Z. Zeitschrift Marxistische Erneuerung Nr. 125, März 2021 - http://zeitschrift-marxistische-erneuerung.de/topic/155.ausgabe-125-maerz-2021.html

Engels und Marx: Eine ganz besondere Partnerschaft

Michael R. Krätke

*[1]

Genie und Talent

Einige Zeitgenossen hielten ihn für den gebildetsten Mann des Jahrhunderts. Und sicher für einen der bedeutendsten. Ohne ihn hätte es einen „Marxismus“ kaum gegeben, ohne ihn hätte sich die deutsche, die europäische und schließlich die internationale Arbeiterbewegung kaum auf einen „wissenschaftlichen Sozialismus“ einschwören lassen. Friedrich Engels, der Barmer Fabrikantensohn aus gutem Hause, erfolgreicher Kapitalist und Manager, ebenso erfolgreicher Schriftsteller, anerkannter Wissenschaftler und Journalist, gelegentlich auch Politiker, dieser bemerkenswerte Mann hat die Welt verändert. Er wurde vor 200 Jahren in Barmen geboren, als ältester Sohn einer wohletablierten Fabrikantendynastie. Als er im August 1895 starb, im damals hohen Alter von 75 Jahren, hatte sich die Welt radikal verändert – und er hatte einiges dazu beigetragen, sie zu verändern. Denn Engels war der erste „Marxist“, der Mann, der den Marxismus erfand.[1][2]

Er hatte entscheidenden Anteil daran, dass jene soziale Bewegung, die seit Anfang seines Jahrhunderts, in den 1830er und 1840er Jahren, die englische Gesellschaft erschütterte und sich fast gleichzeitig auch auf dem europäischen Kontinent rührte, die Arbeiterbewegung, zu einer politischen und weltbewegenden Kraft wurde. Als junger Mann, als zukünftiger Firmenerbe und Kapitalist, den sein Vater in den ungeliebten Kaufmannsberuf zwang, hatte er in England und daheim, im Wuppertal, bereits die Anfänge der Industrialisierung erlebt und war zum ersten Mal in Kontakt mit der sozialistischen und kommunistischen Bewegung gekommen, die sein Leben bestimmen sollte. Als er im Sommer 1844 in Paris zum zweiten Mal mit Marx zusammentraf, hatte er sich bereits einen Namen als Journalist und Schriftsteller gemacht.

Engels hat sich stets zurückgenommen. Zwischen ihm und Marx gab es keine Rivalität, sie arbeiteten zusammen, sie verfolgten einen gemeinsamen Plan, in dem viele Projekte einander abwechselten und manche – wie die Kritik der Politischen Ökonomie – über Jahrzehnte betrieben wurden. Engels tat seinen Teil und mehr als das. Als „zweite Geige“, als bloßes „Talent“, das dem Genie Marx nur zuarbeitete, so hat Marx seinen Freund nie gesehen. Er hielt Engels für einen mindestens ebenso genialen Kopf wie er selbst einer war. Als eingespieltes Team pflegten sie oft mit verteilten Rollen zu agieren. Ohne eine exzellente zweite Geige kommt die brillanteste erste Geige nicht weit, wie Marx wohl wusste und wie jeder weiß, der einmal ein Streichkonzert gehört oder gespielt hat. Die beiden Freunde waren ebenbürtig, sie haben sich gegenseitig inspiriert, sie haben sich kritisiert, sie haben sich ergänzt. Erst mit Marx‘ Tod endete ihre Arbeitsteilung, da Engels nun auch den ökonomischen Part übernehmen und Marx in allem vertreten musste.

Engels‘ Bescheidenheit, seine Bereitschaft, in den Schatten seines Freundes Marx zu treten um der gemeinsamen Sache willen, hat es den zahlreichen Epigonen und Marxbeflissenen leicht gemacht: Viele vergnügen sich bis heute damit, Engels herunter zu machen, um Marx zu erhöhen.[2][3] Dafür gibt es Gründe, allerdings keine guten. Um die Legende von Marx und Engels, die eigentlich einer, Marx-Engels, gewesen seien, zu entkräften, braucht man Engels‘ eigenständige Leistungen nicht zu leugnen oder herunter zu spielen. Vor vielen Jahren schon hat Sebastiano Timpanaro, selbst ein marxistischer Philosoph von Bedeutung, den bösen Verdacht geäußert, dass die wiederholten Angriffe gegen Engels mit akademischen Konjunkturen zusammenhängen. Engels wird alles angelastet und zugeschoben, was gerade nicht in den herrschenden akademischen Diskurs passt bzw. dort verpönt ist – Materialismus, Determinismus, Historismus, Klassentheorie, Ökonomismus usw. Damit lässt sich ein von allem Ballast gereinigter Marx heraus filtern, den man den jeweils herrschenden akademischen Moden gemäß zurecht interpretieren kann. Der gereinigte Marx erscheint mit der Physiognomie eines tiefen, subtilen (und bisher unverstandenen) Denkers und Philosophen. So kann man „Marxist“ sein und im akademischen Mainstream mitschwimmen.[3][4] Viel spricht dafür, dass Timpanaro recht hatte und bis heute recht hat.

Ein Vordenker und ein Nachdenker

Tatsächlich war Engels ein Vordenker, der Marx oft voraus war und ihm den Weg wies. Ebenso oft war er ein Nachdenker, der Marx zurück auf den Boden brachte. Oft war es Engels, der viel weiter ging als Marx, und unabhängig von ihm.[4][5] Engels war der erste, der die Bedeutung einer gründlichen Kritik der politischen Ökonomie, jener Wissenschaft, die mit dem modernen Kapitalismus und mit dem Aufstieg der modernen bürgerlichen Gesellschaft in Europa entstand, erkannt hat. Und der auch gleich eine erste Skizze dazu lieferte, die Marx so genial fand, dass er sich sogleich von Philosophie ab- und dem Studium der politischen Ökonomie zuwandte. Engels war es, der die neuartige Sozialstruktur der vom industriellen Kapitalismus geprägten Gesellschaft Englands studierte. Er sah die Bedeutung und die Tragweite der neuen industriellen Produktionsweise, die weit über die Dampfmaschine und ihre vielfältigen Anwendungen hinausging und zu einer regelrechten „industriellen Revolution“ wurde, in ihrer Bedeutung der großen Französischen Revolution vergleichbar. Er sah und er studierte als erster die Lebenslage und die ersten sozialen und politischen Bewegungen der neuen industriellen Arbeiterklasse. Engels studierte die neue Arbeiterbewegung nicht nur, er beteiligte sich daran, er erlebte sie in einigen ihrer damaligen Zentren in England und in Deutschland.

Engels setzte sich viel früher und insgesamt viel intensiver mit den Naturwissenschaften auseinander als Marx. Und hatte dabei stets den Zusammenhang – besser: die Zusammenhänge – von Naturgeschichte und Sozialgeschichte im Auge. Engels ging als Historiker voran und weiter als Marx – er studierte und schrieb die industrielle und politische Geschichte Englands, er schrieb die politische Geschichte Deutschlands – und ging dabei bis ins sechzehnte Jahrhundert zurück. Er analysierte die Entstehung und Entwicklung des Deutschen Kaiserreichs unter Bismarck, das er höchst kritisch sah. Er begann, die Geschichte Irlands, der ältesten Kolonie innerhalb Europas, zu schreiben – auch wenn davon nur Fragmente und Notizen erhalten sind. Er hat sich, wie Marx, immer wieder mit der Geschichte Frankreichs befasst – und insbesondere die Entwicklung der dritten Republik seit 1870 genau verfolgt. Seit 1844 hatte er die Entwicklung der USA im Blick: Schon früh erkannte er den Aufstieg der USA zu einer der führenden Industriemächte. Den US-amerikanischen Bürgerkrieg, die zweite amerikanische Revolution, verfolgte und analysierte er im Detail. In diesen historischen Arbeiten ebenso wie in seinen aktuellen politischen Analysen steckte viel politische Theorie. So auch in seinen zahlreichen Analysen des Militärwesens im modernen Staat und der Kriege, die die Nationalstaaten Europas im 19. Jahrhundert führten.

Immer wieder ist Engels weiter gegangen als Marx. Der begann seine kritische Laufbahn unter anderem mit Beiträgen zur Religionskritik, anknüpfend an die religionskritischen Analysen des Hegel-Kritikers Ludwig Feuerbach. Engels war es, der diese Arbeit fortsetzte. Von ihm stammen eine ganze Reihe von Studien zur Religionsgeschichte und -kritik, und zwar vor allem zur Geschichte des Christentums, in seiner Entstehungszeit, aber auch viel später, in der Periode der Reformation und danach. Engels ist es zu danken, dass das ehrgeizige Forschungsprogramm, das er zusammen mit Marx 1845/46 zuerst skizziert hatte, nicht in Vergessenheit geriet. Nicht weniger als vier Anläufe unternahm er nach seiner Übersiedlung nach London 1870 um das, was später „historischer Materialismus“ genannt wurde, ausführlich darzustellen und zu begründen.

Marx wie Engels unternahmen einiges, um die Marxsche Ökonomie-Kritik zu verbreiten und auch zu popularisieren. Marx‘ „Kapital“ sollte ja der sozialistischen Arbeiterbewegung Orientierung geben, ihr die verkehrte Welt des modernen Kapitalismus erklären – und einer „politischen Ökonomie der Arbeiterklasse“ Bahn brechen. Engels hat jedoch als Popularisator dieser Marxschen ökonomischen Theorie mehr geleistet als Marx. Er konnte das, weil er gleichzeitig der Herausgeber der von Marx unvollendet hinterlassenen Manuskripte zum „Kapital“ war und derjenige, der dessen unfertige Analyse fortzusetzen versuchte.[5][6]

Engels, der Marxversteher

Nur ein Beispiel für die angeblichen Todsünden wider den Geist und Buchstaben des Marxschen Werks, die Engels nach Ansicht seiner zahlreichen und prominenten Verächter begangen hat: Engels war es, der die von Marx 1844 in ein Notizbuch gekritzelten „Thesen über Feuerbach“ 1888 zum ersten Mal veröffentlicht hat, als Anhang zu seiner Schrift Ludwig Feuerbach und der Ausgang der klassischen deutschen Philosophie. Er gab dem Anhang den Titel Karl Marx über Feuerbach vom Jahre 1845, und erläuterte in seiner Vorbemerkung, warum er diesen thesenartigen Entwurf von Marx veröffentlichen wollte: Das alte Manuskript von 1845/46 (das wir heute unter dem Titel Die deutsche Ideologie kennen) war unbrauchbar, weil ganz unfertig; die „Kritik der Feuerbachschen Doktrin selbst fehlt darin“. Er hatte jedoch die elf Thesen über Feuerbach in einem alten Notizbuch von Marx gefunden. Das waren „Notizen für spätere Ausarbeitung, rasch hingeschrieben, absolut nicht für den Druck bestimmt“. Aber, so Engels, diese Notizen sind „unschätzbar als das erste Dokument, worin der geniale Keim der neuen Weltanschauung niedergelegt ist“.[6][7] Als Zeitdokument, das zudem den Vorzug hatte, recht kurz zu sein, wollte Engels es zugänglich machen. Er fühlte sich berechtigt, mit diesen Notizen so umzugehen wie mit anderen alten Manuskripten von Marx und von ihm selbst. Denn er sah sie nicht als eine Art Grundstein oder Hauptwerk einer Philosophie des Marxismus, zu dem sie heute gern aufgeblasen werden. So nahm er sich die Freiheit, sie zu redigieren. Hat Engels mit seinen redaktionellen Eingriffen den Sinn des Marxschen Textes entstellt? Beweisen diese Textveränderungen, dass Engels zentrale Elemente des Marxschen Denkens nicht oder nur halb verstanden hat? Eine der auffälligsten redaktionellen Änderungen von Engels‘ Hand findet sich in der dritten These. Dort strich er ein Wort, nämlich „Selbstveränderung“, und ersetzte „revolutionäre“ durch „umwälzende Praxis“, so dass der Marxsche Text nun so lautete: „Das Zusammenfallen des Änderns der Umstände und der menschlichen Tätigkeit kann nur als umwälzende Praxis gefaßt und rationell verstanden werden“.[7][8] Daraus schließen die Engels-Verächter, Engels habe die Bedeutung und den Gehalt der Marxschen These nicht verstanden.

Mitnichten. Den Ausdruck „revolutionäre Praxis“ durch „umwälzende Praxis“ zu ersetzen, hatte einen guten Sinn. Engels wollte die Verkürzung auf die damals, in den 1890er Jahren gängige politische Bedeutung von „revolutionär“ im Sinne von Umsturz, Macht- und Regimewechsel vermeiden und ersetzte das Wort durch „umwälzend“, was eine weit umfassendere Bedeutung hatte.[8][9] Marx‘ Zusatz „od. Selbstveränderung“ hat er vermutlich gestrichen, weil diese Erweiterung und Differenzierung einige Erläuterungen verlangt hätte. Denn in den vorangehenden Sätzen der dritten These ist stets die Rede davon, dass die Menschen Produkte der „Umstände“ und der „Erziehung“ sind, die sie ihrerseits schaffen und verändern. Engels hat diesen ersten Satz mehrfach ergänzt, so dass die Aktion des Veränderns der Umstände und der Erziehung durch die Menschen stark betont wird. In Engels‘ Version sind es also die Menschen, die das verändern, was sie in ihrem Leben bestimmt, die „Umstände“ und die „Erziehung“. Anders gesagt, Engels erläutert und verstärkt genau das, was in dem gestrichenen Marxschen Zusatz gesagt wird, ohne das Wort „Selbstveränderung“ zu benutzen.

Es gibt noch einen weit stärkeren Beleg dafür, dass Engels sehr wohl wusste, warum die „Selbstveränderung“ der Menschen durch eigene Tätigkeit oder Praxis für die materialistische Geschichtsauffassung zentral war. Denn im Frühsommer 1876 (im Mai und Juni) arbeitete er an einer größeren Abhandlung, betitelt „Über die drei Grundformen der Knechtschaft“. Die hat er leider nie vollendet, nur die Einleitung dazu ist fertig geworden. Engels gab ihr im Inhaltsverzeichnis zu seinen diversen Manuskripten über die Entwicklung der Naturwissenschaften den Titel „Anteil der Arbeit an der Menschwerdung des Affen“. Unter diesem Titel ist sie 1896, ein Jahr nach seinem Tod, in der Neuen Zeit veröffentlicht worden. In dieser Einleitung lieferte Engels eine kurze Skizze der Evolution des homo sapiens, die sich genau um diesen Punkt der „Selbstveränderung“ durch Tätigkeit, genauer durch Arbeit dreht. Engels beschreibt, wie sich durch Arbeit im elementarsten Sinn, durch die tägliche Auseinandersetzung mit der natürlichen Umgebung und das ständige Bemühen um die Aneignung von natürlichen Ressourcen die Natur der Menschen (bzw. der Hominiden) verändert hat. Indem sie zu verschiedenen Arbeiten gebraucht wird, verändert sich die menschliche Hand, die erworbenen Fähigkeiten vererben und vermehren sich von Generation zu Generation, die Hand, ihre Knochen, Sehnen und Muskeln verändern sich damit. „So ist die Hand nicht nur das Organ der Arbeit, sie ist auch ihr Produkt“.[9][10] In ähnlicher Weise wie die Verfeinerung der Menschenhand erfolgt die Ausbildung des menschlichen Fußes und des menschlichen Gehirns. Mit der Verfeinerung des Gehirns entwickeln sich die menschlichen Sinnesorgane, damit die Fähigkeiten der Menschen zu immer neuen Arbeiten. Mit der Entwicklung von Gehirn und Sinnesorganen entsteht die menschliche Sprache, damit entsteht die Fähigkeit der Menschen zur Zusammenarbeit, und damit die Fähigkeit der Menschen, Gesellschaften zu bilden. Der entscheidende Unterschied zwischen Affenrudeln und Menschengruppen liegt in der Arbeit – und in der Fähigkeit zu Arbeiten liegt der Schlüssel zum Verständnis des Aufstiegs der Gattung homo sapiens. Die Menschen entwickeln sich immer weiter fort vom Affen, vom Tier, weil sie sich durch Arbeit selbst verändern, zu allererst die Fähigkeit zur Arbeit entwickeln. Ihr Einwirken auf die Natur, auf ihre natürliche Umgebung nimmt immer mehr „den Charakter vorbedachter, planmäßiger, auf bestimmte, vorher bekannte Ziele gerichteter Handlung an“.[10][11] Und diese zielgerichtete Handlung ist bzw. wird immer mehr gesellschaftliche Aktion, zusammen Handeln vieler Menschen in Gruppen, Gemeinschaften, Gesellschaften. Durch die gesellschaftliche Arbeit vieler Generationen, über Jahrtausende hinweg, erreichen die Menschen die Fähigkeit, die sie umgebende Natur (wie ihre eigene Natur) stets mehr zu beherrschen, auch wenn das nie vollständig gelingt und nie vollständig gelingen kann. Engels entwickelt also ein starkes Argument gegen die schlichte Anwendung der Darwinschen Evolutionstheorie auf die Menschen und die Geschichte der menschlichen Gesellschaften. Nur Menschen arbeiten, daher wird der Prozess der menschlichen Evolution durch Arbeit und deren Folge – die Selbstveränderung der Menschen – bestimmt. Und die fortschreitende Naturerkenntnis, bis hin zur modernen Naturwissenschaft, ist ein Element davon, eng verbunden mit der gesellschaftlichen Arbeit. Naturwissenschaft im modernen Sinn setzt hochentwickelte Formen gesellschaftlicher Arbeit und Arbeitsteilung voraus, und sie ermöglicht zugleich neue Formen der gesellschaftlichen Arbeit und Arbeitsteilung – das ist die Pointe dieses kurzen Texts. Durch Arbeit, dank der Arbeit, verändert sich der Mensch, verändert sich die Menschheit, mental, intellektuell und physisch.

Engels griff damals, 1876, auf evolutionsbiologische und anthropologische Erkenntnisse zurück, soweit sie damals reichten und soweit er sie kannte. Er argumentierte ganz unphilosophisch. Es ging ihm nicht um den bzw. einen speziellen Begriff von „Praxis“. Seine Darstellung war klar gegen den damals bereits populären „Darwinismus“ gerichtet. Die „Evolution“ der Arten in der Natur ist etwas anderes als die „Entwicklung“ der Menschen. Denn lebende Organismen, Pflanzen und Tiere, arbeiten nicht, können sich daher nicht selbst verändern. Sie passen sich an. Menschen können weit mehr als das.

Engels lesen – im 21. Jahrhundert?

Lohnt es sich heute noch, die Schriften des vielseitigen Herrn Engels zu lesen? Kann man heute noch etwas von ihm lernen? Sicher, denn Engels war ein glänzender Stilist. Sicher, denn ein Systembastler, ein Ideologe war er nicht. Er passt in keine Schublade, war sicher kein Positivist, aber auch kein Marx-Esoteriker, der in der Exegese aufging. Ganz im Gegenteil, er tat das ihm Mögliche, um die mit Marx begonnene Arbeit fortzusetzen. Für das, was Sozialisten, Kommunisten und Marxisten aller Couleur mit seinem und Marx‘ Erbe veranstaltet haben, kann er nicht haftbar gemacht werden. Dem meisten, was in diesen Kreisen als orthodox galt bzw. heute als unüberbietbare neueste Einsicht gilt, hat er schon zu seiner Zeit ausdrücklich widersprochen.

Wer Engels lesen will, muss sich auf einige Zumutungen gefasst machen. Er meinte es ernst mit dem Programm eines „wissenschaftlichen“ Sozialismus. Über Marx‘ kurzes und höchst missverständliches Resümee der materialistischen Geschichtsauffassung (im Vorwort zu „Zur Kritik der Politischen Ökonomie“ von 1859) ist er in mehreren Anläufen weit hinaus gegangen. Engels diverse Darstellungen des damit gemeinten Forschungsprogramms – geschrieben in den letzten zwanzig Jahren seines Lebens, in nicht weniger als vier Anläufen – sind weit erhellender als Marx‘ Kurzformeln. Die steilsten und missverständlichsten Formulierungen dessen, was später „historischer Materialismus“ genannt wurde, finden sich bei Marx, nicht bei Engels. Wer wissen will, wie Engels dies Forschungsprogramm, das er zuerst gemeinsam mit Marx 1845/46 in polemischer Form niedergeschrieben hatte, auf seine alten Tage sah, sollte das Schlusskapitel seiner Schrift über „Ludwig Feuerbach und den Ausgang der klassischen deutschen Philosophie“ von 1886 lesen. Dort findet sich der ausführlichste „allgemeine[n] Umriß der Marxschen Geschichtsauffassung“, die wir von Marx oder Engels haben. Dort hat Engels noch einmal zugespitzt gesagt, worum es bei der neuen Richtung der positiven, empirischen und historischen Sozialwissenschaft gehen sollte: Um den Versuch, die „gesamte[n] Geschichte der Gesellschaft“ zu verstehen mit Hilfe der „Entwicklungsgeschichte der Arbeit [als] ... Schlüssel“. [11][12]

Von Engels, dem 200-Jährigen, kann man heute lernen, was treffende Kapitalismuskritik ist und wie man die Ambivalenzen der kapitalistischen Entwicklung im Kopf aushalten kann. Ohne das Ende zu kennen, ohne auf einen großen Kladderadatsch oder eine Revolution zu setzen. Denn aus Chaos entsteht selten eine bessere Alternative und Revolutionen gehen oft genug anders aus, als die Akteure es im Sinn hatten. Engels wusste das und war deshalb alles andere als ein Revolutionsromantiker. Man kann von ihm lernen, was theoriegeleitete empirische Sozialforschung ist. Man kann bei ihm lernen, historisch und interdisziplinär zu denken, ohne falsche Ehrfurcht vor Traditionen und Autoritäten. Man kann von ihm lernen, die Eigenart von Krieg und Militär zu begreifen, sogar den Staat und seine Aktionen zu verstehen, ohne darüber zu moralisieren. Man kann von ihm einiges über die Zusammenhänge von ökologischen und sozialen Fragen lernen. Man kann von ihm lernen, die Unterdrückung und Ausbeutung der Frauen ernst zu nehmen. Man kann von ihm lernen, mit Ironie, mit Verstand und einer guten Portion aufgeklärter Skepsis unverdrossen an der Verbesserung der Welt zu arbeiten.

*[13] Erstmals erschienen in: Michael Krätke, Friedrich Engels. El burguès que inventó el marxismo, Edicions Bellaterra, Barcelona 2020.

[1][14] Mit Engels, statt mit Marx, beginnt daher die Geschichte des Marxismus in jeder Form. Ferdinand Tönnies, einer der Gründerväter der Soziologie, meinte, Engels habe die Gestalt des „Urmarxismus“ geprägt, von dem der Marxismus der klassischen Zeit seinen Ausgang nahm.

[2][15] Engels sah das sogenannte Marx-Engels-Problem gelassen: „Wenn man das Glück hatte, vierzig Jahre lang mit einem Mann wie Marx zusammenzuarbeiten, so wird man bei dessen Lebzeiten gewöhnlich nicht so anerkannt, wie man es zu verdienen glaubt; stirbt dann der Größere, so wird der Geringere leicht überschätzt – und das scheint mir gerade jetzt mein Fall zu sein. Die Geschichte wird das alles schließlich in Ordnung bringen, und bis dahin ist man glücklich um die Ecke und weiß von nichts“ (Friedrich Engels, Brief an Franz Mehring vom 14. Juli 1893, in: MEW Bd. 39, S. 96).

[3][16] Sebastiano Timpanaro, On Materialism, London 1978, S. 73.

[4][17] Vgl. dazu im Einzelnen: Michael R. Krätke, Friedrich Engels, der erste Marxist, in: ders. (Hg), Friedrich Engels oder Wie ein Cottonlord den Marxismus erfand, Berlin 2020.

[5][18] Vgl. dazu ausführlicher Michael R. Krätke, Friedrich Engels, der erste Marxist, .a.a.O.; ders., Friedrich Engels und die großen Transformationen des Kapitalismus, in: Rainer Lucas / Reinhard Pfriem / Hans-Dieter Westhoff (Hg), Arbeiten am Widerspruch – Friedrich Engels zum 200. Geburtstag, Marburg 2020, S. 121 – 159.

[6][19] Friedrich Engels, Ludwig Feuerbach und der Ausgang der klassischen deutschen Philosophie, in: Karl Marx / Friedrich Engels Werke, Band 21, S. 264.

[7][20] Karl Marx, Thesen über Feuerbach, in: Karl Marx / Friedrich Engels, Werke, Band 3, S. 534. Im Original hieß der Satz: „Das Zusammenfallen des Aenderns der Umstände u. der menschlichen Thätigkeit od. Selbstveränderung kann nur als revolutionaire Praxis gefaßt u. rationell verstanden werden“ (Karl Marx, Notizbuch aus den Jahren 1844 – 1847, in: Marx/Engels Gesamtausgabe, Band IV / 3, S. 20).

[8][21] Obwohl das dem ursprünglichen Wortsinn entsprach, die Verengung des Revolutionsbegriffs auf politische Revolution, wie heute üblich, hat sich erst im 19. Jahrhundert allmählich durchgesetzt.

[9][22] Friedrich Engels, Dialektik der Natur, in: MEW Band 20, S. 445.

[10][23] Ebd., S. 451.

[11][24] Friedrich Engels, Ludwig Feuerbach und der Ausgang der klassischen deutschen Philosophie, in: MEW Bd. 21, S. 305, 307.

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Dieser Artikel ist erschienen in Z. Nr. 125, März 2021

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