichen Streit kritisch hinterfragt werden, werden durch solche Beiträge natürlich ideologische Markierungspunkte gesetzt, die zum einen in den akademischen Raum wirken – kein hoffnungsvoller Nachwuchswissenschaftler kann sich ohne Risiko für die eigene Karriere gegen diese ideologischen Vorgaben positionieren – zum anderen auch langfristig populäre Darstellungen zur Geschichte in Schulbüchern o.ä. beeinflussen. Massenwirksamer als solche teils sperrigen Untersuchungen sind jedoch die Darstellungen zur Geschichte, die unmittelbar für ein breites Publikum produziert werden und wurden. Und dabei spielen Massenmedien – insbesondere das Medium Fernsehen – eine enorme Rolle.

Die Wirkung der Serie „Holocaust“

Welchen Einfluss das Fernsehen für die Auseinandersetzung mit dem Thema NS-Vergangenheit haben kann, konnte man bereits Ende der 1970er Jahre in der alten BRD erleben. Der amerikanische Fernsehmehrteiler über das Schicksal der Familie Weiß unter dem Titel „Holocaust“, der den Weg der Verfolgung von jüdischen Familien an einem fiktiven Beispiel nachzeichnete und der in der ersten Ausstrahlung nur über die Dritten Programme zu sehen war, wurde zum Ausgangspunkt für eine öffentliche Geschichtsarbeit, die tatsächlich Massen von jungen und älteren Menschen motivierte, sich endlich – nach einer langen Phase des gesellschaftlichen Beschweigens – mit den Verbrechen des NS-Regimes gegen jüdische Menschen in der eigenen Umgebung zu beschäftigen. Es war nicht so, dass es zu dem Thema vorher keine Forschungen oder Publikationen gegeben hätte. Doch der Impuls, sich offensiv und gesellschaftlich diesem Thema zuzuwenden, kam nicht zuletzt durch die Ausstrahlung der Filme. Die Tatsache, dass nur wenige Monate später die Filme zur besten Sendezeit im Ersten Programm wiederholt wurden, ist ein Indiz für das enorme öffentliche Interesse, das die Sendungen ausgelöst hatten. Insgesamt kann man festhalten, dass mit der Ausstrahlung dieser Filme eine gesellschaftliche Debatte ausgelöst wurde, die tatsächlich einen Neuanfang in der Beschäftigung mit den Verbrechen der faschistischen Herrschaft nicht allein gegen jüdische Menschen bedeutete.

Eine vergleichbare Wirkung ist anderen historischen Sendungen zum Thema NS-Zeit und faschistischen Verbrechen zwar versagt geblieben, dennoch war seitdem das Massenmedium Fernsehen ein zentrales Auseinandersetzungsfeld der geschichtlichen Aufarbeitung.

Erinnert werden sollte in diesem Zusammenhang noch an ein deutsch-sowjetisches Gemeinschaftsprojekt, das sich mit dem Überfall auf die Sowjetunion und dem Krieg an der Ostfront bis zum 8. Mai 1945 beschäftigt. Diese Fernsehproduktion (in der westdeutschen Fassung lief sie unter dem Titel „Der unbekannte Krieg“, das Fernsehen der DDR zeigte die deutschsprachige Fassung unter der Überschrift „Der vergessene Krieg“), die gemeinsam von sowjetischen, west- und ostdeutschen Historikern begleitet und vom sowjetischen Fernsehen und dem WDR produziert worden war, führte durchaus zu politischen Kontroversen, wurden doch in diesem Werk gängige Vorurteile und Geschichtsbilder des „ehrenhaften Kampfes“ an der Ostfront in Frage gestellt.

Insgesamt gab es in den 1980er Jahren einige Produktionen, selbst solche von Guido Knopp, die sich historisch angemessen mit der NS-Zeit und der Rolle von Eliten und anderen gesellschaftlichen Kräften gegenüber dem aufkommenden Faschismus beschäftigten, z.B. „Warum habt ihr Hitler nicht verhindert? Fragen an Mächtige und Ohnmächtige“.

Geschichtspolitische Neuorientierung nach 1989

Mit dem politischen Umbruch 1989/90 war selbstverständlich auch ein Umbruch in der Geschichtsperspektive verbunden und die Massenmedien reagierten mit großer Geschwindigkeit auf diesen Wandel. Nachdem seit Anfang der 1990er Jahre auch historische Themen (Stasi-Aufarbeitung, „Geheimakte-Buchenwald“) in revisionistischer Perspektive Eingang in Nachrichtensendungen und in die politischen Magazine gefunden hatten, veränderte sich die Perspektive der historischen Dokumentationen.

Es wäre dabei sicherlich falsch zu behaupten, die NS-Vergangenheit und die handelnden Personen würden nunmehr zugunsten der „Stasi-Thematik“ ausgeblendet. Vielmehr findet man in den letzten Jahren eine große Zahl von historischen Dokumentationen im öffentlich-rechtlichen Fernsehen, die sich mit verschiedenen Aspekten ausführlich beschäftigten.

Schon im Jahr 1995 war Knopp mit dem Zweiteiler „Hitler – eine Bilanz“ auf den Markt getreten. Wer anlässlich des 50. Jahrestages der Befreiung erwartet hatte, hier eine Bilanzierung der faschistischen Herrschaft zu erhalten, sah sich getäuscht. Knopp berichtete vom „Privatmann“ Hitler, der Probleme mit seinem eigenen Familienstammbaum gehabt habe, und vom „Verführer“, dessen Fähigkeit zur Massensuggestion ihm den Weg zur Macht gebahnt habe. Damit war eine Richtung für die zukünftige mediale Verarbeitung vorgegeben.

Eine zweite Tendenz zeigte sich im Juni 2004 zum Jahrestag der Invasion in der Normandie bzw. zum 8. Mai 2005, dem 60. Jahrestag der Befreiung, im Fernsehen als Jahrstag des Kriegsendes abgefeiert. Dabei ist es schon bemerkenswert, in welcher Form durch eine intensive mediale Aufmerksamkeit hier geschichtspolitische Perspektiven verschoben wurden. Exemplarisch konnte man dies nachzeichnen an der Berichterstattung über den D-Day und die verschiedenen öffentlichen Veranstaltungen zu diesem Anlass im Jahre 2004. Hier zeigt sich, in welchem Umfang staatliche Geschichtspolitik und mediale Geschichtsvermittlung korrespondieren.

Vollkommen berechtigt wurde darauf verwiesen, dass die Eröffnung der zweiten Front ein wichtiges Ereignis war, das in historischer Perspektive den Druck von den militärischen Anstrengungen der sowjetischen Truppen an der Ostfront bei ihrem Vormarsch gegen die faschistische Wehrmacht nahm. In den Aussagen der Staatsmänner der NATO-Staaten, in der Berichterstattung des Fernsehens und in verschiedenen historischen Dokumentationen wurde daraus jedoch der Beginn der Befreiung Europas von der NS-Okkupation, so als hätte es den heroischen Kampf der sowjetischen Truppen und ihrer Verbündeten in den Jahren zuvor überhaupt nicht gegeben.

Die Erinnerung an die Schlacht von Stalingrad, gerade einmal eineinhalb Jahre zuvor, reduzierte sich dagegen auf die Beschreibung der „Schrecken des Krieges“, den alle deutschen Landser und die Soldaten der Roten Armee gleichermaßen durchstehen mussten. In der entsprechenden Fernsehdokumentation (unter der inhaltlichen Leitung von Guido Knopp) wurden die militärischen Befehle der faschistischen Führung, man dürfe im antibolschewistischen Kampf keinen Meter zurückweichen und – im Sinne des „Endsiegs“ – die „Festung Stalingrad“ sei unter allen Umständen zu halten, auf die gleiche Stufe gestellt mit den Appellen und Befehlen der Roten Armee, die „heilige russische Erde“ gegen die faschistischen Okkupanten zu verteidigen. Der politisch gewollte Durchhaltewille galt dabei als Synonym für die Unmenschlichkeit der beiden militärischen Führungen, die in diesem Krieg Tausende Soldaten „sinnlos“ verheizt hätten.

Für den qualitativen Unterschied, dass es sich in dem einen Fall um eine Invasionsarmee handelte, die bereits tausendfache Verbrechen begangen hatte (Stichwort „Vernichtungskrieg“), im anderen Fall um die Verteidiger ihrer Heimat, war in dieser medialen Aufarbeitung kein Platz. Schon in dieser historischen Dokumentation wurde das Prinzip vorbereitet, das später die historische Aufarbeitung der folgenden Jahrestage und anderer Ereignisse der NS-Vergangenheit prägte.

Gerade in Fernsehgeschichtsdokumentationen, bei denen bewegte Bilder und Personen, die mit O-Ton vorgestellt werden können, ein wichtiges ästhetisches Prinzip bilden und eine scheinbare Authentizität suggerieren, wurden zahlreiche Personen als Zeugen der Zeit in die Berichterstattung eingebunden. Aus geschichtspolitischer Perspektive ist es jedoch bemerkenswert, dass dabei Angehörige der faschistischen Okkupationsarmee und die Verteidiger der okkupierten Länder vollkommen gleichgewichtig und ohne eine wirkliche Differenzierung als gleichberechtigte Zeugen präsentiert wurden. Das neue Schlagwort für ein solches vorgeblich „objektives“ Geschichtsbild lautet: „Multiperspektivität“. Man stellt dabei ein Ereignis bzw. einen Sachverhalt aus möglichst vielfältiger Perspektive dar, um dem Zuschauer die Möglichkeit zu geben, sich ein eigenes Bild zu machen. Vorgegebene politische Wertungen, auch jene, die zwischen Angreifer und Verteidiger unterscheiden, werden als „Volkspädagogik“ abgelehnt und so bleibt die jeweilige Rolle und Verantwortung der handelnden Personen unhinterfragt. Solche Tendenzen haben sich in den Dokumentationen der vergangenen Jahre verstärkt.

Deutsche als Opfer – das neue Paradigma

Hinzu kommt, dass immer stärker die These der „Deutschen als Opfer“ medial verbreitet wird. Ausgehend von dem geschichtsrevisionistischen Ansatz von Jörg Friedrich in seinem Buch „Der Brand“, gibt es mittlerweile zahlreiche Dokumentationen über die Zerstörung deutscher Städte durch alliiertes Bombardement in den letzten Monaten des Krieges. Wie sich die Perspektiven verschoben haben wird deutlich, wenn man Dokumentationen von vor 10 bzw. 20 Jahren zu den gleichen Themen mit den heutigen Tendenzen vergleicht. In einer sehr eindrucksvollen Filmdokumentation zur Zerstörung Kassels im Oktober 1943 aus dem Jahr 1983, die damals im hessischen Rundfunk gezeigt wurde, wird besonderer Wert auf die Feststellungen gelegt, dass Kassel eine Rüstungsschmiede war, dass Kassel als Stadt der Reichskriegertage bereits im Vorfeld des Krieges Aufrüstung und militaristische Propaganda forciert hat, dass trotz der schweren Opfer für die Zivilbevölkerung die faschistische Propaganda auf Durchhaltewillen und „Endsieg“ orientierte. Damit wurden Ursache und Wirkung in angemessener Form beschrieben.

Die meisten aktuellen Dokumentationen stellen dagegen zwei andersgeartete Argumentationslinien in den Mittelpunkt:

Erstens seien die Luftangriffe militär-strategisch eigentlich überflüssig gewesen und ohne konkrete Wirkung. Der Vormarsch der alliierten Streitkräfte habe der faschistischen Wehrmacht bereits schwere Verluste beigebracht und die Bombardements galten weniger der Rüstungsproduktion, als vielmehr der Infrastruktur der im Deutschen Reich lebenden Bevölkerung. Die angegriffenen Städte seien militärisch wenig bedeutend gewesen oder – wie im Falle von Dresden – eigentlich bereits durch das Flüchtlingschaos neutralisiert. Damit nähert sich diese Argumentation bereits der apologetisch-revisionistischen Aussage, dass diese Angriffe gleichermaßen als Kriegsverbrechen zu bezeichnen seien, wie die Angriffe der faschistischen Luftwaffe auf Rotterdam oder andere Orte.

Zweitens werden als Konsequenz der Luftangriffe die schrecklichen Folgen für die Zivilbevölkerung, die doch völlig unbeteiligt am Krieg gewesen sei, in den Mittelpunkt gerückt. Wie „unbeteiligt“ diese Zivilbevölkerung war, haben in den vergangenen Jahren zahlreiche historische Studien exemplarisch ausgewiesen. Das Funktionieren des faschistischen Terrors, der Einsatz der Zwangsarbeiter und viele andere Aspekte faschistischer Herrschaft funktionierten nur durch die Unterstützung der Zivilbevölkerung. Zudem scheuen sich manche Dokumentarfilmer auch nicht, als „historisches Material“ Originalaufnahmen der „Deutschen Wochenschau“ in diesen Dokumentationen unkommentiert aufzunehmen. Dabei sollte es das kleine Einmaleins jedes Filmemachers sein, dass der Blick durch eine Kamera immer einen bestimmten Ausschnitt der Wirklichkeit zeigt. Die faschistischen Wochenschauen sollten dabei ein Bild vermitteln und taten es in der Regel auch, das der ideologischen Vorgabe der Goebbels-Propaganda entsprach.

In der gegenwärtigen medialen Verarbeitung rücken zudem das Ende der faschistischen Herrschaft und die Folgen in das Zentrum der Darstellung. Ein zentraler Punkt in den Jahren 2005/2006 waren dabei Dokumentationen zum Thema Umsiedlung, die unter dem Stichwort „Vertreibung“ abgehandelt wurden. Die Grundlagen dieser Umsiedlung, die faschistische Kriegspolitik, die durch die faschistischen Truppen erzwungene Fluchtbewegung „Heim ins Reich“ oder die Regelung der Umsiedlung durch die Großen Drei auf der Potsdamer Konferenz wurden – wenn überhaupt – nur am Rande erwähnt. Das Leiden der Zivilbevölkerung, die Bilder der erbarmungsvollen Gestalten, der Flüchtlingstrecks, der Toten auf dem Weg, prägen diese Dokumentationen. Und es fehlten nicht die Hinweise auf Berichte über Massenvergewaltigungen oder der Verweis auf den angeblichen Aufruf von Ilja Ehrenburg „Tötet alle Deutschen“, der schon in der faschistischen Propaganda zur Legitimation der antibolschewistischen „Durchhaltpropaganda“ herhalten musste.

Ein Höhepunkt dieser Geschichtspropaganda war der Zweiteiler „Die Flucht“, der sich im Spielfilmstil mit der Frage der Umsiedlungen zum Kriegsende beschäftigte. Der Plot wurde – analog zum Film „Holocaust“ – familiengeschichtlich angelegt, in die Story wurden historische Fakten und Bilder eingebunden, sodass der Eindruck der Authentizität vermittelt wurde. Durch die Spielfilmhandlung konnten die Filmemacher nicht allein ihr geschichtliches Bild verdichten, sondern auch Verbindungslinien ziehen, die der Realität nur bedingt entsprachen. Die „Vertriebenen“ wurden darin zu Opfern der sowjetischen Soldaten, der alliierten Bombardements und auch „der Nazis“, wobei damit die Vertriebenen selber als „Unbeteiligte“ an dem historischen Geschehen qualifiziert wurden. Sie gerieten damit zu den „guten Deutschen“, die von „bösen Deutschen“ und den „bösen Feinden“ bedroht waren. Natürlich wurde immer betont, dass es sich um einen Spielfilm handele, aber das Schicksal der „Lena von Mahlenberg“ (gespielt von Maria Furtwängler), einer jungen Adligen, die einen Flüchtlingstreck vom Gut Mahlenberg in Ostpreußen nach Bayern führt, wurde von den Zuschauern so verstanden, wie die Filmemacher es intendiert hatten. Die enorme Publikumsresonanz war sicherlich einerseits durch die massive publizistische crossmediale Vorbereitung erreicht worden – keine Zeitung versäumte es, mit einer Vorberichterstattung auf den Film hinzuweisen. Gleichzeitig traf diese Art der Darstellung auch auf das Bedürfnis eines breiten Publikums, endlich einmal – wenn auch als Spielfilm – die „deutschen Opfer der Vertreibung“ miterleben zu können.

Während auf der Internet-Seite der ARD noch ausgewiesene Historiker, wie Manfred Messerschmidt und Peter Steinbach reflektierte Beiträge zur Situation bei Kriegsende präsentierten, untermauerte eine anschließend ausgestrahlte „historische Dokumentation“, „Hitlers letzte Opfer“, den Wahrheitsgehalt der Spielfilmhandlung mit Bildern der faschistischen Wochenschauen und anderen Bildern des Leidens der Zivilisten. Die Umsiedlungsmaßnahmen wurden darin als Genozid bezeichnet und damit auf die gleiche Stufe gestellt, wie die industrielle Vernichtung von Menschen aus rassistischen Motiven. Revisionistische Schlagworte vom „Vertreibungsholocaust“ werden so populärwissenschaftlich legitimiert. Ein Erkenntnisgewinn bezogen auf die historischen Ursachen der Umsiedlung, angefangen von der faschistischen Landnahme bis zur politischen Rolle der Irridenta-Gruppen in der Zwischenkriegszeit, von der Notwendigkeit gesicherter Grenzziehung in Europa, um eine friedliche Zukunft zu gewährleisten, wie sie von der Potsdamer Konferenz beschlossen wurde, lieferten die Darstellungen nicht. Im Zentrum auch der Dokumentation standen Schreckensbilder einzelner Menschen und Familien, die ihr Schicksal außerhalb aller gesellschaftlichen und politischen Zusammenhänge erlebten.

Nicht nur durch den Titel der Dokumentation ergab sich eine ahistorische Perspektive, in der selbst das Vertreibungsgeschehen auf die Person Adolf Hitlers zugeschnitten wurde, der durch seine verbohrte Haltung dazu beigetragen habe, dass der Krieg nicht vorher beendet wurde, sodass – die implizite Konsequenz – zumindest ein Teil der „großdeutschen“ Gebiete und die damit verbundenen Landnahmen bei Deutschland verblieben seien.

Die Reduktion der Verantwortung auf Hitler

Diese Dokumentation setzt eine Tendenz fort, die in den vergangenen Jahren – besonders in der medialen Verarbeitung – schon fast hegemonial zu nennen ist, die Verkürzung des Faschismus auf die unmittelbar Regierenden, besonders auf die Person Adolf Hitlers.

Schon in den 1950er Jahren gab es die geschichtspolitische Tendenz, den deutschen Faschismus als Hitler-Regime zu bezeichnen. Verbunden damit war der Versuch der Entlastung der Mittäter, die in den Prozess der Restauration eingebunden wurden (Renazifizierung des Beamtenapparates, Polizei, Justiz und Wirtschaft, 131er Gesetz u.a.). Die gesellschaftliche Debatte der 68er-Bewegung veränderte dieses Geschichtsbild. Man gewinnt jedoch den Eindruck, dass in der populärgeschichtlichen Darstellung ein Roll-Back in die Perspektive der 1950er Jahre stattfindet. Den Durchbruch dieser These in der medialen Verarbeitung erlebte man mit dem Film „Der Untergang“ von Bernd Eichinger aus dem Jahre 2004. Dieser Film, der ein Kassenschlager im Kino wurde, kam im Herbst 2005 auch ins Fernsehen. Der Zeitpunkt des Filmstarts und die mediale Resonanz ließen erkennen, dass dies der Kinobeitrag zum 60. Jahrestag des Kriegsendes bzw. der Befreiung von Faschismus und Krieg war. Zwar gab es noch weitere zeitgeschichtliche Filme, jedoch stach dieser Film bezogen auf das finanzielle Volumen, die mediale Aufmerksamkeit und die Präsenz in der Kinolandschaft deutlich ab.

Bereits die Vorlage von Joachim C. Fest, der in den 1980er Jahren mit einer Hitler-Biographie eine auf „den Führer“ fixierte Geschichtsperspektive auf den deutschen Faschismus propagiert hatte, gab die inhaltlichen Setzungen vor, die der Film handwerklich überzeugend umsetzt. Das historische Bild, das er von dieser historischen Zäsur im Leben der europäischen Völker (einschließlich des deutschen Volkes) vermittelt, reduziert sich auf die Begriffe „Irrwitz“ (die Verantwortlichen waren alle verrückt) und „Ekel“ (Massenszenen in den Lazarett-Bereichen – mehrfach Einstellungen mit Amputationen).

Dieses Bild der letzten Tage des Krieges kennt – mit Ausnahme der Person Hitlers – keine Verantwortlichen und keine Vorbereiter dieser Katastrophe. In dem gesamten Filmplot gibt es keinen Hinweis auf die Rolle von Großindustrie und Banken für die Machtübertragung, keinen Satz bzw. keine Figur, die dieser Gruppe zuzurechnen wäre. Selbst die kriegstreibende Rolle der Reichswehrgeneralität seit der Weimarer Republik wird in dieser Konstellation nicht erkennbar. Die Generäle erscheinen als zögerlich, wenig entscheidungsfähig und ängstlich oder als willfährig, aber nicht als aktiv handelnde Personen. Vergessen wird der Beitrag z.B. von General Keitel zum Überfall auf die Sowjetunion (Kommissarbefehl).

Der Film konstruiert dabei einen Widerspruch zwischen Nazi-Clique (im Bunker) und dem deutschen Volk (in den Schützengräben, im Bombenhagel), ohne auch nur ansatzweise darauf einzugehen, wie das Verhältnis tatsächlich war. In keiner Bemerkung bzw. Sequenz wird für den historisch nicht vorgebildeten Betrachter deutlich, welche Mitverantwortung welche Teile der deutschen Gesellschaft für die faschistische Herrschaft und ihre Verbrechen tragen. Auf diese Weise unterstützt der Film bereits den Mythos „Deutsche als Opfer“.

Der Film arbeitet als Spielfilm mit Personifizierungen. Dieser legitime Kunstgriff wird dort fragwürdig, wo historische Persönlichkeiten verzeichnet werden, ihre tatsächliche Rolle in der Geschichte verfälscht wird, so z.B. bei Albert Speer (er geriet zu einem Vertreter der „Zivilmacht“ – er tritt als einziger ohne Uniform auf und boykottiert die Befehle Hitlers etc.). Der Zuschauer wird veranlasst bei Magda Goebbels, die ihre Kinder im Bunker umbringt, das „menschliche Leiden“ zu sehen, nicht jedoch die persönliche Konsequenz des faschistischen Rassenwahns, den Joseph Goebbels in all den Jahren als Propagandaminister verbreitet hat, der Millionen Menschen zuvor das Leben kostete. Hiermit stützt Eichinger historische Legendenbildung. Im Abspann weist der Film zwar auf biographische Momente der in der Handlung sichtbaren Personen nach 1945 hin. Abgesehen von dem problematischen Kunstgriff, dass die Schauspieler als „reale Personen“ vorgestellt werden (ohne Vergleich mit Bildern der realen Menschen), wird in den biographischen Details deren tatsächliche gesellschaftliche Rolle, beispielsweise als Parteigänger der Altnazis, beim Aufbau der Bundeswehr o.ä. ausgeblendet. Der Abspann gibt damit keine Hilfestellung zum Verständnis der Bedeutung des 8. Mai als Tag der Befreiung von Faschismus und Krieg und die daraus gezogenen bzw. zu ziehenden politischen Konsequenzen.

Ein Spielfilm ist kein Dokumentarstreifen. Bernd Eichingers Anspruch war jedoch, unterhaltend zu belehren (Nachgeborenen die damalige historische Realität anschaulich nahe zu bringen). Dabei ist festzuhalten: Für ein Verstehen der Geschichte von Faschismus und Krieg ist nicht wichtig, was der Film zeigt, sondern wichtiger, was er nicht zeigt. Der Satz „Was kam nach dem ersten Tank? Das war der Vertreter der Deutschen Bank!“ sagt tausendmal mehr über die Realität der faschistischen Kriegspolitik, als die ganze Darstellung der Wehrmachtsgeneralität im Film.

Und diese Tendenz ist ungebrochen, wie der Umgang mit der medialen Erinnerung an den 60. Jahrestag des Nürnberger Kriegsverbrechertribunals, dem Verfahren gegen die Hauptkriegsverbrecher und die Nachfolgeprozesse gegen Partei, SS, Militär, Industrielle, Ärzte und andere Gruppen, belegt. In dieser Aufarbeitung war es vom sachlichen Zusammenhang natürlich ausgeschlossen, die handelnden Personen bzw. die angeklagten Gruppen nicht zu erwähnen. Dabei war es auffällig, dass in den Dokumentationen durch die Fokussierung der Darstellung auf einzelne Vertreter der jeweiligen Gruppe der Gesamtzusammenhang aus dem Blick gedrängt wurde.

Dem alliierten Rechtsverständnis des Nürnberger Prozesses folgend, dass nicht Verbrechen abstrakt beurteilt werden, sondern konkrete Verantwortliche für konkrete Verbrechen angeklagt und verurteilt wurden, entwickelten Knopp und sein Team ein ganz eigenes Verständnis der Täterseite. In der Dokumentation „Hitlers Helfer“ wird die gesamte Verantwortung für die Verbrechen des deutschen Faschismus auf den kleinen Teil der Hauptkriegsverbrecher reduziert. Selbst die „zweite Reihe“ wird bereits in den Status von „Opportunisten und Mitläufern“ versetzt, geschweige denn, dass erklärt wird, welches Verhältnis der Faschismus zu der vorhergehenden Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung, also zum Kapitalismus hatte. Die Errichtung der faschistischen Herrschaft wurde als Bruch aller bestehenden gesellschaftlichen Strukturen geschildert, womit sich natürlich die Fragen nach Kontinuitäten erübrigen.

Dieses Prinzip wird in einem solchen Umfang umgesetzt, dass nicht nur Albert Speer – seiner Selbstdarstellung folgend – als „unschuldig verstrickter“ Deutscher bezeichnet wird, der zeitweilig der Faszination und der Rhetorik Hitlers verfallen sei. Verstricken in die NS-Herrschaft konnte man sich laut Knopp aus Opportunismus, aus der Gewährung neuer Handlungsmöglichkeiten oder aus Karrierismus – aber nicht, weil man aktiv an der Gestaltung der faschistischen Herrschaft mitwirken wollte. Dass in dieser Darstellung von „Mitläufern“ selbst solche Verbrecher wie der Richter am Volksgerichtshof Roland Freisler oder der KZ-Arzt in Auschwitz, Mengele, der für Selektionen und Menschenversuche Verantwortung trug, abgearbeitet wurden, unterstreicht die historische Absurdität solcher Zuordnungen.

Wenn Knopp vor diesem Hintergrund Industrielle und Bankiers von jeglicher Verantwortung für Verbrechen freispricht, kann es nicht überraschen, dass die berühmten Dokumente über die aktiv treibende Rolle von Unternehmern, Bankiers und Großagrariern, so die Eingabe vom November 1932 an Reichspräsident von Hindenburg, in ihrer Bedeutung abgewertet werden. Angeblich haben sich nur unbedeutende Vertreter der Wirtschaft dieser Initiative angeschlossen. Belegt wird diese Perspektive durch Aussagen von „Zeitzeugen“, wobei hier zumeist Täter bzw. Mitarbeitende der Täterseite, ganz selten nur Gegner, zu Wort kommen.

Ob man noch weitere Elaborate zu Hitler von Knopp zu erwarten hat, bleibt offen, meinte er doch in einem Interview mit „medienhandbuch.de“ im Juni 2006: „Das Thema Hitler ist abgehandelt.“ In dem Gespräch verteidigte er seine Methode der medialen Emotionalisierung von Geschichte: „Die Aufarbeitung historischer Inhalte für Film und Fernsehen ist keine Doktorarbeit! Um die Inhalte ansprechend zu präsentieren, muss man sich auf Personen oder Wendepunkte der Geschichte konzentrieren. Der Grundstock, die Informationen, müssen natürlich verifizierbar sein.“ Solange er jedoch zur Verifizierung die Täterseite als Kronzeugen heranzieht, wird sich an der geschichtsrevisionistischen Tendenz seiner medialen Verarbeitung nichts ändern.

Positive Ausnahmen

Bei aller Kritik an dem geschichtsrevisionistischen Mainstream in der medialen Verarbeitung des Faschismus soll jedoch nicht vergessen werden, dass in der Flut der historischen Dokumentationen auch vereinzelt sehr positive Beispiele zu finden sind:

Zu nennen ist in diesem Zusammenhang die 2005 entstandene Dokumentation „Frankreichs fremde Patrioten – Deutsche in der Résistance“ über die Rolle deutscher Emigranten an der Seite der französischen Résistance. In den letzten Jahren sind darüber hinaus einzelne Dokumentationen über wichtige Repräsentanten der antifaschistischen Bewegung entstanden. Solche Dokumentationen sind das Ergebnis der Arbeit von engagierten Filmemachern, die in bewusster Distanz zu den vorherrschenden Geschichtsbildern ihre Arbeit verstehen. Wenn es gut kommt, schaffen es solche Filme in die Spätprogramme der Dritten Programme oder in Nischenbereiche, wie arte, Phoenix, 3SAT oder andere Kanäle, die jedoch wenig öffentliche Wirkung haben.

Man kann also nicht behaupten, solche Perspektiven würden nicht gezeigt, sie bleiben jedoch einem sehr eingeschränkten Publikum vorbehalten, während besonders die Dokumentationen von Guido Knopp an prominenten Sendeplätzen eine deutlich höhere Zahl von Menschen erreichen und damit für ein entsprechendes öffentlich gefördertes Geschichtsbild sorgen.

Diesem medialen Großangriff auf das Geschichtsbild zu begegnen, ist angesichts des Versterbens der Menschen, die als Antifaschisten und Gegner des Naziregimes noch authentisch Zeugnis ablegen könnten, außerordentlich schwer. Umso wichtiger wäre es, dass nicht allein antifaschistische Verbände und Initiativen, sondern auch Gewerkschaften und Lehrerverbände dieses Thema zu ihrer politischen Aufgabe machen.

Denn die gesellschaftliche Fundierung der Forderungen „Nie wieder Faschismus! Nie wieder Krieg!“ setzt das Wissen um die historischen Zusammenhänge und die gesellschaftlichen Triebkräfte voraus.

Dieser Artikel ist erschienen in Z. Nr. 72, Dezember 2007