Z. Zeitschrift Marxistische Erneuerung Nr. 85, Mrz 2011 - http://zeitschrift-marxistische-erneuerung.de/topic/14.ausgabe-85-maerz-2011.html

190 Jahre Friedrich Engels - 40 Jahre Marx-Engels-Stiftung

Tagung der Marx-Engels-Stiftung, Wuppertal, 13. November 2010

Rolf Jüngermann

Am 13.11.2010 fand in Wuppertal im Geburtshaus von Engels eine Geburtstagsfeier der Marx-Engels-Stiftung mit etwa 60 Gästen statt. Die Feier bildete den Ausklang eines arbeitsreichen Jahres, in dem eine ganze Reihe von wichtigen Themen aufgegriffen und in eigenen Tagungen oder in Kooperation mit anderen behandelt wurden, darunter ein Symposium zum 15. Todestag von Wolfgang Harich, eine Konferenz zur Weltwirtschaftskrise, eine gemeinsame Tagung der Marx-Engels-Stiftung und des Instituts für Theologie und Politik zum Thema „Falsche Götter – Religionskritik als Kapitalismuskritik“, ein Seminar „Marx 2010 – Tendenzen aktueller Marxismus-Beschäftigung“, eine Tagung „Die (neue) soziale Frage in Theorie und Praxis linker Bewegungen“ (Bericht in Z 83, September 2010) sowie „1935: Zäsur in der Geschichte der kommunistischen Bewegung“. Viele der Beiträge zu diesen Veranstaltungen sind in den „Marxistischen Blättern“ nachzulesen.

Die Teilnehmer wurden vom Leiter des Historischen Zentrums in Wuppertal und derzeitigen Hausherrn des Engels-Hauses, Dr. Eberhard Illner, freundlich begrüßt, der sich für diesen wissenschaftlichen Beitrag zu den Geburtstagsfeiern herzlich bedankte und ausführlich auch auf die Modernisierungspläne und die Zukunft seines Museums in der Stadt Wuppertal zu sprechen kam. Er lud die MES zur weiteren konstruktiven Zusammenarbeit ein.

Nach den einleitenden Worten des Vorsitzenden der MES, Robert Steigerwald, der auch ein längeres, in ausgesprochen freundschaftlichem Ton gehaltenes Grußwort der Vizepräsidentin des Landtages NRW Gunhild Böth, MdL aus Wuppertal, verlas, ergriff Karl Hermann Tjaden (Kassel) das Wort zu dem Thema „Friedrich Engels, ein weltoffener Materialist – oder warum kein wirklicher Engelsismus entstanden ist“. Er ließ gleich zu Beginn eine Frage anklingen, um die es vielen Referenten ging: War es wirklich eine Theorie, die Marx und Engels teilten, oder waren es, wie manche behaupten, zwei Theorien? Genauer: Warum hat Karl Marx hauptsächlich ein einziges, mehrbändiges Werk über „Das Kapital“ vorbereitet, geplant, erarbeitet und teilweise vollendet, während Friedrich Engels sich mit so verschiedenen Dingen befasste wie einer Kritik der Nationalökonomie, der Lage der arbeitenden Klasse in England, dem deutschen Bauernkrieg, dem Ursprung der Familie, des Privateigentums und des Staates und mit Exzerpten, Notizen und Texten zur Naturbewegung? Diese Unterschiedlichkeit der Arbeitsfelder verweist nach Tjaden gewiss nicht auf eine intentionale Verschiedenheit der Weltwahrnehmung beider Denker. Aber diese Differenz ihrer Thematiken bedeute doch einen Unterschied in der jeweiligen Bandbreite ihrer Wahrnehmungen und der schließlichen Art und Weise der gedanklichen Bearbeitung des Wahrgenommenen. Engels’ Blick gehe über den Antagonismus von Lohnarbeit und Kapitalverwertung hinaus (auch wenn er die ökonomische Klassenherrschaft sicherlich für den grundlegenden Antagonismus hielt). Unsere Gesellschaft sei durch eine Dreifaltigkeit von Gewaltverhältnissen gekennzeichnet, durch die Trinität patriarchaler, staatlicher und ökonomischer Gewalt. Der Realismus und die Diversität, die Engels’ Wissenschaft anstrebte und wo möglich verwirklicht hat, machten es unmöglich, so etwas wie einen „Engelsismus“ zu kreieren, was wohl auch seiner Einstellung entgegen kam: Die Erkenntnis der „Welt [als] ein einheitliches System […] setzt die Erkenntnis der ganzen Natur und Geschichte voraus, die die Menschen nie erreichen. Wer also Systeme macht, muß die zahllosen Lücken durch Eigne Erfindung ausfüllen d. h. irationell phantasieren, ideologisiren.“ (MEGA I/27, 68, Hervorh. i. O.)

Nina Hager beklagte in ihrem Beitrag „Engels und die Naturdialektik“, dass die philosophischen Probleme der Naturwissenschaften heute in außerwissenschaftlichen Kreisen, leider auch in der marxistischen Linken – entgegen allen Traditionen der Arbeiterbewegung – nur eine geringe Rolle spielen. Dialektik insgesamt rücke als Theorie und Methode der Erfassung und Veränderung der Welt in den Hintergrund. Viele Erkenntnisse marxistischer Philosophinnen und Philosophen aus Jahrzehnten fruchtbarer Forschung, die in der Engelsschen Tradition stehen, wie jene zur Gesetzesproblematik, zur dialektisch-materialistischen Entwicklungstheorie und andere, gerieten in Vergessenheit. Im Folgenden legte sie ausführlich dar, vor welchem geschichtlichen Hintergrund Marx und Engels ihre naturwissenschaftlichen Studien entwickelten. Auf den seit Jahren geführten harten Disput zur Naturdialektik zwischen einer Reihe von Marxisten (Hörz, Holz, Hüllinghorst, Metscher, Ruben, Schweiger, Wahsner, Weingarten – in den MB, Z und Topos) kam sie – wohl aus Zeitgründen – leider nicht zu sprechen.

Erwin Marquit, Minneapolis, der aus den USA extra zu dieser Tagung angereist war, setzte sich in seinem anspruchsvollen Beitrag zum Thema „Engels und logische Widersprüche“ mit Angriffen auf die Naturdialektik von links und vor allem von rechts auseinander. Eine der stärksten Formen einer solchen Kritik rühre von der Auffassung her, die sich in der Sowjetunion durchsetzte, dass die dialektische Logik der formalen Logik überlegen sei, weil sie logische Widersprüche zulasse. Auch einige marxistische Philosophen außerhalb der Sowjetunion hätten diesen Standpunkt vertreten. Die Duldung der Möglichkeit logischer Widersprüche mache Marxisten zu einem leichten Ziel für Anti-Marxisten, da man mit logischen Widersprüchen beweisen kann, dass jegliche Feststellung zutrifft. Das Fehlen von Beispielen für logische Widersprüche bei den Klassikern des Marxismus weise darauf hin, dass nicht behauptet werden kann, Engels (oder Marx oder Lenin) hätten logische Widersprüche als dialektische Widersprüche akzeptiert.

Herrmann Kopp zeichnete in seinem Beitrag „Engels‘ Friedensvorschläge“ ein interessantes Bild von Engels als einem hochgeachteten Militärwissenschaftler – mit mehreren hundert einschlägigen Veröffentlichungen gerade auch in bürgerlichen Zeitungen – und Friedensforscher, der sich schon in den 80er Jahren des 19. Jh. auf die Suche nach Möglichkeiten zur Verhinderung des von ihm vorhergesagten / befürchteten Weltkrieges begab; der aber auch angesichts der neuen Explosivwaffen den – später wohl ein Stück weit relativierten – Ratschlag gab: „Die Ära der Barrikaden und Straßenschlachten ist für immer vorüber; wenn sich die Truppe schlägt, wird der Widerstand Wahnsinn. Also ist man verpflichtet, eine neue revolutionäre Taktik zu finden. Ich habe seit einiger Zeit darüber nachgedacht, bin aber noch zu keinem Ergebnis gekommen.“

Willi Gerns setzte sich in seinem Beitrag ausführlich mit einigen Aspekten der Engels-Kritik in der bürgerlichen Marx-Engels-Rezeption auseinander, darunter

- mit dem Versuch Iring Fetschers und anderer, die Bedeutung von Engels für die Herausarbeitung des Marxismus herabzumindern;

- mit der Entstellung des Engelsschen Werkes hinsichtlich seiner Position zur proletarischen Partei. Während einige Marxologen behaupten, dass Marx einer selbständigen Partei der Arbeiterklasse wenig Aufmerksamkeit geschenkt habe und die Idee einer zentralisierten proletarischen Partei zunächst Engels allein und später vor allem Lenin zukomme, behaupten andere, dass sowohl Marx als auch Engels den Fragen der Partei und der Organisation der Arbeiterklasse überhaupt wenig Bedeutung beigemessen hätten. Die Aufgabe, eine straff organisierte Partei zu schaffen, habe erst Lenin gestellt.

- Schließlich mit dem Versuch, Engels im Gegensatz zu Marx als einen Anhänger des bürgerlichen Parlamentarismus und ausschließlich friedlicher Kampfformen der Arbeiterbewegung darzustellen.

Die behandelten Aspekte stellen nach Gerns nach wie vor die Grundmuster der Entstellung des Engelsschen Werkes dar. Dies gilt vor allem für den Kern der Sache, den Versuch, Widersprüche zwischen Marx und Engels und ihrem Werk zu konstruieren. Abschließend setzte er sich in diesem Zusammenhang mit einigen Thesen von Ingo Elbe gegen „den Mythos der Einheit des Marxschen und Engelsschen Werkes“ in der „Marx-Rezeption des traditionellen Marxismus“ auseinander, die dieser in einem Aufsatz vertritt, der im Marx-Engels-Jahrbuch 2007 veröffentlicht wurde.

Werner Seppman schließlich griff diese Gedanken auf und warf Elbe – aber auch Michael Heinrich – Marxismus-Entsorgung und Dissenz-Konstruierung vor. Der Marxismus solle von ihnen nur mehr als eine weltabgewandte, von der Revolutionsperspektive befreite, theoretische Position konserviert werden. „Kapital“-Analyse werde ohne Kapitalismuskritik betrieben und die Kritik der politischen Ökonomie solle ausdrücklich „von revolutionstheoretischen Deutungen“ (I. Elbe) „befreit“ werden. Hinsichtlich des Verhältnisses zwischen Marx und Engels stellte er fest, dass sich in den ca. 1.500 Briefen zwischen den beiden Freunden keine Hinweise auf einen solchen Dissenz finden, dass sie im Gegenteil eine kongeniale Beschäftigung beider mit dem Problem Kapitalismus und eine ständiges Bemühen um Präzisierung der gemeinsamen Denkvoraussetzungen belegen. Engels habe Marx nicht nur mit empirischen Informationen über die ökonomische Praxis und die Verhältnisse in den Fabriken versorgt, sondern selbst immer wieder neue theoretische Fragen aufgeworfen und auf neue theoretische und historische Arbeiten sowie empirische Konstellationen verwiesen. Lenins Einschätzung sei zweifellos zutreffend, dass ohne die tätige Hilfe von Engels die präzise Erfassung des kapitalistischen Systems Marx kaum möglich gewesen wäre.

Rolf Jüngermann

Dieser Artikel ist erschienen in Z. Nr. 85, Mrz 2011