Z. Zeitschrift Marxistische Erneuerung Nr. 82, Juni 2010 - http://zeitschrift-marxistische-erneuerung.de/topic/16.ausgabe-82-juni-2010.html

Linke und Nation

Jörg Roesler zu Stefan Bollinger

Stefan Bollinger (Hrsg.), Linke und Nation. Klassische Texte zu einer brisanten Frage, ProMedia Verlag, Wien 2009, 192 S., 12,90 Euro.

Die friedlichen und die gewaltsamen „Revolutionen“ von 1989/91 haben es gezeigt: Die Linken hatten die nationale Frage unterschätzt. Das galt für Titos Nachfolger in Jugoslawien ebenso wie für Gorbatschow in der Sowjetunion und für Honecker/Krenz im Falle der DDR. In diesen Ländern war es besonders augenfällig, dass es den Konservativen gelang, eine Massenbewegung für die Restauration des Kapitalismus zu erreichen, weil diese mit der Lösung der nationalen Frage, d. h. der Befreiung der Nationen bzw. – im Falle der DDR – mit der Wiedervereinigung der Nation verbunden wurde. Generell erwies sich beim Untergang des Realsozialismus zwischen Elbe und Stillem Ozean, dass die nationale Karte eher und häufiger stach als die soziale.

Schnell war man daraufhin mit dem Urteil bei der Hand: Die Linke, allein auf den Internationalismus programmiert, habe in der nationalen Frage wieder einmal versagt. Hatten doch selbst die sozialistischen Vielvölkerstaaten Sowjetunion und Jugoslawien sich als unfähig erwiesen, das eigene Programm der nationalen Selbstbestimmung in der Praxis zu verwirklichen und sich mit der revolutionären Beglückung ihrer Minderheiten zufrieden gegeben und die Ausbeutung der nationalen Gefühle, der sich unterdrückt fühlenden Ethnien rechten Kräften, ob sie nun von außen und im Innern agierten, überlassen.

Angesichts der pauschalisierten Auffassung vom ideologischen Versagen der Linken, das aus deren Politik resultieren soll, die Revolution weit über die Nation zu stellen, ist die von Stefan Bollinger zusammengestellte Dokumentation von besonderem Wert, denn sie weist auf die Vielseitigkeit linken Denkens in Bezug auf die Nation hin. Die Antworten marxistischer Theoretiker fielen so unterschiedlich aus, wie ihnen das ihre Erfahrungen diktierten bzw. wie ihnen die Beachtung der nationale Frage von ihren politischen Konkurrenten beim Ringen um die Bevölkerungsmehrheit aufgedrängt wurde.

Bollinger war bemüht, die linken Ideologen in vier Gruppen zusammenzufassen: Er unterscheidet zwischen Internationalisten wie Karl Marx und Friedrich Engels, August Bebel, Karl Kautsky und Rosa Luxemburg; den Verfechtern der Selbstbestimmung der Nationen (Lenin, Stalin, Trotzki, Gramsci); den Anhängern einer kulturellen Autonomie für die in einem Staat zusammengefassten Völkerschaften wie Otto Bauer und Karl Renner und den linken Nationalisten. Für diese stehen Publikationen des Iren James Connolly, von Ho Chi Minh und Mao Zedong sowie die des Verfechters einer „schwarzen Nation“ in den USA, Harry Haywood im Dokumentenband.

Jedem Kapitel hat der Herausgeber einen Einleitungstext vorangestellt, in dem die Person, deren Äußerungen dokumentiert sind, kurz vorgestellt und Klärendes zur historischen Situation, unter der der Beitrag entstand gesagt wird sowie auf den Zusammenhang des Abgedruckten mit dem Gesamtwerk der Autors hingewiesen wird.

Als 5. Kapitel hat Bollinger einen Sonderfall „Linke und deutscher Faschismus“ in den Dokumentenband aufgenommen. Ein Sonderfall ist das insofern, als die KPD es in Deutschland wie in keinem anderen Land mit der rechten bzw. ultrarechten Konkurrenz in der nationalen Frage zu tun hatte – eine Situation, wie sie Ho Chi Minh oder Mao Zedong nicht kannten, denen es im nationalen Befreiungskampf von Anfang an gelungen war, die nationale und soziale Frage so eng miteinander zu verknüpfen, dass die konservativen Kräften kaum eine Chance hatten, aus der nationalen Frage für sich Kapital zu schlagen. Vergessen ist heute, dass es auch seitens der KPD Bemühungen gab, sich nicht nur als soziale, sondern auch als nationale Partei zu profilieren. Karl Radek, der Anfang der 20er Jahre als Beauftragter der Komintern für Deutschland wirkte, unternahm diesen Schritt mit seiner „Schlageter“-Rede von 1923, unter Anrufung des von den Franzosen im besetzten Rheinland wegen Sabotage erschossenen Leo Schlageter. Größere Bedeutung in der Geschichte der KPD kam der „Programmerklärung zur nationalen und sozialen Befreiung des deutschen Volkes“ von 1930 zu, in der es hieß: „Wir Kommunisten kämpfen sowohl gegen den Young-Plan als auch gegen den Versailler Raubfrieden, den Ausgangspunkt der Versklavung aller Werktätigen Deutschlands, ebenso wie gegen alle internationalen Verträge, Vereinbarungen und Pläne…, die aus dem Versailler Friedensvertrag hervorgehen.“ (S. 172)

Nicht recht hinein in dieses Kapitel und den Band gehören, wie mir scheint, Auszüge aus Alexander Abuschs „Irrweg einer Nation“ (1945) und Anton Ackermanns 1946 in der „Einheit“ erschienener Artikel über den besonderen deutschen Weg zum Sozialismus, in dem sich der Autor für Deutschland von der sowjetischen Transformationsstrategie zum Sozialismus abgrenzte.

Als weiteres Dokumentationskapital wünschte sich der Leser eines über die Haltung der Linken zum sich zusammenschließenden Europa bis hin Stellungnahmen linker Parteien zum Lissabonner Vertrag. Das scheint mir wichtig, gelingt es doch in Osteuropa bis heute den antisozialistischen Kräften mit der Losung „Wir gehören zu Europa!“ ungeachtet aller sozialen Probleme, die die Transformation vom Sozialismus zum neoliberalen Kapitalismus mit sich gebracht hat, die Masse der Wählerstimmen für ihre Parteien zu mobilisieren.

Bollinger mag das Manko gespürt haben. In einem umfangreichen und aufschlussreichen Einleitungskapitel hat der Philosoph und Politologe aus Berlin auch seine Auffassungen zur Haltung der Linken zu Europa und zur Nation im Zeitalter der Globalisierung dargelegt. (S. 7-34) In diesem Kapitel kommt er zu dem Schluss: „Für Linke können nationale Zusammenhänge nicht die sozioökonomische Analyse von Gesellschaften und die daraus abzuleitenden prosozialistischen Strategien ersetzen. Aber ohne Beachtung der nationalen Frage laufen sie immer wieder Gefahr, im Kampf um die geistig-kulturelle Hegemonie zu versagen.“ (S. 10).

Jörg Roesler

Dieser Artikel ist erschienen in Z. Nr. 82, Juni 2010