Z. Zeitschrift Marxistische Erneuerung Nr. 78, Juni 2009 - http://zeitschrift-marxistische-erneuerung.de/topic/39.ausgabe-78-juni-2009.html

Anmerkungen zur Psychologie der Krise

Harald Werner

Die hohe Irrtumswahrscheinlichkeit von Wirtschaftsprognosen wird gerne mit dem Spruch von Ludwig Erhard begründet, dass Wirtschaftspolitik zu 50 Prozent aus Psychologie besteht. Tatsächlich kann die Psychologie manches erklären, nur keine ökonomischen Prozesse. Denn obwohl wirtschaftliches Handeln von Menschen gemacht wird, die dabei ihren Kopf benutzen, vollzieht sich der Prozess selbst hinter ihrem Rücken, gelenkt von der blinden Hand des Marktes. Wenn Psychologie dabei überhaupt eine Rolle spielt, dann als verkaufsfördernde Dienstleistung. Dennoch lohnt es aus sozialpsychologischer Perspektive zu fragen, welche Veränderungen im subjektiven Faktor des real existierenden Kapitalismus die katastrophalen Dimensionen des Crash begünstigt haben, wie sich die Krise im gegenwärtigen Alltagsbewusstsein widerspiegelt und welche politischen Folgen dies haben könnte.

Der Mensch im neoklassischen Weltbild

Wenn die Psychologie auch nicht die Probleme der Ökonomie lösen kann, so kann sie doch ihre sozialpsychologischen Grundannahmen überprüfen. Ausgangspunkt für das Menschenbild der neoklassischen Ökonomie ist in erster Linie der so genannte homo oeconomicus, der in wirtschaftlichen Dingen angeblich ausschließlich rational handelt, sich an der Vermehrung des eigenen Nutzens orientiert, daraus klare Präferenzen zieht und sensibel auf Risiken und Sanktionen reagiert. Bei näherer Betrachtung dient dieses Menschenbild allerdings weniger der ökonomischen Theorie, als der ideologischen Rechtfertigung unregulierter Märkte, denn nach Auffassung der Neoklassik ist nur der Markt in der Lage, aus der Summe der individuellen Handlungen ein harmonisches Ganzes zu formen. Der Markt avanciert damit zum eigentlichen Gemeinwesen und zum höchsten Regulativ menschlichen Zusammenlebens. Folglich kam unter anderen Maggie Thatcher zu dem Schluss, dass es keine Gesellschaft, sondern nur Individuen gibt. Diese Individuen aber, so der neoliberale Vordenker Friedrich August von Hayek, sind überhaupt erst zur Mehrung ihres Nutzens bereit, wenn sie durch Ungleichheit dazu motiviert werden.[1] Im Grunde genommen verkümmert das Individuum im Neoliberalismus zu einer hilflosen Monade, weil die von Hayek beschriebene „große Ordnung“ von den Individuen nicht erkannt, sondern nur durch den Marktmechanismus hergestellt werden kann. Wobei die große Paradoxie des Neoliberalismus darin besteht, dass er permanent die Freiheit des Individuums beschwört, diese Freiheit aber nichts anderes beinhaltet, als sich widerstandslos dem Markt auszuliefern. Und es kommt natürlich hinzu, dass diese Auslieferung an den Markt recht unterschiedliche Konsequenzen hat, je nach dem, ob ich mich auf dem Markt selbst verkaufe oder nur mein Kapital investiere, weshalb Marx den Markt denn auch als „wahres Eden der angeborenen Menschenrechte“ bezeichnete, wo nichts als „Freiheit, Gleichheit, Eigentum“ herrscht.[2]

Vor allem irrt sich die Neoklassik, beziehungsweise der Neoliberalismus, auch im Hinblick auf den Marktmechanismus, der keinesfalls ausgleichend wirkt, sondern zumindest auf der Seite des Kapitals hemmungslose Exzesse zulässt. So wusste im 19. Jahrhundert bereits der britische Schuster und Gewerkschafter T. J. Dunnig: „Mit entsprechendem Profit wird Kapital kühn. Zehnt Prozent sicher, und man kann es überall anlegen; 20 Prozent es wird waghalsig; für 100 Prozent stampft es alle menschlichen Gesetze unter den Fuß; 300 Prozent und es existiert kein Verbrechen, das es nicht riskiert, selbst unter Gefahr des Galgens.“[3]

Man könnte den homo oeconomicus der Neoklassik oder die „Evolutionstheorie“ von Hayek für eine philosophische Abschweifung halten, wenn dieses Menschenbild nicht auch die ideologischen Grundlagen der neoliberalen Modernisierung gelegt hätte. Die Leitidee des seinen Nutzen mehrenden Individuums durchdrang im Zuge der neoliberalen Modernisierung die gesamte Kultur, zersetzte das wohlfahrtsstaatliche Wertesystem und veränderte über den im gleichen Zeitraum zunehmenden Medienkonsum auch das Alltagsbewusstsein. Das Film-Motto „Nimm was du kriegen kannst“[4] avancierte ebenso zur sinnstiftenden Metapher, wie der US-Film „Wallstreet“ mit dem Spruch des Finanzinvestors Gordon Gekko „Gier ist gut. Gier ist richtig. Gier ist gesund“.[5] Selbst für diejenigen, die im allgemeinen Bereicherungskult nicht mithalten konnten, gab es Sinnstiftendes wie den Werbeslogan „Geiz ist geil“ oder den Autoaufkleber „Eure Armut kotzt mich an“, womit man sich zumindest sprachlich auf die Gewinnerseite bringen konnte. „Bekennender Egoismus und Mut zum unverhohlen provokanten Reichtum“ so folgerte Stefan Welzk, „sind diesmal offenbar Grundwert und Leitmotiv einer neuen Epoche.“[6]

Die Signalwirkung des Reichtums

Thomas Gerlach weist darauf hin, dass der hemmungslos zur Schau gestellte Reichtum in der Theorie von Hayek eine wichtige Funktion einnimmt: Hayek findet es „äußerst wünschenswert, dass die Reichen ihren Luxus so protzig wie möglich zur Schau stellen, das erhöhe seine ‚Signalwirkung’.“[7] Und tatsächlich haben sich die Finanzinvestoren und Bankmanager im Vorfeld der Krise ihre Millionengehälter und Super-Boni keinesfalls klammheimlich zugesteckt, sondern ihren Luxus nicht nur zur Schau gestellt, sondern dafür auch gesellschaftliche Anerkennung bekommen. Weshalb der aktuelle Krisendiskurs zuweilen an eine Tragikomödie erinnert, wenn die Finanzelite von ihren politischen und medialen Wegbereitern der Maßlosigkeit bezichtigt wird, obwohl sie nichts anderes taten, als die Gesellschaft von ihnen wollte. Wichtiger ist freilich die Frage nach den Ursachen dieses Schaulaufens von Reichtum und Luxus, zogen es doch die Reichen im Rheinischen Kapitalismus bislang vor, sich eher diskret zu verhalten. Auch hier lässt sich der kulturelle Wandel aus dem ökonomischen erklären. Nach dem sich der Finanzsektor über die Realwirtschaft erhob und sich als eigentliche Quelle des Reichtums inszenierte, wandelte sich zwangsläufig auch die gesellschaftliche Bedeutung des Reichtums. Er wurde zur entscheidenden Messlatte wirtschaftlicher Leistungsfähigkeit, so dass die Geldelite mit ihrer „Finanzindustrie“ zur eigentlichen Leistungselite mutieren konnte. Jahreseinkommen über der Millionenmarke erfüllten insofern die Hayeksche „Signalwirkung“, als sie ihren Beziehern einerseits gesellschaftliche Anerkennung verschafften, aber andererseits auch die gesellschaftliche Werteskala auf den nackten Geldwert reduzierten. Die allmähliche Umstellung des gesellschaftlichen Ansehens auf den reinen Geldwert führte dazu, dass Spitzenmanager um ihr Ansehen fürchten mussten, wenn sie nicht auch Spitzeneinkommen vorweisen konnten. Es explodierten aber nicht nur die Managergehälter, sondern auch die Einkommen von Sportprofis oder Medienstars – und das Publikum honorierte es. Hinter der heute beklagten Gier der Reichen verbergen sich deshalb weniger individualpsychologische, als viel mehr gesellschaftliche Defekte. Die Dominanz der Finanzmärkte hat eben nicht nur die Betriebsweise der Unternehmen verändert, indem der Shareholder-Value zum entscheidenden Kennwert wurde, sondern dieses Denken verankerte sich auch im Alltagsbewusstsein: Leistung = Einkommen = Ansehen. Die Kehrseite dieses Paradigmenwechsels beim gesellschaftlichen Leistungsbegriff ist die Geringschätzung der Niedriglöhner, deren prekäre Beschäftigung und Bezahlung immer mehr als mangelhafte Leistungsfähigkeit und nicht als mangelhafte Entlohnung erscheint.

Der Verlust rationaler Urteilskraft beim Eintritt in den
Finanzmarkt

Die Definition „Finanzmarktgetriebener Kapitalismus“ könnte den Eindruck erwecken, als würde dieser Kapitalismustyp nicht von lebendigen Menschen, sondern von metaphysischen Kräften getrieben. Tatsächlich wird er aber durch die Bedürfnisse von Menschen gelenkt, die ihre Einkommen zum größeren Teil aus Geldgeschäften beziehen und die als größter Kreditgeber des Landes fungieren. Diese nach Millionen zählende Massenschicht ist das machthabende gesellschaftliche Subjekt, ihre Aneignungsweise muss als das reale gesellschaftliche Sein betrachtet werden, das auch das gesellschaftliche Bewusstsein bestimmt.[8]

Die Bezieher von Vermögenseinkommen haben grundsätzlich eine andere soziale Wahrnehmung als tätige Unternehmer oder Manager, die neben der Gewinnerwartung auch die langfristige Sicherung der Ertrags- und Produktionsgrundlage im Blick haben müssen. Letztere sind durch ihre Einbettung in das wirtschaftliche und soziale Umfeld zu einer gewissen Rücksichtnahme gegenüber den Reproduktionsbedürfnissen nicht nur des fixen Kapitals, sondern auch von Mensch und Natur gezwungen. Die „Entbettung“ des Finanzkapitals aus dem materiellen Zusammenhang von Produktion und Reproduktion beseitigt diese Rücksichtnahme und reduziert die Wahrnehmung des Investors auf einen Prozentwert. Er abstrahiert nicht willentlich von der Kompliziertheit der Realwirtschaft oder den sozialen und ökologischen Folgen seines Engagements, sondern er muss sich auf abstrakte Informationen verlassen, weil ihm die Realität verborgen bleibt. Der Finanzinvestor handelt nicht unmoralisch, sondern amoralisch. Deshalb widerspricht das Normalverhalten der Individuen bei Finanzgeschäften auch so ziemlich allen Grundannahmen des homo oeconomicus. Der private Investor eines kleinen oder selbst größeren Kapitals hat so wenige Informationen über sein finanzielles Engagement, dass er weder dessen Folgen noch seine Risiken abschätzen kann.

Diese Loslösung des finanziellen Engagements aus den Bedingungen der Realwirtschaft („Entbettung“) vollendet den Geldfetisch und stellt die höchste Form menschlicher Entfremdung dar.[9] Nun ist diese Entwicklung keineswegs neu, aber die Deregulierung und Globalisierung der Finanzmärkte hat ihr ebenso eine neue Qualität verliehen wie die Explosion der privaten Geldvermögen. In der Bundesrepublik sind die Privathaushalte mit ihrem Geldvermögen von 4.490 Milliarden Euro zum größten Kreditgeber geworden. Wobei diese Finanzmasse in etwa den Steuereinnahmen des Bundes aus 15 Jahren entspricht.[10] Die von der „Finanzindustrie“ angebotenen „Produkte“ nahmen den Charakter von Lotteriescheinen an, deren Gewinn aus dem Verlust anderer Mitspieler, aber nicht aus lebendiger Arbeit zu stammen schien.[11] Womit die Rendite endgültig als Eigenschaft des eingesetzten Geldes auftrat, das bekanntlich weder stinkt noch seine Quellen verrät. So finanzierten selbst Kleinsparer die Vernichtung von Arbeitsplätzen und die Inhaber von Fondsanteilen profitierten von den Raubzügen der Heuschrecken, deren Tun sie selbst verurteilten.

Dem Mythos des sich selbst vermehrenden Geldes unterlag aber nicht nur das Alltagsbewusstsein. Auch Banker, Fondsmanager und institutionelle Anleger konnten kaum noch erkennen, was sich in den von ihnen gekauften und verkauften Produkten verbarg. Doch so lange sich das große Rad drehte und zweistellige Renditen realisiert wurden, konnte sich der Aberglaube an die wundersame Geldvermehrung der neuen Ökonomie ungehemmt ausbreiten. Sämtliche Regierungen opferten diesem Aberglauben, in dem sie immer mehr Kontrollen abbauten, öffentliches Eigentum auf den Markt schickten, Rentenversicherungen privatisierten und all die Steuern senkten, die den freien Kapitalfluss hätten behindern können. Die Legitimation dieser Maßnahmen durch die politische Klasse trug wesentlich zur Durchsetzung der neoliberalen Denkweise und zur Veränderung des Alltagsbewusstseins bei. Vor allem deshalb, weil der neue Reichtum explodierte und keine andere Quelle zu haben schien, als Flexibilität und Cleverness. Und weil die Bedürfnisse des Finanzmarktes auch die Betriebsweise der Unternehmen veränderten, wandelte sich auch das Bewusstsein der Beschäftigten, so dass die Logiken des Finanzmarktes völlig neue Arbeitstugenden erzwangen. Im Überlebenskampf der Standorte gewöhnten sie sich an den ständigen Wechsel der Eigentumsverhältnisse und die permanenten Strukturbrüche, die nicht mehr dem technischen Fortschritt geschuldet waren, sondern der „Performance“ dienten. Man musste „gut aufgestellt sein“, um zur Spitze vorzustoßen und auf der Siegerseite zu stehen.

Zwar wuchs auch die neue Armut, aber die Armen waren nicht mehr Opfer, sondern Verlierer oder gescheiterte „Arbeitskraftunternehmer“, die zu wenig von dem hatten, was in der öffentlichen Wahrnehmung zur Voraussetzung von Wohlstand und Reichtum geworden war, nämlich zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein, den eigenen Marktwert heraufzusetzen und so viel wie möglich aus dem eigenen „Kapital“ herauszuholen. Nur weil in der Arbeitswelt der Gebrauchswertstolz durch ein Rattenrennen um die Marktführerschaft des „eigenen“ Unternehmens überlagert wurde, ließ sich eine Corporate Identity entwickeln, die die alte Sozialpartnerschaft zur Wettbewerbsgemeinschaft ummodelte. Wenn aber der Sieg im Wettbewerb und die Verdrängung der Konkurrenz zum entscheidenden Betriebsziel werden, verändern sich auch die gesellschaftlichen Leistungsvorstellungen. Dann wird es zur Normalität, Managergehälter am Shareholder-Value zu bemessen oder Boni in Millionenhöhe auszuschütten, wenn sie andere Unternehmen einkaufen oder wie im Falle von Mannesmann das eigene Unternehmen mit erheblichen Kurssteigerungen an einen Investor bringen.

Mit dieser subjektwissenschaftlichen Betrachtung des vom Finanzmarkt getriebenen Kapitalismus wird aber nicht nur eine besondere Seite des gesellschaftlichen Geschehens betrachtet, mit ihr wird auch sichtbar, weshalb die Krisenursachen weder durch moralische Appelle, noch durch administrative Kontrollinstanzen bekämpft werden können, sondern ausschließlich durch den bei Keynes zitierten „sanften Tod des Rentiers“[12] – nämlich das überakkumulierten Geldvermögen abzubauen, zur Dominanz der realen Wertschöpfung zurückzukehren und sozialen Ausgleich zu organisieren.

Die Widerspiegelung der Krise im Alltagsbewusstsein

Noch Ende März sah es so aus, als wäre die Krise mehr in den Medien als im Alltagsbewusstsein angekommen. Die Umfragen zeigten einen erstaunlichen Widerspruch zwischen gesellschaftlicher und persönlicher Bedeutung der Krise. Während nämlich nur acht Prozent der Befragten die wirtschaftliche Lage mit gut, aber 47 Prozent mit schlecht bewerteten, stuften 43 Prozent ihre persönliche Situation mit gut und nur 14 Prozent mit schlecht ein.[13] Auch der Verbraucherindex und die wöchentliche Sonntagsumfrage zeigten keine Krisenspuren. Für beides gibt es ökonomische Gründe, nämlich sinkende Verbraucherpreise und eine im vergangenen Jahr erstmals positive Einkommensentwicklung. Die Sorge, dass sich das ändern wird, ist bei den Befragten groß, aber die Verdrängung dieser Signale ist es auch, weil es dafür mindestens zwei Gründe gibt. Erstens muss man in Rechnung stellen, dass Menschen auf Bedrohungen zwar mit gesteigerter Aktivität reagieren, also mit Widerstands- oder mit Fluchtreaktionen, dass aber beide Handlungsweisen für viele abhängig Beschäftigte nicht zur Verfügung stehen. Während Unternehmer ihre Betriebe krisenfest machen können und Anleger aus ihren Engagements flüchten, sind die meisten Beschäftigten nur zur Verdrängung der Gefahr in der Lage, und in wenigen Fällen zum erfolgreichen Widerstand. Zweitens fällt die angekündigte Katastrophe mit einem gesellschaftlichen Zustand zusammen, den Ulrich Beck schon vor langer Zeit mit dem Etikett „Risikogesellschaft“ versah. Egal wie zutreffend der Begriff auch sein mag, so beschreibt er doch eine Epoche zunehmender Untergangsprophezeiungen, von denen die meisten nicht oder noch nicht eingetroffen sind. Auch die Naturkatastrophen, Terroranschläge und zunehmenden Kriege haben zwar den heimischen Fernseher erreicht, nicht aber den deutschen Alltag. So entsteht eine Mischung aus untergründiger Angstbereitschaft, eingeredeter Sicherheit und nicht bewusster Verdrängung, die eine realistische Kriseneinschätzung außerordentlich erschwert. Zumal die mediale Reizüberflutung eine Banalisierung des Schreckens nach sich zieht, wie das bereits in einer bald 100 Jahre alten Tagebucheintragung von Franz Kafka zum Ausdruck kommt: „Deutschland hat Russland den Krieg erklärt – nachmittags Schwimmschule“.

Im Alltagsbewusstsein verwischen sich die Grenzen zwischen Alltäglichem und Ungewöhnlichem generell, wenn ungewöhnliche Nachrichten alltäglich werden. Vor allem aber, wenn der individuelle Alltag selbst unübersichtlich wird. Die gegenwärtige Finanz- und Wirtschaftskrise schließt sich an einen gesellschaftlichen Umbruch an, dem zahlreiche soziale Sicherheiten zum Opfer fielen und der die Existenzsicherung ebenso individualisierte wie die Zukunftsplanung. Die Folge ist ein zunehmender Dauerstress, der die Zahl der Beschäftigten mit psychisch bedingter Berufsunfähigkeit von 1997 bis 2004 um 70 Prozent nach oben trieb.[14] Alltäglicher Stress macht aber nicht nur krank, sondern führt auch in die soziale Isolation und schränkt die soziale Wahrnehmung ein, so dass über die eigene Lebenskrise gesellschaftliche Krisen in den Hintergrund treten. Wobei die neoliberale Modernisierung ohnehin schon den sozialen Zusammenhang gelockert und eine Flexibilisierung der Arbeits- und Lebensweise erzwungen hat, die zu individuellen Problemlösungen zwingt. All diese Momente sprechen nicht nur für eine höchst individuelle Krisenverarbeitung, sie behindern auch kollektive Widerstandsformen. Deshalb darf die Krise nicht nur als Chance für eine Linksverschiebung, sondern muss auch als Gefahr gesehen werden, weil das Alltagsbewusstsein im Zuge der weit reichenden Individualisierung und Vernichtung kollektiver Strukturen mehr zu autoritären, als zu demokratischen und solidarischen Lösungen tendieren dürfte. Es wird an der Organisations- und Kommunikationsfähigkeit der politischen und gewerkschaftlichen Linken liegen, ob dieser negative Ausgang der Krise Wirklichkeit wird oder ein wirklicher Paradigmenwechsel durchgesetzt werden kann. Dass dies schwierig wird, liegt nicht nur an den oben beschriebenen Veränderungen im Alltagsdenken. Noch problematischer sind die zu erwartenden Verteilungskämpfe, die notwendigerweise eintreten werden, wenn die Kosten der Krise zu verteilen sind. Auf Solidarität mit den Schwachen ist da kaum zu hoffen.

[1] Friedrich August von Hayek im März 1981 in einem Interview mit der Wirtschaftswoche: „Ungleichheit ist nicht bedauerlich, sondern höchst erfreulich… Gerade die Unterschiede in der Entlohnung sind es, die den einzelnen dazu bringen, das zu tun, was das Sozialprodukt entstehen lässt. Durch Umverteilung lähmen wir diesen Signalapparat. Und nicht nur das: Wir unterbinden auch die ständige Anpassung an sich laufend verändernde Umstände, durch die allein die Wirksamkeit unseres Produktionsapparates erhalten werden kann, Umstände, von denen der einzelne nichts weiß, über die er nur durch den Marktmechanismus informiert werden kann.“

[2] „Der ehemalige Geldbesitzer schreitet voran als Kapitalist, der Arbeitskraftbesitzer folgt ihm nach als Arbeiter; der eine schmunzelnd und geschäftstüchtig, der andere scheu widerstrebend, wie jemand, der seine eigene Haut zu Markt getragen.“ Karl Marx, Das Kapital, 1. Bd., in: MEW 23, S.189.

[3] Ebenda, S.788.

[4] Ursprünglich der Titel eines amerikanischen Drehbuches von 1936, das aber erst 1979 in einer deutschen Fernsehinszenierung uraufgeführt und anschließend zum Kultfilm wurde.

[5] Der Film lief 1988 in Deutschland an und obwohl der Hauptdarsteller letztlich eine moralische Kehrtwende macht, wurde „Wall Street“ nicht deshalb zum Kultfilm, sondern seiner zynischen Spruchweisheiten wegen.

[6] Stefan Welzk, Mut zum Reichtum, in: Blätter für deutsche und internationale Politik, 1998/1, S. 17.

[7] Thomas Gerlach, Denkgifte – Psychologischer Gehalt neoliberaler Wirtschaftstheorie und gesellschaftspolitischer Diskurse, Bremen 2000, http://www.kritische-psychologie.de/texte/ tg2000a.html.

[8] MEW 13, S. 9.

[9] „Die selbständige Bewegung des Werts dieser Eigentumstitel (…) bestätigt den Schein, als bildeten sie wirkliches Kapital neben dem Kapital.“ Karl Marx, Das Kapital, 3. Bd., in: MEW 25, S. 485.

[10] Angaben der Deutschen Bundesbank vom Januar 2009 und eigene Berechnungen.

[11] Obwohl der globale Finanzmarkt und der Handel mit „innovativen Finanzprodukten“ eine völlig neue Qualität darstellt, schrieb bereits Marx: „…wie das zinstragende Kapital überhaupt die Mutter aller verrückten Formen ist, so dass z.B. Schulden in der Vorstellung des Bankiers als Waren erscheinen können.“ Karl Marx, Das Kapital, 3. Bd., in: MEW 25, S. 483.

[12] Vergl dazu. Norbert Reuter, Arbeitslosigkeit bei Keynes, in: Berliner Debatte INITIAL Nr. 17 (2006) 4, S. 70-79.

[13] ZDF Politbarometer vom 27.März 2009, http://www.zdf.de/ZDFmediathek/content/ 723534? InPopup=true

[14] Wolfgang Gaebel, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und Nervenheilkunde (DGPPN) http://www.deam.de/news/infos07/stress1123.htm.

Dieser Artikel ist erschienen in Z. Nr. 78, Juni 2009