Z. Zeitschrift Marxistische Erneuerung Nr. 89, März 2012 - http://zeitschrift-marxistische-erneuerung.de/topic/29.ausgabe-89-maerz-2012.html

Auf- und Abstiegsprozesse im kapitalistischen Weltsystem

Thesen in dependenztheoretischer und/oder regulationstheoretischer Perspektive

Dieter Boris

1. Auf- und Abstiegsprozesse
Gehäufte Aufstiegs- und Abstiegsprozesse von Ländern bzw. „nationalen“ Ökonomien und Regionen sind in den letzten vier Jahrzehnten besonders auf-fällig gewesen und haben die Machtverhältnisse auf Weltebene seither deut-lich verändert. Das Phänomen der BRIC-Staaten (Schmalz 2006a) seit einigen Jahren, vorher schon das der „ostasiatischen Tiger“ und anderer Fälle einer-seits und das Zurückfallen des subsaharischen Afrika, einiger Länder des Na-hen Ostens und Lateinamerikas andererseits repräsentieren die markantesten Beispiele. Das relative Zurückbleiben von „altindustriellen“ Zentralländern (wie z.B. Großbritannien) ist ein weiteres Element dieser gegenläufigen Prozesse.


2. Dependenz- und Regulationstheorien

Theorien der Entwicklung/Unterentwicklung bzw. der ungleichen Entwicklung im Weltmaßstab hätten diese Tendenzen zu erklären. Hier soll kurz der Frage nachgegangen werden, inwieweit dependenz- und/oder regulationstheo-retische Ansätze dies zu leisten vermögen.
Im Mittelpunkt der – im Übrigen sehr unterschiedlichen – Dependenztheorien steht die Frage, ob und wie die dauerhafte Unterordnung und vergleichsweise Unterentwicklung bestimmter Länder und Ländergruppen (der Peripherie) durch ihre ökonomisch-politischen Beziehungen zu den Zentren zu erklären ist. Dabei spielen keineswegs nur die Außenbeziehungen und „externen“ Faktoren eine Rolle, sondern auch (schon vorher vorhandene) bzw. von außen an-gestoßene, nun interne Faktoren, Strukturen und kollektive Akteure. Die Hauptfragen beziehen sich auf Entstehung, Entwicklung und Formverwand-lung von Abhängigkeit und Unterentwicklung, kaum auf die Frage der „Ver-besserung“ des Status im Weltsystem.
Die „Überwindung“ von Abhängigkeit/Unterentwicklung wurde mehrheitlich in der Abkoppelung vom kapitalistischen Weltsystem bzw. im Übergang zum Sozialismus gesehen.
Die Regulationstheorie – von der es nicht minder viele Varianten gab und gibt – war im Kern der Versuch, die allgemein-abstrakte Kapitalismustheorie raum-zeitlich zu konkretisieren sowie eine Handlungsdimension zu den struk-turalistischen Komponenten hinzuzufügen. Mithilfe variierender Akkumulati-onsregime und jeweils damit kombinierter Regulationsregime sollten Stabilitäts-, Widerspruchs- und damit auch Instabilitätselemente dingfest gemacht werden. Die Hauptfrage war dabei, wie sich durch das Ineinandergreifen be-stimmter Akkumulations- und Regulationsregime die relativ dauerhafte Stabi-lität eines im Prinzip widerspruchsvollen und krisenanfälligen Wirtschafts- und Gesellschaftssystems erklärt.
Fragen nach der aktuellen Transformation von Staatlichkeit (und deren verän-derte Raumbezüge), nach politischen Auseinandersetzungen und Kräftever-hältnissen wie auch nach internationalen Beziehungen und Dimensionen war-en (und sind teilweise noch) in vielen regulationistischen Arbeiten gänzlich abwesend oder werden nur am Rande behandelt (Siehe Becker 2003: 63, Brand 2003: 304ff.).
Beide Theorieansätze, die ganz unterschiedliche Fragstellungen aufweisen (und sich daher auch nicht widersprechen), werfen die einleitend in These 1 gestellte Problematik gar nicht explizit auf.
Dennoch kann M.E. sinnvoll darüber nachgedacht werden, ob und inwieweit sich mittels bestimmter Theorieelemente beider Denkschulen die oben aufge-worfene Fragestellung weiter verfolgen lässt.


3. Bedingungen von Aufholprozessen am Weltmarkt

Grundlegende Kategorien der Regulationstheorie können für die eingangs aufgeworfene Fragestellung fruchtbar gemacht werden. Zunächst soll zwi-schen unterschiedlichen Akkumulationsregimen unterschieden werden:
 kapitalistische Akkumulation und andere Produktionsweisen;
 produktive vs. finanziarisierte oder handelskapitalistische Akkumulation;
 extensive vs. intensive Akkumulation;
 Introversion vs. Extraversion der Akkumulation (vgl. Becker 2009: 89ff.).
In dieser Terminologie lässt sich mit einiger Sicherheit behaupten, dass Auf-holprozesse im Weltsystem dann erfolgreich bzw. schneller vonstatten gehen
 wenn die kapitalistische Akkumulation die nicht-kapitalistischen Formen der Produktion schnell aufsaugt oder eindeutig unterordnet,
 wenn die produktive Akkumulation über die finanziarisierte oder bloße handelskapitalistische obsiegt,
 wenn die extensive zugunsten der intensiven Akkumulation zurückged-rängt wird,
 und wenn statt (passiver) Extraversion der Akkumulation (hohe Abhän-gigkeit von Rohstoffexporten und Importabhängigkeit von verarbeiteten Produkten, insbes. Investitionsgütern) entweder in Richtung aktiver Ex-traversion oder verstärkter Introversion (Binnenmarktexpansion) voran-geschritten wird.


4. Richtungswechsel von Akkumulationsregimen

Da viele periphere Länder diese auf mehreren Ebenen stattfindenden Akku-mulationsprozesse – aufgrund zu hoher objektiver und subjektiver Barrieren - nicht in der angedeuteten Weise verändern können, bleiben sie in peripherer Position oder steigen sogar noch weiter ab. Daher ist es besonders interessant zu fragen, vermittels welcher Regulationsregime und - mechanismen ein de-rartiger Richtungswechsel in den Akkumulationsregimen erreicht werden kann.
Bekanntlich werden vier grundlegende Regulationsdimensionen genannt, die den gesellschaftlichen und individuellen Reproduktionsprozess bestimmen: das Lohnverhältnis, das Konkurrenzverhältnis, die monetäre Restriktion und die ökologische Restriktion. Diese einzelnen Regulationsregime oder -dimensionen weisen wiederum jeweils für sich unterschiedliche Facetten auf. Alle vier sind durch staatliche Eingriffe mehr oder minder direkt vermittelt.
Generell lässt sich wahrscheinlich die These vertreten, dass bedeutende Auf-holprozesse (quantitativ und qualitativ) nur unter Bedingungen einer relativ prosperitären und dynamischen Weltmarktentwicklung denkbar sind.
Das Erreichen einer aktiven Extraversion der Akkumulation, die gleichzeitig eine produktive und intensive sein kann (ostasiatische Tigerstaaten), wird nicht selten von einer kleinen und sehr niedrig bezahlten Lohnarbeiterschaft – mit extrem langen Arbeitszeiten und sehr gefährlichen Arbeitsbedingungen – getragen. Im Laufe eines dynamischen Akkumulationsprozesses mit hohen Exportsteigerungsraten kommt es auch zu einer Intensivierung der Akkumulation, zu bedeutenden Produktivitätssteigerungen und einer Aus-dehnung des Binnenmarktes, was wiederum Lohnsteigerungen einschließt bzw. erzwingt. Agrarreformen und Produktivitätssteigerungen im Landwirt-schaftssektor unterstützen diese binnenmarktorientierte Akkumulation durch Arbeitskraftzufuhr und erhöhtes Nachfragepotential der Landwirtschaft.
Die Konkurrenz zwischen den einzelnen Kapitalen wird durch den Staat über-wacht und gelenkt. Durch aktive Industrie- und Technologiepolitik des Staates nicht zuletzt über gezielte Kreditpolitik wird ein beständiger und starker Strukturwandel der Produktionsstruktur im Sinne der Steigerung der Welt-marktkonkurrenzfähigkeit und der Vertiefung des Binnenmarktes forciert und begleitet. Wesentlich scheint eine wechselseitige Abfolge von Introversion und Extraversion zu sein sowie ein damit verbundener Übergang von passiver zu aktiver Extraversion (vgl. hierzu schon, wenn auch in anderer Terminologie: Menzel/Senghaas 1986: 138ff.).
Die monetäre Restriktion bezieht sich darauf, dass ein erfolgreicher Verwer-tungs- und Entlohnungsprozess letztlich von der Umwandlung der Waren in Geld abhängt, und dies erfolgreich nur eintreten kann, wenn Inflation und Deflation, erst recht Hyperinflation, vermieden werden. Nach außen begünstigt eine unterbewertete Währung die Exportchancen und wirkt zugleich als Schutz vor Importkonkurrenz auf dem heimischen Binnenmarkt.
Die ökologische Restriktion bezieht sich auf die Erhaltung bzw. nur nachhaltige Vernutzung nicht erneuerbarer Roh- und Naturstoffe. Eine diese Restriktionen nicht genügend berücksichtigende Politik (wie bis vor kurzem und teilweise auch noch heute in China) kann das Wachstum durch parallel steigende hohe ökologische und die menschliche Reproduktion bedrohende Kosten konterkarieren.
Zu diesen Regulationsregimen müsste sicherlich noch die Dimension der So-zial- und Altersicherung, der Ausgaben für Gesundheit und vor allem für Bil-dung hinzugefügt werden. Denn es ist kaum vorstellbar, dass ohne einschnei-dende Veränderungen auch in diesen Bereichen ein dynamischer und langfris-tiger Aufholprozess möglich ist.


5. Staat und Akkumulationsregime

Voraussetzung für die Realisierung dieser neuen Achse der Akkumulation ist nicht nur eine dynamische Weltmarktkonjunktur (dies gilt auch für die zu-rückbleibenden Länder), sondern vor allem ein relativ autonomer und effi-zienter Staat, wobei dieser als solcher auch ausnahmsweise – wie das bei den Tigerstaaten Ostasiens zu einem erhebliche Teil der Fall war – von außen (vor allem durch die USA aus Gründen der Systemkonkurrenz) massiv unterstützt werden kann.


6. Unterschätzung der Möglichkeit, Abhängigkeit zu verringern

Das Konzept, einseitige, asymmetrische Abhängigkeiten vom Weltmarkt bzw. vom Zentrum durch verstärkte Integration in diesen Weltmarkt zu verringern oder abzubauen, ist den meisten Dependenztheorien völlig fremd. Die mögli-chen Handlungsspielräume für derartige Aufholprozesse wurden in der Regel unterschätzt, da die einseitige Benachteiligung auf dem Weltmarkt und durch einseitige Transferprozesse des Auslandskapitals vermittelte Ausbeutung als feststehende, nicht wesentlich veränderbare Größen wahrgenommen wurden (vgl. im Überblick: Kay 1989).


7. Differenzierungen in Dependenztheorien
Im Unterschied zur Mehrheit der dependenztheoretischen Ansätze und Analy-sen, bei denen die „Logik der Kapitalakkumulation“ im Allgemeinen oder auf Welt- bzw. auf Zentrumsebene alles in der Peripherie determiniert, die Formen von Abhängigkeit zwar wechseln können, die Substanz und die Ergebnisse aber dieselben bleiben und im Unterschied zur Betonung der beständigen Reproduktion von externer Herrschaft, wird bei Cardoso und Faletto das Ver-hältnis von externen und internen Faktoren dialektisch gesehen. Die Folgen und Inhalte von Abhängigkeit seien in Hinsicht auf Entwicklungsprozesse durchaus unterschiedlich. So ist es ihrer Auffassung nach nicht statthaft, für alle Fälle anzunehmen, „dass Abhängigkeitsverhältnisse fortwährend und notwendigerweise mehr Unterentwicklung und Abhängigkeit erzeugen“ und „Möglichkeiten zur Veränderung der Strukturen“ ausgeschlossen werden (Cardoso/Faletto 1976: 211). Es gehe darum, Erklärungsmuster zu finden, die zu bestimmen erlauben, wie allgemeine Trends der kapitalistischen Expansion sich in konkrete Beziehungen zwischen Menschen, Klassen und Staaten der Peripherie umsetzen. Nur so könne erklärt werden, wie z.B. zu unterschiedlichen Zeitpunkten Teile der lokalen gesellschaftlichen Klassen sich mit ausländischen Interessen verbünden oder in Gegensatz zu ihnen geraten, andere Formen des Staates aufbauen und andere Ideologien vertreten, neue politische Wege gehen und alternative Strategien zu formulieren versuchen, „um den imperialistischen Herausforderungen in bestimmten Augenblicken der Geschichte zu begegnen“ (ebd.: 219).
In diesem Sinne handelt es sich bei einem solchen Verständnis von Depen-denztheorie – ebenso wie bei der Regulationstheorie – um einen Versuch der Konkretisierung und Historisierung der allgemeinen Kapitalismusentwicklung (hier in seinem Verhältnis von Zentren und Peripherien). In diesem Sinne schlägt G. Gereffi eine analytische Differenzierung der unterschiedlichen Ab-hängigkeitsformen vor und versucht, daraus differierende Entwicklungsva-rianten abzuleiten. Wesentlich ist auch bei seinem Versuch einer theoretischen Synthese, dass internationale, nationale und lokale Ebenen in ihren Interde-pendenzbeziehungen in unterschiedlichen zeitlichen Perioden untersucht wer-den. Je nach Art nationaler Institutionen und sonstiger jeweiliger Bedingungen sieht er wichtige Unterschiede im „dependency managment“. „Dieser Ansatz richtet seine Aufmerksamkeit auf die Fähigkeit der einheimischen Institutionen, die äußeren ökonomischen Ressourcen produktiv und selektiv im Dienst lokaler Interessen einzusetzen.” (Gereffi 1994 : 42)


8. Faktoren, die Aufstiegsprozesse begünstigen und ermöglichen
Theoretische Erklärungsansätze für die aktuellen Auf- und Abstiegsprozesse im kapitalistischen Weltsystem, die Frage der Determinanten der gegenwärti-gen weltweiten „ungleichen Entwicklung“ und deren mittelfristige Perspektiven sind verhältnismäßig rar und keineswegs widerspruchsfrei. Nicht selten werden recht unterkomplexe Theoriekonstrukte präsentiert, z.B. bei Wallerstein, der diese Frage häufig mit dem Verweis auf die militärische Stärke von einzelnen Staaten und das Ausmaß der Handelsübervorteilung, die dadurch ermöglicht wird, ‚erledigt’. (Belege bei: Imbusch 1990.49ff;78ff.)
Auszugehen ist von den Charakteristika des gegenwärtig vorherrschenden Modells kapitalistischer Entwicklung und den mit dieser Phase verbundenen globalen Verteilungsverhältnissen von ökonomischen, politischen und militä-rischen Ressourcen. Die Ansätze zu einer neuen internationalen Arbeitstei-lung, die mit Momenten der Deindustrialisierung (Tertiarisierung) in den Met-ropolen und einer (zunächst) arbeitsintensiven Industrialisierungswelle in ein-zelnen Entwicklungsländern (Schwellenländer), dann in Enklaven von anderen Entwicklungsländern begannen, fallen in die 1960er und 1970er Jahre, also schon vor den Beginn der „eigentlichen“ neoliberalen Globalisierung. Ab Mitte der 1970er und Anfang der 1980er Jahre haben sich diese Prozesse verstärkt und auf ein qualitativ anderes Niveau, auch bezüglich mancher Indust-rialisierungsprozesse in Schwellenländern, gehoben. Von der bloßen Auslage-rung arbeitsintensiver und/oder ökologisch schädlicher Produktionssparten vollzog sich nun der Übergang zur „globalen Produktion“, d.h. zur weltweiten Aufteilung einzelner Produktionsabschnitte eines integralen Endprodukts; die-ses dezentralisierte, globale Verarbeitungssystem bezieht periphere, semiperi-phere und zentrale Länder gleichermaßen ein. Dabei sind die verschiedenen Produktionsabschnitte und Glieder der Wertschöpfungskette von der Rohstoffproduktion über die einzelnen Verarbeitungsstufen, Verpackung, Werbung, Vermarktung, Planung, Forschung & Entwicklung in der Regel – nach einem sich verändernden Muster – in verschiedenen Län-dern/Produktionsstandorten lokalisiert (Bair 2010). Aber auch in dieser Periode fanden die Prozesse der Verteilung verschiedener Wertschöpfungsteile in der Peripherie sehr ungleich statt.
Welche Faktoren und Zusammenhänge waren es nun, die für diese unter-schiedlichen Entwicklungsweisen hauptsächlich verantwortlich waren?
Wesentlich scheinen vor allem fünf Faktoren zu sein, die ihrerseits eng zusam-menhängen und jeweils für sich genommen vielfältige Facetten aufweisen:
a) Das Vorhandensein eines relativ effizienten und kohärenten Staates bzw. Staatsapparats – auf der Basis eines vergleichsweise stabilen Klassen-kompromisses; ob dies durch die Globalisierung entscheidend relativiert wurde und eine „Netzwerkfähigkeit“ privater Akteure den Einfluss des Staates „stärker als bisher angenommen“ eingeschränkt hat, muss zumin-dest für erfolgreiche Aufsteigerländer bezweifelt werden. Sicherlich ist in diesen Fällen der „Nationalstaat“ immer noch mehr als „nur noch ein Akteur unter vielen“ – wie Kappel anzunehmen scheint (Kappel 2010: 20).
b) Die Durchführung von Agrarreformen, die zu spürbaren Steigerungen der Agrarproduktivität führten und die Landwirtschaft in die Lage versetzten, ein zunächst „einseitiges Leistungsverhältnis“ (Werner Hofmann) gege-nüber dem urban-industriellen Sektor zu begründen.
c) Das Vorhandensein von bestimmten, gut verwertbaren Ressourcen (seien es Arbeitskräfte in großem Umfang, Rohstoffe oder Kompetenzen im technologischen und wissenschaftlichen Bereich).
d) Wichtig ist das Ausmaß und die Beschleunigung von Qualifikationspro-zessen bei einem wachsenden Teil der Bevölkerung sowie ein markanter Anstieg der Ausgaben für Forschung und Entwicklung (Kappel 2010: 30f.).
e) Schließlich ist die Bereitschaft wichtig, zu einer zunächst beschränkten, subordinierten Kooperation mit ausländischen Kapitalen bzw. entwickelten kapitalistischen Staaten zu kommen, von der man hofft (und wie man sieht, nicht ohne Berechtigung), dass sie sukzessive in eine tendenziell wechselseitige, die anfänglich großen Asymmetrien abschleifende, Interdependenzbeziehung umgewandelt werden kann.
Zwar flossen Ressourcen und know-how sowie Technologie von außen in die jeweiligen Länder, was sich in Aufholprozessen niederschlug. Dies geschah aber praktisch in allen Fällen vor dem Hintergrund eines stabilen und relativ effizienten Staates, der den Ressourcenzufluss dosieren, kanalisieren und konditionieren konnte. So konnte eine Art Tauschgeschäft eingegangen wer-den, bei dem der Zugang zu einem großen Absatz- und Arbeitsmarkt gegen den fast kostenlose Transfer von Technologien getauscht wurde, wie dies of-fenbar im Falle der Volksrepublik China gehandhabt wurde (Schmalz 2006: 33). Nur auf dieser Basis und von diesem Fixpunkt aus konnten verwertbare Ressourcen in jener Dynamik genutzt werden, wie es z.B. in China, Indien, aber auch schon vorher in Südkorea zu beobachten war (vgl. neuerdings Schmalz/Ebenau 2011).
Hinzu kommt die Art und Weise, wie Lernprozesse staatlicherseits vorbereitet, ausgewertet und schließlich in klare und verbindliche Orientierungen umge-setzt werden. In neueren Arbeiten über die VR China als „lernendes autoritäres System“, als eindrucksvolles Beispiel für „Policy Experimentation“ oder expe-rimentierende Politikgestaltung wird hervorgehoben, „dass es sich … um einen in der Wirtschaftsverwaltung dezentral organisierten Staat handelt. Ein ausgeprägter wirtschaftspolitischer Wettbewerb zwischen regionalen Regierungen gehört zu den wichtigsten Antriebskräften für Innovation und Wachstum… Dezentrale Reforminitiativen und lokale Reformexperimente, durch die beständig neue Optionen hervorgebracht werden und die im Erfolgsfall in landesweite politische Programme übergeführt werden, bildeten die dominierende Vorgehensweise in Chinas Politik zur Wirtschaftsreform.“
Die koordinierende und steuernde Funktion eines Staates bzw. einer Regierung in einem solchen Falle bezieht sich auch auf die Aushandlung der Be-dingungen des Austauschs mit externen Akteuren sowie auf die Verknüpfung der Außeneinflüsse und Außenverflechtung mit der internen Ökonomie und den internen Akteuren (und zwar auf verschiedenen Ebenen, d.h. der Unter-nehmensebene, der Ebene der Arbeitskräfte, der Ebene der Weiterbildung und Entwicklung von Fähigkeiten etc.). Diese Verknüpfungen mussten so beschaf-fen sein, dass sie zu keiner Marginalisierung oder deutlichen Unterordnung der jeweiligen Ökonomien in Schwellenländern führten, sondern dass die internen Kräfte von dieser Kooperation, die immer unter Kontrolle blieb, auch sichtbaren Nutzen ziehen konnten. Das heißt auch, dass in gewissem Umfang sich auch z.B. ausländische Direktinvestitionen den Bedingungen und Wün-schen des gastgebenden Landes und seiner Regierung anzupassen hatten, wie es umgekehrt natürlich auch – vor allem im technologisch-wissenschaftlichen Bereich – zu Anpassungs- und Lernprozessen seitens der jeweiligen Bevölke-rungssegmente, die in solche neuen Industrialisierungsprozesse involviert waren, kam. Obwohl diese Kooperationsformen zum Teil in Gestalt von „freien Exportzonen“ begannen, setzten sie sich in der Regel in einer zunehmenden Verflechtung mit der aufnehmenden Ökonomie in sukzessiver und kontrollierter Weise fort, was in vielen Fällen zu jener von der CEPAL als „Endogenisierung“ von wissenschaftlich-technologischen Kenntnissen bezeichneten lokalen Aneignung und Internalisierung solcher Fähigkeiten geführt hat. Dies ist möglicherweise die zentrale Bedingung dafür, dass eine untergeordnete Position sukzessive relativiert und nach bestimmten Zeitfristen auch verlassen werden kann, so dass schließlich eine relativ gleichberechtigte Position gege-nüber ausländischen Partnern eingenommen werden kann.
Aus „geliehenem“, „konditioniertem“ Wachstum wird mittels Endogenisierung, d.h. innerer Verarbeitung dieser Impulse, allmählich genuin eigene Stärke, mittels der die jeweiligen Aushandlungsbedingungen mit auswärtigen Partnern/Konkurrenten jeweils neu definiert werden können.
Bei großen Ländern der Peripherie oder Semiperipherie – wie z.B. China – sind dabei die staatlich gelenkten außenwirtschaftlichen Absicherungen (Vermeidung von Leistungsbilanzdefiziten, Erzielung hoher Exportüberschüs-se, Devisenmarktinterventionen, Kapitalverkehrskontrollen etc.) zwar sehr wichtig für das Gelingen dieser Strategie; die interne Kontrolle und Förderung einer hohen Investitionstätigkeit, die Kreditlenkung und -konditionierung sowie die Schaffung von Einkommen über diese Mechanismen scheinen aber noch grundlegender für den erstaunlichen Aufholprozess dieses Landes gewe-sen zu sein (Herr 2011: 47ff), wobei dieser allerdings – bei der gleichzeitig immer marktförmiger werdenden Gesellschaft – mit schnell wachsender Einkom-mensungleichheit und extremer sozialer Unsicherheit für große Teile der Be-völkerung ‚bezahlt’ wurde (Naughton 2007: 217ff.).
Es scheint, dass eine breit und differenziert angelegte Regulationstheorie de-rartige ineinander greifende Mechanismen der Begleitung und Steuerung von aufholenden und sich verändernden Akkumulationsregimen in der Peripherie fokussieren und angemessen bearbeiten könnte.


9. Sind die „Aufholmodelle“ verallgemeinerbar?
Solche Aufstiege in der Hierarchie der Weltökonomie – wie wir sie gegenwärtig im Fall von China und Indien sehen (zuvor bei den Tigerstaaten und davor bei Japan) – sind nicht nur weltpolitisch und weltwirtschaftlich von höchster Bedeutung, sondern natürlich auch entwicklungstheoretisch interessant. Bei den Ländern der Peripherie, wo die aufgezeigten strategisch wichtigen Va-riablen nicht oder nur schwach oder in geringer Zahl vorkommen bzw. reali-sierbar sind, wird es nicht zu einem „catch-up“ (oder Aufholprozess) kommen können, sondern es werden relative Stagnation oder sogar Rückfallprozesse vorherrschen. Die Abwesenheit solcher entwicklungsförderlichen Faktoren und Mechanismen kann aus ganz unterschiedlichen Gründen resultieren: der geringen Größe des Landes, dem niedrigen vorkolonialen Entwicklungsstand, der besonders räuberischen kolonialen Vergangenheit, der Abwesenheit oder schwachen Ausprägung zentralstaatlicher Traditionen, der besonderen Domi-nanz ausländischer Investoren (mit eindeutig negativer Gesamtwirkung), oder sogar der Anwesenheit fremder oder eigener militärischer Opponenten auf den betreffenden nationalen Territorien etc. (vgl. Kennedy 1996: Kap. 10). Neben diesen historischen und politischen Unterschieden und Ausgangsniveaus sind freilich auch Typologien von Entwicklungsländern nach ihrer Exportstruktur und ihrem Technologieniveau möglich und notwendig, wenn man differierende Aufstiegschancen im Weltsystem abschätzen will (Kappel 2003).
Hinzu kommt: Wenn Aufstiegsprozesse im Weltsystem auf mittlere und län-gere Sicht von Abstiegsprozessen begleitet waren (also in gewissem Sinne Nullsummenelemente in sich trugen), so ist dies wahrscheinlich in noch stär-kerem Maße im Hinblick auf andere periphere Länder der Fall; vor allem, wenn es sich um große periphere Länder handelt, die den Aufstiegsprozess schaffen. Dass heißt, den Aufstieg Chinas und dessen Präsenz auf wichtigen Exportmärkten, den USA und der EU, spüren wichtige Konkurrenten wie z.B. Südkorea oder Mexiko jetzt schon sehr wohl, da sie zum Teil ähnliche Pro-duktionsniveaus und -sparten, ähnliche Exportprodukte wie der aufholende Champion aufweisen. Sie müssen auf irgendeine Weise auf diese Bedrohung ihres eigenen Aufstiegs reagieren (durch Verlagerung von Produktion nach China u. a.). Teilweise aber sind auch weniger entwickelte Länder – also Nicht-Schwellenländer – betroffen, sofern diese z.B. mit chinesischen Industriepro-dukten in anderen Ländern der Dritten Welt oder sogar der „Ersten Welt“ in Konkurrenz um Marktanteile treten wollen. Deren Chancen scheinen ange-sichts des Gewichts und der Massivität von solchen Aufholprozessen fast völlig aussichtslos zu sein.
Ob das „Modell China“ daher auf längere Sicht einen ungeteilten positiven Widerhall in der Peripherie finden wird (wie dies trotz aller angedeuteten Ge-fahrenmomente für manche doch wohl noch beobachtet werden kann), muss abgewartet werden. Dies wird davon abhängen, ob mit dem Aufstieg Chinas und Indiens grundsätzliche Machtverschiebungen auf dem Weltmarkt einher-gehen werden, die auch den übrigen Ländern der Peripherie zugute kommen können, was meines Erachtens – auf mittlere Sicht - nicht sehr wahrscheinlich ist. Zwar mögen zunächst durch das Auftreten neuer globaler Akteure größere Spielräume für schwächere Länder der Peripherie entstehen. Aber nicht zu übersehen ist, dass ein großer Teil der Handels- und Direktinvestitionsbezie-hungen zwischen China und Afrika/ Lateinamerika den traditionellen Mustern des Verhältnisses von Zentrum und Peripherie folgen. Damit aber, so scheint es, werden durch die rasante Industrialisierung Chinas Nischen und Potenziale auf dem Weltmarkt von aufstrebenden semiperipheren Ländern besetzt, die unter anderen Bedingungen auch von anderen Peripherieländern hätten ge-nutzt werden können (Vgl. differenziert zu dieser Problematik: Goldberg 2010 sowie Sevares 2011).
Damit beantwortet sich die Frage nach der Verallgemeinerbarkeit der zuletzt genannten Fälle des „Aufholens“. Diese Aufholprozesse sind – wegen der Besonderheit und den spezifischen Hintergründen des Aufstiegs und wegen der damit selbst neu geschaffenen Fakten in der Weltwirtschaft – nicht oder nur im geringen Maße wiederholbar oder übertragbar.
Dies schließt allerdings nicht aus, dass in anderen Perioden und Zeiträumen (in der Zukunft) andere Varianten von Aufstiegs- und Abstiegsprozessen im kapitalistischen Weltsystem auftreten können.


Literatur
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Dieser Artikel ist erschienen in Z. Nr. 89, März 2012

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