Z. Zeitschrift Marxistische Erneuerung Nr. 89, Mrz 2012 - http://zeitschrift-marxistische-erneuerung.de/topic/29.ausgabe-89-maerz-2012.html

Imperialismus – Wegbereiter des Kapitalismus?

Jörg Goldberg

Der Titel des Aufsatzes stammt aus einem Buch, das in den 1980er Jahren – nach Aussage von David Harvey – unter Linken eine „eisige Rezeption“ erfuhr (Harvey, 161).[1] Lediglich das Fragezeichen ist originär. Warren macht die klassische marxistische Imperialismustheorie – vor allem Lenin – für eine für ihn fatale und unmarxistische Wendung in Theorie und Praxis des sozialistischen Weltbewegung verantwortlich: Die Leugnung der seiner Ansicht nach letzten Endes fortschrittlichen Rolle, welche dem Export der kapitalistischen Produktionsweise – dem Imperialismus – in die unterentwickelten Teile der Welt zukomme. Warren muss zwar einräumen, dass Lenin (und andere marxistische Imperialismustheoretiker) sich nur wenig mit den entwicklungsgeschichtlichen Auswirkungen des Imperialismus in den „rückständigen Ländern“ (Lenin, 816) befasst haben und dass zu Lenins Zeiten „die marxistische Bewegungen insgesamt theoretisch die Ansicht vertraten, dass der Imperialismus die nicht-kapitalistische Welt industrialisieren“ würde (Warren, 82). Trotzdem kommt er zu den Schlussfolgerung, dass Lenin letzten Endes dafür verantwortlich sei, dass „Imperialismus zunehmend als das wichtigste (Hervorh. Warren) Hindernis der Industrialisierung in der Dritten Welt“ betrachtet würde. „Damit wurde dem Kapitalismus jede positive soziale Funktion abgesprochen.“ (Warren, 83)

Warren begründet diese Behauptung mit der Qualifizierung des Imperialismus durch Lenin (und andere) als parasitär – und in der Tat schildert Lenin (ebenso wie Hilferding, Luxemburg, Bucharin u.a.) die Aktivitäten der kapitalistischen Hauptmächte in den agrarischen Ländern als unterdrückerisch und räuberisch. Warrens (und vieler anderer Autoren) Missverständnis liegt in der Tatsache begründet, dass räuberische Formen der Ausbeutung keineswegs Entwicklung verhindern, was von allen klassischen Imperialismustheoretikern als selbstverständlich angenommen wurde: Raub, Betrug und kapitalistische Entwicklung sind für sie kein Gegensatz. „Am schnellsten wächst der Kapitalismus in den Kolonien und den überseeischen Ländern. Unter diesen Ländern entstehen neue (Hervorh. Lenin) imperialistische Mächte (Japan). …. Es wächst der Tribut, den das Finanzkapital von den besonders einträglichen kolonialen und überseeischen Unternehmungen erhebt.“ (Lenin, 846)

Imperialistische Ausbeutung und kapitalistische Entwicklung

Tatsächlich haben insbesondere Hilferding (den man als Urvater der marxistischen Imperialismustheorien ansehen muss), Lenin, Luxemburg und Bucharin nie einen Zweifel daran gelassen, dass der Imperialismus (wenn er nicht auf revolutionärem Wege vorher abgeschafft würde) zur Ausbreitung des Kapitalismus führen werde – wobei sie dies allerdings keineswegs als Beitrag zur Verbesserung der Lebensbedingungen der betroffenen Bevölkerungen betrachteten. Dass imperialistische Aktivitäten in den rückständigen Ländern (= kapitalistische Entwicklung) nicht automatisch die soziale Lage der Bevölkerung verbessern, ist dabei eine Binsenweisheit – das hat aber auch der Kapitalismus in England und später in Europa und den USA nicht getan. Schon Marx’ berühmter Satz aus dem Vorwort zur ersten Auflage des „Kapital“: „Das industriell entwickeltere Land zeigt dem minder entwickelten nur das Bild der eigenen Zukunft“ (MEW 23, 12) war warnend an jene deutschen Leser gerichtet, die glaubten, dass die im „Kapital“ geschilderten (katastrophalen) Lebensverhältnisse der englischen Industrie- und Ackerbauarbeiter in Deutschland noch lange nicht so schlimm stünden. Das „Kapital“ ist über weite Strecken eine drastische Schilderung der sozialen Verwüstungen, welche der prosperierende Kapitalismus in England angerichtet hat. Allerdings unterstellt Marx mit seiner Bemerkung nicht, dass dies überall notwendig nachvollzogen werden muss – „eine Nation soll und kann von der anderen lernen“ (ebd. 15).

Ausbeutung, Unterdrückung und räuberisches Verhalten stehen für die Klassiker der marxistischen Imperialismustheorie also keineswegs im Widerspruch zu kapitalistischer Entwicklung. Auch wenn diese, vor allem Lenin und Bucharin, aber auch Autoren wie Luxemburg, Hilferding und Kautsky, sich explizit relativ wenig mit den entwicklungspolitischen Wirkungen des Imperialismus befassten, so ist doch klar, dass sie industrielle Entwicklung der „rückständigen Länder“ und Imperialismus keineswegs als Widerspruch betrachteten.

Imperialismus, Kapitalexport und Kolonialpolitik

Kapitalistischer Imperialismus, verstanden als „Schnittstelle“ zwischen der „territorialen und (der) kapitalistischen Logik der Macht“ (Harvey, 36), oder, einfacher, als „staatlich organisierte Expansion des Kapitalismus“ (Deppe/Salomon/Solty, 2010, 49) wird umgangssprachlich oft mit der Ausbeutung unterentwickelter Länder durch das Kapital der Industrieländer gleichgesetzt. Tatsächlich aber spielt das Verhältnis zwischen den kapitalistischen Hauptländern und den „rückständigen Ländern“ bei den klassischen marxistischen Imperialismustheoretikern eine sehr unterschiedliche Rolle. Zwar gehen alle in der einen oder anderen Form davon aus, dass die Triebkraft imperialistischer Expansion die Überakkumulation von Kapital bzw. – bei Rosa Luxemburg – die Unterkonsumtion in den entwickelten kapitalistischen Ländern ist. Die Rolle der nichtkapitalistischen Welt wird dabei aber durchaus unterschiedlich gesehen. Für Lenin geht es zwar auch um die kapitalistische Durchdringung der „rückständigen Länder“ durch Kapitalexport – u. a. weil seiner Ansicht nach dort die Profite höher seien; im Mittelpunkt aber steht für ihn die Konkurrenz bzw. der Kampf zwischen den Hauptländern des Kapitalismus. Dies wird besonders deutlich in seiner Kritik an Kautsky: Für den Imperialismus sei gerade das „Bestreben charakteristisch, nicht nur agrarische, sondern sogar höchst entwickelte Industriegebiete zu annektieren …“ Denn wesentlich für den Imperialismus sei „der Wettkampf einiger Großmächte in ihrem Streben nach Hegemonie …“ (Lenin, 841). Noch expliziter ist in diesem Punkt Bucharin, dessen imperialismustheoretische Hauptarbeit ähnlich angelegt ist wie die Lenins, der aber in einigen Punkte analytischer ist als jener: Obwohl die imperialistische Annexionspolitik auch hoch entwickelte Länder betreffe, „wird der Imperialismus gewöhnlich als bloße koloniale Eroberungspolitik behandelt.“ Diese „ganz falsche Vorstellung“ sei heute nicht mehr zu rechtfertigen: „Jetzt aber bricht die Zeit einer wahren Weltumteilung an.“ (Bucharin 135/36) Es ist also weniger die klassische Kolonialpolitik sondern die Kolonialpolitik nach Beendigung der Aufteilung der Welt, welche die imperialistische Periode, also den Kampf der Großmächte um Einflusssphären, ausmacht. Diese werden getrieben durch die Monopole und das Finanzkapital, welches sich die jeweiligen Regierungen dienstbar macht – wobei Lenin interessanterweise das heute im Mittelpunkt der Imperialismusdiskussion stehende Problem des Zusammenwirkens zwischen ökonomischer und politischer Ebene kaum berührt.[2] Mitten im Ersten Weltkrieg war dies wohl auch zu offensichtlich. Für Lenins Ansatz ist die Existenz nichtkapitalistischer Weltteile theoretisch nicht relevant, praktisch allerdings durchaus.

Ganz anders wird der Imperialismus bei Luxemburg begründet, die sich daher ausführlich mit der Politik kolonialer Eroberungen und der wirtschaftlichen Unterwerfung der agrarischen Welt befasst: Ihrer Ansicht nach benötigt der Kapitalismus, soll er funktionieren, immer ein nichtkapitalistisches Milieu. Es „erfordert die Realisierung des Mehrwerts als erste Bedingung einen Kreis von Abnehmern außerhalb der kapitalistischen Gesellschaft.“ (300). Dies sind, neben nicht-kapitalistischen Schichten der entwickelten Industrieländer, vor allem die Länder des Orients und des Südens. Denn der „Sitz“ der kapitalistischen Produktionsweise „ist bisher vorzugsweise das kleine Europa …., ferner große Teile Nordamerikas und einzelne Strecken auf dem Kontinent der übrigen Weltteile.“ (306). Ohne Zugriff auf die Ressourcen des ganzen Erdballs und vor allem die Möglichkeit der Realisierung des in Europa produzierten Mehrwerts im Rest der Welt „wäre ihre (der kapitalistischen Produktionsweise, J.G.) jetzige Höhe, ja ihre Entwicklung überhaupt eine Unmöglichkeit gewesen.“ (307)

Für Kautsky steht dagegen die Arbeitsteilung zwischen Landwirtschaft und Industrie im Mittelpunkt: Der Imperialismus „besteht in dem Drange jeder industriellen kapitalistischen Nation, sich ein immer größeres agrarisches Gebiet zu unterwerfen …“ (1914, 2); er argumentiert also ebenfalls, wenn auch mit einer anderen Begründung, mit dem für den Kapitalismus vermeintlich unabdingbaren Verhältnis zwischen Innen und Außen. Kautsky ist im Übrigen wohl der Einzige der hier behandelten Autoren, der die Kolonialpolitik in den Mittelpunkt seiner Imperialismusdefinition stellt (Heiniger, 81).

Obwohl auch Lenin und Bucharin Luxemburgs klassische Definition des Imperialismus (mit einer kleinen Reserve) hätten unterschreiben können: „Der Imperialismus ist der politische Ausdruck des Prozesses der Kapitalakkumulation in ihrem Konkurrenzkampf um die Reste des noch nicht mit Beschlag belegten nichtkapitalistischen Weltmilieus.“ (391), so könnte die Begründung doch kaum gegensätzlicher ausfallen: Nicht nur, dass es für Lenin und Bucharin eben gerade nicht um die Verteilung der „Reste“ geht, sondern um die Neuverteilung der bereits verteilten Welt; für beide leitet sich die imperialistische Expansion in nichtkapitalistische Milieus aus dem Verfall der Profitraten in den reifen Volkswirtschaften ab und nicht aus dem von Rosa Luxemburg angenommenen Realisierungsproblem. So merkwürdig es heute klingen mag: Rosa Luxemburgs Imperialismustheorie ist eine ökonomische Zusammenbruchstheorie![3] Denn „je gewalttätiger, energischer und gründlicher der Imperialismus aber den Untergang nichtkapitalistischer Kulturen besorgt, um so rascher entzieht er der Kapitalakkumulation den Boden unter den Füßen. Der Imperialismus ist ebenso sehr eine geschichtliche Methode der Existenzverlängerung des Kapitals wie das sicherste Mittel, dessen Existenz auf kürzestem Wege objektiv ein Ziel zu setzen.“(391) Es ist eigentlich merkwürdig, dass ausgerechnet dieser theoretische Ansatz, dessen Grundlage ein Missverständnis über den Stellenwert der Marx’schen Reproduktionsschemata im zweiten Band des Kapital ist,[4] heute wieder so große Resonanz hat: So bezieht sich z.B. Harvey implizit und explizit mit seiner Definition des „neuen Imperialismus“ als „Akkumulation durch Enteignung“ auf den Luxemburg’schen Ansatz. Während Luxemburg allerdings die Durchkapitalisierung der Welt und damit das ökonomische Ende des Kapitalismus als Folge erkennt, meint Harvey: „Eine mögliche Folgerung aus dieser (Luxemburgs, J.G.) Argumentation (auch wenn Luxemburg sie nicht direkt ausspricht)[5] ist, dass die nichtkapitalistischen Staaten, wenn das System eine gewisse Zeit bestehen soll, in einem nichtkapitalistischen Zustand gehalten werden müssen (wenn nötig mit Gewalt).“ (137) Dies widerspricht Luxemburgs Grundgedanken – nämlich dass die Expansion des Kapitalismus diesem notwendigerweise die Existenzgrundlage, das nichtkapitalistische Milieu, entzieht.

Der vor allem wegen seiner ‚Stadientheorie’ viel kritisierte Lenin ist dagegen implizit viel weniger apodiktisch und viel offener gegenüber politischen Prozessen, was die Zukunft des Kapitalismus angeht. Triebkraft ist auch bei ihm die Überakkumulation des Kapitals – Überproduktion, Unterkonsumtion und Überakkumulation sind lediglich unterschiedliche Betrachtungsweisen der gleichen Tendenz. Es gibt aber keinen ökonomischen Grund (wie bei Luxemburg), der mit Notwendigkeit zum Imperialismus und damit zum Untergang des Kapitalismus führt – dies ist bei Lenin ein vorwiegend politischer Prozess. „Freilich, wäre der Kapitalismus imstande, die Landwirtschaft zu entwickeln, die jetzt überall weit hinter der Industrie zurückgeblieben ist, könnte er die Lebenshaltung der Massen der Bevölkerung heben, die trotz schwindelerregendem technischen Fortschritt überall ein Hunger- und Bettlerdasein fristet –dann könnte von einem Kapitalüberschuss nicht die Rede sein“, ironisiert er gegen die „kleinbürgerlichen Kritiker des Kapitalismus“, vor allem gegen Kautsky (816). Seine Annahme, im Kapitalismus könne der „Kapitalüberschuss nicht zur Hebung der Lebenshaltung der Massen“ verwendet werden, weil dies zur „Verminderung der Profite der Kapitalisten“ führen würde (816), bezieht sich im Kern auf politische Kräfteverhältnisse, die sich weltweit erst durch die Oktoberrevolution, die große Krise von 1929/33 und den Zweiten Weltkrieg verschoben hatten. Dass es zu derartigen strukturellen Veränderungen im Kapitalismus kommen könnte schließt im übrigen auch Lenin nicht aus, wie er in seinem Vorwort zu Bucharins „Imperialismus und Weltwirtschaft“ ausführt: „Läßt sich aber bestreiten, daß eine neue Phase des Kapitalismus nach (Hervorh. Lenin) dem Imperialismus abstrakt denkbar ist? Nein. Abstrakt kann man sich eine solche Phase denken. Nur daß dies in der Praxis bedeutet, dass man ein Opportunist wird, der die brennenden Aufgaben der Gegenwart von sich weist im Namen der Phantasie über künftige, nicht brennende Aufgaben.“ (Lenin 1927/1929/1969, 11) Lenins Rede vom „letzten Stadium des Kapitalismus“ ist rein politisch gemeint: 1915, als diese Zeilen geschrieben wurden, mitten im Ersten Weltkrieg, war für Lenin die Beendigung des imperialistischen Krieges die Tagesaufgabe. Jedenfalls schloss auch Lenin nicht aus, dass es zumindest zeitweilig einen ‚sozialen’ Ausweg aus der Tendenz des Kapitalismus zu Überakkumulation/Überproduktion/Unterkonsumtion geben könnte, der allerdings keineswegs den oben skizzierten Widerspruch auflöst: Dass die Hebung der Lebenshaltung der Massen die Profite senkt. Das Ende des ‚Fordismus’ (einer Periode, in der die Lebenshaltung der Massen bedeutende Fortschritte gemacht hatte) in den 1970er Jahren und der Übergang zur neoliberalen Phase stellt das Problem der Überakkumulation des Kapitals erneut in den Mittelpunkt: Dass die gegenwärtigen Finanzkrise die Folge des auf die Finanzmärkte drängenden Überschusses ist, kann heute geradezu als Binsenweisheit betrachtet werden. Ob dieser Überschuss z.B. zum sozialen und ökologischen Umbau des Kapitalismus verwendet wird oder auf die Finanzmärkte strömt, ist eine Frage der politischen und sozialen Auseinandersetzungen und Kräfteverhältnisse.

Imperialismus und Export des Kapitalismus

Bezogen auf die entwicklungspolitische Dimension der klassischen Imperialismustheorien gibt es aber kaum einen Zweifel daran, dass Lenin, Bucharin, Luxemburg u.a. mit der Expansion und Unterwerfung der „rückständigen Länder“ den Export der kapitalistischen Produktionsweise verbunden sahen. Ebenso wenig wie Marx die Einführung des Kapitalismus als idyllischen Vorgang zur Hebung des Volkswohlstands begriff, ebenso wenig betrachteten Lenin, Bucharin und Luxemburg den Export des Kapitalismus in die Agrarländer und deren Industrialisierung als in sozialem Sinne fortschrittlich. Im Gegenteil: „Hier treten ganz unverhüllt und offen Gewalt, Betrug, Bedrückung, Plünderung zutage, und es kostet Mühe, unter diesem Wust der politischen Gewaltakte und Kraftproben die strengen Gesetze des ökonomischen Prozesses aufzufinden.“ (Luxemburg, 398) Politische Gewalt ist nach Ansicht Luxemburgs (und auch Lenins und Bucharins) unabdingbarer Bestandteil des ökonomischen Prozesses. Der von Harvey konstruierte konzeptionelle Gegensatz[6] zwischen erweiterter Reproduktion und „Akkumulation durch Enteignung“ wird von diesen Autoren nicht gesehen. Tatsächlich ist die Enteignung von Kapitalisten oder auch die viel zitierte kapitalistische Landnahme[7] und die Reproduktion nichtkapitalistischer Milieus immer ein integraler Bestandteil der realen kapitalistischer Entwicklung gewesen. Dieser Geist der Zerstörung und ständigen Umwälzung wurde schon von Marx und Engels im Jahre 1848 als wichtiges Merkmal der „Bourgeoisepoche“ (Manifest, MEW 4, 465) begriffen: Der Kapitalismus löst nicht bloß die „festen, eingerosteten Verhältnisse mit ihrem Gefolge von altehrwürdigen Vorstellungen und Anschauungen“, auf, er führt auch dazu, dass „alle neugebildeten veralten, ehe sie verknöchern können.“ (ebd.). Auch die Enteignung des Kapitals gehört zur Dynamik der kapitalistischen Produktionsweise: Die „Expropriation von Kapitalist durch Kapitalist“ (MEW 23, 654) ist Ausdruck des „allgemeinen Gesetzes der kapitalistischen Akkumulation“ (640).

Die Tatsache, dass vor allem Rosa Luxemburg in ihrer Hauptarbeit die Verwüstungen der imperialistischen Expansion in den Kolonien (Indien, Ägypten, Südafrika) und Halbkolonien (China) auf die drastischste Weise und ausführlich schildert, ändert nichts an der Tatsache, dass sie als Ergebnis dieses Gewaltprozesses voll entwickelte kapitalistische Länder entstehen sieht: „Die imperialistische Phase der Kapitalakkumulation oder die Phase der Weltkonkurrenz des Kapitals umfasst die Industrialisierung und kapitalistische Emanzipation der früheren Hinterländer des Kapitals …“ (365). Auch Bucharin lässt keinen Zweifel daran, dass die Zunahme der internationalen Austauschbeziehungen „die agrarischen und halbagrarischen Länder in einem unglaublichen Tempo industrialisieren“ würde (38). Eduard März meinte 1965 in einer kurzen, aber noch heute interessanten Einleitung zu Luxemburgs „opus magnum“: „Zu den Höhepunkten des Buches gehören die Kapitel über die kapitalistische Durchdringung der vorkapitalistischen Räume. Insbesondere die Schilderung des Leidenswegs der ägyptischen Fellahim in den letzten Jahrzehnten des vergangenen Jahrhunderts muß als eine der großen Leistungen marxistischer Geschichtsschreibung gewertet werden.“ (März, II/III). Weit entfernt von dependenztheoretischen Vermutungen oder von „Entwicklung der Unterentwicklung“ (Andre Gunder Frank) geht Luxemburg davon aus, dass im Ergebnis der imperialistischen Expansion die „kapitalistische Verselbständigung der ökonomischen Hinterländer und Kolonien inmitten von Revolutionen und Kriegen“ stehen wird – ungeachtet der Tatsache, dass die Beziehungen zwischen Zentrum und Peripherie durch „Raub, Erpressung und groben Schwindel“ (334) gekennzeichnet sind. Luxemburg sieht als Folge imperialistischer Expansion auch die institutionellen Bedingungen kapitalistischer Emanzipation entstehen, nämlich die Sprengung der veralteten, aus den Zeiten der Naturalwirtschaft und der einfachen Warenwirtschaft übernommenen Staatsform und die Entstehung eines „für die Zwecke der kapitalistischen Produktion zugeschnittenen modernen Staatsapparats…“ (365).

Hat für Luxemburgs theoretischen Ansatz die Verwandlung der „früheren Hinterländer des Kapitals“ (365) durch den Imperialismus konstitutive Bedeutung (nur so kann sie begründen, dass der Kapitalismus am Realisierungsproblem zugrunde gehen muss), so gilt das nicht für Lenin, der auf eine revolutionäre Überwindung des Kapitalismus in den Hauptländern setzt. Trotzdem sieht auch er eine Tendenz zur kapitalistischen Durchdringung der Peripherie durch den Imperialismus: Es ist die „Überreife“ des Kapitalismus in den Hauptländern, welche diese „(unter der Voraussetzung der Unentwickeltheit der Landwirtschaft und der Armut der Massen)“ in die Kolonien und Halbkolonien drängt, wo sie allerdings, und vor allem darum geht es Lenin, bereits andere Konkurrenten vorfinden. „Die Möglichkeit der Kapitalausfuhr wird dadurch geschaffen, dass eine Reihe rückständiger Länder bereits in den Kreislauf des Weltkapitalismus hineingezogen ist, die Hauptlinien der Eisenbahnen bereits gelegt oder in Angriff genommen, die elementaren Bedingungen der industriellen Entwicklung gesichert sind usw.“ (816) Dass dies in der Tendenz zur weltweiten Ausbreitung des Kapitalismus führt steht für Lenin außer Frage, ohne dass er sich damit allerdings im Detail befasst: „Der Kapitalexport beeinflusst in den Ländern, in die er sich ergießt, die kapitalistische Entwicklung, die er außerordentlich beschleunigt. Wenn daher dieser Export bis zu einem gewissen Grade die Entwicklung in den exportierenden Ländern zu hemmen geeignet ist (! J.G.), so kann dies nur um den Preis einer Ausdehnung und Vertiefung der weiteren Entwicklung des Kapitalismus in der ganzen Welt geschehen.“ (818) Dies steht für Lenin keineswegs im Gegensatz zu Gewalt, betrügerischen Praktiken und Korruption – im Anschluss an die zitierte Passage schildert er korrupte Praktiken bei der Vergabe von Anleihen an Länder der Peripherie.

Im Übrigen sieht auch Lenin den Imperialismus als Schöpfer der institutionellen Voraussetzungen kapitalistischer Entwicklung. Positiv zitiert er aus Hilferdings Finanzkapital (gegen Kautsky), der Unterdrückung und Annexionen imperialistischer Expansion kritisierte und annahm, dass der Widerstand der Völker gegen die Eingriffe zur Entstehung neuer kapitalistischer Staaten führen würde: „Die alten sozialen Verhältnisse werden völlig revolutioniert, die agrarische, tausendjährige Gebundenheit der ‚geschichtslosen Nationen’ gesprengt, diese selbst in den kapitalistischen Strudel hineingezogen. Der Kapitalismus selbst gibt den Unterworfenen allmählich die Mittel und Wege zu ihrer Befreiung. Das Ziel, das einst das höchste der europäischen Nationen war, die Herstellung des nationalen Einheitsstaates als Mittel der ökonomischen und kulturellen Freiheit, wird auch zu dem ihren.“[8] Hilferding ist sogar der Ansicht, dass der Kapitalexport zur Durchsetzung der entwickeltsten Formen des Kapitalismus führt: „Die kapitalistische Entwicklung erfolgte nicht autochthon in jedem einzelnen Lande, sondern mit dem Kapital wurden zugleich kapitalistische Produktion und Ausbeutungsverhältnisse importiert, und zwar stets auf der in dem fortgeschrittensten Land erreichten Stufe.“ (442)

So zeigt ein Blick in die klassischen marxistischen Imperialismustheorien, dass sich diese zwar explizit nur wenig mit den entwicklungspolitischen Auswirkungen der kapitalistischen Expansion auf die nichtkapitalistische Welt befassten und wenn, dann durchaus mit einer ‚eurozentristischen’ Sichtweise. Es wird aber deutlich, dass für sie zwei Dinge vollkommen selbstverständlich waren: Die imperialistischen Beziehungen zwischen den kapitalistischen Hauptländern und dem Rest der Welt waren für sie erstens geprägt durch Raub, Betrug und Ausbeutung, Formen der Bewegungen des Kapitals, die sie im Übrigen als integralen Bestandteil des ‚realen Kapitalismus’ betrachteten. Dies änderte für sie nichts daran, dass imperialistische Expansion in die Kolonien und Halbkolonien zweitens mit dem Export der kapitalistischen Produktionsverhältnisse und der Entstehung neuer kapitalistischer Länder verbunden sein würde.

Literatur

Bucharin, Nikolai (1917/1969): Imperialismus und Weltwirtschaft, Frankfurt

Deppe, Frank/Salomon, David/Solty, Ingar (2010): Imperialismus und Antiimperialismus – gestern und heute, in: Z-Zeitschrift Marxistische Erneuerung, Heft 84, Dezember, Frankfurt/M

Harvey, David (2005): Der neue Imperialismus, Hamburg

Heininger, Horst (2005): Zur imperialismustheoretischen Leistung Karl Kautsks, in: Z-Zeitschrift Marxistische Erneuerung Nr. 62, Frankfurt/M

Hilferding, Rudolf (1910/1947): Das Finanzkapital. Eine Studie über die jüngste Entwicklung des Kapitalismus, Berlin

Kautsky, Karl (1914): Der Imperialismus, in: Die Neue Zeit 32-II, 21

Lenin, W.I. (1917/1964): Der Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus. Gemeinverständlicher Abriß, in: Ausgewählte Werke, Bd. I

Luxemburg, Rosa (1913/1975): Die Akkumulation des Kapitals. Ein Beitrag zur ökonomischen Erklärung des Imperialismus, in: Gesammelte Werke Bd. 5

März, Eduard (1965): Einleitung, in: Rosa Luxemburg, Die Akkumulation des Kapitals, Nachdruck der Ausgabe von 1913, Frankfurt am Main

Marx, Karl (1890/1970): Das Kapital. Kritik der politischen Ökonomie. Erster Band, in: MEW Bd. 23

Röttger, Bernd (2011): Das Landnahmetheorem: eine kritische Würdigung, in: Prokla 165, Münster

Warren, Bill (1980): Imperialism: Pioneer of Capitalism, London

[1] Bill Warren, Imperialism: Pioneer of Capitalism, London 1981

[2] Nur Bucharin befasst sich etwas ausführlicher mit den Motiven, welche die „kolossale Verstärkung der Einmischung des Staates in das Wirtschaftsleben“ (167) begründen und seiner Ansicht nach im „Prozeß der Internationalisierung des Wirtschaftslebens“ die „Tendenz zur Nationalisierung der kapitalistischen Interessen“ dominieren lässt (64/65).

[3] Diesem Vorwurf wird verschiedentlich mit dem Verweis auf die Fortsetzung des unten zitierten Satzes entgegen getreten, der lautet: „Damit ist nicht gesagt, dass dieser Endpunkt pedantisch erreicht werden muß. Schon die Tendenz zu diesem Endziel der kapitalistischen Entwicklung äußert sich in Formen, die die Schlussphase des Kapitalismus zu einer Periode der Katastrophen gestalten.“ (691) Allerdings ändert diese Einschränkung nichts am Kern der These, die den Kapitalismus ökonomisch an seinem Realisierungsproblem zugrunde gehen sieht.

[4] Luxemburg kam zu dieser Auffassung aus der Analyse der Marx’schen Reproduktionsschemata im zweiten Band des „Kapital“. Es wurde inzwischen vielfach gezeigt, das Luxemburg sich dabei über den methodischen Stellenwert der Schemata im marxschen Werk täuschte: Hier werden lediglich Gleichgewichtsbedingungen, „Identitäten“ dargestellt. „Aus Identitäten lassen sich aber bekanntlich keine Kausalzusammenhänge ableiten.“ (März, VIII)

[5] Nicht nur dass Luxemburg das nicht ausspricht, sie schließt es explizit aus: Für sie ist die Verwandlung der „einfachen Warenwirtschaft“ in Kapitalismus eine notwendige Folge: „Wenn der Kapitalismus also von nichtkapitalistischen Formationen lebt, so lebt er, genauer gesprochen, von dem Ruin dieser Formationen …“ Harvey verkehrt hier Luxemburgs Argumentation in ihr Gegenteil.

[6] Wobei Harvey in seiner grundlegenden Arbeit selbst Luxemburg ausführlich zitiert (136).

[7] Zur aktuellen Debatte über das Landnahmetheorem vgl. die kurze Kritik von Bernd Röttger und die dort angegebene Literatur.

[8] Hilferding, Das Finanzkapital, zit. bei Lenin, 867; Hilferding, 441

Dieser Artikel ist erschienen in Z. Nr. 89, Mrz 2012