Z. Zeitschrift Marxistische Erneuerung Nr. 93, März 2013 - http://zeitschrift-marxistische-erneuerung.de/topic/35.ausgabe-93-maerz-2013.html

Entwurf des „Kommunistischen Glaubensbekenntnisses" [1847]

Friedrich Engels

Friedrich Engels hat den nachstehend abgedruckten Entwurf des „Kommunistischen Glaubensbekenntnisses“ maßgeblich bis zum 6. April 1847 für den nach London einberufenen Kongress des „Bundes der Gerechten“ (2. bis 9. Juni 1847) erarbeitet, auf dem der Bund in „Bund der Kommunisten“ umbenannt wurde. Der Text ist in seiner Handschrift überliefert. Die Originalhandschrift befindet sich in der Staats- und Universitätsbibliothek Hamburg, Nachlass Joachim Friedrich Martens, Sign. Cod. 232 in Scrin. Er wurde zuerst 1969 veröffentlicht.[1]

Engels handschriftlicher Entwurf des „Kommunistischen Glaubensbekenntnisses“ wurde mit Datum vom 9. Juni 1847 von Karl Schapper (mit Bundesnamen: Carl Schill) als Präsident und Wilhelm Wolff (mit Bundesnamen: Heide) als Sekretär unterzeichnet. Er war damit bestätigte Diskussionsgrundlage des „Bundes“ und wurde auf dessen Beschluss den örtlichen Gemeinden zur Beratung zugeschickt. Zugleich war er die wichtigste schriftliche Ausgangsposition für die „Grundsätze des Kommunismus“, die Engels etwa Ende Oktober 1847 in Vorbereitung auf den zweiten Bundeskongress ausarbeitete[2] (vgl. hierzu den Beitrag von Eike Kopf in diesem Heft, S. 8-21). Der Text wird hier gebracht, weil er schwer zugänglich, aber für die Entstehungsgeschichte der modernen Arbeiterbewegung und des „Kommunistischen Manifests“ wichtig ist. Den Bearbeitern von Bd. 4 der MEW (erschienen 1959) stand er noch nicht zur Verfügung; in der MEGA² müsste er zukünftig in Bd. I/6 veröffentlicht werden.

(Anm. d. Red.)

Frage 1. Bist Du Kommunist?

Antwort. – Ja.

Frage 2. Was ist der Zweck der Kommunisten?

Antwort. – Die Gesellschaft so einzurichten, daß jedes Mitglied derselben seine sämtlichen Anlagen u. Kräfte in vollständiger Freiheit und ohne dadurch die Grundbedingungen dieser Gesellschaft anzutasten, entwickeln und betätigen kann.

Frage 3. Wie wollt Ihr diesen Zweck erreichen?

Antwort. – Durch die Aufhebung des Privateigentums, an dessen Stelle die Gütergemeinschaft tritt.

Frage 4. Worauf begründet Ihr Eure Gütergemeinschaft?

Antwort. – Erstens auf die durch die Entwicklung der Industrie, des Ackerbaus, des Handels und der Kolonisation erzeugte Masse von Produktionskräften und Lebensmitteln, und die in der Maschinerie, den chemischen und andern Hülfsmitteln liegende Möglichkeit ihrer Vermehrung ins Unendliche.

Zweitens darauf, daß im Bewußtsein oder Gefühl eines jeden Menschen gewisse Sätze als unumstößliche Grundsätze existieren, Sätze, welche als Resultat der ganzen geschichtlichen Entwicklung keines Beweises bedürfen.

Frage 5. Welches sind solche Sätze?

Antwort. – Z. B. Jeder Mensch strebt danach, glücklich zu sein. Das Glück des Einzelnen ist untrennbar von dem Glücke Aller, usw.

Frage 6. Auf welche Weise wollt Ihr Eure Gütergemeinschaft vorbereiten?

Antwort. – Durch Aufklärung und Vereinigung des Proletariats.

Frage 7. Was ist das Proletariat?

Antwort. – Das Proletariat ist diejenige Klasse der Gesellschaft, welche ausschließlich von ihrer Arbeit und nicht vom Profit irgend eines Kapitals lebt; diejenige Klasse, deren Wohl und Wehe, deren Leben und Tod daher von dem Wechsel der guten und schlechten Geschäftszeiten, mit einem Wort von den Schwankungen der Konkurrenz abhängt.

Frage 8. Es hat also nicht immer Proletarier gegeben?

Antwort. – Nein. Arme und Arbeiterklassen hat es immer gegeben; auch waren die Arbeitenden fast immer die Armen. Proletarier aber hat es nicht immer gegeben, ebensowenig wie die Konkurrenz immer frei war.

Frage 9. Wie ist das Proletariat entstanden?

Antwort. – Das Proletariat ist hervorgegangen aus der Einführung der Maschinen, welche seit der Mitte des vorigen Jahrhunderts erfunden wurden und von denen die hauptsächlichsten sind: die Dampfmaschine, die Spinnmaschine, und der mechanische Webstuhl. Diese Maschinen, welche sehr teuer waren und also nur von reichen Leuten angeschafft werden konnten, verdrängten die damaligen Arbeiter, indem man mittelst der Maschinen die Waren wohlfeiler und schneller liefern konnte, als dies den bisherigen Arbeitern auf ihren unvollkommnen Spinnrädern und Webstühlen möglich war. Die Maschinen lieferten dadurch die Industrie gänzlich in die Hände der großen Kapitalisten und machten das wenige Eigentum der Arbeiter, das hauptsächlich in ihren Werkzeugen, Webstühlen pp. bestand, völlig wertlos, so daß der Kapitalist alles, der Arbeiter nichts übrig behielt. Damit war das Fabriksystem eingeführt. Als die Kapitalisten einsahen, wie vorteilhaft ihnen dies war, suchten sie es auf immer mehr Arbeitszweige auszudehnen. Sie teilten die Arbeit mehr und mehr unter die Arbeiter, so daß die letzteren, die früher jeder ein ganzes Stück Arbeit gemacht, jetzt jeder nur einen Teil dieses Stücks machten. Die so vereinfachte Arbeit lieferte die Erzeugnisse schneller und daher wohlfeiler, und erst jetzt fand man fast in jedem Arbeitszweige, daß auch hier Maschinen angewandt werden könnten. So wie nun ein Arbeitszweig fabrikmäßig betrieben wurde, geriet er, gerade wie die Spinnerei und Weberei, in die Hände der großen Kapitalisten, und den Arbeitern wurde der letzte Rest von Selbständigkeit entzogen.

Allmählich sind wir dahin gekommen, daß fast alle Arbeitszweige fabrikmäßig betrieben werden. Dadurch ist der bisherige Mittelstand, besonders die kleinen Handwerksmeister, mehr und mehr ruiniert, die frühere Lage der Arbeiter gänzlich verändert, und zwei neue, allmählich alle übrigen Klassen verschlingende Klassen [sind] geschaffen worden. Nämlich:

I. Die Klasse der großen Kapitalisten, welche in allen fortgeschrittenen Ländern fast ausschließlich im Besitz der Lebensmittel und derjenigen Mittel (Maschinen, Fabriken, Werkstätten pp.) sind, womit diese Lebensmittel erzeugt werden. Dies ist die Klasse der Bourgeois oder die Bourgeoisie.

II. Die Klasse der gänzlich Besitzlosen, welche darauf angewiesen sind, der ersten Klasse, den Bourgeois, ihre Arbeit zu verkaufen, um nur dafür die Lebensmittel von ihnen zu erhalten. Da bei diesem Arbeitshandel die Parteien nicht gleichgestellt, sondern die Bourgeois im Vorteil sind, so müssen die Besitzlosen sich den von den Bourgeois gestellten schlechten Bedingungen fügen. Diese von den Bourgeois abhängige Klasse heißt die Klasse der Proletarier oder das Proletariat.

Frage 10. Wodurch unterscheidet sich der Proletarier von dem Sklaven?

Antwort. – Der Sklave ist ein für alle Mal verkauft. Der Proletarier muß sich selbst täglich und stündlich verkaufen. Der Sklave ist Eigentum eines Herrn und hat eben deshalb eine gesicherte Existenz, so elend sie sein mag. Der Proletarier ist sozusagen Sklave der ganzen Bourgeoisklasse, nicht eines Herrn und hat daher keine gesicherte Existenz, indem ihm niemand seine Arbeit abkauft, wenn er sie nicht nötig hat. Der Sklave gilt für eine Sache, nicht für ein Mitglied der bürgerlichen Gesellschaft. Der Proletarier ist als eine Person, als ein Mitglied der bürgerlichen Gesellschaft anerkannt. Der Sklave kann also eine bessere Existenz haben als der Proletarier, aber dieser steht auf einer höheren Entwicklungsstufe. Der Sklave befreit sich dadurch, daß er Proletarier wird und von allen Eigentumsverhältnissen nur das Verhältnis der Sklaverei abschafft. Der Proletarier kann sich nur dadurch befreien, daß er das Eigentum überhaupt abschafft.

Frage 11. Wodurch unterscheidet sich der Proletarier von dem Leibeignen?

Antwort. – Der Leibeigene hat die Benutzung eines Stückes Boden, also eines Produktions-Instruments, gegen Abgabe eines größeren oder geringeren Teils des Ertrags. Der Proletarier arbeitet mit Produktionsinstrumenten, die das Eigentum eines andern sind, der ihm für seine Arbeit einen durch die Konkurrenz bestimmten Anteil der Produkte abtritt. Der Anteil des Arbeiters wird bestimmt durch seine eigne Arbeit, also durch ihn selbst beim Leibeigenen. Beim Proletarier wird er bestimmt durch die Konkurrenz, also zunächst durch den Bourgeois. Der Leibeigne hat eine gesicherte Existenz, der Proletarier hat sie nicht. Der Leibeigene befreit sich, indem er seinen Feudalherrn verjagt und selbst Eigentümer wird, also in die Konkurrenz tritt und sich einstweilen der besitzenden Klasse, der privilegierten Klasse anschließt. Der Proletarier befreit sich, indem er das Eigentum, die Konkurrenz und alle Klassenunterschiede aufhebt.

Frage 12. Wodurch unterscheidet sich der Proletarier vom Handwerker?

Antwort. – Der im Unterschiede vom Proletarier sogenannte Handwerker, wie er noch im vorigen Jahrhundert fast überall, und jetzt noch hie und da existiert, ist höchstens eine Zeitlang Proletarier. Sein Zweck ist, selbst Kapital zu erwerben und damit andre Arbeiter zu exploitieren. Diesen Zweck kann er oft erreichen, wo die Zünfte noch existieren oder wo die Gewerbefreiheit noch zu keiner fabrikmäßigen Betreibung der Handwerke, zu keiner heftigen Konkurrenz geführt haben [vielm. hat]. Sobald aber das Fabrikwesen in die Handwerke eingeführt worden und die Konkurrenz in voller Blüte steht, fällt diese Aussicht weg, und der Handwerker wird mehr und mehr Proletarier. Der Handwerker befreit sich also, indem er entweder Bourgeois wird oder überhaupt in den Mittelstand übergeht, oder indem er durch die Konkurrenz zum Proletarier wird (wie dies jetzt meistens geschehen) und sich nun der Bewegung des Proletariats, d. h. der mehr oder minder bewußten kommunistischen Bewegung anschließt.

Frage 13. Ihr glaubt also nicht, daß die Gütergemeinschaft zu jeder Zeit möglich war?

Antwort. – Nein. Der Kommunismus ist erst entstanden, seitdem es die Maschinen und andern Erfindungen möglich machten, allen Mitgliedern der Gesellschaft eine allseitige Ausbildung, eine glückliche Existenz in Aussicht zu stellen. Der Kommunismus ist die Lehre von einer Befreiung, die nicht den Sklaven, den Leibeignen oder den Handwerkern möglich war, sondern erst den Proletariern, und daher gehört er notwendig dem neunzehnten Jahrhundert an und war zu keiner früheren Zeit möglich.

Frage 14. Kommen wir auf die sechste Frage zurück. Wenn Ihr die Gemeinschaft durch Aufklärung und Vereinigung des Proletariats vorbereiten wollt, so verwerft Ihr also die Revolution?

Antwort. – Wir sind nicht nur von der Nutzlosigkeit, sondern sogar von der Schädlichkeit aller Verschwörungen überzeugt. Wir wissen ebenfalls, daß Revolutionen nicht absichtlich und willkürlich gemacht werden, sondern daß sie überall und zu jeder Zeit die notwendige Folge von Umständen sind, welche von dem Willen und der Leitung einzelner Parteien wie ganzer Klassen ganz und gar nicht abhängen. Wir sehen aber auch, daß die Entwicklung des Proletariats in fast allen Ländern der Welt von den besitzenden Klassen gewaltsam unterdrückt, und daß hierdurch auf eine Revolution von den Gegnern der Kommunisten gewaltsam hingearbeitet wird. Sollte hierdurch das unterdrückte Proletariat zuletzt in eine Revolution hineingejagt werden, so werden wir dann ebenso gut mit der Tat, wie jetzt mit dem Wort, die Sache des Proletariats verteidigen.

Frage 15. Wollt Ihr an die Stelle der jetzigen Gesellschaftsordnung mit e i n e m Schlage die Gütergemeinschaft einführen?

Antwort. – Wir denken nicht daran. Die Entwicklung der Massen läßt sich nicht dekretieren. Sie wird bedingt durch die Entwicklung der Verhältnisse, in denen diese Massen leben, und geht daher allmählich vor sich.

Frage 16. Auf welche Weise glaubt Ihr, daß der Übergang aus dem jetzigen Zustande in die Gütergemeinschaft zu bewerkstelligen sei?

Antwort. – Die erste Grundbedingung zur Einführung der Gütergemeinschaft ist die politische Befreiung des Proletariats durch eine demokratische Staatsverfassung.

Frage 17. Welches wird Eure erste Maßregel sein, sobald Ihr die Demokratie durchgesetzt habt?

Antwort. – Die Sicherung der Existenz des Proletariats.

Frage 18. Wie wollt Ihr dies durchführen?

Antwort. – I. Durch eine solche Beschränkung des Privateigentums, welche seine allmähliche Verwandlung in gesellschaftliches Eigentum vorbereitet, z. B. durch Progressivsteuern, Beschränkung des Erbrechts zugunsten des Staats usw.

II. Durch Beschäftigung der Arbeiter in National-Werkstätten und -fabriken, sowie auf den Nationalgütern.

III. Durch Erziehung sämtlicher Kinder auf Staatskosten.

Frage 19. Wie werdet Ihr es in der Übergangsperiode mit dieser Erziehung einrichten?

Antwort. – Sämtliche Kinder werden von dem Zeitpunkt an, wo sie der ersten mütterlichen Pflege entbehren können, in Staatsanstalten erzogen und unterrichtet.

Frage 20. Wird mit Einführung der Gütergemeinschaft nicht zugleich die Weibergemeinschaft proklamiert?

Antwort. – Keineswegs. Wir werden uns in das Privatverhältnis zwischen Mann und Frau und überhaupt in die Familie nur insoweit einmischen, als durch die Beibehaltung der bestehenden Einrichtung die neue Gesellschaftsordnung gestört würde. Im übrigen wissen wir sehr gut, daß das Familienverhältnis im Laufe der Geschichte nach den Eigentumsverhältnissen und Entwicklungsperioden Modifikationen erlitten hat und daß daher auch die Aufhebung des Privateigentums den bedeutendsten Einfluß darauf haben wird.

Frage 21. Werden im Kommunismus die Nationalitäten fortbestehen?

Antwort. – Die Nationalitäten der nach dem Prinzip der Gemeinschaft sich verbindenden Völker werden durch diese Vereinigung eben so sehr genötigt sein, sich zu vermischen und dadurch sich aufzuheben, wie die verschiedenen Stände- und Klassenunterschiede durch die Aufhebung ihrer Grundlage, des Privateigentums, wegfallen.

Frage 22. Verwerfen die Kommunisten die bestehenden Religionen?

Antwort. – Alle bisherigen Religionen waren der Ausdruck geschichtlicher Entwicklungsstufen einzelner Völker oder Völkermassen. Der Kommunismus ist aber diejenige geschichtliche Entwicklungsstufe, die alle bestehenden Religionen überflüssig macht und aufhebt.“

[1] Bert Andreas (Hrsg.), Gründungsdokumente des Bundes der Kommunisten (Juni bis September 1847), Hamburg 1969, S. 53-58, sowie: Der Bund der Kommunisten. Dokumente und Materialien. Redaktion: Herwig Förder, Martin Hundt, Jefim Kandel, Sofia Lewiowa, Bd. 1, Berlin 1970, S. 470-475 (der Abdruck folgt dieser Ausgabe). In der alten BRD erschien ein Nachruck z.B. in: Friedrich Engels, Grundsätze des Kommunismus, Frankfurt am Main 1972, S. 43 ff.

[2] Friedrich Engels, Grundsätze des Kommunismus, in: MEW, Bd. 4, S. 361-380.

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Dieser Artikel ist erschienen in Z. Nr. 93, März 2013