Marx 200: Arbeit und Ausbeutung

Was heißt hier „Ausbeutung"?

Erfahrungen aus der ITK-Branche

von Heinz-Jürgen Krug
März 2018

Ein Streik bei dem IT-Unternehmen EDS[1] im Jahr 2009 hatte sich gegen die bei der Übernahme von EDS durch HP angekündigten Massenentlassungen gerichtet. Er endete damals mit Teilerfolgen, aber auch einem – wenngleich reduzierten – Personalabbau.[2] Bei den Betriebsratswahlen 2010 konnten als Nachwirkung der Streik- und Kampferfahrungen gewerkschaftlich orientierte Listen bei HP Mehrheiten in vielen lokalen Betriebsräten und im Gesamtbetriebsrat erringen.[3]

Dass die in Boes/Trinks 2006 – als Übergang von einer sozialpartnerschaftlichen ‚Beitrags-‘ zu einer lohnarbeitstypischen ‚Arbeitnehmerorientierung‘ – beschriebene Veränderung im Interessenhandeln der IT-Beschäftigten[4] weiterhin wirksam ist – trotz Rückschlägen durch Standortschließungen, Auslagerungen und Zerlegungen, zeigt sich in der relativen Stabilität bei der Gewerkschaftsmitgliedschaft und bei der Vertretung gewerkschaftlicher Listen bei den Betriebsratswahlen. Wobei es hier z.B. im zentralen HP-Standort Böblingen und in Folge im Gesamtbetriebsrat auch Rückschläge aufgrund „taktischer Fehler“ (so eine Einschätzung aus dem hauptamtlichen Bereich) gab. Wahrscheinlich aber auch eine Folge einer wieder wachsenden Distanz gegenüber gewerkschaftlicher Interessenvertretung wegen des „Verlusts der Fähigkeit, Gegenmacht zu organisieren“ (Kämpf, 2008, S. 409).

Letztlich ging es hier immer um Kampf gegen Ausbeutung. Im „Historisch-kritischen Wörterbuch des Marxismus“ (HKWM) wird das Stichwort ‚Ausbeutung‘ so eingeleitet: „… Allgemein wurde und wird der Terminus dazu benutzt, die Substanz ‚ungerechter’ oder ‚unfairer’ Beziehungen zwischen Personen oder Gruppen auf den Begriff zu bringen. Ganz allgemein kann unter Ausbeutung die unfaire Ausnutzung günstiger Gelegenheiten verstanden werden. Ersichtlich besitzt jede Behauptung von Ausbeutung insofern einen normativen Bezugspunkt, als sie von der Vorstellung einer ausbeutungsfreien, als ‚fair’, ‚gerecht’ oder ‚herrschaftsfrei’ empfundenen Beziehung angeleitet ist, die ausbeuterischen Zuständen vorgezogen wird“. (Berger 1994, Spalten 736-743).

Die Frage, die ich mir – auf Anregung der Z-Redaktion – stellte, war, wie das (Alltags-)Bewusstsein von Ausbeutung unter den inzwischen an viele Orte zerstreuten ehemaligen Kolleginnen und Kollegen beschaffen ist, welche unterschiedlichen Vorstellungen davon es gibt und welche Konsequenzen dies für eine Handlungsorientierung hat. Zirka 50 ehemaligen Kolleginnen und Kollegen von zwei IT-Konzernen (die nur zum kleineren Teil auch aktuell dort noch beschäftigt sind) stellte ich schriftlich folgende Fragen:

„Habt ihr eigene Erfahrung mit Arbeit/Tätigkeiten/Jobs gemacht, deren Umstände ihr als Ausbeutung bezeichnen würdet? Falls ja, bitte eine kurze Schilderung

1.) der Arbeit (Branche, eigene Tätigkeit und Position);

2.) des Arbeitgebers (nur zu Befriedigung meiner Neugier, würde natürlich nicht genannt);

3.) a) der „ausbeuterischen“ Umstände, b) der Dauer dieser Umstände, und c) (falls sie nur zeitweise auftraten) die Ursache der verschlechterten Umstände (sofern euch bekannt).

4.) Habt ihr auf die „ausbeuterischen“ Umstände reagiert? Falls ja, wie?“

Hinzu kamen die gleichen Fragen in Bezug auf persönlich Bekannte und auf aus Medien aufgenommene Informationen und Berichte..

Der hier ausgewertete Rücklauf an Antworten umfasst gut 30 Prozent der Angefragten.

„Unfaire Ausnützung günstiger Gelegenheiten“

Unter den Antworten derjenigen, die weiterhin in der Informations- und Telekommunikations(ITK)-Branche bzw. dem IT-Bereich eines Automobilkonzerns tätig sind oder die in den öffentlichen Dienst gewechselt hatten, war öfter zu lesen „… zum Glück keine ausbeuterischen Verhältnisse erlebt, nicht am eigenen Leib erfahren, …“.

Aber es gab auch Berichte über eine weitere Intensivierung bzw. partielle Entwertung der Arbeit durch Prozesse, wie sie in der Auswertung der ISF-Studie von 2010 zu „Interessen- und Handlungsorientierungen im Betrieb“ unter den Stichwörtern „Bürokratisierung durch Vermarktlichung“ notiert wurden (Detje u.a. 2011, S. 84ff.). Und die üblichen Verfahren zur Steigerung des relativen und absoluten Mehrwerts finden natürlich weiterhin Anwendung: „Abgänge werden nicht ersetzt, … Die Lücke, die sich somit auftut, muss sich von selbst, auf Kosten der noch vorhandenen Mitarbeiter, schließen. Dies bedeutet eine erhebliche Mehrbelastung …

Im Zusammenhang mit der kurzfristigen Anheuerung von externen Beratern fällt das Stichwort vom „modernen Sklaventum“, „der eigene Mitarbeiter ist nichts wert“. Festgestellt wird also exakt„die unfaire Ausnutzung“ – in diesem Fall ja gezielt herbeigeführter – „günstiger Gelegenheiten“ (Berger 1994). Als besonders ausbeuterisch wird dabei die Nichtbezahlung von Mehrarbeit betrachtet.

Intensivierung der Arbeit

Diese Erfahrung von Intensivierung der Arbeit korrespondiert mit den über alle Branchen hinweg sich im DGB-Index Gute Arbeit (Institut DGB-Index Gute Arbeit, verschieden Jahrgänge) zeigenden Ergebnissen. So fielen in diesem Index sowohl 2013 als auch 2015 die Indizes für das Kriterium „Arbeitsintensität“ in den Bereich „schlechte Arbeit“ – was ansonsten nur noch 2013 für das Kriterium „Einkommen“ zutraf. 42 Prozent arbeiten oft oder ab und zu unbezahlt, 45 Prozent befürchten, nicht bis zum Rentenalter durchzuhalten (2013). Und 2017 gaben 41 Prozent der Antwortenden an, dass sie „zu erschöpft sind, um sich noch um private oder familiäre Angelegenheiten zu kümmern“.

Für die ITK-Branche zeigen sich – sowohl in den individuellen Antworten, über die hier berichtet wird, als auch im DGB-Index – spezielle Widersprüche. Zum einen ist die ITK-Branche bei der Antwort auf die Frage „Wie häufig kommt es vor, dass Sie nach der Arbeit zu erschöpft sind, um sich noch um private oder familiäre Angelegenheiten zu kümmern?“ am unteren (positiven) Ende – was bei den persönlichen Antworten der Aussage „fühle mich nicht ausgebeutet“ entspricht. Beim Kriterium „arbeite länger als vereinbart“ liegen die Antworten im DGB-Index jedoch im oberen (negativen) Bereich – entsprechend der persönlichen Einschätzung „moderne Sklaverei“. Hier setzen sich offenbar die bereits in den 1990er Jahren aufgetretenen und aufgegriffenen Probleme mit „Arbeiten ohne Ende“ (Pickshaus u.a. 2001) nahezu ungebremst fort.

Die im Branchenvergleich besseren Möglichkeiten zu eigenständiger, flexibler Gestaltung des Arbeitstags (Index 2014) mögen zum Gefühl des „nicht ausgebeutet“-Seins beitragen.

Bei denjenigen, die angeben (Index 2017), neben ihrer formellen Arbeit noch für Kinderbetreuung zuständig zu sein, klafft eine große Betreuungsaufwandslücke zwischen Frauen (bei Vollzeit 39, bei Teilzeit 49 Stunden Betreuungsaufwand pro Woche) und Männern (bei Vollzeit 26, bei Teilzeit 29 Stunden). Trotzdem antwortet bei den Frauen ein größerer Anteil auf die Frage nach Schwierigkeiten der Vereinbarung von Kindererziehung und Arbeit mit „Nie“. Das verweist auf ein anderes Feld von „unfairer Ausnutzung günstiger Gelegenheiten“ – in diesem Fall gesellschaftlich überkommener Gelegenheiten.

Angriff auf die Qualifikation von Arbeitskraft und Arbeit

Bereits 1986 hatte Albert Engelhardt auf Basis der Untersuchungen des IMSF „Zukunft BRD“ für „den sich herausbildenden Produzententyp des Jahres 2000“ die wachsende Bedeutung der Arbeitsinhalte, des Sinns und Zwecks von Arbeit und Produktion prognostiziert (Engelhardt 2000, S. 153). Dementsprechend war und ist weiterhin ein anderes – 2008/2009 vor und beim EDS/HP-Streik für die Handlungsbereitschaft wichtiges – Thema das des „Konflikts zwischen arbeitsinhaltlichen Ansprüchen und gesellschaftlichen Formen sowie Zwecken der Arbeit“ (Creydt 2015, S. 92ff.; ausführlicher: Creydt 2014, S. 35ff.).

So konnte zum einen in Bezug auf den EDS/HP-Streik festgestellt werden: „Dazu kam, dass die Behauptung von HP, man könne einen großen Teil der in Hochlohnländern wie USA, Großbritannien, Belgien, Schweden, Deutschland … Entlassenen in kürzester Frist durch IT-Spezialisten aus Indien ersetzen, nicht nur von vielen als Angriff auf ihre in oft langjähriger Ausbildung und Praxis erworbene Kompetenz, sondern auch aufgrund von Erfahrungen aus vielen Jahren ‚off-shoring’ als völlig unglaubwürdig betrachtet wurde.“ (Krug 2010). Zum zweiten ergaben sich Konflikte um die Arbeit wegen der in Folge der „Vermarktlichung“ aufgezwungenen und neben die „Kernarbeit“ (Detje u.a 2011, S. 84ff.) tretenden bürokratischen, rechenschaftlichen und eben vermarktungsorientierten Aktivitäten und die dadurch und durch den generellen, geplanten Personalmangel herbeigeführte Qualitätsminderung bei den Ergebnissen der Kernarbeit.[5] Und zum dritten entwickelt sich Unbehagen wegen des Gefühls bzw. Wissens, dass die Produkte, die frau/man herstellt bzw. zu deren Herstellung frau/man beiträgt, gesellschaftlich nicht gerade in jedem Fall nützlich sind.[6] All dies kam auch in verschiedenen der aktuellen Antworten vor, meist mit Anmerkungen wie „Beispiele passen nicht 100%tig zum Thema Ausbeutung, aber irgendwie doch.“

„Richtige Ausbeutung“

„Irgendwie“ ausgebeutet fühlen sich auch den „Schikanen“ von Arbeitsagentur bzw. Jobcenter Ausgesetzte, die zum Teil nach langer vergeblicher Stellensuche als „selbständige“ EDV-Trainer von „Bildungsträgern“ angeheuert werden. Hier ergeben sich inklusive Fahrzeiten Stundenlöhne weit unter dem Mindestlohnbetrag. Und auch die Unsicherheit über den nächsten Auftrag unterscheidet sich wenig von der Situation der Tagelöhner, die auf dem „Arbeiterstrich“ im Frankfurter Ostend oder sonstwo in der Republik auf die nächste Verdienstchance hoffen. Auch daher eine Aussage wie „Ich (als Selbständiger) beute mich ja nicht aus. Die geschilderten Umstände aber sehr wohl.“

„Richtige Ausbeutung“ wird sowohl aus Medienberichten als auch persönlichen Erfahrungen eher bei Krankenpflegern, Rettungsdiensten, Paketzustellern, Zeitungsausträgern als auch in anderen Ländern („Textilherstellung, Herstellung elektronischer Geräte, Bergbau“) gesehen.

Interessant, dass in einigen Stellungnahmen die erlebte dramatische Unterversorgung bei Pflege (Krankheit/Alter) ebenfalls dem Themenfeld Ausbeutung (sozusagen sekundäre Ausbeutung) zugeordnet wird.

Der Ausbeutungsartikel im HKWM endet im mathematischen Anhang mit der Formulierung: „Folglich ist die Profitrate dann und nur dann positiv, wenn die in dem Arbeiterkonsum enthaltene Arbeitsmenge (λ B) kleiner ist als die während eines Tages vom Arbeiter verausgabte Arbeit (T)“. Also solange im gesellschaftlichen Durchschnitt Profit erzielt wird, findet unabhängig von Lohn, Sozialleistungen und Arbeitsbedingungen Ausbeutung statt. Dass eine weitere Verbreitung dieses Wissens, so wünschenswert sie ist, die Häufigkeit und Nachhaltigkeit von Widerstandshandlungen der ArbeiterInnenklasse (ob im engeren oder weiteren Sinn) befördern würde, ist mehr als fraglich. Nach den eigenen Erfahrungen im Vorfeld des EDS/HP-Streiks von 2009 und vielen weiteren historischen Erfahrungen ist zur Handlungsbereitschaft neben der Empörung über ungerechte, unfaire und verletzende Verhältnisse eine Erfolgsperspektive entscheidend. Falls die gesehen wird, gibt es auf vielfältige Weise Widerstand – ob Whistleblowing, Warnstreiks für Tarifforderungen, Streiks zur Erreichung von Tarifverträgen, zur Beendigung extremer Ausbeutungsbedingungen (Einzelhandel, Amazon, Restaurantketten, Krankenhäuser …), Widerstand gegen zerstörerische Projekte wie S21, Bürgerbegehren auf kommunaler und Landesebene …

Literatur

Berger, Johannes (1994): Stichwort Ausbeutung, in: Haug, Wolfgang Fritz (Hg.) (1994): Historisch-kritisches Wörterbuch des Marxismus, Bd. 1

Boes, Andreas u. Trinks, Katrin (2006): ‚Theoretisch bin ich frei‘, Interessenhandeln und Mitbestimmung in der IT-Industrie, Berlin

Candeias, Mario (2006): Handlungsfähigkeit durch Widerspruchsorientierung. Kritik der Analysen von Politiken gegen Prekarisierung, in: Z 68 (Dezember 2006), S. 8-23

Creydt, Meinhardt (2014): Wie der Kapitalismus unnötig werden kann, Münster

Creydt, Meinhardt (2015): Der bürgerliche Materialismus und seine Gegenspieler, Hamburg

Detje, Richard/Menz, Wolfgang/Nies, Sarah/Sauer, Dieter (Hg., 2011): Krise ohne Konflikt, Hamburg

Engelhardt, Albert (1986): Bundesrepublik 2000, Frankfurt am Main

Institut DGB-Index Gute Arbeit (Hg.): DGB-Index Gute Arbeit (verschiedene Jahrgänge), abgerufen 01/2018 unter http://index-gute-arbeit. dgb.de/veroeffentlichungen/jahresreports

Kämpf, Tobias (2008): Die neue Unsicherheit. Folgen der Globalisierung für hochqualifizierte Arbeitnehmer, Frankfurt/New York

Krug, Heinz-Jürgen (2010): Software-Ingenieure als Barrikadenbauer, in: Marxistische Blätter, H. 1/2010, S. 75

Krug, Heinz-Jürgen (2011): Barrikadenbauende Software-Ingenieure in den Mühen der Ebene, in: unsere zeit v. 1.7.2011

Krug, Heinz-Jürgen (2013): Klassenanalyse und Intelligenz: Das Beispiel EDS/HP (Thesen), in: Z 96 (Dezember 2013), S. 44-49

Lühr, Thomas (2011): Prekarisierung und ‚Rechtspopulismus‘ – Lohnarbeit und Klassensubjektivität in der Krise, Köln

Pickshaus, Klaus/Schmitthenner, Horst/Urban, Hans-Jürgen (Hg.) (2001): Arbeiten ohne Ende, Hamburg

[1] Vgl. Krug 2013. EDS (Electronic Data Systems Corporation, gegr. 1962) war mit ca. 110.000 Beschäftigten bis zum Jahr 2008 einer der größten IT-Dienstleister in Deutschland und weltweit eine der Vorreiterfirmen für IT-Outsourcing mit Großkunden wie General Motors, Xerox, Fluggesellschaften, aber auch US-Behörden und Militär. Nach der Übernahme durch Hewlett-Packard (HP) im Oktober 2008 wurden Massenentlassungen angekündigt. In Deutschland (Standorte u.a. in Rüsselsheim, Ludwigsburg, Hamburg, Düsseldorf) betraf dies 1.150 von 4.200 Arbeitsplätzen. Darauf reagierte die Belegschaft mehrheitlich mit einem fast fünfwöchigen Streik.

[2] Vgl. Krug 2010, S. 75.

[3] Vgl. Krug 2011.

[4] Dazu auch Lühr 2011, S. 127/128, und Kämpf 2008, S. 409.

[5] Beispiele für die dadurch herbeigeführte Verletzung des „Gebrauchswertstolzes“ bei Candeias 2006.

[6] Beispiele für dadurch provoziertes „Whistleblowing“ bei Creydt 2014, S. 36 ff.

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