Z. Zeitschrift Marxistische Erneuerung Nr. 77, März 2009 - http://zeitschrift-marxistische-erneuerung.de/topic/40.ausgabe-77-maerz-2009.html

„Konzernkritik – Bilanz und Perspektive“. 30 Jahre Coordination gegen BAYER-Gefahren

Düsseldorf, 6. Dezember 2008

Jan Pehrke

Vor 30 Jahren hat sich die Coordination gegen BAYER-Gefahren (CBG) gegründet. Seit 1978 dokumentiert sie die Schattenseiten der BAYER-Geschäftspolitik: Störfälle, Pestizidvergiftungen, gefährliche Pharmaprodukte, Lobbyismus, Emissionen. Die CBG bringt Missstände an die Öffentlichkeit und organisiert öffentlichen Protest. Die Initiative nahm diesen runden Geburtstag zum Anlass, ihre Jahrestagung zu einer Standortbestimmung nicht nur ihrer Arbeit zu nutzen. „30 Jahre Konzernkritik – Bilanz & Perspektive“ lautete das Thema, das die Coordination gemeinsam mit VertreterInnen von Attac und dem „Dachverband der kritischen Aktionärinnen und Aktionäre“ sowie ca. 40 weiteren Gästen erörterte.
Zu Beginn gab CBG-Gründungsmitglied Axel Köhler-Schnura einen Überblick über die Geschichte der Gruppe. Die Coordination entstand 1978 in Wuppertal. Als einem Störfall im dortigen BAYER-Werk der zweite auf dem Fuße folgte, offenbarte sich das Gesetz der Serie, was den Anreiz gab, sich systematisch mit dem Leverkusener Multi zu beschäftigen. Das erforderte schon rasch, die räumlichen Grenzen Wuppertals zu überwinden und andere Standorte in den Blick zu nehmen. Gelingen konnte dies Köhler-Schnura zufolge nur über den Aufbau eines dezentralen, internationalen Netzwerkes. Parallel dazu überschritt die CBG die zeitlichen Grenzen, erforschte die Historie des Unternehmens mitsamt der IG-Farben-Vergangenheit und gewann auf diese Weise das Bild eines multinational operierenden Konzerns in seiner ganzen Totalität. „Wir müssen davon ausgehen, dass das, was wir tun, nicht mehr unbeobachtet bleibt“, so analysierte BAYERs Ex-Vorstandsvorsitzender Hermann Josef Strenger einst diesen neuen Tatbestand.
Welche Aktivitäten gegenwärtig unter besonderer Beobachtung stehen, legte CBG-Geschäftsführer Philipp Mimkes dar. Er stellte die aktuellen Kampagnen gegen die Erweiterung der Phosgen-Produktion, den Bau einer Kohlenmonoxid-Leitung, die Wiederzulassung von bienentötenden Agrochemikalien und die Kohlekraftwerk-Pläne des Global Players vor.
Als Forum für eine Generalaussprache mit BAYER über die vom Zwang zur Profitmaximierung produzierten „Schadensfälle“ nutzt die Coordination seit langem die jährlichen Hauptversammlungen. Um diese AktionärInnen-Treffen auch generell für Konzernkritik nutzbar zu machen, hat die CBG den „Dachverband der Kritischen Aktionärinnen und Aktionäre“ mitgegründet. Dessen Geschäftsführer Markus Dufner gab auf der Tagung einen Einblick in die konzernkritische Arbeitsweise des Dachverbandes. Diese erschöpft sich Dufner zufolge nicht darin, sämtliche Hauptversammlungen der DAX-Unternehmen mit Bilanzen der etwas anderen Art zu konfrontieren. Die kritischen AktionärInnen suchen auch den Kontakt zu Bürgerinitiativen, Gewerkschaften und AnwohnerInnen der Betriebsstätten und erschließen sich damit zusätzliche Aktionsfelder.
Auf die Wirtschaftskrise, die sich an dem Dezember-Tag immer wieder auf die Tagesordnung drängte, will der Dachverband mit der Kampagne „Spielregeln für Global Players“ reagieren und unter anderem eine persönliche Haftung von ManagerInnen sowie eine Beschränkung ihres Gehaltes fordern. Axel Köhler-Schnura äußerte sich dagegen eher skeptisch darüber, ob solche oder weitergehende Maßnahmen eine Durchsetzungschance hätten. Er sah das Kapital als Krisengewinnler aus der Rezession hervorgehen. Thomas Eberhardt-Köster von Attac plädierte hingegen zunächst einmal dafür, eine gründliche, auf Personalisierungen und Moralisierungen verzichtende Diagnose der Krise vorzunehmen, die seiner Meinung nach einen langen Vorlauf hatte. Nur so könne eine „Kapitalismuskritik auf der Höhe der Zeit“ betrieben werden. Auf diese ließen sich alle drei Initiativen verpflichten. Und so verständigte man sich trotz eines kleinen Strategie-Disputes darüber, wie konfrontativ und/oder diplomatisch die Konzernkritik beizeiten ausfallen müsste, darauf, weiterhin „die Einheit in der Vielfalt“ zu suchen und künftig enger zusammenzuarbeiten. Kontakt/Information: CBGnetwork@aol.com

Dieser Artikel ist erschienen in Z. Nr. 77, März 2009