Z. Zeitschrift Marxistische Erneuerung Nr. 107, September 2016 - http://zeitschrift-marxistische-erneuerung.de/topic/134.ausgabe-107-september-2016.html

Pfade der Transformation

Christina Kaindl

[1]

Transformation ist ein relativ neuer Begriff in der linken Theorie- und Strategiebildung. Das Problem, das er zu fassen versucht, ist dagegen alt, mindestens so alt wie der „Revisionismusstreit“: Wie lässt sich der Übergang in eine andere Gesellschaft, eine andere Zukunft denken und gestalten? Woran lässt sich ansetzen, was muss zerschlagen werden, was sind die Elemente einer zukünftigen Gesellschaft, die im Schoße der alten entstehen?

Reform und Revolution

Transformation bearbeitet das Verhältnis von Reform und Revolution. Diese beiden Großtheoreme gesellschaftlicher Veränderung im linken Denken sind beide unterschiedlich, doch gleichermaßen an ihre historischen Grenzen gestoßen. Dabei sollten wir vorsichtig sein, von ihrem „Scheitern“ zu sprechen. Durchaus sind sie gescheitert an ihrem eigenen Anspruch, die Welt auf Dauer und unumkehrbar von Ausbeutung und Unterdrückung zu befreien. Einige Jahrzehnte allerdings haben linke Revolutions- und Reformkonzepte das Leben für einen beträchtlichen Teil der Weltbevölkerung strukturiert, ihren Lebensstandard verbessert, Zugang zu Bildung, Gesundheitsversorgung ermöglicht und auf eine Humanisierung der Arbeit hingewirkt. Beide hatten beträchtliche – unterschiedliche – Kosten, wie eine Externalisierung der gesellschaftlichen wie ökologischen Widersprüche, Ausbeutung der so genannten Dritten Welt und ihrer Bevölkerung, Einschränkung von Menschen- und Freiheitsrechten, eine eigentümliche Mischung von individueller Entwicklungsfreiheit und erwartbaren Lebensläufen, eine Delegation von Handlungsfähigkeit an staatliche Instanzen und Großorganisationen. Gemeinsam war ihnen, dass sie gegen die Kapitalstrategien der Globalisierung und die kulturellen Versprechungen der Individualisierung keine wirksamen Gegenstrategien gefunden hatten, die die sozialen Grundlagen bewahrt hätten. Eine Transformation innerhalb des realexistierenden Sozialismus oder des reformistisch-sozialdemokratischen Projekt, ein Reformismus oder Kommunismus 2.0 sind nicht gelungen. Was vielfach geblieben ist, sind die Ansprüche der Menschen, Erwartungen, was gerecht und ungerecht ist, was gesellschaftlich „zurückgezahlt“ werden sollte für die Bereitschaft zu harter Arbeit. Und die Erfahrung, dass diese Erwartungen im neoliberalen Kapitalismus, im sozialdemokratischen „Neue Mitte“-Projekt und seiner Fortsetzung in Merkels Regierungen permanent verletzt werden.

Was heißt „Transformation“?

Transformation sitzt als Begriff auf der Schnittstelle von Wünschbarkeiten und Fernzielen einerseits – fast alle linken Organisationen und Cluster haben eine hohe Neigung zu programmatischen Debatten und eine Leidenschaft für Details der Fernziele – und dem Machbaren, Pragmatischen, reinen Durchwurschteln, und damit „verlässlichen“ Veränderungen andererseits. So sehr dieser Streit im Inneren linker Diskussionen als „urlinks“ erscheint, beides – abstrakte Utopien wie die kleinen Reformen – ist auch Teil des bürgerlichen Repertoires: Die Sehnsucht nach dem ganz anderen, das die Jugend zu Widerspruch reizt und bald in Bahnen gelenkt ist. Auch die konkrete Negation, die Kritik, aus der die Geschichte ihre Dynamik erhält. Das „Andere äußert sich in konkreten Alternativen, in kleinen und großen Änderungen. So wie es ist, muss es nicht sein. Man muss nicht befürchten, die Kritik stürbe aus“.[2] „Optimistisch und Zukunftsfroh“ wird an Veränderungen und Verbesserungen gearbeitet, „während gleichzeitig – wie bei einer Wanderdüne – hinter dem Rücken der Beteiligten sich die herrschenden Verhältnisse in neuer und noch schrecklicherer Gestalt wieder einrichten.“[3] Im bürgerlich-romantischen Denken sind Alternativen nur gänzlich anders und daher kaum vorstellbar. Dagegen hilft, nicht nur die konkreten Verhältnisse, die akuten Probleme in den Blick zu nehmen, sondern auch die Voraussetzungen, aus denen sie – immer wieder neu – entstehen.

Links und transformatorisch wird das Denken, wenn die Verbindung von Reformen und grundlegenden Strukturveränderungen hergestellt, mit politischen Strategien und mit der Frage nach eingreifendem Handeln verbunden wird. Veränderung denken, das klingt unspektakulär. Doch unser Denken, auch unsere Fantasien der Aufhebung von Unterdrückung und Ausbeutung, sind notwendig auf dem Boden der heutigen Gesellschaft, Klassenherrschaft und Zeitlichkeit basiert. Unser Verständnis von Zeit als linearer Ablauf ist selbst Teil unserer gesellschaftlich geprägten Denk-Voraussetzung. Wie lässt sich das Andere denken, die bessere Zukunft, weder als Wiederaufruf von Vergangenem, aber eben auch nicht als bloße Fortschreibung/Extrapolation des Gegebenen? Klaus Holzkamp, Begründer der Kritischen Psychologie, bindet die Möglichkeit, die Zukunft nicht nur als Fortsetzung des Bekannten zu denken, an reale Veränderungsperspektiven, an eine wie immer geartete gesellschaftliche Gegenmacht. Nicht unbedingt im Sinne persönlicher Organisierung, aber doch „in Richtung“ auf eine kollektive Verfügung über die Lebensbedingungen.[4]

Kritik des Akzelerationismus

Wenn im Akzelerationismus[5] auf die systemsprengende Kraft der Beschleunigung gesetzt wird, auf die Hoffnung, dass durch Fortschritt die Grundlagen des Kapitalismus verschoben werden können – dann steht in Frage, wie auf diese Weise die Grundlagen des Kapitalismus ange-/begriffen werden. Fortschritt und Beschleunigung steht im Herzen der kapitalistischen Logik, das „akzelerationistische Manifest“ erwähnt es selbst.[6] Finanzgeschäfte werden im Nanosekundentakt abgewickelt; die Produktionsweise betreibt Wertschöpfung in immer kleinerer Poren im Arbeitsablauf. Die Akzelerationisten verweisen auf Beschleunigung, „die auch navigiert, die ein experimenteller Entdeckungsprozess in einem universellen Möglichkeitsraum ist“[7] anstelle der stillgestellten politischen Optionen des Neoliberalismus.

Wenn Beschleunigung Strategie wird und die Beschleuniger zum historischen Subjekt – auf welchem Feld, mit welchen Akteuren kann Veränderung stattfinden? Der Aufruf, dass alle programmieren lernen sollen – verbunden mit der Ironie über die veralteten Formen von Flugblättern und Demonstrationen –, um sich die neuen Veränderungsperspektiven in der Beschleunigung zu erarbeiten, schweigt über die Ernährung, auf die die Programmierer angewiesen sind, die öffentlichen Verkehrsmittel, mit denen sie zu ihrer Genossenschaftswohnung kommen, die Produktionsbedingungen ihrer Computer, die Eigentumsverhältnisse der Telefonnetze und Satteliten, über die die Informationen immer schneller kursieren sollen. Ganz abgesehen davon, dass er nicht wirklich ein Konzept von Herrschaft und der Verbindung von wirtschaftlicher und politischer Macht hat, das z.B. darüber informieren könnte, wie die als unzureichend kritisierten Bewegungen der Platzbesetzungen gescheitert sind. Reformismus hat von jeher versucht, sich in Logik und Dynamik des Fortschreitens einzuschreiben. Mit dem Schwung der Dynamik sollen die negativen Folgen der kapitalistischen Produktionsweise beseitigt werden. Gewissermaßen ist der Akzelerationismus die hochtechnologische Entsprechung davon. Doch in den Fortschrittsoptimismus sind so viele Katastrophen eingeschrieben: Benjamin wusste, dass Fortschritt von Anfang an in der Katastrophe gründet. Heute sollte nicht nur die Barbarsierung des Forschritts im Faschismus uns von einem solchen Fortschrittsglauben abhalten, auch der Umstand, dass mit der neoliberalen Globalisierung Wachstum und Wertschöpfung entkoppelt sind von zunehmender Verfügung der Menschen über ihre Lebensbedingungen. Die Schere von arm und reich klafft auseinander. Im Bewusstsein schlägt sich das nieder in Hoffnungslosigkeit und Zweifel an der Machbarkeit politischer Veränderung. Kaum jemand glaubt, dass hinter der Fortschrittsrhetorik ein besseres Leben für die Vielen steht. Die Gewissheit, dass es den Kindern einmal besser gehen wird, ist verloren und das ist ganz realitätsgesättigt. Veränderung muss mehr sein als eine Denksportaufgabe. Es mag nicht ganz falsch sein, wenn akzelerationistisch argumentiert wird, dass die einfache Negation der Beschleunigung den Kapitalismus nicht überwinden wird. Aber ohne (bestimmte) Negation wird es auch nicht gehen. Transformatorischer Fortschritt müsste mit dem ständigen Vorwärtsdrängen brechen und gemeinsame Kriterien, Ansprüche und Bedürfnisse in den Vordergrund stellen. Sie muss sich im Prozess der Veränderung entwickeln und sie braucht sicher mehr und größere Strategie, als die politischen Bewegungen in ihrem Hang zu programmatischen Debatten bisweilen produzieren. Um nicht in die Falle zu gehen, dass mit einem Rezept, das gesättigt ist mit den Erfahrungen und Beschränkungen der Gegenwart, die Zukunft beschränkt wird. Mit der Bewegung, mit dem Beginn von Veränderung wandelt sich das Terrain, verändern sich die Kämpfe, verändern sich auch die Subjekte. Der Horizont verschiebt sich. Der Weg entsteht im Gehen. Die Vorstellung von Befreiung muss sich mit dem Prozess der Kämpfe verändern. „Transformation“ greift auf, dass Veränderungen der Gesellschaft schrittweise, in einem Prozess erfolgen, der mit notwendig beschränkten, reformerischen Schritten im Heutigen beginnen muss, aber die Perspektive einer Befreiung, einer grundlegenden Umgestaltung der zentralen Verkehrsformen, der Art zu leben und zu produzieren bedarf. Die Schritte der Veränderung sind nicht linear, es geht nicht einfach immer weiter auf den besseren Horizont zu, es wird auch ein Bruch notwendig. An welchen Punkten sich die Kämpfe verdichten, ist kaum vorherzusagen; mit großer Wahrscheinlichkeit ist die Gegenwehr aber dort besonders gewaltsam, wo Eigentumsverhältnisse und die politische Macht der führenden Kapitalfraktionen angegriffen werden.

„Revolutionäre Realpolitik“ (Luxemburg)

Wichtige Paten für die Transformationskonzepte sind Rosa Luxemburg und Antonio Gramsci. Luxemburg will mit dem Begriff der „revolutionären Realpolitik“ Kämpfen um konkrete Verbesserungen mit einer Perspektive über den Kapitalismus hinaus verbinden. „Die proletarische Realpolitik ist aber auch revolutionär, indem sie durch alle ihre Teilbestrebungen in ihrer Gesamtheit über den Rahmen der bestehenden Ordnung, in der sie arbeitet, hinausgeht, indem sie sich bewusst nur als das Vorstadium des Aktes betrachtet, der sie zur Politik des herrschenden und umwälzenden Proletariats machen wird.“[8] Für Rosa Luxemburg war diese Verbindung – in einer Zeit, als Revolutionen in Russland, Deutschland, Italien realistisch erscheinen – noch recht unmittelbar: Der Kampf um den 8-Stunden-Tag, um Sozialreformen, Demokratisierung, wichtige reformistische Kämpfe, sie werden nicht additiv zu „Sozialismus“. Sie müssten sich wie Metallspäne am Magneten der Revolution ausrichten, d.h. sie müssen mit der Perspektive der Überwindung der kapitalistischen Produktionsweise geführt werden. Die Kämpfenden lernen darin Wichtiges: dass Kämpfe erfolgreich sein können, dass sie selbst die Verhältnisse gestalten können und müssen. Heute sind die Kräfteverhältnisse und die Zeitlichkeit zwischen Reform und tatsächlicher Überwindung der kapitalistischen Gesellschaft ganz andere. Die Verbindung mit einer Transformation über den Kapitalismus hinaus[9] muss immer wieder mit den Transformationen des Kapitalismus selbst abgeglichen werden, mit den Bestrebungen, sich Kritik und Innovation einzuverleiben. Die Frage, ob ein Projekt „Einstieg“ in eine Transformation über den Kapitalismus hinaus sein kann, ist schwer am Anfang des Weges zu bestimmen. Einstiegsprojekte werden immer wieder eingehegt. Ob das eine Niederlage ist, die Erschöpfung und Desorganisation nach sich zieht, oder ob daraus Neugruppierung, Bündnisse und ein Zuwachs an Strategien erwächst lässt sich oft nicht im Vorhinein sagen.

Die Occupy-Bewegung wird im Akzelerationistischen Manifest eher als Bewegung naiver Horizontalisten ironisiert, die sich um die Beschaffenheit der Welt zu Gunsten von lokalistischen Kleinsträumen nicht wirklich Gedanken machen und die „Konfrontation mit dem Feind“ scheuten. „Der wichtigste Unterschied innerhalb der zeitgenössischen Linken verläuft zwischen Vertretern einer Politik des folkloristischen Lokalismus, der direkten Aktionen und des grenzenlosen Horizontalismus und denen, die eine Politik entwerfen, die als Beschleunigungspolitik bezeichnet werden sollte.“[10] Letztere mit bedingungslosem Grundeinkommen, einer postkapitalistischen Planung, die sich die technischen, noch unerforschten Möglichkeiten erschließt – die Vorschläge formulieren übergreifende Konzepte. Der Weg dahin bleibt rätselhaft: Direkte Aktion, Plakate hochhalten, Marschieren werden als rein selbstbezügliche Handlungen verworfen, neue Strategien würden gebraucht. Medienreform und eine Wiederherstellung der Klassenmacht sei dringlich. Der Vorstellung eines demokratischen Königsweges auf dem Weg zur kollektiven Bestimmung über die Lebensmöglichkeiten erteilen die Akzelerationisten eine Absage: „Geheimhaltung, Vertikalität und Exklusion haben genauso ihren Platz in wirksamer politischer Handlung (wenn auch selbstverständlich keinen ausschließlichen).“[11]

Bei aller Skepsis gegenüber rein lokalistischen Zugriffen wird hier ziemlich kurz gesprungen: Occupy hat ja doch die gesellschaftliche Reichtumsverteilung und die Finanzwirtschaft als Triebkraft des globalen neoliberalen Kapitalismus in den Mittelpunkt ihrer Kritik gestellt. Sie begann symbolisch an der Wall Street, verband verschiedene Organisationen, Individuen, Intellektuelle, ganz wie es die Akzelerationisten fordern. Occupy ist nicht etwa an der Unattraktivität lokaler Reformbestrebungen eingegangen, sondern von einer hochgerüsteten Polizei von den Straßen und Plätzen gefegt worden. Die Erfahrungen, die dort gemacht wurden, haben viele Menschen verändert. Sie haben dazu beigetragen, dass das Imaginäre vor allem der Jüngeren in den USA wenige Jahre später eine Massenbewegung für eine „politische Revolution“, die Bewerbung eines bekennenden Sozialisten als Präsidentschaftskandidaten umfasste.

„Stellungskrieg“ (Gramsci)

Der zweite Pate linker Transformationskonzepte ist Antonio Gramsci mit seinem Konzept des „Stellungskriegs“. Angestachelt von der Niederlage der italienischen Kommunisten und dem Aufstieg der Faschisten denkt Gramsci über die Grenzen des Bewegungskrieges, der Strategie einer ruckartigen Eroberung der Macht nach: Die europäischen Kommunisten seien daran gescheitert, dass sie sich zu sehr auf die Machtergreifung im Staat konzentriert haben und nicht gesehen haben, dass ihre Gegenkräfte sich noch in ganz anderen Rückzugsräumen, in anderen „Stellungen“ organisieren: von der ökonomischen Struktur über die Kirchen, Sportvereine, Universitäten. (Auch) Hier gelte es den Kampf aufzunehmen, den „Stellungskrieg“, der nicht mit einem Schwung und einer Front entschieden wird. Dessen Terrain besteht nicht nur aus den verschiedenen Schützengräben, sondern aus dem gesamten Geflecht von Nachschublinien, taktischen Rückzugslinien usw. Die kriegerischen Metaphern sind uns fremd; auch Gramsci betrachtete sie etwas distanziert. Sie sind vor allem dies: Metaphern, die die Herausforderungen verdeutlichen sollen, auch die existenzielle Gefahren.

Linke Politik der Transformation kann als eine Reihe von Stellungskriegen verstanden werden: Das Feld wird nach jedem Kampf neu strukturiert, was gestern noch wie der Einstieg in eine Transformation über den Kapitalismus hinaus erschien, kann heute schon von der Gegenseite angeeignet, zu einer Modernisierungsstrategie geworden sein. Nicht umsonst kennt Gramsci den Begriff des „Transformismus“, der passiven Revolution, in der die Akteure und Topoi der Bewegung von der Gegenseite angeeignet, beigeordnet werden. Kompromisse auf unangetasteter kapitalistischer Grundlage werden geschlossen[12] oder die Felder der Auseinandersetzung verschoben. Doch das gilt auch in die andere Richtung: Was gestern noch lokalistisch aussah, kann das Feld verschoben haben, Nachahmer gefunden haben, den Horizont für neue Forderungen geöffnet haben und Menschen herausgebildet haben, die bereit sind, die Führung zu übernehmen.

Übergänge können nicht abstrakt definiert werden, auch Einstiegsprojekte sind nicht objektiv, sondern werden dazu durch Verbindung der Akteure. Es braucht auch ein Verständnis der Handlungsformen der Übergänge – wie werden grundlegend andere gesellschaftliche Formen denkbar, wünschbar, wie verändern sich die Menschen in den Auseinandersetzungen?

„Der ‚Kollektivwille‘ von Unten ‚bildet‘ sich nicht einfach, er wird organisiert, gewebt, Interessen und Individuen, Gruppen und Diskurse werden verbunden, Repräsentationen geschaffen. In die Form der Organisation gebracht, verfügt er über erweiterte Handlungsmacht.“[13] Wer kann diese Verdichtung leisten? Gramsci hat den Begriff der „gesellschaftlichen Partei“: das sind die Kräfte der Gesellschaft, die gegen die Block an der Macht stehen, die als Strömung und ganz unterschiedliche Akteure nebeneinander wirken. Sie könnten Verdichtungen und (Gegen-)Hegemonien bilden – wenn eine Organisierung gelingt. Selbst ausgesprochene „Anti-Parteien“ können dazugehören.[14] Der Blick wird verstellt durch unterschiedlichen (Organisations-)Kulturen, politische Traditionen und „issues“, um die herum organisiert wird. „[S]ektiererisches Denken ist dasjenige, das einem nicht erlaubt zu sehen, dass die politische Partei nicht nur die technische Organisation der Partei selbst, sondern der ganze aktive gesellschaftliche Block ist […]“.[15]

Politische Aufgaben

Die Herausforderung für linke Politik, auch für die LINKE Partei: in diesem Sinne Verbindungen der Akteure herzustellen, das Feld zu organisieren, ohne es zu dominieren. Mimmo Porcaro hat den Begriff der „verbindenden Partei“ gefunden. DIE LINKE bzw. ihre Vorsitzenden haben ihn sich zu Eigen gemacht.[16] DIE LINKE muss Formen finden, mit denen die durch die Agenda 2010 Politik entstandenen und vertieften Spaltungen – etwa der Beschäftigten in exportorientierten Kernbelegschaften und dem Niedriglohn, zwischen Erwerbslosen und Beschäftigten, quer durch die Prekären mit unterschiedlichem sozialen Kapital – bearbeitbar gemacht werden können. Dabei geht es darum, gemeinsame Interessen und Perspektiven deutlich zu machen, Forderungen, um die gemeinsam gekämpft werden kann. Dabei geht es nicht nur um die Formulierung „richtiger“ Forderungen, sondern auch darum, Praxis zu entwickeln: die eigene Politik stärker auf Organisieren und die Selbstorganisierung von Betroffenen auszurichten. Und wo sie bestehen, sich mit den Auseinandersetzungen zu verbinden und gemeinsame Strategieentwicklung anzubieten. Dass Menschen ihre Handlungsfähigkeit entwickeln und sich selbst als „geschichtsmächtig“ erleben, kann nicht per Deklamation geschehen oder (nur) als Bildungsauftrag verstanden werden. Der Zusammenhang von großen und kleinen Fragen muss von den Akteuren selbst erlebt, durchdacht und entwickelt werden. Deshalb entwickelt DIE LINKE etwa Modellprojekte in so genannten Sozialen Brennpunkte, schafft Verbindung mit gewerkschaftlichen Kämpfen in und am Rande des Niedriglohns. Am Gesundheitswesen lässt sich der Zusammenhang von ungerechter Finanzierung des (Sozial)Staates, Privatisierung der öffentlichen Daseinsvorsorge, schlechten Arbeitsbedingungen und erodierender Versorgung der Bevölkerung zeigen – und bekämpfen. Keine dieser Auseinandersetzungen ist ein „Hebel“, keiner kann für das Ganze stehen. Aber noch immer gilt Luxemburgs Erkenntnis, dass in Einstiegsprojekten um die Verbesserung des alltäglichen Lebens die Akteure lernen können, wie sich die eigene Macht anfühlt, wie sich die Gegenkräfte formieren, wie Verbindungen geknüpft werden können. Die Herausforderung besteht darin, dass die Auseinandersetzungen nicht isoliert bleiben, sondern eine organische Plattform entsteht, mit der sie politische Macht und Durchsetzung erhalten. Die Zukunft kommt nicht auf uns zu, wir bewegen uns auf sie zu, indem wir uns bewegen.

[1] Der Text beruht auf einem Gespräch mit Armen Avanessian auf der Tagung „Richtige Literatur im Falschen II“. Unser Thema lautete: „Futuring oder Akzeleration? Revolutionäre Realpolitik oder forcierte technologische Evolution?“ http://lfbrecht.de/event/futuring-oder-akzeleration-revolutionaere-realpolitik-oder-forcierte-technologische-evolution/

[2] Alex Demirovic, Zur Dialektik von Utopie und bestimmter Negation. In: Christina Kaindl (Hg.), Kritische Wissenschaften im Neoliberalismus, BdWi Marburg 2005, S. 143-7, hier: S.145.

[3] Ebd.

[4] Vgl. Klaus Holzkamp, 1983: Grundlegung der Psychologie. Frankfurt/M. 1983, S. 397ff.

[5] Akzelerationismus ist eine neuere Entwicklung der politischen Philosophie, die sich u.a. auf „spekulativen Realismus“ beruft. Im Kern steht der Gedanke, dass der Kapitalismus „mit seinen eigenen Waffen“ geschlagen werden muss: mit Beschleunigung, nicht mit Entschleunigung, mit Technikkompetenz, nicht mit Technikverweigerung, mit einer großen Utopie und Strategie, die den Gesamtzusammenhang in den Blick nimmt, nicht mit lokalen und horizontalen Politiken wie etwas bei Occupy. Vgl. http://akzelerationismus.de/beschleunigungsmanifest.pdf und Armen Avanessian (Hg.): #Akzeleration. Berlin 2013.

[6] http://akzelerationismus.de/beschleunigungsmanifest.pdf, S. 4.

[7] Ebd.

[8] Rosa Luxemburg, Karl Marx (1903), in: Dies., Gesammelte Werke Bd. I/2, Berlin 1983, S. 374.

[9] Vgl. Michael Brie (Hg.): Futuring. Perspektiven der Transformation über den Kapitalismus hinaus, Münster 2014.

[10] Akzelerationistisches Manifest, a.a.O., S. 5.

[11] Ebd., S. 9. Diese Elemente politischer Organisierung werden nicht weiter erläutert. Sie sind wohl als Gegenmodell zum transparenten und demokratischen Organisierungsmodell vieler transformatorischer Gruppen, Bewegungen und Organisationen gemeint und wollen vor Naivität warnen.

[12] Luc Boltanski und Eve Ciapello: Der neue Geist des Kapitalismus, Konstanz 2003.

[13] Christina Kaindl und Rainer Rilling: „Eine neue gesellschaftliche Partei? Linke Organisation und Organisierung“, in: LuXemburg Heft 4/2011, S. 16-27.

[14] Antonio Gramsci: Gefängnishefte, Hg. von Klaus Bochmann und WF Haug, Hamburg 1991, S. 1715.

[15] Ebd., S. 1774.

[16] Katja Kipping und Bernd Riexinger (2013): Verankern, verbreiten, verbinden. https://www.die-linke.de/partei/parteientwicklung/projekt-parteientwicklung/texte/verankern-verbreiten-verbinden/

Dieser Artikel ist erschienen in Z. Nr. 107, September 2016

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