Eine neue Phase der Frauenbewegung?

Zum Frauenstreik am 8. März 2019

Kim Lucht, Janina Puder

Es scheint, als sei die weltweite Frauenbewegung in den letzten Jahren in eine neue Phase eingetreten. Inspiriert unter anderem von der feministischen Bewegung in Lateinamerika gegen so genannte Femizide, wird die Idee eines Frauenstreiks derzeit international breiter diskutiert. So auch in Deutschland: Zum vergangenen 8. März riefen feministische Kampagnen- und Regionalgruppen Frauen*1 dazu auf, sowohl Erwerbs- als auch Hausarbeit zu bestreiken. Landesweit wurden Aktionen und Demonstrationen organisiert, an denen sich Zehntausende und diverse politische Lager beteiligten.

Neu an dieser Art feministischer Mobilisierung ist vor allem die Form des Streiks, die Frauen* als Arbeiter*innen anspricht – sowohl im Beruf als auch zuhause. Denn die immer noch überwiegend von Frauen* verrichtete Hausarbeit wird gesellschaftlich – obwohl seit über 50 Jahren von Feminist*innen gefordert – nicht als die Arbeit anerkannt und dementsprechend auch nicht entlohnt (etwa durch Anrechnen der Erziehungszeiten auf die Rente), die sie ist: die Voraussetzung für die Produktion des Lebens und der Arbeitskraft.

Der politische Streik ist in Deutschland verboten. Der Frauen*streik bietet jedoch auch die Möglichkeit, die Diskussion um politische Streiks neu anzustoßen und zugleich soziale Kämpfe miteinander zu verbinden, die in den letzten Jahrzehnten zu häufig getrennt voneinander geführt wurden.

Auch die punktuelle Zuspitzung auf die soziale Frage erweitert feministische Debatten um eine zentrale Dimension, die die Verknüpfung von Kapitalismus und Geschlechterungleichheit (wieder) zum Thema machen kann. Im Vorfeld des Frauen*streiks schien es mitunter fast so, als seien sich die beteiligten Aktivist*innen über den Zusammenhang von kapitalistischer Ausbeutung und Frauen*unterdrückung einig. Einige Frauen*bündnisse erteilten dem bisher dominanten(neo-)liberalen Feminismus daher eine klare Absage: Statt Quotenpolitik wurden Fragen sozioökonomischer Abhängigkeit und Ausbeutung ins Zentrum gestellt – eine wichtige und begrüßenswerte Entwicklung.

Darüber hinaus wurden die Abwertung von Care-Arbeit ebenso wie patriarchale Männlichkeitsbilder und sexualisierte Gewalt diskutiert und die Situation von LGBTIQ* – „Lesbians, Gays, Bisexuals, Trans, Intersexuals, Queers“ – einbezogen. Das zeigt, dass sich die soziale Frage durchaus mit vermeintlichen Identitätspolitiken vereinen lässt. Auch wenn das im Vorfeld zu Kontroversen geführt hat, formulieren viele Aktivist*innen der neuen feministischen Bewegung den Anspruch, Klassen- und Identitätspolitik nicht gegeneinander auszuspielen, sondern Gemeinsamkeiten zu suchen und zusammen zu kämpfen.

Inwiefern es sich beim Frauen*kampf zugleich um Klassenkampf handelt, wie einige Demonstrant*innen proklamierten, ist eine Frage, der sich Linke sowie (marxistische) Feminist*innen künftig konsequenter widmen sollten. Doch so oder so gilt: Ausgehend von einem differenzierten Klassenverständnis, das die Rolle der Frauen* in der Reproduktionssphäre kapitalistischer Gesellschaften hervorhebt, sollten sich diese wieder als kollektives Subjekt im Kampf gegen die Ausbeutung der in dieser Sphäre geleisteten „unproduktiven“ Arbeit begreifen. Andersherum müssten politische Organisationen wie Gewerkschaften auch auf Bundesebene für eine konsequentere Geschlechtergerechtigkeit einstehen, die über sozialpartnerschaftliche Vereinbarungen wie Quoten oder Betriebskindergärten hinausgeht.

Am 8. März waren so viele Frauen* wie lange nicht mehr zum Frauentag auf den Straßen. Und längst geht es ihnen nicht mehr darum, für ihre Rolle im Betrieb mit Blumen gewürdigt zu werden. Das allein kann indes nicht Gradmesser erfolgreicher Bewegungen sein. Die entscheidende politische Weichenstellung findet jetzt, im Nachgang der Mobilisierung, statt. Der Frauen*streik bietet diverse Anknüpfungspunkte für andere linke Bewegungen: Die Auseinandersetzung um den Pflegenotstand etwa – ein Sektor, in dem vorrangig Frauen* beschäftigt sind und in dem Streikmobilisierungen in den letzten Jahren deutlich zugenommen haben – bietet Ansatzpunkte für ein gemeinsames Projekt. In manchen Städten haben sich die entsprechenden Akteure bereits zusammengeschlossen und gemeinsam demonstriert. Solche Verbindungen müssen ausgebaut werden, auch zum Beispiel bei der Klimabewegung. Dabei muss die antikapitalistische Grundhaltung im Zentrum bleiben bzw. dorthin gerückt und die internationale Zusammenarbeit intensiviert werden.

Dass der Frauentag in Berlin nun Feiertag geworden ist, kann nicht im Interesse einer kämpferischen Frauen*bewegung sein. Er darf kein Tag sein, an dem nur gefeiert und Wertschätzung durch Schokoladen-Geschenke oder ein bisschen Freizeit ausgedrückt wird. Die Frauen*streikbündnisse sollten darum eine kämpferische Grundhaltung entwickeln, ihre Mobilisierungsfähigkeit konsolidieren und politisch ausweiten. Dazu gehört der Schulterschluss mit anderen, beispielsweise der LGBTIQ*-Community oder der „Fridays For Future“-Bewegung, ebenso wie Debatten darüber, ob und wie der Frauen*kampf in Zukunft als Klassenkampf geführt werden kann.

1 Die Vorbereitungsgruppen hatten sich auf die Selbstbezeichnung „Frauen*streik“ geeinigt. Wir behalten diese Schreibweise hier bei. „Frauen*“ spricht sowohl Frauen an als auch Personen, die sich jenseits der binären Geschlechtszuschreibung zuordnen, aber gesellschaftlich als Frauen kategorisiert werden.